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Fußball
11/12/2021

Goldene Fußball-Generation: Blech oder Blume

Österreichische Fußball-Teamspieler stehen international hoch im Kurs – in der Heimat dagegen werden sie hinterfragt. Wie golden ist die goldene Generation wirklich?

von Gerald Gossmann

David Alaba, Abwehrchef beim spanischen Rekordmeister Real Madrid, ist nach landläufiger Meinung kein besonders außergewöhnlicher Fußballer. Marcel Sabitzer vom FC Bayern München auch nicht. Yusuf Demir, FC Barcelona? Pah. Wer nach Länderspielen seine Nase in heimische Internetforen steckt, kommt rasch zu dem Schluss: Österreichische Fußballer können nicht Fußball spielen.

Auch die Experten zweifeln zunehmend: „Alaba ist unser Problemfall“, unkte Toni Polster im September auf „sport1.de“. „Die Qualität reicht nicht aus“, bemerkte Herbert Prohaska nach den Oktober-Länderspielen im ORF. Und sein Expertenkollege Roman Mählich hinterfragte auf Twitter, ob es sich tatsächlich um eine „hochkarätige Spielergeneration“ handle. Das harte Urteil verwundert nicht: Der Mensch (und somit auch der Fan und Fachmann) glaubt nun mal bloß, was er sieht – und nach Abfuhren wie dem 2:5 in Israel, dem 0:4 gegen Dänemark und dem blamablen vierten Platz in der WM-Qualifikations-Gruppe kann die Conclusio nur lauten: Die oft als golden gepriesene Spielergeneration ist wohl in Wirklichkeit bloß eine blecherne. 

Die Fakten sprechen allerdings gegen das Bauchgefühl. Österreichische Spieler sind außerhalb der Heimat so geschätzt wie nie. David Alaba agiert als Führungskraft bei Real Madrid (davor gewann er zehn Meistertitel und zwei Champions League-Pokale mit Bayern München). Marcel Sabitzer stieg als RB Leipzig-Topstar (wo er 2020 das Champions League-Halbfinale erreichte) gerade zu den Bayern auf. Marko Arnautovic ist Leistungsträger in Bologna, Konrad Laimer in Leipzig, Martin Hinteregger in Frankfurt, Xaver Schlager in Wolfsburg, Philipp Lienhart beim Tabellendritten der Deutschen Bundesliga, dem SC Freiburg. Für Christoph Baumgartner und Florian Grillitsch von der TSG Hoffenheim sollen sich Manchester United und der AC Milan interessieren.

Der derzeit verletzte Sasa Kalajdzic erzielte in der vergangenen Saison 16 Tore für den VfB Stuttgart. Und sogar die 18-jährige Nachwuchshoffnung Yusuf Demir kommt entgegen aller Erwartungen zu ersten Einsätzen beim FC Barcelona. Der ÖFB verfügt im Moment über zwei komplette Garnituren an Topspielern. Sogar der Ersatz vom Ersatz hat einen Stammplatz in Deutschland (Florian Kainz, Dejan Ljubicic), Frankreich (Kevin Danso), bei PSV Eindhoven (Philip Mwene) oder Feyenoord Rotterdam (Gernot Trauner). In der Deutschen Bundesliga stünden „20 absolute Führungsspieler, die in ihren Vereinen nicht mehr wegzudenken sind“, betonte Sky-Experte Lothar Matthäus kurz nach der Europameisterschaft. 

Auf 320 Millionen Euro Marktwert wurde der österreichische Kader vor der Europameisterschaft geschätzt, damit rangiert man knapp hinter den zehn wertvollsten Teams Europas. In der FIFA-Weltrangliste reicht es aktuell aber bloß für den 32. Platz. Länder mit ähnlich hochwertigen Ressourcen schneiden klar besser ab: Dänemark (310 Millionen Marktwert) liegt auf dem 10. Platz und erreichte das EM-Halbfinale. Die Schweiz (284 Millionen) befindet sich auf Rang 14, stand im EM-Viertelfinale.

