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profil-Morgenpost
05/23/2022

Im Dauerstau ethischer Fragen

Von privaten und geopolitischen Weltereignissen.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

Den Satz „Das wird man doch noch sagen dürfen” motten Sie am besten ganz schnell ein, denn beim Debatteneinsatz demaskiert er Sie in der Nano-Sekunde als rückständigen, alten, weißen Boomer (so das Kürzel der Millenials für Repräsentanten der Babyboomer-Generation), der keinen blassen Schimmer von Identitätspolitik, Sexismus 2.0, Rassismus und sonstigen „red flags” auf dem gesellschaftspolitischen Woke-Terrain hat. „Woke”, was soviel wie wachsam, manchmal auch präventiv aufgeregt bedeutet, ist das neue „politisch korrekt”. Die sozialen Medien fungieren in diesen Debatten naturgemäß gleich monströser Stereoboxen.

In seinem Essay „Halb perfekt ist auch ganz gut” ruft Sebastian Hofer in der aktuellen profil-Ausgabe einerseits zur partiellen Entspannung vor Fettnäpfchen-Panik auf, analysiert aber auch die Hintergründe jener moralischen Dilemma-Situationen, denen wir tagtäglich ausgeliefert sind: Woody Allen-DVDs auf den Müll wegen Verdacht des Missbrauchs? Yung-Hurn wegen frauenverachtendem Anachronismus wegzappen? Bloß keine Avocado-Dips zu den Cocktails, weil doch der Regenwald so unter dem Anbau dieser Dinger leidet? Hofer grübelt weiter: „Wie Tagespendler stecken wir in einem Dauerstau der ethischen Fragen, Probleme und Zwickmühle”, über uns erstrecke sich „ein Himmel voller Drohnen, die uns dauernd beobachten und im Fall des Falles ihre Moralkeulen abwerfen. Ihre Reichweite erstreckt sich von der Hochkultur bis zur Gehsteigkante.” Seine Bilanz: „Wenn die moderne Welt schon so verwirrend und kompliziert ist, dass man es beim besten Willen nur falsch machen kann – kann man es dann auch gleich ganz bleiben lassen? Kategorische Antwort, und wir zitieren an dieser Stelle aus dem Frühwerk von Yung Hurn: „Nein.“ 

Ein „Nein”, auf ungarisch „Nem”, feuerte auch der Dauer-Problempatient der EU, Ungarns Regierungschef Viktor Orbàn, Anfang Mai in Brüssel ab, als das sechste Sanktionspaket gegen Russland, ein Embargo russischer Ölimporte, beschlossen werden sollte. Dass Orbàns Gewissen, was moralische Fragen betrifft, von einer dicken Teflonschicht überzogen ist, ist hinlänglich bekannt. profil-Korrespondent Gregor Mayer beschreibt in seinem Artikel „Putins Trojaner” den seelischen Gleichklang zwischen Putin und dem ungarischen Regierungscapo, die Konsequenzen seines Vetos, mit dem er gleichsam die gesamte EU in Geiselhaft nimmt, und wie er sich von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen Verzicht auf dieses „Nem” vergolden lassen will. Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó liefert mit dem Satz „Uns ist egal, was die Leute im Osten und Westen denken” das Sahnehäubchen zu Orbàns perfider Selbstherrlichkeit.

Es mag vordergründig seltsam anmuten, dass unsere Cover-Geschichte sich angesichts der verheerenden Weltlage mit dem Phänomen übergewichtiger Kinder auseinander setzt, aber jeder, der einmal ein dickes Kind ist oder war oder ein Elternteil eines solchen ist, weiß, wie mit welch katastrophalen Konsequenzen sich die Leibesfülle nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch auswirken kann. Ein Zuviel auf der Waage kann zu einem „privaten Weltereignis” werden, wie Alfred Polgar einst gravierende Lebenskrisen bezeichnete. Wissenschaftsredakteurin Franziska Dzugan untersucht in ihrer Titelgeschichte „Gewichtsklassen” die Ursachen für das wachsende Körpergewicht bei Kindern und Jugendlichen und sprach mit zahlreichen Experten, wie Eltern und Betroffene das Problem in den Griff bekommen können, der Jojo-Effekt ausgetrickst werden kann und der Begriff „gesunde Ernährung” seinen Schrecken verliert.

Um sich von der Realität ein wenig zu erholen, sei Wolfang Paternos wunderbare Wanderung durch das Archiv des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Gerhard Roth empfohlen, zu der ihn dessen Witwe Senta Roth eingeladen hat. In dem jetzt posthum erschienen Roman „Die Imker” lässt Roth seinen Protagonisten, Insasse einer Einrichtung für psychiatrisch beeinträchtigte Künstler, seiner Furcht, nicht zu schreiben, Audruck verleihen. Ohne das Schreiben fühle sich dieser Franz Lindner „wie ein platt gefahrener Frosch,” der dem Austrocknen preisgegeben ist. Weiters sagt er: „Wer nicht lesen kann, stirbt.”

Wir sehen die Sache nicht ganz so dramatisch, aber ein bisschen hat er schon recht, der Herr Lindner. Ein belebendes Leseerlebnis und eine gute Woche wünscht

Angelika Hager