Hochzeitsjubiläum im Rathaus
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Mit Elvis und Ehrengaben: Wien feiert seine Hochzeitsjubilare

Goldene, diamantene oder sogar Gnadenhochzeiten: Das Wiener Rathaus lädt Paare zum Jubiläum ein. Ein Nachmittag voller schöner Erinnerungen, umtriebiger Bezirksvorsteher – und guten Ratschlägen fürs Zusammenbleiben.

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„Aus welchem Bezirk kommen Sie?“, fragt die Frau am Empfang des Wiener Rathauses. 270 Paare aus ganz Wien trudeln am Montagnachmittag um 13 Uhr in den Festsaal ein. Geheiratet wird hier nicht. Hier wird die Ehe gefeiert. Der Weg führt nicht über die bekannte Feststiege, sondern rollatorenfreundlich über einen barrierefreien Umweg durchs Rathaus. Für die geladenen Gäste ist es ein besonderer Anlass: Alle sind seit 50 Jahren verheiratet, manche sogar deutlich länger. Die Stadt Wien lädt deshalb zum offiziellen Hochzeitsjubiläum. 

Im Festsaal fährt die Rathausverwaltung das Höchstmaß an Gastfreundschaft auf. Im Nordflügel sind die Donaubezirke vertreten, gegenüber die inneren Bezirke. Der Saal füllt sich allmählich. Rollatoren werden geparkt, Kellner stellen Kaffee und Mineralwasser ein. In geübter Wiener Manier gibt es auch Wein - vom Weingut Cobenzl im 19. Bezirk, versteht sich. So mancher Bezirksvorsteher begrüßt „sein“ Jubelpaar persönlich am Tisch. Die Bezirke Hütteldorf und Favoriten sind früh gut besetzt, von Ottakring werden lediglich die Hälfte der geladenen Eheleute kommen. Hernals belegt an diesem Nachmittag nur einen der 74 Tische.

Für das Präsidialbüro des Bürgermeisters ist der Ablauf der jährlich stattfindenden Veranstaltung längst Routine. Die Feierlichkeit stoße seit Jahren auf positive Resonanz – vermutlich auch, weil es zum Jubiläum eine finanzielle Zuwendung gibt. 

Allerdings ist es ein Brauch, der rückläufig ist – aus demografischen Gründen. Seit Jahren sinkt in Wien die Zahl der Eheschließungen. 1969 wurden noch 8,5 Ehen pro 1000 Einwohner geschlossen, 2019 waren es nur noch fünf. Gleichzeitig stieg das durchschnittliche Heiratsalter von Anfang 20 auf über 30 Jahre. Ob künftig noch so viele Jubelpaare gefeiert werden, bleibt offen. 

Auftritt mit Elvis

Im Festsaal ist das Programm minutiös geplant. Während die Gäste ihre Plätze einnehmen, stimmt Sänger Jengis einen Elvis–Song an. „Can’t Help Falling in Love“ hallt durch die historischen Gänge des Rathauses. Das Ehepaar Bissuti nimmt am Ehrentisch Platz, gleich neben Gemeinderäten und amtsführenden Stadträten. 

Die Bissutis feiern, wie 39 andere Paare an diesem Nachmittag, bereits ihren 65. Hochzeitstag, die eiserne Hochzeit. Was ist ihr Geheimnis? „Von den 65 Jahren war er vermutlich 30 Jahre nicht zu Hause. Das ist besser als Tag und Nacht aneinander zu picken. Da hat man sich sonst nichts mehr zu erzählen“, sagt Antonia Bissuti. Ganz einig ist sich das Paar allerdings auch nach 65 Ehejahren nicht, wenn es um den schönsten Moment des gemeinsamen Lebens geht. Er, Christian, sagt: die Hochzeit. Sie, Antonia, sagt: die Geburt des ersten Kindes.

Antonia und Christian Bissuti mit Bürgermeister Michael Ludwig
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In der ersten Reihe ist die Musik dröhnend laut. Die Lautsprecher, die den gesamten Festsaal beschallen sollen, stehen kaum zwei Meter vom Tisch der Bissutis entfernt. Trotzdem hat ein Platz in der ersten Reihe seinen Reiz, besonders dann, wenn gleich der Wiener Bürgermeister auftritt und einen persönlich begrüßt. 

„Es ist eine großartige Leistung, dass man so lange verheiratet sein kann“, sagt Michael Ludwig (SPÖ), als er die Jubelpaare willkommen heißt. Es folgt eine kleine Reise in die Vergangenheit, in ein Wien vor 50 Jahren. Rudolf Kirchschläger war damals Bundespräsident, und es galt ein autofreier Tag pro Woche. Damals wie heute sorgte eine Erdölkrise für steigende Spritpreise. Tempo 130 auf der Autobahn sei eine Maßnahme aus dieser Zeit, die bis heute geblieben sei. „Da sieht man, wie die Zeit vergeht.“ 

Viele im Saal nicken. Andere lassen die gemeinsamen Jahrzehnte leise Revue passieren. Wieder andere warten auf die kulinarische Verpflegung, die schon vor Minuten angekündigt wurde. Viele der geladenen Gäste feiern nicht nur die goldene Hochzeit, also 50 Jahre Ehe, sondern bereits die diamantene mit 60 Jahren. „Wir haben aber auch Paare, die 70 Jahre verheiratet sind und eine Gnadenhochzeit begehen“, verkündet Ludwig auf der Bühne. Ein kollektives „Wow“ geht durch den Saal. Tatsächlich sind vier Paare da, die bereits ihre Gnadenhochzeit feiern. Und sogar ein Paar ist gekommen, das die Juwelenhochzeit begeht: 72,5 Jahre Ehe. 

