Ex-Kanzler Sebastian Kurz vor Kameras

Ex-Kanzler Sebastian Kurz vor Kameras

© APA/HERBERT NEUBAUER

Gesellschaft
10/21/2021

Narzissmus: „So unfassbar geil“

Die Causa Sebastian Kurz beweist, dass auch die begabtesten Blender absturzgefährdet sind und Hybris Verstand und Anstand aushebeln kann.

von Angelika Hager

Bei seinem Facebook-Auftritt am vergangenen Donnerstag, knapp vor der Angelobung als Mandatar, ließ der Altkanzler seine „Freunde“ wissen, was er auch schon in früheren Erklärungen mantramäßig von sich gegeben hatte: „Ich bin kein Roboter“, „Auch ich bin nur ein Mensch“, „Auch ich habe Emotionen“. Und die seien bei ihm, wie auch bei anderen, nach den ungerechtfertigten Vorwürfen „Enttäuschung. Resignation. Wut“.

Bei diesem emotionalen Outing verzog Sebastian Kurz, seine Aussage fast konterkarierend, jedoch keine Miene und hob in wie einprogrammierten Abständen seine Arme auf halber Oberkörperhöhe, wie es Priester gerne beim Predigen von Kanzeln tun. Die perfekt einstudierte Handbewegung mutierte inzwischen zu einer Signature-Geste einer der am stärksten aufsehenerregenden Politkarrieren der Zweiten Republik.

Wie bei vielen solcher Karrieren, die Aufsehen im negativen wie positiven Sinn erregen, wird auch in der Causa Kurz sehr schnell Narzissmus als Erklärungsmodell benutzt. „Was mir inzwischen schon gehörig auf die Nerven geht“, so die Linzer Psychiaterin Heidi Kastner, die eben ein Essay in Buchform über „Dummheit“ publizierte. „Nicht jeder Mensch, der nach Macht strebt, ist ein Narzisst. Macht hat ja durchaus auch mit Gestaltungswillen zu tun. Es ist falsch, sie immer negativ zu konnotieren.“

Tatsächlich ist es unzulässig, laienhafte Ferndiagnosen zu stellen, denn mit der Etikettierung von Borderlinern, Psychopathen, Narzissten und Autisten wird in der therapiebesessenen Gesellschaft allzu schnell um sich geworfen. „Solche Labels werden einzelnen Personen nie gerecht, sie suggerieren eine Trennschärfe und Eindeutigkeit, die schlichtweg falsch ist“, zitiert die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki in ihrer Analyse „Blender im Job“ den Wirtschaftscoach Klaus Eidenschink, der sich mit narzisstischen Auffälligkeiten in Führungspositionen beschäftigt.

Das Studium der inzwischen sattsam bekannten Chatprotokolle in ihrem spätpubertären, von Emojis durchsetzten Verbalstil wie „So unfassbar geil!“ (Schmid zu Kurz über dessen Wahlsieg), „alte Deppen“ (Schmid über Mitterlehner), „Das stört den Arsch sicher am meisten“ (Kurz über Mitterlehner), „Vollgas geben“ (Kurz zu Schmid), „Bussi Thomas“ (Schmid zu Kurz) erweckt jedoch den Eindruck, dass sich eine Partie Halbstarker aus gutem Haus in einem interaktiven Computerspiel voll cool ein Fantasie-Land aufteilt.

Der Rudelführer dürfte gut damit leben können, dass er dabei von „einer Truppe von Speichelleckern und devoten Jasagern“, so die Journalistin Anneliese Rohrer, umgeben ist, die von ihrer Ergebenheit auch kräftig profitieren will. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hält Sebastian Kurz für „einen klassischen Machtpolitiker, der ganz strategisch vorgegangen ist, um sich die Macht zu sichern.“ Man erliege jedoch einer Fehleinschätzung, ihm ausschließlich Machthunger als Triebfeder und „kein politisches Programm“ zu attestieren: „Es geht ihm nicht nur um Macht, Kurz hat auch eine klare liberal-konservative Agenda.“

Weniger Milde walten lässt Anneliese Rohrer, seit Jahrzehnten versierte Kennerin der Psychodynamiken innerhalb der ÖVP. Kurz habe das Schicksal vorangegangener Wunderknaben wie einst Hannes Androsch, Bruno Kreiskys Ziehsohn und der damals jüngste Finanzminister, Karl-Heinz Grasser, Wolfgang Schüssels Schützling und ebenfalls Finanzminister, und FPÖ-Rebell Jörg Haider erlitten: „Mit freundlicher Unterstützung der ÖVP wurde der junge Mann haltlos verdorben und wie ein bewunderter Sohn hoch gehalten.“ Teilweise war sie damals irritiert, wie in Kurz’ Karriereanfängen „gestandene, altgediente ÖVP-Funktionäre in eine völlig kritiklose Devotheit verfallen sind, weil sie mit ihm auch ihre ökonomische Zukunft als Mandatare gesichert sahen.“ Bei manchen bröckelte dann doch der Lack: „Immer wieder kamen ÖVP-Leute von Gesprächen mit Kurz zurück und waren erschrocken und erstaunt, wie sehr der Mann keine Inhalte hatte.“