Diese Fülle an hochkarätigen Legionären ist für den österreichischen Fußball außergewöhnlich. Die letzte goldene Spielgeneration um Toni Polster und Andreas Herzog wurde als Truppe von „Wunderknaben“ besungen und verfügte bei der WM 1998 über neun Spieler in den vier besten europäischen Ligen (England, Spanien, Italien und Deutschland). Fünf waren es im Team bei der EM 2008. Unter den Einberufenen für die aktuelle WM-Qualifikation befanden sich nicht weniger als 24 Spieler aus den vier Top-Ligen. 

Österreichs Quali-Gegner Israel verfügt in diesen Sphären nur über drei Spieler, EM-Viertelfinalist Tschechien neun, EM-Gegner Ukraine fünf, Vizeweltmeister Kroatien 16. Die Anzahl heimischer Spieler in Europas Top-4-Ligen wird – folgt man der Weltrangliste nach oben – erst von Deutschland (derzeit Platz 12) überboten.

Dazu kommt: 18 aktuelle österreichische Teamkicker zählen zum etablierten Stammpersonal in Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Holland; eine weitere Handvoll kommt regelmäßig zu Einsätzen (einige spielen tatsächlich nur selten).

Erstaunlicherweise werden in Österreich keine Gründe gesucht, warum diese Vielzahl an Topspielern im Nationalteam keinen nachhaltigen Erfolg einfährt – sondern dafür, warum diese Topspieler wohl in Wahrheit gar keine Topspieler seien. Es sei „leider so, dass jeder, der zwei, drei gute Spiele am Stück hinbekommt, schon einen Vertrag in Deutschland“ bekäme, urteilte Herbert Prohaska zuletzt im ORF. Es fehle „dem ein oder anderen sicher die Qualität, auf so hohem Niveau mitzuhalten.“ Das Nationalteam würde, so gesehen, an  der deutschen Schlampigkeit laborieren, weil die Bundesliga-Clubs ungenügend scouten, Durchschnittskicker sofort verpflichten und dummerweise auch noch spielen lassen. 

ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel hätte das Team „gerne breiter aufgestellt“, wie er kurz nach der EM betonte – also mit weniger Spielern aus der deutschen Liga. Was lange herbeigesehnt wurde, ist nun offenbar ein Problem: Österreichs Fußball hat zu viele Spieler in einer der besten Ligen Europas. Dabei bietet die Deutsche Bundesliga einen großen Vorteil: Viele Trainer setzen auf angriffigen Pressing-Fußball; also auf jene Spielweise, die einem Großteil der ÖFB-Equipe auf den Leib geschneidert ist. Viele wurden mit giftigem Rambazamba-Fußball aufgezogen; sie sind bei Klubs gut aufgehoben, die ihre Stärken forcieren. Passt ein Spieler zum Verein, ist der Niveauunterschied zwischen dem deutschen RB Leipzig, dem spanischen FC Sevilla, dem englischen West Ham United oder dem italienischen FC Bologna marginal.

Die Leistungsstärke der Österreicher wird hierzulande unterschätzt. Namen wie Laimer, Schlager, Grillitsch oder Baumgartner klingen nicht glamourös. Diese Spieler sind keine Bling-Bling-Stars vom Schlage eines Arnautovic, aber international hoch anerkannte Spieler, die im Kollektiv ein Alleinstellungsmerkmal bieten. Österreich hätte den Vorteil „einer einheitlich ausgebildeten Spielergeneration, die es international selten auf diesem Niveau gibt“, betonte ein Trainer der Deutschen Bundesliga vor der EM gegenüber profil. Teamchef Franco Foda aber spielt mit seinen zur Attacke neigenden Männern vorsichtigen Schlafwagenfußball. 

