"More Than Naked": Doris Uhlichs Erkundung des nackten Körpers

"More Than Naked": Doris Uhlichs Erkundung des nackten Körpers

Schamlos und dennoch unschuldig: Die Wiener Choreografin Doris Uhlich legt mit "more than naked" eine faszinierende Erkundung des nackten Körpers auf der Bühne vor.

Ein Zucken und ein Rucken, nacktes Fleisch klatscht brutal auf nacktes Fleisch, Oberschenkel werden gequetscht, Bäuche ins Schwabbeln gebracht, Hintern in Schwingungen versetzt, Brüste wie Sandsäcke den Gesetzen der Schwerkraft ausgesetzt. Bald schon spritzt der Schweiß der 20 Tänzerinnen und Tänzer, die körperliche Schwerarbeit leisten, bis in die erste Zuschauerreihe. Kein Zweifel: Hier geht jemand aufs Ganze - und bleibt trotzdem völlig unverkrampft.

Schwabbelige Angelegenheit
In ihrer jüngsten Arbeit "more than naked“ gelang der Wiener Choreografin Doris Uhlich ein eigenwilliger Spagat: Selten hatte man nackte Körper auf der Bühne wilder, schamloser und ungehemmter agieren erlebt, und trotzdem fühlte sich keiner im Publikum provoziert. Viele der vorgeführten Stellungen sahen auf den ersten Blick nach Pornopose aus, und trotzdem behielt der Abend eine erstaunliche Unschuld, eine lässige Ironie, über die man ungezwungen lachen konnte. Das bodenständige Fazit dieser radikal zur Schau gestellten Nacktheit war nämlich: Unser Körper, selbst wenn er so gut trainiert ist wie jene der Profi-Tänzer auf der Bühne, ist eine schwabbelige Angelegenheit. Bei jedem hängt etwas, egal, ob er dick oder dünn ist. Die befreiende Botschaft des neo-hippiesken Abends lautete unterschwellig: Lass uns Spaß an unserem Fleisch haben!

Ausgelassenes Treiben im Paradies
"Gewissermaßen erhält hier die Bühnennacktheit die Unschuld zurück, die sie nie hatte“, schrieb das deutsche Online-Forum Nachtkritik nach der Premiere im August 2013. "Kindlich reiben die Performer einander die Wangen und Waden und testen aus, welche Geräusche wohl das Zusammenklatschen vom eigenen Popo und dem Bauch der Kollegin erzeugt; ausgelassenes Treiben im Paradies vor dem Sündenfall.“ Und Helmut Ploebst, der Tanzkritiker der österreichischen Tageszeitung "Der Standard“, lobte: "Mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit stellt sie den Körper hier von seinen Fassaden frei und schlägt ein neues, entspannteres Denken über die Nacktheit im Tanz und in der Gesellschaft vor.“

„Fetttanztechnik”
Die Produktion "more than naked“ entstand aus einem Workshop im Rahmen des Wiener Sommerfestivals ImPulsTanz. Doris Uhlich, die in ihren bisherigen Stücken bereits mit Laien ("Glanz“, 2009) und Balletttänzerinnen in Rente ("Spitze“, 2008 und "Come Back“, 2012) gearbeitet hatte, bot 2011 erstmals einen Nackttanzkurs für Profi-Tänzer an. "Ich merkte damals, alle anderen Workshops begannen über meinen Kurs zu reden, jeder war neugierig, wie das abläuft.“ Im Jahr darauf kamen bereits doppelt so viele Teilnehmer. Von der ersten Stunde an wurde nackt geprobt, und auch Uhlich, die unterrichtete, war die meiste Zeit über ohne Kleider. "Außer mir wurde kalt, weil ich selbst nicht mittanzte“, erzählt sie pragmatisch und erklärt, wie ihre "Fetttanztechnik“ entstand: "Als Tänzerin arbeitet man eben mit dem eigenen Körper, dann kommt es automatisch zur Frage: Was tanzt da eigentlich? Aus Neugierde zieht man irgendwann den Sport-BH aus und erkennt: Meine Brüste haben ein Gewicht. Dann schaut man einfach, wie hoch die springen können.“

Fettpölster zu Barockklängen
Es gehört zu den Stärken der eigenwilligen Choreografin und Tänzerin, sich nicht wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hinter einem abgehobenen Theoriekorsett zu verschanzen. Die Arbeiten der gebürtigen Oberösterreicherin, Jahrgang 1977, haben Hand und Fuß, Arsch und Brüste. Sie sind bodenständig in einem durchaus komplexen Sinn. Sie sprengen die üblichen Formate und gängigen Körperbilder. "Das Kluge passiert in meiner Arbeit aus dem Körper heraus, es wird nicht drübergestülpt“, so Uhlich im profil-Gespräch (siehe Interview). Uhlich nähert sich ihrem Thema mit persönlichem Interesse und einer gewissen Sturheit. Erst im Alter von 30 Jahren begann sie mit dem Spitzentanz. Über eine klassische Ballettfigur verfügte sie schon damals keineswegs. Aber gerade das macht den Reiz ihrer Arbeiten aus: Sie stellt den nicht normierten, nicht angepassten und durchtrainierten Körper ins Zentrum ihrer Produktionen. "Trotzdem hat der Zuschauer nie das Gefühl, einer intimen Nabelschau beizuwohnen“, befand der Kritiker Wolfgang Kralicek im deutschen Fachblatt "Tanz“: "Uhlichs Arbeiten sind inhaltlich zwar ungewöhnlich konkret, ihre strenge Form aber schafft Distanz.“ In "mehr als genug“ (2009) agierte die Choreografin selbst, interviewte Künstlerinnen via Telefon, erkundigte sich, welche Körper sie schön fänden, und legte anschließend nackt einen atemberaubenden Tanz hin, bei dem Unmengen an Puder durch die Luft wirbelten und ihre Fettpölster zu Barockklängen vibrierten.

Die aufwendige Produktion "more than naked“ besteht aus internationalen Tänzerinnen und Tänzern, die sich nun für ein neuerliches Gastspiel in Wien eingefunden haben. Uhlich selbst sorgt als Nackt-DJ für die schweißtreibende Musik, und die Choreografin hat bereits Pläne, ihr Gruppennackttanzstück zu erweitern: "Ich kann mir ‚more than naked’ gut als Generationsstück vorstellen, mit älteren Menschen und jüngeren gemeinsam, wo Fleisch aus unterschiedlichen Altersstufen aufeinander wabbelt. Einige meiner Tänzer meinten bereits, ihre Eltern würden gerne mitmachen.“ Uhlich wird dabei natürlich auch wieder auf der Bühne stehen: splitternackt mit einem Presslufthammer, der nicht nur extrem viel Lärm macht, sondern auch ihr Fleisch ordentlich wabbeln lässt.

Termin: 15.-18.1., "more than naked". www.wuk.at