Im Netz der Troll-Armeen: "Wie ein Computerspiel"

Im Netz der Troll-Armeen: "Wie ein Computerspiel"

Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner gab sich bereits als IS-Anhängerin und Neonazi aus, um deren Methoden im Kampf um die Meinungshoheit im Internet offenzulegen. Im Interview mit profil spricht sie über die Troll-Armeen der Rechten, wie man sich gegen sie wehrt und ob die EU-Wahl dadurch gefährdet ist.

profil: Was für Menschen sind in rechten Troll-Armeen aktiv?
Julia Ebner: Das ist sehr unterschiedlich. Die Gründer von "Reconquista Germanica" sind zum Beispiel sehr extreme Persönlichkeiten. Es sind aber auch sehr viele junge Menschen dabei, die Anfangs gar nicht wirklich politisch sind und erst über den Gründer und YouTuber Nikolai Alexander in die Gruppe gekommen sind. Das Spektrum der Mitglieder reicht von Neonazis über Patrioten bis hin zu Jugendlichen, die sich von der Mechanik so einer Organisation angezogen fühlen. Die Aktivitäten der Gruppe sind bewusst ähnlich wie in einem Computerspiel aufgebaut: Es gibt „virtuelle Waffen“ wie Fake-Accounts und Memes, klare „Befehle“, Erfolge werden analysiert und gefeiert.

profil: Gibt es auch in Österreich vergleichbare Gruppen wie Reconquista Germanica?
Ebner: Nein, aber bei Reconquista Germanica gab es ein regionales Team, das die letzte Nationalratswahl bearbeitet hat. Die deutschen und österreichischen Identitären haben gemeinsam eine Gruppe, die sich "Infokrieg" nennt, die auch viel Einfluss auf Österreich hat. Der österreichische Identitäre Martin Sellner propagiert solche Methoden sehr stark.

profil: Die größten Gruppen der rechten Troll-Armeen haben lediglich 7000 Mitglieder, wie groß ist ihr Einfluss wirklich?
Ebner: Sie haben wenige Mitglieder, schaffen es aber trotzdem, dass von ihnen erfundene Hashtags trenden und Politiker und Medien dann darauf aufspringen. Das funktioniert, weil sie in den sozialen Medien bis zu 99 Doppelprofile anlegen können. Es gibt hier auch genaue Anleitungen, wie sie es anstellen müssen, um nicht gelöscht zu werden. Viele haben auch Accounts, die scheinbar einer anderen politischen Orientierung angehören, um auch diese zu infiltrieren.

Julia Ebner bei der Web-Konferenz re:publica

profil: Was können soziale Medien dagegen tun?
Ebner: Wir haben bereits mit Discord (Anm.: das bevorzugte Gruppenchat-Programm rechter Troll-Armeen) und Facebook darüber gesprochen. Was jetzt wichtig wäre, wäre nicht nur die einzelnen Accounts zu betrachten, sondern auch deren Verhalten zueinander, um die Netzwerke aufzudecken. Dazu braucht es auch mehr Forschung über das Verhalten der Troll-Armeen. Discord müsste vermehrt jene Gruppen eindämmen, in denen (rechts-)extreme Inhalte geteilt werden. Hier haben sie sich bisher vor allem auf englischsprachige Gruppen wie "Alt-Right" konzentriert.

profil: Wie soll man den Trollen als Einzelperson entgegentreten?
Ebner: Man sollte sich in seinen Einstellungen und seinem Verhalten nicht beeinflussen lassen. Genau das ist das Ziel eines Trolls: Kritische Stimmen sollen durch übermäßig negative Reaktionen zum Schweigen gebracht werden. Wichtig ist auch, ihre Inhalte nicht zu teilen und Nachrichten in den sozialen Medien noch mehr zu hinterfragen.

profil: Wird die EU-Wahl 2019 ein Ziel der Trolle?
Ebner: Im Moment ist die Europawahl in den Gruppen noch kein großes Thema, vor kurzem dominierte noch die Landtagswahl in Bayern. Meist passiert die Planung erst in den Wochen vor einer Wahl. Ich bin mir aber sicher, dass Steve Bannon, der rechte Stratege und ehemalige Berater von US-Präsident Donald Trump, sein Mediennetzwerk und auch die Troll-Armeen hier etwas organisieren werden.

Zur Person: Julia Ebner , 27, ist eine österreichische Extremismus- und Terrorismusforscherin und Research Fellow am Londoner Institute for Strategic Dialogue.

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