Die Zusammenkunft der Jubelpaare gehört zu jenen Terminen, bei denen sich der Bürgermeister und der Gemeinderat demonstrativ bürgernah geben. Ein gemeinsames Foto mit Michael Ludwig - gedankt sei der eigens aufgebauten Fotobox. Ein kurzer Tratsch. Ein Händedruck. Nicht nur der Wiener Bürgermeister nutzt diesen Termin, auch Politikerinnen und Politiker des Landtags zeigen Präsenz: Peter Hacker, Marina Hanke (beide SPÖ), Ingrid Korosec (ÖVP), dazu Bezirksvorsteher bzw. deren Vertretung. Seniorinnen und Senioren zählen schließlich zu den wichtigsten Wählergruppen. Österreichweit stellen sie rund ein Viertel der Wahlbevölkerung.

Wiener Bürgermeister Michael Ludwig
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„Es ist eine großartige Leistung, dass man so lange verheiratet sein kann“

Michael Ludwig (SPÖ), Wiener Bürgermeister

Kaum ist die Rede des „Chefs“ zu Ende, übernimmt Sänger Jengis wieder das Mikrofon. Statt Rock’n’Roll stimmt er diesmal „What a Wonderful World“ von Louis Armstrong an. Früher, heißt es aus der Rathausverwaltung, habe hier ein Streichquartett gespielt. Nach eingeholtem Feedback sei Jengis für viele Paare inzwischen deutlich zeitgenössischer. 

Die Stimmung ist heiter. Während Bürgermeister Ludwig den ersten Gästen die Hand reicht, bringt das Heer an Kellnern bereits die von vielen ersehnte Sachertorte. Dass zunächst die Gemeinderäte bedient werden, empfinden manche Gäste als Affront. Immerhin: Das Schlagobers ist heuer wieder inkludiert. Getränke und Kaffee gibt es reichlich, selbstverständlich alles auf Rechnung des Gastgebers. Manchmal erinnert die Szenerie an einen Nachmittag auf einem Kreuzfahrtschiff.

Durchhalten. Man wächst zusammen. Irgendwann ist das so symbiotisch, dass man das gar nicht mehr auseinandertrennen kann.

Editha McEwen

feiert ihre goldene Hochzeit im Wiener Rathaus

Von Edinburgh nach Döbling

Während die Bissutis in der ersten Reihe beschallt werden und auf ihre Torte warten, sitzt das Ehepaar McEwen aus Wien–Döbling ganz hinten im Saal und lauscht den Worten des Wiener Bürgermeisters. Offiziell feiern sie ihre goldene Hochzeit, tatsächlich sind sie bereits im 52. Ehejahr. Die Nachfrage nach der Jubiläumsfeier ist mittlerweile so groß, dass das Rathaus die Paare nicht mehr an einem einzigen Termin empfangen kann. Heuer gibt es insgesamt vier Feiern, auch weil etliche Jubilare ihr Fest im Rathaus pandemiebedingt nicht früher begehen konnten und das jetzt nachholen. 

Dass Ian McEwen einmal sechs Enkelkinder haben würde, hätte er früher selbst nicht glauben können. Für die Liebe zog der Schotte einst von Edinburgh nach Wien - eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Was seine Ehe so lange zusammengehalten hat? „Nicht egoistisch sein“, sagt er. Seine Frau Editha formuliert es so: „Durchhalten. Man wächst zusammen. Irgendwann ist das so symbiotisch, dass man das gar nicht mehr auseinandertrennen kann.“ 

Ehepaar McEwen
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Auf den Empfang im Rathaus folgen für viele Paare noch Feierlichkeiten in den Bezirken. Und auch Geld gibt es, im Rathaus–Sprech: „Ehrengaben“. Für die goldene Hochzeit sind das 300 Euro. Die Bissutis erhalten für ihre eiserne Hochzeit 700 Euro. Der Höchstsatz ist im Übrigen mit der Gnadenhochzeit (70 Jahre) mit 1100 Euro erreicht. 

50 Schilling

Woher dieser Brauch genau stammt, ist nicht eindeutig belegt. Das Rathaus selbst verweist in einer archivierten Korrespondenz darauf, dass die Jubiläumshochzeiten 1945 wieder aufgenommen werden sollten, nachdem sie während des Krieges eingestellt worden waren. Ein Gemeinderatsbeschluss von 1924 belegt, dass mittellosen Eheleuten zur goldenen Hochzeit 50 Schilling gewährt werden sollen.  

Zeitungsberichte aus der Monarchie zeigen, dass Wiener Bürgermeister schon damals Paaren zur goldenen Hochzeit gratulierten. Bereits zu dieser Zeit überreichte das Rathaus auch monetäre Gaben. Damals waren es 50 Kronen, inflationsbereinigt vermutlich mehr als heute. Dennoch bleibt die Zuwendung, im Zeitalter angekündigter Sparkurse, eine willkommene Geste. 

Im Festsaal des Rathauses geht die Feier nach fast drei Stunden zu Ende. Die Kellner räumen ab, vor der Fotobox wird es ruhiger. Für die McEwens war es ein besonderer Nachmittag - auf das nächste Hochzeitsjubiläum freuen sie sich jetzt schon. 

Kevin Yang

Kevin Yang

seit 2024 Redakteur und Faktenchecker bei profil Digital. Schwerpunkte: Arbeitsmarkt, Wirtschaftsrecht und Wohnbau. Davor bei „Wiener Zeitung“ und ORF.