Der designierte ÖFB-Präsident Gerhard Milletich, Nationalteam-Cheftrainer Franco Foda und ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel bei der Bundeshauptversammlung des Österreichischen Fussball-Bundes (ÖFB) mit Wahl des neuen Präsidiums am Sonntag, 17. Oktober 2021, in Velden am Wörthersee.

© APA/BARBARA GINDL

Sport
10/22/2021

ÖFB: Wenn Bubenträume scheitern

Der Fußballbund ÖFB leidet an einem Konstruktionsfehler: Ausgerechnet die großen sportlichen Entscheidungen werden von Männern mit kleiner Fachkompetenz getroffen.

von Gerald Gossmann

Der neue Präsident brach das Versprechen des alten Präsidenten. Es geschah fast zwangsläufig. Leopold Windtner, 71, hatte angekündigt, mit seinem Abtreten „einen Generationswechsel“ einzuläuten. Dem konnte das neue Oberhaupt des Österreichischen Fußballbundes ÖFB beim besten Willen nicht gerecht werden: Gerhard Milletich ist 65. Aber nicht nur deshalb steht der größte Sportverband des Landes derzeit blöd da. Trotz einer hochkarätigen Spielergeneration besiegte das Nationalteam zuletzt nur noch Fußballzwerge wie die Färöer-Inseln; gegen Israel setzte es eine 2:5-Schlappe. Eine Teamchef-Diskussion ist unausweichlich, der neue Präsident hat sie gar öffentlich befeuert. Er wolle alsbald abklären „welcher Trainer als Alternative zu Herrn Foda zu haben wäre“, verkündete Milletich, im Zivilberuf Verlagschef, im ORF.

Der ÖFB steht wieder einmal kurz vor seiner Königsdisziplin: der Teamchef-Suche. Im Hintergrund werden bereits Gespräche geführt. Doch ausgerechnet bei einem Procedere, das höchste Fachkenntnis verlangt, offenbart sich der große Konstruktionsfehler des Verbandes: Die Hoheit über das Wohl des österreichischen Fußballs liegt bei einer kleinen, elitären Männerrunde – deren Mitglieder in ihren Landesverbänden ehrenamtlich für den Amateursport zuständig sind. Alle paar Jahre dürfen die Rechtsanwälte, Manager und Bürgermeister in grellem Scheinwerferlicht einen Teamchef aus dem Hut zaubern.

Das föderalistisch (und mit Bundesligavertretern) besetzte Gremium nennt sich ÖFB-Präsidium und fungiert sozusagen als Aufsichtsrat des Verbandes. Doch mit bloßer Aufsicht gaben sich die Männer nie zufrieden. Vor vier Jahren ließen sie sich drei grundverschiedene Teamchef-Kandidaten vorlegen, um nach Gutsherrenart ihren Favoriten zu erwählen. Davor hatten sie mit der Fußballlegende Peter Schöttel (der am Markt nicht sonderlich gefragt war) einen willfährigen Sportdirektor (der bloß die Vorauswahl treffen durfte) ins Amt gehievt und mit Willi Ruttensteiner jenen Mann hinausgedrängt, der sich nicht mehr unterwerfen wollte.

Ruttensteiner hatte Österreich in die Top 10 der FIFA-Weltrangliste geführt und sich mehr Einfluss erarbeitet, was den machtbewussten Herren im Präsidium missfiel. „Der Willi hat den ÖFB wie sein Unternehmen geführt“, betonte der niederösterreichische Vertreter Johann Gartner im profil, „der Schöttel lässt sich auch etwas einreden“. Das Ergebnis: Die Macht der Hobbyfunktionäre wurde gestärkt, die sportliche Kompetenz des Verbandes geschwächt.

Der Hintergrund: Die Bestellung des Schweizers Marcel Koller zum Teamchef Ende 2011 empfanden die Landesfürsten als Majestätsbeleidigung. Der damalige Präsident Windtner vertraute der Expertise des Sportfachmanns Ruttensteiner, dessen Entscheidung er im Präsidium bloß abnicken ließ. Danach krachte es im Männerbund: „Man kann nicht an uns vorbei irgendwas machen“, polterte der Niederösterreicher Gartner. Der Tiroler Josef Geisler forderte trotzig: „Wenn der Teamchef scheitert, muss auch Ruttensteiner gehen.“

Würde man diesen Gedanken konsequent zu Ende denken, müssten nun jene Personen zurücktreten, die das Scheitern des aktuellen Teamchefs in der WM-Qualifikation und den großen Imageschaden zu verantworten haben. Denn: Die vorsichtige Spielweise des Franco Foda passte nicht zu den mutigen Spielertypen. Das hätte bei einer Kompatibilitätsprüfung auffallen müssen, würden die großen sportlichen Entscheidungen nicht ausgerechnet von den Männern mit der kleinsten Fachkompetenz getroffen.

Die Männerrunde schiebt ihre Verantwortung gerne beiseite und verweist  auf die vorhandene Sportexpertise. Sprich: auf den an der kurzen Leine gehaltenen Sportdirektor Schöttel, der vor vier Jahren durch die Gnade der mächtigen Herren vom Nachwuchstrainer zum Sportdirektor aufsteigen durfte und seine Dankbarkeit seither geschickt in Zurückhaltung äußert. Konzept musste Schöttel einst keines präsentieren, als er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von den Landesfürsten für gut (oder zumindest für harmlos) befunden wurde. Männer ohne Kompetenz bestellten einen Mann ohne Konzept, der nun betonte, am offensichtlich unpassenden Teamchef festhalten zu wollen.

Die fleischgewordenen Bubenträume der Landesfürsten sind zum Alptraum des österreichischen Fußballs geworden.

Der neue Mann Milletich wirkt willig, externe Experten einzubinden. Der Verband selbst ist in sportlichen Fragen so gut wie handlungsunfähig. Eine Kostprobe der vorhandenen Expertise kam zuletzt vom Salzburger Vertreter, dem Rechtsanwalt Herbert Hübel, der selbstsicher dozierte: „Der Trainer schießt keine Tore, und er hält auch keine Elfmeter.“

Das System mit ehrenamtlichen Amateuren an der Spitze könnte auch abgewählt werden. Aber, wie es der Teufel so will, nur von den Herren selbst.

So bleibt dem ÖFB ein hausgemachtes Dilemma: Das Aushängeschild des Verbandes, die Nationalmannschaft, befindet sich in einer eklatanten Schieflage. Die Spieler laufen für Real Madrid, Bayern München, RB Leipzig oder den FC Barcelona auf. Der aktuelle Teamchef trainierte Sturm Graz, der Sportdirektor den SV Grödig, der Co-Trainer werkte beim TSV Hartberg – und der neue Präsident stand als Obmann dem SC/ESV Parndorf vor.

Gerald Gossmann ist Sportjournalist und profil-Fußballexperte.

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