Gewaltexzesse im Alltag
Eine gängige Definition bezeichnet als Femizid die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts oder aufgrund von „Verstößen“ gegen traditionelle soziale und patriarchale Rollenvorstellungen von Frauen.
Wenige Tage vor dem profil-Gespräch mit Barbara Kaufmann wurden innerhalb kurzer Zeit in Österreich zwei (bis zu einem Gerichtsurteil mutmaßliche) Femizide begangen. Die mediale Aufmerksamkeit war groß, die journalistischen Fehlleistungen teilweise bizarr. Da wurden etwa die Nöte und Zwänge der mutmaßlichen Täter breit ausgeführt, Beziehungsdramen aufgeführt und die Ursache für die tödliche Eskalation im Privatleben der Ermordeten gesucht.
„Ich glaube, dass es immens wichtig ist, diese Gewaltexzesse in den Alltag zurückzuholen, in dem sie wurzeln“, sagt Kaufmann, „und sie eben nicht als ein Einzelereignis zu behandeln, was ja bei Femiziden sehr oft passiert: dass man sagt, es war eine unbegreifliche Tragödie. Aber in Wirklichkeit ist es meistens sehr wohl begreiflich und ganz alltäglich. Es gibt sehr viele kleine Tode, bevor der echte Tod eintritt.“
In einem großen Radio-Essay für den SWR („I’m Gonna Kill That Woman“) hat Kaufmann diese Frage erkundet: Wo fängt es an? Im Alltag, beim sexistischen Witz, bei der Warnung an die Tochter, sie soll sich „was Gescheites“ anziehen. Bei der Trash-TV-Show. Beim Schundroman. Ein gutes Beispiel: „Meine Urgroßtante hat eine Kiste mit Hunderten dieser Groschenromane hinterlassen: ,Verbotene Nächte', ,Das Liebesspiel', ,Der Kuss des Prinzen' und so weiter. Wenn man sich diese Bücher durchliest, wird man verwundert feststellen, wie oft darin Vergewaltigungen erzählt werden. Es ist stets dasselbe Prinzip: Eine junge Frau, meistens in finanziell prekären Umständen, verliebt sich in einen älteren Mann, der ökonomisch und sozial gut abgesichert ist. Einen Prinzen, einen Grafen, einen Arzt. Und der verliebt sich zwar nicht in sie, aber empfindet doch ein sexuelles Begehren. Und immer passiert die erste sexuelle Annäherung gegen ihren Willen. Der Mann zwingt sie zum ersten Kuss, er würgt sie, sperrt sie ein, fesselt sie. Das sind die ärgsten Texte, die ich kenne.“
Die Frau stört die Ordnung
Kaufmann hat in ihrem Radio-Feature, aber auch in ihren Recherchen für einen kommenden Film über Ingeborg Bachmann, die Keimzellen des Femizids bis in die Hochkultur hinein nachvollzogen, hat „Norma“, „Carmen“ oder Shakespeares „Othello“ ins Visier genommen – als drei von Hunderten Beispielen: „Femizide sind der grausame Endpunkt eines Grundprinzips, das als kulturelle Praxis seit Jahrhunderten wirksam ist, nämlich: Eine Frau wird autonom und stört damit die Ordnung. Deshalb muss sie gezähmt werden, und sehr oft bedeutet diese Zähmung ihren Tod. Die Frauenleiche dient dazu, die Handlung dramaturgisch zu beruhigen. Mit dem Femizid wird sozusagen die Ordnung wiederhergestellt.“
Es ist kein Zufall, dass Kaufmanns Radio-Essay nur wenige Tage vor den Femiziden in der Steiermark und in Niederösterreich on air ging. Es ist schiere Zwangsläufigkeit. Die Kultur, die sie beschreibt, eine Kultur, in der Frauen ermordet werden, weil sie Frauen sind, ist heute mit einer Dringlichkeit am Werk, die jede „Carmen“-Inszenierung in den Schatten stellt. In den Smartphones vieler junger und älterer Männer werben Manfluencer und Sexismusgurus ganz explizit dafür, Frauen herabzuwürdigen und gewaltsam zu behandeln. Ihre Botschaften fallen auf einen gut gedüngten Boden.
