Eine Woche in der vielleicht härtesten Brennpunktschule Österreichs
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99 Prozent Migrationsanteil, bildungsferne Eltern, Armutsspirale: Solche Faktoren bündeln sich in Schulen, die man zugespitzt „Brennpunktschulen“ nennt. Österreichweit fallen nach der Klassifikation des Bildungsministeriums 400 Schulen darunter, 244 Volksschulen und 156 Mittelschulen. Von den Mittelschulen liegen zwei Drittel in Wien. Und selbst unter diesen Standorten gibt es besonders drastische Fälle.
Einer davon ist eine große Mittelschule im 20. Wiener Bezirk, Brigittenau. profil konnte eine Woche lang einzigartige Einblicke in ihr Innenleben gewinnen. Auf eine Nennung der Schule wird zum Schutz der Schüler und Lehrer verzichtet.
Die Ausgangslage: Nur fünf Schüler – oder 1,3 Prozent – haben keinen Migrationshintergrund. In der Schule sind 32 Sprachen vertreten. Die meisten Jugendlichen sprechen daheim Türkisch (81) oder Arabisch (67), gefolgt von Tschetschenisch (27) und Deutsch (27). Bei den Religionen liegt der Islam klar voran. 230 Schüler (60 Prozent) sind muslimisch. 57 Schüler sind ohne Bekenntnis, 43 serbisch-orthodox, 18 römisch-katholisch.
Von 390 Schülerinnen und Schülern stammt die Hälfte aus Haushalten, die von der Mindestsicherung oder vom Einkommen weit unter der Armutsschwelle leben.
Jährlich starten rund 60 Schülerinnen und Schüler an dieser Mittelschule. Davon hat nur ein Drittel die Volksschule regulär in vier Jahren absolviert. Der Rest hat eine oder zwei Extrarunden gedreht. Entsprechend groß ist die Zahl an „überaltrigen“ Schülern, die im äußersten Fall schon 17 sind.
Was kann Sozialarbeit noch ausrichten?
In dieses urbane Soziotop bringen die Kinder und Jugendlichen Probleme mit, die einen geregelten Unterricht oft nur schwer möglich machen. Das reicht von Vernachlässigung durch die Eltern, Handysucht, Erschöpfung im Ramadan, ADHS ohne Behandlung, Gewalt bis hin zu Drogen und Gefängnisstrafen.
Es sind Probleme, die sich im acht Quadratmeter großen Kammerl von Sebastian T. bündeln. An der Schule nennen ihn alle nur „Sebastian“ oder „Herr Sebastian“.
65 Millionen Euro stellt die Regierung „Brennpunktschulen“ ab Herbst zur Verfügung. Damit können Schulen wie dieser Standort in Wien-Brigittenau mehr Pädagogen, Psychologen oder Schul-Sozialarbeiter anfordern. Aber was können diese Zusatzkräfte bei diesen Schieflagen noch ausrichten? Was kann Sebastian tun?
profil begleitete den Sozialarbeiter eine Woche lang bei vertraulichen Einzelgesprächen, spontanen Gang-Interventionen, Krisensitzungen mit Lehrern aber auch Haftbesuchen. Zu ihrem Schutz werden Kinder und Jugendliche, deren Probleme profil schildern darf, nicht kenntlich gemacht.
Der Arbeitsraum des Sozialarbeiters liegt direkt neben dem Haupteingang. Früher war hier ein kleines Buffet. Jetzt ist der Raum mit einer orangen Couch, ein paar Sesseln, einem Spind und einem Wasserhahn ausgestattet. Die Wände sind mit Postern und Flyern über die Jugendangebote der Stadt übersäht.
Der 35-jährige studierte Sozialarbeiter ist in Wien geboren und seit drei Jahren an der Schule tätig. Ab 2015 betreute er unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, dann wechselte er in die Schul-Sozialarbeit.
