Mimikama im Kampf gegen Online-Fakes: "Facebook ignoriert das häufig"

TOM WANNENMACHER; ANDRE WOLF: Den beiden Faktencheckern von Mimikama gefällt es, wenn sie Fälscher online überführen.

TOM WANNENMACHER; ANDRE WOLF: Den beiden Faktencheckern von Mimikama gefällt es, wenn sie Fälscher online überführen.

Tom Wannenmacher und Andre Wolf kämpfen tagtäglich gegen Falschmeldungen im Internet. Im Interview mit profil erzählen sie, warum das oft frustrierend ist, wie Facebook von Fakes profitiert und wie sich der Online-Diskurs seit der Flüchtlingskrise verändert hat.

profil: Frustriert es Sie manchmal, gegen eine nicht enden wollende Menge an Falschmeldungen anzukämpfen?
Andre Wolf: Grundsätzlich ist es frustrierend zu sehen, dass Menschen mit Falschmeldungen und illegalen Handlungen immer wieder durchkommen, wenn man auf der anderen Seite immer predigt: Passt auf, dass ihr keine Urheberrechte verletzt und so weiter. Wenn man immer versucht, auf der „guten“ Seite zu stehen und dann merkt, eigentlich unterstützt das ja kaum keiner, dann ist das sehr frustrierend.

Beispiel für einen Fake: Ein "Symbolbild des Hasses, um ein Bauchgefühl zu bestätigen": Das Foto ist ein Symbolbild, das Zitat erfunden.

profil: Melden Sie Fake News oder Hasspostings auch an Facebook?
Wolf: Nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Das müssen die Nutzer selbst entscheiden. Außerdem reagiert Facebook auf so etwas eher selten. So ein Bild (oben) müsste sofort verschwinden, weil es Urheberrechte verletzt. Gerade bei Urheberrechtsverletzungen reagiert Facebook recht kompliziert. Eigentlich müsste jetzt die Bildplattform, von der das Bild stammt, der Person, die dieses Bild verbreitet, eine Abmahnung schicken. Aber das passiert natürlich nicht und Facebook schert sich auch nicht darum.

profil: Ignoriert Facebook bewusst Fakes, weil die Plattform auch davon profitiert?
Wolf: Ich bin der Ansicht, dass Facebook das häufig ignoriert. So ein Hass-Bild schürt Wahnsinns-Interaktionen und davon leben die, das ist ihr Job. Ihre Behauptungen, auf Fake News zu achten und dagegen vorzugehen, sind in meinen Augen nur Schönfärberei.

profil: Was bringt Facebooks neuer Algorithmus zur Bekämpfung von Fake News?
Wolf: Hin und wieder bekommt man eingeblendet, dass Faktenchecker etwas überprüft haben. Das ist aber sehr selten.
Tom Wannenmacher: Das Problem dabei ist, dass die Richtigstellung nie so viele Menschen erreichen wird, wie der Fake. Ein Beispiel: Ein gefälschtes Porsche-Gewinnspiel wurde nach wenigen Stunden über 60.000 Mal geteilt. Wenn ich jetzt darüber schreibe, dass man da gar nichts gewinnen kann, wird das vielleicht 100 oder 200 Mal geteilt. Und der Fake wird immer weiter verteilt, solange er nicht gelöscht wird. Die Menschen wollen ja auch glauben, dass sie gewinnen können. Was mit ihren Daten passiert, ist ihnen egal.
Wolf: Hoffnung, Erwartungshaltung, das spielt da viel mit hinein.
Wannenmacher: Die Menschen werden bestätigt, in dem was sie immer geglaubt haben und denken dann, dass Zehntausende andere auch der Meinung sind.

profil: Was sind die häufigsten Fakes?
Wolf: Wir nehmen immer wieder Fake-Gewinnspiel wahr, aber auch sehr viele Kettenbriefe. Auch völlig unsinnige wie „Keine Freundschaftsanfrage von Soundso annehmen, der ist ein Virus“. Die tauchen immer wieder auf und werden auch von Jung und Alt geteilt.

profil: Kommen Fake News primär aus Russland?
Wolf: Beweisen kann man es natürlich nicht. Wir haben auch keine Mittel, das beweisen zu können. Ich bin neulich in Berlin mit einem Cyberwar-Experten, der die deutsche Bundesregierung, sowie die NATO berät, auf einem Podium gesessen, der sagte mit einem Lächeln: Er kann es nicht zu 100 Prozent bestätigen, aber die Richtung dürfte stimmen. So würde ich es auch formulieren. Der Osten ist uns darin sicher weit voraus, denn im Westen werden die guten IT-Kräfte direkt von den großen Unternehmen wie Google und Microsoft angeworben, sie sind vom Markt. Im Osten ist das wiederum anders, hier holt sie sich der Staat.