Das ist keine österreichische Spezialität, auch wenn der Umgang mit Femiziden in Österreich bisweilen speziell erscheint. Wie Daniela Breščaković vergangene Woche im profil berichtete, wies das Innenministerium noch während der Ermittlungen zu den Femiziden in der Steiermark und Niederösterreich „ausgewählte Medien“ per Aussendung auf eine Studie mit dem Titel „Österreich ist kein Land der Frauenmorde“ hin. Deren Kernbotschaft: Es habe im Vorjahr einen Rückgang bei Morden an Frauen in der Privatsphäre gegeben, Präventionsmaßnahmen würden wirken. Rein statistisch ist das schon richtig: Im Jahr 2024 wurden in Österreich 29 Femizide verübt, im Vorjahr 15. Ob das Problem damit aber ad acta gelegt werden kann, sei bezweifelt.
In ihren Recherchen über Femizide in Österreich, aber auch in Italien oder Spanien, fiel Kaufmann eine erstaunliche Tatsache ins Auge. Tatorte von Femiziden werden in Österreich kaum je zu Orten des Gedenkens. Während Verkehrstoten häufig mit Kreuzen am Straßenrand gedacht wird, erinnert nichts an die Frauen, die auf Parkplätzen, vor Wirtshäusern oder Einkaufszentren von ihren Partnern erstochen, erschossen oder erschlagen wurden. „Komischerweise ist das ausgerechnet in Italien, wo der Sexismus so offensichtlich gepflegt wird wie kaum sonst wo, ganz anders“, erzählt Kaufmann: „Dort ist der Umgang mit Femiziden viel offener, viel sichtbarer. Sehr oft gibt es Gedenktafeln oder Gedenksteine, an denen Blumen und Kerzen niedergelegt werden, teils über Jahre hinweg.“
Kaufmann hat sich mit diesem Gedanken an Tatorte in Österreich begeben und dort Fotos gemacht: extreme Nahaufnahmen, die Waldboden zeigen, Asphalt oder Schotter, fast schon abstrakte Bilder. Die Serie – die auf diesen Seiten zum ersten Mal öffentlich zu sehen ist – heißt „The Grounds Where She Was Murdered“ und soll, so Kaufmann, dazu anregen, „über die unsichtbare Präsenz von Trauma im öffentlichen Raum nachzudenken“.
Die meisten Femizide werden freilich im privaten Bereich verübt, wie auch die Täter durchwegs aus dem nächsten familiären Umfeld kommen, fast immer Partner oder Ehegatten sind, bisweilen Väter, Brüder, Söhne. „Man konnte es ja nicht ahnen“, heißt es danach oft. Aber hätte man es verhindert können?
Man könnte jedenfalls strukturell etwas tun – und auch individuell. Strukturell zum Beispiel, indem die finanzielle Abhängigkeit vieler Frauen von ihren Partnern reduziert wird: „Wenn du um zwölf Uhr dein Kind abholen musst, kannst du nicht Vollzeit arbeiten. Wenn du nicht Vollzeit arbeiten kannst, bist du von deinem Partner abhängig. Wenn du von ihm abhängig bist, kann er dich ganz anders bewerten und möglicherweise abwerten. Und schon bist du in der Teufelsspirale drinnen.“
Individuell ließe sich aber auch manches erreichen. Männern sei mit Kaufmann ans Herz gelegt, Courage zu zeigen, wenn jene kleinen großen Grenzüberschreitungen passieren, von denen hier schon die Rede war. „Wenn man in solchen Fällen ganz ruhig widerspricht und einfach sagt, ich finde das nicht in Ordnung, denk einmal darüber nach, was du da sagst, dann kann das schon etwas ändern. Hoffentlich.“