Montag, 7.50 Uhr, offene Tür
Eine Schülerin mit Kopftuch klopft an Sebastians Tür und überreicht ihm einen Zettel. Es ist ein Bescheid, dass sie das Schüler-Pad gratis erhält. Der subsidiär schutzberechtigen Familie aus Syrien wurde gerade die Mindestsicherung auf ein Drittel zusammengestrichen. „Armut ist ein großes Thema bei uns. Der Familie bei der Bürokratie zu helfen, ist Teil meiner Arbeit. Auch dadurch baue ich Beziehungen auf“, sagt Sebastian.
Das Mädchen zählt der Schul-Sozialarbeiter zur „Laufkundschaft“. Mit drei bis vier Schülern pro Klasse muss er intensiv arbeiten. Das macht rund 60 Klienten. Darunter ist auch ihr Bruder. „Nimmt man einen ganzen Jahrgang von der ersten bis zur vierten Schulstufe her, habe ich am Ende rund die Hälfte bei mir im Kammerl sitzen gehabt“, sagt Sebastian.
9.00 Uhr, erste Beratung
Einer seiner Dauergäste ist ein 16-jähriger Bursch. Er wurde von seiner Lehrerin geschickt, weil er immer wieder Mädchen verbal belästigt haben soll. Er hat zur Unterstützung seinen Freund mitgebracht. Sie grüßen höflich und nehmen auf der orangen Couch Platz.
„Erzähl, warum bist du da?“ – „Ich habe ein Mädchen aus meiner Klasse Mia Khalifa genannt.“ Mia Khalifa ist eine ehemalige Pornodarstellerin mit libanesischen Wurzeln. Die betroffene Mitschülerin ist muslimisch, trägt aber kein Kopftuch.
„Verstehst du, warum das nicht geht?“ – „Ich habe es einfach so gesagt und nicht nachgedacht.“ – „Wisst ihr beiden, was das Wort Gewalt bedeutet?“ Schweigen. Er übersetzt das Wort auf Arabisch und hält ihnen das Handy hin. „Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch verbale Gewalt. Du bist bald 16, du musst lernen, wie man mit Frauen redet. Das kann man trainieren.“ Der Sozialarbeiter macht dem Schüler den Jugendverein Cult schmackhaft, der sich darauf spezialisiert hat. Die Freunde wollen gemeinsam hin. „Das finde ich cool. Wenn ihr wollt, begleite ich euch.“
Wie in den meisten Beratungen geht es zuerst um brennende Probleme und dann um einen Weg, die Mittelschule zu schaffen. Pro Abschlussklasse probieren fünf bis sieben Schüler eine höher bildende Schule, zehn kommen am Arbeitsmarkt unter, vier bis sieben stehen sozial an der Kippe, sagt der Direktor.
Bis zu seiner Ankunft in Österreich besuchte der bald 16-Jährige keine Schule. Nun müssen Lernzeiten im Alltag gefunden werden, der von Park, Handy, Ramadan geprägt ist (die Fastenzeit endete eine Woche nach dem Termin).
„Fastet ihr täglich?“ – „Ja, ich faste, seit ich acht Jahre alt bin. Das macht jeder in Syrien.“ Sebastian will ihnen das Fasten nicht ausreden, erinnert sie aber daran, dass besonders junge Menschen bei schwerer Arbeit es bleiben lassen können. „Auch eine Schularbeit ist schwere Arbeit.“
Doch die Schüler liefern sich regelrechte Fasten-Challenges, unterstützt durch Handy-Apps, auf denen man sich Halbmonde wie Leistungspunkte gibt. Das führt sogar dazu, dass sie den Schwimmunterricht verweigern, weil das Wasser die Lippen benetzen könnte. Der Unterricht wird mit all den hungrigen, durstigen und müden Jugendlichen eine Challenge.