Das wirkt sich auf die Leistungen der Einzelnen und deren Rezeption aus. So wurde dem ÖFB-Ersatzmann Karim Onisiwo von heimischen TV-Experten nach den letzten Länderspielen die Tauglichkeit für die Nationalmannschaft abgesprochen. Der deutsche Fernsehkommentator dagegen betonte, dass Onisiwo bei seinem Klub Mainz 05 „aus einem hervorragenden Team noch heraussticht“. So unterschiedlich können Einschätzungen sein. In Mainz werden die Stärken des agilen Onisiwo forciert, im Nationalteam nicht.

Grottige Länderspiele, die im Gegensatz zu den europäischen Top-Ligen im frei empfangbaren Fernsehen laufen, brannten ein klares, aber leider unvollständiges Bild in hunderttausende heimische Köpfe. Österreich sei „noch immer eine kleine Fußballnation“, war im „Standard“ nach der September-Klatsche gegen Israel zu lesen. Man habe einfach „nicht genügend hochqualifiziertes Personal, um sich breiter aufzustellen“. Der Hintergrund: Im Herbst fielen Topstürmer Kalajdzic, Mittelfeldmotor Schlager und Abwehr-Ass Lainer aus. Doch auch mit ihnen sah das ÖFB-Team (bis auf ein paar Halbzeiten bei der EM) regelmäßig schlecht aus.
Sogar David Alaba und Marcel Sabitzer, die in den letzten Jahren zu Leistungsträgern der Deutschen Bundesliga zählten, wirken im rot-weiß-roten Dress manchmal wie unbegabte Jungs – die sie aufgrund ihrer Vita nachweislich nicht sind. Wenn alle Spieler über den Platz stolpern, obwohl sie eigentlich tänzeln können, lohnt in der Regel ein genauer Blick auf das Konzept des Trainers. Ein Beispiel: Unter Coach Niko Kovac schlitterte der FC Bayern München vor zwei Jahren in eine Krise, worauf in den Gazetten die schlechte Kaderqualität bemängelt wurde. Kurz darauf übernahm der offensiv agierende Trainer Hansi Flick und gewann mit denselben Spielern Meisterschaft und Champions League.

In Österreich werden weniger die ungenügenden Rahmenbedingungen – sprich: die unpassende Strategie des Teamchefs, ein fehlendes Gesamtkonzept, schlechte Trainingsbedingungen und diffuse Postenbesetzungen im ÖFB – hinterfragt; sondern Spieler, die das Versagen des Verbandes auf dem Feld bloß ausbaden. ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel, der die Kompatibilität von Spielertalenten und Trainerkonzept ungenügend überprüft hatte, nahm zuletzt seine Männer, „die auf dem Feld stehen“, in die Pflicht. Sprich: Eine Spielergeneration, die sich rekordverdächtig entwickelt hat, wird von einem Verband zur Weiterentwicklung ermahnt, der rekordverdächtig viele falsche Entscheidungen trifft.

Österreich hat die direkte Qualifikation für die WM 2022 längst verspielt und liegt in der Gruppe F auf dem vierten Platz. Gruppensieger Dänemark ist trotz nominell vergleichbarer Voraussetzungen (Marktwert, Legionärszahl in Topligen) in acht Spielen um 14 (!) Punkte enteilt.

Dabei ist die Erwartungshaltung im Land ohnedies bescheiden: Gefordert werden keine großen Pokale, sondern die bloße Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Die Schweiz hat seit 2004 an acht Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, Österreich an drei. Aktuell geht es in den Spielen gegen den Weltranglisten-80. Israel und den 181. Moldau bloß noch um die goldene Ananas in der Quali-Gruppe F.

„Im Moment hat der Herr Foda keinen guten Lauf“, gab der neue ÖFB-Präsident Gerhard Milletich gegenüber der „Kronen Zeitung“ zu. Das Ziel lautet nun: bloß nicht blamieren. Sollte das „zweimal überzeugend gelingen“, so Milletich – dann könnte wieder einmal alles beim Alten bleiben.

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