Auf seinem Social-Media-Account erzählt der Lehrer Thomas Walach vom Alltag an einer Wiener Brennpunktschule. Für Außenstehende klingt das oft hart. Er glaubt trotzdem, dass er den besten Job der Welt hat.
Nach 90 Minuten wird Thomas Walach einen Satz sagen, mit dem ich nicht gerechnet hatte. 90 Minuten, in denen wir ein Bier (er) und einen Spritzer (ich) trinken, in denen wir ein Schmalzbrot (er) und eines mit Verhackertem und Bergkäse (ich, sehr würzig, vielleicht nicht ganz das Richtige für den Hochsommer) essen und in denen wir sehr viel über Politik reden. Walach wird mir dabei über die Situation an einer sogenannten Brennpunktschule in Wien-Brigittenau erzählen, wir werden über Gewalt reden, über Eltern, die gar nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule Deutsch lernen, wir werden über Migration sprechen, über Parallelgesellschaften, über die Ausweglosigkeit und die Ohnmacht von Lehrern – und vor allem auch über die Grenzen dessen, was Schule leisten kann. Aber dann, nachdem die Brote aufgegessen und die Getränke bezahlt sind, wird Thomas Walach diesen einen Satz sagen, der mich wirklich überraschen wird: „Ich bin gerne Lehrer“, wird er sagen. „Wirklich. Es ist der beste Job, den ich jemals hatte.“
Doch so weit sind wir noch nicht.
Ein Dienstagnachmittag, 17 Uhr, das Weinhaus Pfandler „Zum seligen Affen“ in Wien-Meidling. Es ist ein sonniger Tag, die Hitze beginnt allmählich auf die Stadt zu drücken, und das macht sie hier in der Vorstadt, wo die Häuser etwas niedriger und dafür ein bisschen grauer sind, ganz besonders. Das Weinhaus ist eines von Walachs Lieblingslokalen, er trifft sich hier gern mit einem Freund, obwohl er gar nicht in der Nähe wohnt, auch sein Kumpel nicht. Aber er mag das Lokal, sagt er, es sei „authentisch“, außerdem haben es sowohl Severin Corti im „Standard“ als auch Florian Holzer im „Falter“ gelobt, die Zweifaltigkeit der Wiener Fresskolumnisten also. Und die S-Bahn-Station für den Rückweg nach Bobotown ist auch nicht weit.
Viele Schüler haben keine große Erwartung an die eigene Biografie. Gangster sein ist für sie ein glamouröser Job. Sie glauben, dass das der einzige Weg ist, mit dem sie die Autos und das Geld, das sie wollen, verdienen können.
Thomas Walach
Lehrer in Wien
Mit Thomas Walach kommt man herum. Geografisch, aber nicht nur: Er ist einer der Menschen, die es auf X, diesem kuriosen Meinungsbiotop, zu einer gewissen Prominenz gebracht und sich dann in einigen Jobs ausprobiert haben. Walach war mal Historiker, dann Sekundant von Peter Pilz, erst im Parlamentsklub seiner Partei, dann als Chefredakteur des Digital-Boulevard-Portals „ZackZack“. Später heuerte Walach bei der SPÖ an, als Digitalchef von Pamela Rendi-Wagner. Mit ihrer Ablöse verabschiedete auch er sich und begann als Lehrer in einer Mittelschule in Wien-Brigittenau. Was er dabei so erlebt, erzählt er sehr lakonisch und doch meistens sehr liebevoll auf seinem X-Account. Man sollte das lesen.