10 Uhr, zweite Beratung
Eine Schülerin hat vergangene Woche das Mädchenklo mit Kot beschmiert. Ein Alarmsignal. Dahinter könnte vieles stecken, bis hin zum Missbrauch. Zwei Schülerinnen, die nun bei Sebastian sitzen, könnten etwas wissen. Doch ihre Auskünfte bleiben nebulös. „Das Mädchen braucht Hilfe. Sagt ihm, es kann jederzeit vertraulich zu mir kommen oder einen Brief in meinen Briefkasten einwerfen.“
11 Uhr, Büroarbeit
Sebastian checkt Termine in Jugendvereinen und ruft dann die Magistratsabteilung 11 (MA 11) an, die Kinder- und Jugendhilfe der Stadt. Sie ist in viele seiner Fälle eingebunden. Bei Verdacht auf Vernachlässigung oder häusliche Gewalt muss die Schule eine Gefährdungsmeldung machen. Die letzte Meldung war nötig, weil ein Zwölfjähriger drei Wochen unentschuldigt fehlte, aber TikTok-Videos aus dem Park postete. Seine Mutter war nicht erreichbar.
Jetzt erkundigt er sich nach einem Schüler, der in der Obhut der Stadt ist und dessen Schulabschluss noch aussteht. Der 15-Jährige mit Fluchthintergrund war am Handelskai in die Kriminalität abgerutscht. Der urbane Hotspot, an dem auch Drogen gehandelt werden, liegt in der Nähe der Schule und zog in den vergangenen Jahren arabische Jugendgruppen wie die „505er“ oder tschetschenische Sittenwächter an.
Der Mittelschüler landete wegen Drogendelikten, Raub und Diebstahl im Gefängnis. Nach seiner Freilassung kletterte er mit Freunden aufs Gefängnisdach der Justizanstalt Wien-Josefstadt, um Freunden zu winken. Daheim eskalierte die Situation. So landete der Bursch im städtischen Krisenzentrum. In der Schule taucht er seither nur sporadisch auf, das letzte Mal mit zwei blauen Augen. „Ich signalisiere ihm, auch telefonisch, dass wir ihn hier unterstützen.“
11.50 Uhr, große Pause
Sebastian macht eine Gangrunde. Es geht turbulent zu. „Jeden Tag ist etwas Neues. Warum hältst du dich nie an Regeln?“, stellt ein Lehrer einen Burschen zur Rede. Vor der Nachbarklasse eine ähnliche Szene. Ein Mädchen weint. Der Lehrer erklärt ihr: „Ich wurde nicht nur zu dir laut, sondern zu allen, die sich nicht benommen haben.“
Am ruhigsten wirken noch die Mädchen, die Hijab tragen. 20 bis 30 Schülerinnen sind verschleiert. Ab September tritt das Kopftuchverbot in Kraft, das Verwaltungsstrafen für Eltern vorsieht. Doch an der Schule scheint das Kopftuch kein Thema zu sein, andere Fragen sind wichtiger.
Wie sehr ist das Leben der Schülerinnen als Hausfrau und Mutter längst vorbestimmt? Drohen sogar Zwangsehen und – sofern die Mädchen aus Ländern wie Ägypten, Sudan oder Somalia stammen – Genitalverstümmelung? In einzelnen Fällen ist es schon zu spät.
Sebastian ist im dritten Stock angekommen. Hier sind fünf Mehrstufenklassen für „Überaltrige“ angesiedelt. Ohne diese Klassen säßen Schüler mit 14, 15 oder 16 Jahren neben Knirpsen in den ersten und zweiten Klassen.
In einer Klasse stapft ein groß gewachsener, bulliger Bursch zwischen Fenster und Tür hin und her. Er wirkt aufgebracht. Ist es ADHS? Ein Lehrer, der gerade Gangaufsicht hat, sieht Sebastian und sagt flehend: „Nimm ihn bitte gleich mit.“ Doch er hat erst morgen eine Lücke.
Einschub: An dieser „Brennpunktschule“ läuft eigentlich vieles richtig. Sebastian kann die Lehrer drei Tage pro Woche am Standort unterstützen. Dazu kommen eine Beratungslehrerin und drei Jugend-Coaches, die bei der Berufsfindung helfen. Der Unterricht ist ganztägig, in der Regel unterrichten zwei Lehrer 22 Schüler. Ein Betreuungsschlüssel, von dem viele Schulen nur träumen können. Die Wände sind frei von Graffitis, Drogen soll es kaum in der Schule geben, trotz bekannter Umtriebe mancher Schüler in der Freizeit.
