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Gesellschaft
11/11/2021

Malarina: „Es gibt Leute, die glauben, ich meine das ernst“

Die Kabarettistin Malarina karikiert scharfzüngig die Balkanmentalität. Ein Gespräch über politisch-korrekte Comedy, Strache und Wokeness.

von Lena Leibetseder, Angelika Hager

„Malarina“, eigentlich Marina Lacković, ist eine Newcomerin in der österreichischen Kabarett-Szene. Die Tirolerin mit serbischen Wurzeln spielt mit den gängigen Serben-Klischees: für ihre Kunstfigur ist Heinz-Christian Strache seit Ibiza eine Art Popstar, ihr Outfit ist einerseits „zu viel“, aber bedeckt natürlich „zu wenig“. Politisch-korrekt scheint das beim ersten Hinsehen nicht, doch es ist klug, hochgradig amüsant und seziert das Vorurteilsrepertoire, das unter echten Österreichern über die Balkanmentalität existiert.

profil: Dein aktuelles Programm heißt „Serben sterben langsam“. Worum geht’s?
Malarina: Es geht um alle historischen Punkte, die Österreich und Serbien ab dem ersten Weltkrieg verbinden. Und um politisches Zeitgeschehen, um die Tatsache, dass Serben rechts gewählt haben und dass sie weiter rechts wählen würden, wäre Strache noch da. Es ist ein bisschen Ethno-Comedy dabei, aber es ist großteils Politsatire und Geschichte.

profil: Du machst oft Witze zu Themen, über die sich viele nicht trauen. Du traust dich aber.
Malarina: Weils mir wurscht ist! Nein, keine Ahnung – ich komme ja gar nicht aus der Branche, ich habe das nicht großartig berechnend gemacht. Es hat mich fürchterlich aufgeregt, dass viele den Strache gewählt haben. Da habe ich mich geschämt für meine Landsleute. Aber man kann das ja gut analysieren. Und manchmal ist es eh schon von selbst lustig, wenn man versucht, so etwas zu erklären.

profil: Warum?
Malarina: Weil das überhaupt keinen Sinn macht, also weder von Seiten der Rechten noch von der der Migranten. Aber trotzdem ist es ganz witzig, sich in das Sujet einer Person mit Migrationshintergrund, die rechts wählt, hineinzudenken. Aus dieser Perspektive kann man Dinge leichter aufbrechen, und am Ende karikiere ich mich ja selbst.

profil: Welches Feedback bekommst du aus der serbischen Community?
Malarina: Ich habe momentan noch viel mehr österreichisches Publikum als Publikum aus dem ex-jugoslawischen Raum. Es hat sich wahrscheinlich noch nicht herumgesprochen. Jetzt geht es schon manchmal los, dass mich nach der Vorstellung Menschen ansprechen, die vom Balkan kommen, aber die verstehen meinen Humor ja. Die dürften selbst links sein. Die, die sich nicht dafür interessieren oder das scheiße finden, werden dann auch nicht zu meinen Auftritten kommen. Ich gehe mal davon aus, dass das viele in der migrantischen Community auch einfach nicht mitbekommen. Aber mir ist es tatsächlich einmal passiert, dass ich so wie ein falsch verstandener Tagespresse-Artikel auf Facebook geteilt wurde. Das waren Snippets von meinem Auftritt beim ORF-Sommerkabarett, manche haben das aber missverstanden. Es gibt Leute, die sind so deppert, die glauben, ich meine das ernst. Aber das ist die Ausnahme.

profil: Du bist beim „Politically Correct Comedy Club“ aufgetreten – wie reagierst du auf die Kritik, politisch korrekte Comedy sei nicht lustig?
Malarina: Wenn das so wäre, dann gäbe es ja niemanden, der lustig ist, aber dabei niemanden niedermacht. Es gibt ja nicht nur in Wien den PCCC, es gibt ja sehr bekannte Leute, wie Hannah Gadsby oder Trevor Noah – und dann gibt es halt beratungsresistente Arschlöcher wie Dave Chapelle, die nicht damit klarkommen, dass sie auf die 50 zugehen und ihr Humor nicht mehr funktioniert. Es gibt immer irgendeinen Deppen, der fragt, warum er etwas nicht sagen darf. Ich würde keine Witze über eine Minderheit, der ich nicht angehöre, machen. Sich politisch korrekt auszudrücken heißt ja nur, dass man niemanden beleidigt. Bevor ich beim PCCC war, habe ich gar nicht darüber nachgedacht, ob das, was ich schreibe, politisch korrekt ist, zufällig war es dann so. Und mein Gott, man scheitert mal. Die Leute sind manchmal zu eitel, um zu scheitern. Und linke Menschen geben Begriffe zu schnell auf, weil sie irgendein Nazi einmal auf ein Plakat geschrieben hat. Nur, weil die das Wort für sich beanspruchen, ist es ja noch nicht anrüchig.

profil: Welche Begriffe meinst du da?
Malarina: Ein befreundetes jüdisches Paar hat zu mir gemeint, dass die schlimmste Ausgeburt dieses Phänomens das Wort „jüdischer Mitbürger“ sei. Das ist so irrsinnig bescheuert.

profil: Wer verhandelt diese Begrifflichkeiten?
Malarina: Das besprechen ja großteils Leute, die das nicht einmal peripher tangiert, irgendwo in einem Hipster-Lokal im 7. Bezirk. Aber meiner Meinung nach geht es vielmehr um die Absicht. Ich kann jemandem vergeben, wenn er sich in einem Wort vergreift, weil er es einfach nicht gewusst hat. Aber das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, und es entscheidet immer die jeweils diskriminierte Gruppe, was verletzend ist und was nicht. Aber die linke Seite muss sich vielleicht auch überlegen, ob manchmal schon zu sehr auf die Meta-Ebene an Begrifflichkeiten gefeilt wird, wo niemandes Lebensrealität mehr tangiert wird.

profil: „Der Standard“ hat über dich geschrieben: „Malarina trägt die engsten Kleider und spricht das gewählteste Deutsch auf einer Kabarettbühne seit Lisa Eckhart.“
Malarina: Lustig, oder? Das ist doch zum Schießen!

profil: Wie geht’s dir mit diesem Vergleich?
Malarina: Ich finde es total witzig, ich verstehe nicht ganz, wie man darauf kommt. Wahrscheinlich weil sie auch ein Sujet spielt. Mich würde interessieren, wie Lisa Eckhart das findet.

profil: Wie schaffst du es, dass deine Kunstfigur rassistische und sexistische Ressentiments nicht nur reproduziert? Das war ja der Vorwurf an Lisa Eckhart…
Malarina: Lisa Eckhart hat das Problem, dass sie aktiv keiner Minderheit angehört. Sie ist immer außenstehend, wenn sie so etwas macht. Sie repräsentiert einen reinkarnierten Nazi – das kannst du schon machen, ist ja lustig. Aber wenn man das nie aufbricht, wird das die Menschen überfordern, und andere werden nicht mehr glauben, dass das nur eine Figur ist, wenn man das auch in Interviews durchzieht. Sie macht das ganz anders, als ich das mache. Ich weiß nicht, was ihre Strategie ist – ich habe keine. Auf der Bühne bin ich ich, aber ich gebe meiner Figur Tiefe und lasse sie nicht alleine mit dem Vorwurf stehen. Ich erzähle den ganzen Geschichtsfluss dazu, und dadurch bringe ich eine Faktentangente ein.

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