Seit drei Jahren unterrichtet Walach mittlerweile, und das Bild, dass er von seiner Arbeitsumgebung zeichnet, macht einem allein beim Zuhören schlechte Laune. „Die Gewaltbereitschaft ist relativ hoch, das hat mich sehr überrascht“, sagt er etwa, „sogar Zehnjährige werden sofort körperlich. Das ist ihre Form des Ausdrucks, weil ihnen oft eine andere Sprache fehlt.“ Er erzählt, dass die Kinder teils sehr offen dealen. „Wir haben eine Art Gentlemen’s Agreement: Die Schule und auch der Vorplatz sind Leo, ein Safe Space, aber wir schauen nicht so genau hin, was ein paar Straßenecken weiter passiert.“ Und dann sagt er noch etwas, das in seiner simplen Brutalität erschreckend ist: „Viele Schüler haben keine große Erwartung an die eigene Biografie. Gangster sein ist für sie ein glamouröser Job. Sie glauben, dass das der einzige Weg ist, mit dem sie die Autos und das Geld, das sie wollen, verdienen können.“
Walach ist ein guter Erzähler, irgendwie hat er das mit dem Boulevardmedium noch nicht ganz abgeschlossen. Der Mann erzählt auf Pointe, er weiß, wie er sie setzen muss. Und genau so redet er über seine Schule. Diese sei sehr migrantisch geprägt, meint er, und das habe Auswirkungen auf das Leistungsniveau. „Weniger als zehn Kinder“ haben keinen Migrationshintergrund, meint er, und bei vielen fehle es schlicht und einfach an Sprachkenntnissen: „Wir unterrichten eigentlich Volksschulstoff. Migrantenkinder sind im Schnitt zwei Jahre hinten nach. Das ist aber nur so, weil man da auch die Migrakinder, die ins Gymnasium gehen, in den Schnitt miteinrechnet. In Wahrheit sind die Kinder vier Jahre hinten. Die Kinder aus der dritten Klasse bei uns haben zum Beispiel die Lesekompetenz eines Kindes aus der dritten Klasse Volksschule.“
Als Walach ähnliche Dinge vor ein paar Wochen in einem sehr lesenswerten Interview in der „Presse“ erzählt hat, gab es zunächst große Aufregung über die Inhalte. Schon kurz darauf ging es aber darum, ob jemand, der sich selbst als „links“ versteht, so etwas sagen darf. „Es gab ein paar Anrufe, in denen ich gefragt wurde, ob ich nicht weiß, dass ich damit nur der FPÖ helfe“, sagt Walach: „Aber ich sag das, was ich mir denke und sehe. Was die Menschen daraus machen, das ist deren Problem und nicht meines.“ Nachsatz: „Wir haben mit Menschen zu tun, die in einer fremden Welt leben. Die haben zu unserer Welt keinen Zugang – und umgekehrt auch nicht. Wenn ich in die Schule gehe, dann ist das wie eine Doku aus einer fremden Welt.“
Das klingt wirklich hart, und mehrmals bei diesem Gespräch zucke ich auf. Würde meine Mutter, eine Volksschullehrerin vom flachen Land, das auch so sagen, oder klingt das zu schwarz-weiß? Zu zugespitzt? Zu zack-zackig? Aber das Überraschende ist, wie pragmatisch Walach dabei klingt, wie ruhig und gelassen. Für einen X-Lautsprecher redet er überraschend leise, bei jeder Frage denkt er lange nach, bevor er eine Antwort gibt. Und außerdem: Warum sollte Walach übertreiben?
Brennpunktschulen sind etwas, mit dem man als Nichtlehrer selten in Berührung kommt, eigentlich nur dann, wenn irgendein Lehrer Alarm schreit. Als Normalo hat man deswegen ein gewisses Bild, und wenn man sich als progressiver Mensch versteht, dann hat man auch rasch die Ursachen bei der Hand. Dass sich der Staat zu wenig um diese Schulen kümmert zum Beispiel, dass er zu wenig Geld und Anstrengung und Pädagogik reinsteckt.
Doch wenn man sich mit Thomas Walach trifft, räumt er das schnell zur Seite. Geld sei zum Beispiel nicht das Problem. Seine Schule, eine Ganztagsschule, in der die Kinder von 8 bis 16 Uhr anwesend sein müssen, sei gut ausgestattet, die Stadt unternehme sehr viel, auch was Freizeitangebote, Nachhilfen und Ähnliches betrifft. Allein, es wird nicht angenommen, erzählt er. Vielleicht zwei der Kinder, die er betreut, greifen darauf zurück. Warum so wenig?
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Unsere Brote sind längst aufgegessen, vor uns steht eine neue Runde Getränke. Der Gastgarten im Pfandler füllt sich, an den Nebentischen merkt man, dass die Gentrifizierung auch in Meidling angekommen ist. Er arbeitet oft mit Kindern, die das System „Schule“ so gar nicht kennen, sagt Walach. Und dass er häufig Probleme mit Eltern hat, die das österreichische Schulsystem ganz elementar ablehnen.
„Wir arbeiten teilweise mit Milieus, die keine positive Erfahrung mit unserer Gesellschaft gemacht haben. Diese Menschen wollen gar nicht, dass ihre Kinder Deutsch lernen, sie wollen nicht, dass sie sich integrieren.“ Und dann schiebt er noch ein paar Sätze nach, die mir sehr zu denken geben: „Als Linker glaubst du oft, du zeigst Menschen dein liberales Weltbild und dein progressives Leben. Sie finden das gut und wollen dann auch so werden. Aber das stimmt nicht. Der Lehrer ist für manche Milieus kein Vorbild, sondern jemand, der alles falsch gemacht hat.“
Aber was bedeutet das für die Zukunft? Walach zuckt mit den Schultern. Frühere Sprachüberprüfungen würden helfen, meint er, außerdem müsse sich der Staat mehr um die Eltern kümmern und eventuell energischer einschreiten, wenn sich Parallelgesellschaften bilden. „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Eltern zu erziehen. Und auch für die Kinder gilt: Du kannst sie mit einer anderen Kultur bekannt machen, aber du kannst sie nicht zwingen, diese anzunehmen.“
Aber wenn sie es annehmen, dann macht der Job extrem viel Spaß.
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Markus Huber
ist im Hauptberuf Herausgeber des Magazins „Fleisch“ und schreibt für profil alle zwei Wochen die Kolumne „Powerlunch“.