Die Fluktuation unter Lehrern ist laut Direktor gering. „Wer hier unterrichtet, macht es aus Berufung und weiß, worauf er sich einlässt. Dafür sind wir da. Das ist nicht das Lycée.“ Dennoch ist die Schule ein so großes Auffangbecken für Jugendliche mit sozialen Problemen, dass eine Lehrerin meint: „Es bräuchte in jeder Klasse einen Sozialarbeiter.“
12 Uhr, dritte Beratung
Ein Erstklässler erzählt im Beisein seines Freundes, wie ihn die Mädchen ärgern, seinen Namen mit „Schwein“ kombinieren, weil er der einzige Christ in der Klasse ist. Zwei Mädchen haben in der Pause eine andere Version erzählt, sich über ihn beschwert.
Sebastian wird die vier Streithanseln für Donnerstag zu einer Mediation einladen. Sie sollen früh lernen, wie man Konflikte löst.
13 Uhr, Mittagspause
14 Uhr, vierte Beratung
„Schön, dass du hier bist. Du wolltest unbedingt mit mir reden?“ Ein 13-jähriger Bursch mit breiter Statur und sanften Augen war einen Monat lang nicht in der Schule. Unentschuldigt. Er lässt sich auf die orange Couch fallen. An den Füßen trägt er nur Socken. Seine Hausschuhe hat er verloren.
„Ich habe eigentlich kein Thema.“ – „Du. Ich habe mir hier extra Zeit genommen.“ Der Bursch fixiert den Boden, dann sprudelt es doch aus ihm heraus. Der Opa ist gestorben. Die Eltern haben ihn ins Herkunftsland der Familie geschickt, um sich um die Oma zu kümmern. Sie sind für die Arbeit in Wien geblieben.
„Du bist ein Kind. Das ist nicht deine Aufgabe. Deine Aufgabe ist es, den Schulabschluss zu machen. Die Eltern hätten uns informieren müssen.“ Dann holt er sich das Einverständnis des Burschen, mit dem Klassenlehrer zu reden. Es ist ein Credo des Sozialarbeiters, die Schüler über solche Schritte zu informieren und nicht hinter ihrem Rücken zu agieren. Der Bursch willigt ein.
Er ist sonst lebensfroh, doch jetzt in sich versunken. Sebastian nimmt ein Blatt zur Hand. Darauf ist eine Klaviertastatur aufgezeichnet. „Wir tragen jetzt ein, was dir guttut. Dann kannst du die Tasten drücken, wenn es dir schlecht geht.“
Der Bursch schreibt „Freunde“ und „entspannen“ hin. Er will auch „Boxen“ schreiben, hat derzeit aber keinen Verein. Sebastian wird sich darum kümmern.
„Fastest du?“ – „Ja, seit ich elf bin.“ - „Wann isst du?“ – „Um 18 Uhr. Dann wieder um ein Uhr.“ – „Wann gehst du schlafen?“ – „Um zwei Uhr.“ – „Die Eltern erlauben das?“ – „Ja.“ Sebastian schlägt ihm vor, mit dem Fasten zu pausieren, bis es ihm wieder besser geht.
„Darf ich das Thema wechseln?“ – „Klar.“ - „Mein Vater will mir ein iPhone 17 kaufen und monatlich zahlen. Geht das?“ – „Du meinst auf Raten? Wie teuer ist das?“ – „So 1000 bis 1200 Euro.“
Eltern, die ihre fehlende Fürsorge mit Handys oder Spielkonsolen kompensieren wollen, obwohl sie selbst wenig Geld haben; auch dieses Muster ist Sebastian nur allzu vertraut.
