Naturoasen in der Stadt
Friedhöfe funktionieren anders als Parks. Sie werden weniger stark genutzt, weniger oft umgebaut, weniger kontrolliert. Manche Flächen bleiben jahrzehntelang unangetastet. Der Meidlinger Friedhof ist einer der ältesten Friedhöfe Wiens, der heute noch genutzt wird. Um 1860 war das Gebiet rund um den Bahnhof Meidling noch unbewohnt. Über das Schicksal der hiesigen Hamster-Community wurde bereits 1960 entschieden: mit einer Volksabstimmung über den Fortbestand des Friedhofs.
„Friedhöfe sind Naturoasen in der Stadt“, sagt Thomas Filek, Gründer des Projekts „Biodiversität am Friedhof“ (BaF), das eng mit der Universität für Bodenkultur und den Friedhöfen Wien kooperiert. Filek versteht sich als Citizen Scientist. Im Rahmen des privat organisierten Projekts dokumentiert er mit einem kleinen Team seit dem Coronajahr 2021 das Leben am Friedhof. Ein besonders beliebtes Motiv seien die Feldhamster für Hobbyfotografen, die teils mehrere Stunden am Tag am Friedhof verbringen, um die perfekte Aufnahme zu erwischen.
Im Brotberuf unterrichtet Thomas Filek Biologie und Deutsch in einer Schule im 17. Wiener Gemeindebezirk. Für ihn ist der Friedhof nicht nur ökologisch, sondern auch künstlerisch und ästhetisch ein spannender Ort. Der Meidlinger Friedhof wird durch eine Straße getrennt – sie separiert auch zwei Hamster-Populationen. Institutionelle Forschung gibt es zu den urbanen Nagetieren hier nicht, den Überblick haben die Citizen-Scientists. Die Hobbyforscher sind die Ersten, denen es auffällt, wenn mit den Hamstern etwas nicht stimmt, seien es Augenkrankheiten oder ein drohender Mangel an Versteckmöglichkeiten. Das Engagement der BaF-Forscher am Friedhof wird auch von der Verwaltung positiv angenommen. Vorschläge, etwa das Gras höher stehen zu lassen, damit sich die Hamster besser verstecken können, werden umgesetzt.
Wo die Kleintiere wild leben, können sie Indikatoren dafür sein, dass das Ökosystem funktioniert. Der Lebensraum der Hamster wird in der Stadt durch Flächenversiegelung immer weiter zurückgedrängt, und auch wenn neue Parks geschaffen werden, bieten diese oft keine adäquaten Rückzugsorte. Die Hamsterbauten am Meidlinger Friedhof haben dagegen eine mehr als 100-jährige Geschichte.
„Es ist auf jeden Fall etwas Positives, dass in einer Großstadt wie Wien, in der zwei Millionen Menschen leben, auch Platz für Tiere und Platz für Biodiversität ist.“ Matthias Amon arbeitet bei der MA 49, dem Wildtierservice der Stadt Wien. Der Feldhamster ist in Europa stark gefährdet, er ist eine streng geschützte Art und vielerorts auch schon verschwunden. Der Schutz des Lebensraums des Feldhamsters schützt auch andere Tiere, Insekten und Pflanzen.
Theoretisch hat der Feldhamster einen großen Gegenspieler: die Stadtentwicklung. Er kann sich mächtige Feinde machen, wenn er durch seinen Schutzstatus Bauprojekte verzögert. Dann muss die Lage vor Ort evaluiert und im Zweifel neu geplant werden. Aber wenn eine Population einmal weg ist, bleibt sie verschwunden. Umsiedelung ist keine realistische Lösung.
Online-Hit Hamsterdoku
Die Sehnsucht nach dem echten Leben am Friedhof fühlt nicht nur der Citizen Scientist Thomas Filek, sie findet sich auch im digitalen Raum: Eine Dokumentation der BBC über die Wiener Friedhofshamster wurde zum veritablen Online-Hit. Allein auf YouTube haben die Videos von den dickbackig über den Zentralfriedhof trabenden Tieren mehr als zehn Millionen Views. Dass die Kleintiere einen gewissen Massen-Appeal haben, haben auch die Friedhöfe Wien erkannt. „Die Stadt der Toten auf Hamsterpfoten“ heißt eine offizielle Führung am Wiener Zentralfriedhof. Die circa zweistündige Tour führt zum Naturgarten, an der Gedenkstätte für Lawinenopfer und am Falco-Grab vorbei bis in den Souvenirshop.