profil: Wie haben sich die Fakes seit der Flüchtlingskrise 2015 verändert?
Wolf: Die Narrative hat es immer schon gegeben, aber erst seit 2015 werden die Bilder und die Behauptungen so massiv geteilt. Flüchtlinge sind mittlerweile gar nicht mehr so das Thema, sondern eher der Islam. Das spiegelt natürlich die öffentliche Debatte wider: Politiker hauen auf den Islam ein, es wird „Cherry-Picking“ betrieben, also wenn etwas passiert, das mit Islam oder Flüchtlingen zusammenhängt, wird das ganz groß gemacht. Und natürlich kommen dann noch ganz viele Falschmeldungen dazu. Da wird die Verhältnismäßigkeit von vielen Usern gar nicht mehr gesehen. Im Vorfeld der bayrischen Landtagswahl warfen die CDU und die AfD mit falschen Zitaten und falschen Tweets um sich. Da frage ich mich wirklich, warum gibt es da keine Instanz, die sagt: Stopp, das geht nicht, das ist jetzt eine wirkliche Lüge und da müssen wir auch klagen. Die Parteien und Politiker, von denen Fake-Zitate veröffentlicht werden, warum tun die nichts dagegen? Eva Glawischnig hat sich zum Beispiel gewehrt.

Wie erkennt man Fakes im Internet?

profil: Ist das Ziel von Fake News, dass man am Ende nichts mehr glauben kann, was man in den sozialen Medien liest?
Wolf: Das ist tatsächlich eines der Ziele. Auch wenn ich jetzt keinen großen Masterplan dahinter sehe. Besonders etablierte Medien sollen so hingestellt werden, als ob sie falsch berichten, indem man ganz viel verschiedene Falschmeldungen bringt, so dass der User am Ende sagt: Jetzt glaub ich gar nichts mehr. Wenn die Zweifel so groß werden, dass man abblockt und gar nichts mehr wissen will, dann ist das Ziel erreicht.

profil: Wird das dazu führen, dass wir uns von den sozialen Medien abwenden?
Wolf: Menschen, die sich im Internet bewegen, sollten nach Möglichkeit eine Portion digitaler Medienbildung hinter sich haben, um das alles zu verstehen. Das ist von unserem Bildungssystem aber ganz klar versäumt worden.
Wannenmacher: Wir stellen uns auch die Frage: Was wird, wenn es Mimikama einmal nicht mehr gibt? Ich werde weitermachen, bis ich in Pension gehe. Es gibt immer etwas, was wir von Leserinnen und Lesern zur Prüfung eingesendet bekommen.

profil: Wie gehen Jugendliche mit Online-Fakes um?
Wolf: Das ist die Generation, die mir am wenigsten Angst macht. Im Sommer war ich bei einem Schülerworkshop in Tirol. Die Kinder waren so engagiert. Sie waren vielleicht nicht so im Bereich der politischen Fakes unterwegs, aber dafür im Bereich Kettenbriefe. Sie konnten da wirklich reflektieren, dass im Internet halt nicht alles wahr ist. Es ist speziell die Generation ab 40, die damit ein Problem hat. Früher gab es einfach noch nicht so viele Medien und die, die es gab, waren etabliert und glaubwürdig.

profil: Wie reagieren die Menschen auf Ihre Klarstellungen?
Wolf: Das Feedback ist vielfältig. Es gibt Menschen, die sagen: Danke, ich hätte das jetzt fast geteilt. Auch Leute, die weiterhin in ihrer politischen Überzeugung geblieben sind. Manchmal wird man auch beschimpft, dann heißt es: Ihr seid die Ersten, wenn es so weit ist.

profil: Werden Sie auch von Trollen angegriffen?
Wolf: Wir haben eine sehr starke Fan-Base durch unser Community-Management. Da kommen Trolle schwer durch. Natürlich gibt es immer wieder welche, die es versuchen. Dann kommen aber gleich zehn Leute, die dagegenhalten.

profil: Versuchen Sie politisch neutral zu bleiben?
Wannenmacher: Ja, aber es ist eben eine Gratwanderung, da Leserinnen und Leser es missinterpretieren können, wenn wir Falschaussagen oder Fehldarstellungen von Politikern korrigieren, die sie sich auf Social Media geleistet haben.
Wolf: Bei politischen Meldungen machen wir nur etwas dazu, wenn man eindeutig nachweisen kann, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. Also keine tendenziösen, meinungslastigen Postings. Da reden wir nicht dagegen, das ist nicht unsere Aufgabe. Es ist ein Teil der Arbeit auch einmal zu sagen, das thematisieren wir nicht. Das kann man sich auf Social Media generell merken: Man muss nicht zu allem etwas sagen. Man darf sich auch das Recht nehmen, ruhig zu bleiben, zu beobachten und für sich selbst zu reflektieren.

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