15 Uhr, fünfte Beratung
Ein hoch gewachsener Bursch mit kurzen, schwarzen Locken ruft jedes Mal laut: „Sebastian!“, wenn er den Sozialarbeiter am Gang trifft. Dann geht er ein paar Schritte mit ihm. Sebastian hat grad einen freien Slot und nimmt ihn mit. Er kam 2015 aus Syrien und lebt bei seiner Mutter. Als der Vater vor ein paar Monaten starb, zählte die Schule gar nichts mehr. Die Zahl seiner Fehlstunden stieg auf über 600. Er ist aufgedreht und frech zum Sozialarbeiter, zückt immer wieder sein Smartphone. Und das Handyverbot? Er hat ein Fake-Handy abgegeben.
Über ihre Gespräche bekommt Sebastian neue Einblicke, was außerhalb der Schule so läuft. Der Bursch kennt die älteren Problem-Kids der Schule, auch jene im Gefängnis, hält sich selbst aber von Drogen, Schlägereien und Diebstählen fern. Er ist trotz der vielen Fehlstunden einer der begabtesten Schüler und könnte den Abschluss schaffen. Ein Grund mehr für Sebastian, seine kecken Rufe am Gang zu ertragen.
16 Uhr, Schulschluss
Sebastian fährt heim und geht am Wienfluss eine Runde laufen, um den Kopf freizubekommen.
Dienstag, 8.00 Uhr
Der Sozialarbeiter ergänzt seinen Terminkalender um die Fälle, die am Vortag dazugekommen sind. Und bringt neue auf den Weg. Er bittet die Mutter eines tschetschenischen Mädchens per Mail in die Schule. Die Tochter äußerte immer wieder negative Gedanken, hat in einer Beratung ein Bild von einem Menschen gemalt, der weint und in Dornen gefallen ist.
Ist es nur die Überlastung des Mädchens im Haushalt mit der alleinerziehenden Mutter? Oder stecken andere Zwangslagen dahinter?
9 Uhr, erste Beratung
Sebastian holt den großen Burschen aus der Mehrstufenklasse ab, der am Vortrag so unruhig war. „Wie geht es dir von 1 bis 10?“ – „2. Ich fühle mich müde und krank.“
Der Bursch ist 14 Jahre alt und wurde erst im Februar an diesen Standort versetzt. In der alten Schule hatte er immer wieder Lehrer beschimpft und den Feueralarm ausgelöst. Das Jugendamt ist schon länger an ihm dran.
„Wir haben zwei Ziele vereinbart. Du machst weniger Probleme als in deiner alten Schule, und du schaffst den Aufstieg in die zweite Klasse. Das erste Ziel hast du erreicht, das zweite wird sehr schwierig. Wenn du noch einmal wiederholst, bist du 15 in der ersten Klasse.“ Der Bursch ist vor zehn Jahren nach Österreich geflüchtet und besuchte davor weder in der alten Heimat noch im türkischen Flüchtlingslager eine Schule. Er kann im Unterricht nicht ruhig sitzen, bekommt Kopfweh vom Konzentrieren, sieht Lernen als „Zeitverschwendung“, weil er doch ChatGPT fragen könne. Er hängt täglich 13 Stunden am Smartphone – bis zwei Uhr in der Nacht, erzählt der Bursch.
Sebastian spricht ihn auf seine Eskapaden rund um den Handelskai an. Unlängst hat er einen Briefkasten aufgebrochen. Und er hat Kinder um Euromünzen erleichtert, um sie in den Boxautomaten zu werfen. „Damit habe ich aufgehört.“ Auch in den Knast will er nicht mehr, weil ein Freund dort von Mithäftlingen grün und blau geschlagen wurde . Sebastian sieht Fortschritte. „Er ist zum ersten Mal so reflektiert.“ – „Warst du beim Psychologen?“ – „Ja. Ich habe ADHS.“
10 Uhr, Lehrertreff
Treffen mit dem Lehrer des Burschen, der einen Monat unentschuldigt bei der Oma im Ausland war. „Es liegt auf jeden Fall eine Vernachlässigung vor“, sagt Sebastian. Gemeinsam überlegen sie, ob sie sofort eine Gefährdungsmeldung an die MA 11 machen oder zuerst mit den Eltern reden. In den vergangenen Wochen waren sie nicht erreichbar. „Wenn sie kommen, müssen wir einen Video-Dolmetscher organisieren“, sagt Sebastian. Die Eltern sprechen Türkisch.
