Fürsorge und Fetisch: Marlene Dietrich (I)

Fürsorge und Fetisch: Marlene Dietrich (I)

Es erscheint an dieser Stelle vielleicht ungewöhnlich, aber Alfred Polgar hat ein Buch über Marlene Dietrich geschrieben. In profil 5/2015 wurde es bereits vorgestellt.

Kurz zusammengefasst: Er hat das Manuskript von 1937 bis 1938 verfasst, aber es ist nie erschienen. 1984 fand es der Kulturkritiker Ulrich Weinzierl zufällig in New York. Jetzt hat er "Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin" veröffentlicht.

"Marlene Dietrich ist eine gute Hausfrau"

Warum also dieses Buch genau hier? Es landete bei mir, weil irgendwo angekündigt wurde, dass es nicht nur um den Weltstar Marlene Dietrich (1901-1992) gehen würde, sondern auch um die Köchin und Hausfrau. Das tut es nicht wirklich, obwohl dazu nach Alfred Polgars Tod im Jahr 1955 Unmengen geschrieben wurden. Polgar war einfach zu früh dran (die legendären Fütterungen ihrer männlichen und weiblichen Liebhaber in Hollywood fanden erst später statt), und die einzige Passage, in der er darauf einging - ein Besuch in Dietrichs Sommerfrische in St. Gilgen -, wurde offenbar von ihrem damaligen Mann Rudi Sieber mit Bleistift gestrichen. Sie lautet, in rührend naiver Bewunderung: "Marlene Dietrich ist eine gute Hausfrau. Sie kocht selbst, und gern. Herr Sieber sagt von ihrem Omelette à surprise: es ginge ihm nichts darüber."

Legen wir Polgars Buch also zur Seite; nur so viel noch: Offensichtlich ist Polgar ziemlich in Marlene Dietrich verliebt, aber trotz der Verblendung rutschen ihm ganz bezaubernde Passagen durch wie etwa jene, in der er beschreibt, wie Dietrich einem Bauern am Wolfgangsee hilft, ein Kälbchen aus einer Kuh zu ziehen: "Es stand da auf zittrigen Beinchen und blickte so sanft, ängstlich und hingebungsvoll, wie die Filmnovize den Regisseur anblickt, von dem sie eine Rolle erhofft." Das hat Witz und ist überraschend modern, denn heute lernen wir ja, dass wir uns mit den Tieren, wenn wir sie schon essen, befreunden sollen, bevor sie küchenfertig sind.

"Marlene Dietrichs ABC"

Marlene Dietrich und die Küche haben mich schon früher interessiert. Es gibt noch ein anderes Buch, ein Koch-und Anekdotenbuch, in dem diese lebenslange Liebe ausführlich beschrieben ist, "Marlene Dietrich. Ick will wat feinet", und es gibt Passagen in einem Band mit dem Titel "Marlene Dietrichs ABC", in dem sie ihre besten Küchentricks - heute sagen wir Lifehack dazu -verrät: "Wenn das Eiweiß beim Schlagen nicht fest genug wird: ein bisschen Salz hinzufügen."

Es lohnt, finde ich, Marlene Dietrichs Liebe zum Herd und zu den alltäglichen Dingen des Lebens zu erforschen -diese untypische, eigentlich unerwartbare Liebe eines mondänen Stars, den wir in Hosen und mit Zigarettenspitz in Erinnerung haben. Ich meine, von Greta Garbo zum Beispiel, ihrer großen Rivalin, gibt es keine Köttbullar-Rezepte. Für Dietrich hingegen war ein gutes Essen, das sie LiebhaberInnen wie Josef von Sternberg, Jean Gabin, Erich Maria Remarque, Douglas Fairbanks jr. oder Edith Piaf servierte, nicht nur Fürsorge, sondern auch Fetisch. Ihre Tochter Maria Riva, die nach dem Tod der Mutter reichlich schonungslose Erinnerungen veröffentlichte, rückt die Gerichte Marlenes fast schon in die Kategorie Bewährungsprobe. Oder noch unverblümter: Potenztest. Nur wer diese Prüfung besteht, dem steht auch ihr Bett offen.

Vorspiel aus Butter und Eiweiß

Riva argumentiert das mit Dietrichs Eierspeise, durch die man halt durch musste. Sie besteht, für eine Person, aus drei Eiern, je zwei Esslöffeln Mineralwasser und Obers, Kräutern, Salz und -jetzt kommt's
- 200 Gramm Butter. Diesen Teller stellte sie ihren Lovern hin und sah dann zu - vielleicht wie die Nachtclubsängerin Amy Jolly in "Marokko", dem Film, in dem Josef von Sternberg aus der "kleinen deutschen Hausfrau" eine laszive Lady machen wollte, was ihm ja auch gelang -, wie die KandidatInnen auf dieses Vorspiel aus Butter und Eiweiß reagierten. Wer ablehnte oder schlappmachte, bevor der letzte Bissen weg war, hatte jede Hoffnung auf Intimität verspielt.

Mit Johanna Maiers Doktrin jedenfalls geht das nicht zusammen. Die Spitzenköchin aus Salzburg wird ja gerne mit dem Satz zitiert: "Nach einem guten Essen soll man sich noch lieben können."

Nächste Woche: die Verköstigung Hollywoods und ein deutscher Leibkoch in Marlene Dietrichs späten Pariser Jahren.

Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin, herausgegeben von Ulrich Weinzierl, Zsolnay Verlag 2015, 158 Seiten, 18,40 Euro

Georg A. Werth: Marlene Dietrich. Ick will wat feinet , Rütten & Loening 2011, 176 Seiten, online und antiquarisch ab ca. 5 Euro