Dann unterhalten sie sich über den Schüler, der drei Wochen fehlte und Videos aus dem Park postete. Er wohnt jetzt bei Verwandten, es gehe im besser, sagt der Lehrer. Doch gestern sei er mit einer blutigen Mundhöhle und einem abgebrochenen Zahn in die Schule gekommen. Der Lehrer hat ihm einen Zahnarzttermin organisiert.
10.30 Uhr, zweite Beratung
Ein schmächtiger Bursch, der nur zockt, anstatt zu lernen, ist gekommen. Er ist 13 und besucht die zweite Klasse. Seine Eltern sind frisch getrennt. Er lebt beim Vater. Der kauft dem Sohn ständig neue Gaming-Konsolen. Der Bursch ist müde, lässt sich immer wieder auf die Couch fallen.
Sebastian sucht mit ihm Alternativen zum Zocken. Der Bursch sagt, er wolle in den USA Schauspieler werden. Sebastian schlägt ihm einen Theater-Workshop bei der Hobby-Lobby ums Eck vor. Der Bursch lehnt ab, weil er dabei an Puppentheater denkt. Er wolle Marvel-Filme produzieren. Sebastian zeigt ihm auf seinem Handy die Biografie eines Marvel-Schauspielers. „Der hat mit Theater begonnen.“
10.50 Uhr, Walk-in
„Herr Sebastian, wir haben uns fast geschlagen. Können wir rein?“ Die zwei Burschen schildern ihren Konflikt. Einer von ihnen ist der mit dem eingeschlagenen Zahn. „Ihr seid bei mir, das heißt, ihr wollt euch gar nicht schlagen.“ Sebastian muss weiter und fragt noch: „Wie geht es deinem Zahn?“
11.00 Uhr, dritte Beratung
Ein weiterer Dauergast ist da. Es ist ein 15-jähriger Bursch, dessen Familie aus Afghanistan nach Österreich geflüchtet ist. Er leidet an einem Trauma. Er war im Flüchtlingslager Moria, als ein Brand ausbrach. Er lenkt sich ab, indem er ständig den Unterricht stört. „Du wirkst sehr müde.“ – „Das ist wegen der PlayStation. Mein Vater hat mir einen neuen Gaming-Sessel gekauft.“
In einem vertrauten Ton diskutieren sie, was er stattdessen vor dem Schlafengehen machen könnte. Comics zu lesen, freut ihn nicht. Sie einigen sich auf Putzen. „Das hilft auch der Familie“, sagt der Bursch.
Dann zückt Sebastian ganz selbstverständlich ein Set UNO-Karten. Grün, Rot, plus zwei, UNO. Über die schwierigeren Themen wie seinen alleinerziehenden Vater und seine Mutter, die er seit drei Wochen nicht gesehen hat, spricht der Bursch erst jetzt.
Deutsch lernte er passabel in vier Jahren. Einen Abschluss könnte er schaffen, obwohl er zwei Jahre nachhinkt. Jetzt geht es darum, dass er sein Trauma in den Griff bekommt. Sebastian ist froh, dass er ihm endlich eine Psychotherapie bei „Gesund in der Krise“ organisieren konnte.
12 Uhr, dritte Beratung
Termin mit einer Mutter, deren Tochter wegen einer Krankheit seit Monaten kaum in der Schule ist. Dahinter könnte ein psychosomatisches Leiden stecken. Die Mutter hat per Mail abgesagt. Es gehe ihr selbst nicht gut.
13 Uhr, Mittagspause
14 Uhr, Lehrertreff
Sebastian erzählt dem Lehrer aus der Mehrstufenklasse von der ADHS-Diagnose seines Schülers. Der Lehrer kennt den Vater und weiß, dass dieser nichts von solchen Diagnosen hält. „Es wird schwierig werden, den Vater von einer Behandlung zu überzeugen.“
15 Uhr, Mediation
Jene vier Schülerinnen und Schüler, die Sebastian am Montag zum Streitschlichten lud, sitzen einander auf der orangen Couch gegenüber. Sie können ihr Kichern nicht unterdrücken. Es ist eine mühsame Mediation für den Sozialarbeiter. Immerhin haben sie sich am Ende darauf geeinigt, welche Schimpfwörter eine Grenze überschreiten. Zum Abschluss gibt es eine Runde Friedens-UNO.
16 Uhr, Dienstschluss
Nicht alle Vorfälle landen bei Sebastian. Eine Schülerin im psychischen Ausnahmezustand randalierte am Vormittag in einer zweiten Klasse, eine Lehrerin bekam dabei einen Schlag ab. Damit nicht genug, äußerte das Mädchen Mordfantasien gegenüber ihrem Klassenlehrer. Sie wird suspendiert. Das Mädchen lebt seit ihrer Kindheit in einer Jugend-WG der Stadt. Dort wird sie nun online unterrichtet. In drei Wochen ist sie wieder da. Und vielleicht auch bei Sebastian.
Mittwoch, 10 Uhr, Wien-Floridsdorf
In einem schmucklosen Büro hinter der Klinik Floridsdorf hat Sebastians Verein ÖZPGS (Österreichische Zentrum für psychologische Gesundheitsförderung im Schulbereich) seinen Hauptsitz. 80 Schul-Sozialarbeiter sind hier angestellt. Der Verein ist der größte und fast einzige seiner Art in Wien. Team-Meeting mit sechs Kolleginnen und Kollegen aus dem 2. und 20. Bezirk. Man hat Frühstück mitgebracht und tauscht sich über Fälle aus, holt sich Rat, neue Sichtweisen. Danach geht es an die Büroarbeit.
Donnerstag, 8 Uhr, Wien- Simmering, Haftbesuch
Am Rande der Stadt, an der Grenze zu Niederösterreich, ist in einem ehemaligen Jagdschloss das Jugendgefängnis Münnichplatz untergebracht. Sebastian besucht einen 15-jährigen Häftling, der noch an der Schule gemeldet ist. Die gestiegene Jugendkriminalität hat Auswirkungen auf die Mittelschulen. Sie macht Sozialarbeiter wie Sebastian auch zu Übergangsmanagern zwischen Schule, Haft und wieder retour.
Beim Termin, dem profil nicht beiwohnen durfte, erarbeitet der Sozialarbeiter mit dem Häftling einen sogenannten Lebensstrahl. Der Häftling soll dadurch begreifen, wie kurz jenes Ereignis war, das sein gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf gestellt hat.
Als er vor vier Jahren aus Syrien nach Österreich kommt, ist er noch Analphabet. Doch er macht rasch Fortschritte, ist kollegial zu seinen Mitschülern und generell unauffällig im Unterricht.
„Den Schulabschluss hätte er locker geschafft“, sagt Sebastian. Doch im Sommer 2025 kommt er mit harten Drogen in Kontakt und stürzt ab. Er begeht mehrere Einbrüche, kauft mit dem Geld Drogen, steckt aber auch seiner von Armut betroffenen Familie immer wieder Geld zu.
Nach der ersten Haft gibt er sich geläutert, spricht von einem „Drogenschaden“. Sebastian will ihn sofort an eine Drogenberatung anbinden. Doch die Mühlen mahlen zu langsam. Ein Drogencocktail macht den Burschen rückfällig. Enthemmt begeht er mit Komplizen einen größeren Einbruch, landet erneut im Gefängnis.
Nach seiner Entlassung wird er höchstwahrscheinlich in die Schule zurückkehren. Darauf bereitet Sebastian den Jugendlichen vor – aber auch die Schüler. Es besteht die Gefahr, dass Jüngere den Ex-Häftling heroisieren.
11.50 Uhr, große Pause
Ein Lehrer hat Gangaufsicht, besser gesagt: Klo-Aufsicht. Wie ein Türsteher lässt er ein paar Burschen, die Jogginganzug oder Fake-Markenklamotten mit Umhängetasche tragen, nur einzeln rein. Gemeinsam könnten sie zu viel Blödsinn auf den Klos anstellen, die während des Unterrichts im ganzen Haus konsequent versperrt sind. Einem Burschen, der rauskommt, deutet er: Händewaschen. Einem anderen, der die Tür für seinen Freund aufdrücken will, gibt er drei Sekunden, um zu entscheiden: „Musst du?“ Er muss nicht und blödelt am Gang weiter. „Und dafür habe ich jahrelang studiert“, sagt der Lehrer nur halb im Scherz.
Es ist schwer vorstellbar, wie diese „überaltrigen“ und am Schulgang zugleich so unreif wirkenden Jugendlichen im echten Leben bestehen, ohne die Leitplanken, die ihnen Lehrer, Sozialarbeiter und Coaches in ihrer Schule täglich aufstellen.
12 Uhr, Büroarbeit
13 Uhr, Mittagspause
14 Uhr, zweite Beratung
Ein Bursch, der nach eigenen Worten im Unterricht bisher „nur Blödsinn gemacht hat“, erzählt von seinem ersten Boxtraining. Sebastian will wissen, ob er für die Mathematikschularbeit lernt. Sebastian arbeitet mit ihm seit der ersten Klasse. Er hat ihm einen Weg aufgezeigt, seine Impulse zu kontrollieren. „Dieser Sensorik-Ring hilft mir“, erzählt der Bursch. Dieser Ring lenkt starke Emotionen um zur eigenen Körperwahrnehmung.
Dann reden sie über die Freizeit. „Ich höre von anderen, du bist viel draußen. Was macht du dann so?“ Der Bursch erzählt von wilden Scooter-Fahrten und einem Streit, bei dem seine Freunde einen Burschen blutig geschlagen haben. „Findest du das okay?“ – „Er hat uns ja beleidigt.“ Dann merkt er, dass Sebastian diese Einstellung nicht gut findet: „Ich hab eh gesagt, sie sollen aufhören.“ – „Wenn die Polizei kommt und du bist dabei, bist auch du mitschuld.“
Zum Abschluss betont er seine Fortschritte: „Du hast dieses Jahr keinen Fünfer mehr. Ich höre von den Lehrern nur Gutes. Konzentrier dich bitte darauf.“
15 Uhr, vierte Beratung
Ein weiterer Bursch schluchzt auf der Couch vor sich hin. Er ist sonst einer von der harten Sorte. Fiel in der Vergangenheit durch serbisch-nationalistische und frauenfeindliche Sprüche auf. Er lebt allein mit seinem Vater, der mit der Mutter einen Rosenkrieg austrägt und den Burschen instrumentalisiert. Sebastian versucht, an ihn heranzukommen. Aber der Bursch macht zu. „Ich mach mir Sorgen. Er steht an der Kippe“, sagt Sebastian nach dem Termin. Mit ihm wird er in den nächsten Wochen noch intensiver arbeiten müssen.
15.30 Uhr, offene Tür
Ein Mädchen und ein Bursch stecken den Kopf bei der Tür herein. Sie sind aus der ersten Klasse und haben türkische Wurzeln, das Mädchen trägt ihre schwarzen Haare offen. Beim Burschen, der den Unterricht immer wieder extrem stört, steht ein Schulwechsel im Raum.
„Können wir UNO spielen“, fragen die Kids. Sebastian hat viel mit ihnen zu besprechen. Er teilt die Karten aus. Sie erzählen.
Freitag
An diesem Tag ist Sebastian, der Sozialarbeiter, an einer anderen Schule im Einsatz. Hier, an der Mittelschule in der Brigittenau, wird bis Montag wieder viel passiert sein.
Clemens Neuhold
ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.