Und dann passierte das, was oft passiert, wenn alles allzu geschmiert läuft: „Kurz und seine gelackte Jungherren-Truppe, anders als Haiders vulgäre Buberl-Partie, begannen, sich nicht mehr zu spüren und verloren in der allseitigen Bewunderung die Bodenhaftung. Kurz hatte das Ziel der totalen Kontrolle. Diesen Angriff auf die Institutionen, den er in seiner völlig verquerten Sicht eines modernen Österreichs betrieb, den hat es in dieser Form noch nicht gegeben.“

Als „unreife Abwehrmechanismen, um den eigenen Selbstwert zu schützen“, bezeichnet der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller, der vor einigen Jahren mit dem Buch „Die Narzissmusfalle“ das psychologische Modephänomen analysierte, die respektlosen Äußerungen über Parteikollegen in den Chat-Vorlagen: „Abwertung ist bei solchen Blendern oft vorhanden.“ Die Abgehobenheit sei „mit einem Höhenrausch, dem sie mit wachsender Macht, zunehmend erlegen sind“, zu erklären. In diesem Hochgefühl werden Menschen, „egal ob sie Politiker, Serienkiller oder Manager sind, unvorsichtig“. Die Freude daran, „den Rest der Menschheit täuschen zu können, überwiegt alles andere“. Mit dem „Spaß“, an der Macht zu sein, und „dem Überlegenheitsgefühl, das sich mit gelungenen Täuschungsmanövern einstellte“, so Haller, gewann auch der Realitätsverlust innerhalb der „Basti-Bubble“, wie der deutsche Satiriker Jan Böhmermann das türkise System gerne nennt, an Fahrt.

Der Begriff, der all diese Facetten vereint, ist Hybris, jene Mischung aus Vermessenheit, Selbstüberschätzung, Hochmut, Anmaßung und einem Unverwundbarkeitsgefühl. Erstmals wurde der Begriff Hybris in altgriechischen Tragödien verwendet und bezeichnete das Verhalten von tragischen Helden, die sich den göttlichen Befehlen und Gesetzen widersetzten. Während in der antiken Dramatik Selbstüberschätzung von den Göttern ausnahmslos mit dem totalen Untergang bestraft wird, lief das in der politischen Realität der Gegenwart meist anders. Selten erlitten talentierte Blender das Schicksal des Jünglings Narcissus, der so sehr in sein im Wasser gespiegeltes Bild verliebt war, dass er letztlich darin ertrank. Ob sich dieses Schicksal auch für den „zu schönen, zu reichen und zu intelligenten“ Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser erfüllen wird, der natürlich gegen sein Gerichtsurteil einer achtjährigen Haftstrafe wegen Korruption im vergangenen Dezember in Berufung ging, steht noch aus. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy, der auf Fotos magischerweise gerne einen Kopf größer wirkt als seine Gattin Carla Bruni, muss indessen ein Jahr lang mit einer Fußfessel in seiner Pariser Zimmerflucht sitzen. 

Tatsächlich ist selbst die Definition der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, also Narzissmus in seiner krankhaften Auswirkung, in der alle fünf Jahre erscheinenden Diagnose-Bibel für psychische Erkrankungen, dem „Diagnostic and Statistic Manual of Mental Health“, erstellt, mehr als schwammig. Die dort angeführten neun Merkmale (fünf positive Antworten sind als Indikator zu werten) wirken so vage wie beliebig und scheinen bei näherer Betrachtung auf das Gros der von den Selbstinszenierungsplattformen der sozialen Medien beflügelten Menschheit anwendbar: „Übertriebenes Selbstwertgefühl, Fantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Schönheit oder ideale Liebe, das Gefühl der Einmaligkeit, Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung, Anspruchsdenken für eine bevorzugte Behandlung, Neidgefühle, arrogantes Verhalten, Mangel an Empathie und das Ausnützen von zwischenmenschlichen Beziehungen.“ Laut WHO leidet weltweit ein Prozent der Weltbevölkerung an einer solchen Diagnose.

Auf Instagram kann man sich täglich an den Visualisierungen dieser Gefühle ergötzen: Den Spitzenplatz belegt der portugiesische Fußball-Gott Cristiano Ronaldo, der seine 352 Millionen Follower nahezu tagtäglich mit Kostproben seines Bling-Bling-Lifestyles füttert; Supermodel Kylie Jenner, die Nummer zwei, zeigt sich diese Woche ihrer 273 Millionen starken Fangemeinde nackt und in roter Farbe gewälzt, um ihre Halloween-Kosmetiklinie zu promoten.

Rennfahrer Lewis Hamilton (vergleichsweise läppische 24 Millionen Follower) posierte kürzlich dort in seinem Met-Gala-Kostüm in Form eines halben weißen Tüllröckchens, um einerseits seine Gender-Fluidität, aber auch afroamerikanische Designer und vor allem  sich selbst zu promoten. Und Meghan Markle, die immer wieder betonte, wie sehr ihr das Interesse der Öffentlichkeit die Seelenruhe raubt, kann als „Duke & Duchess of Sussex“ zumindest zehn Millionen Menschen bei Laune halten. Dass sie der führende PR-Motor und die Strategin in der Partnerschaft mit Harry ist, ist nicht erst seit dem Oprah-Winfrey-GAU klar ersichtlich. In Österreich ragt der Rapper RAF Camora, der sich kürzlich zwecks Impfanimation im Migrantenmilieu beim Nadelstich abfilmen ließ, mit 1,8 Millionen Followern heraus. Im Vergleich zu solchen Celebrities erscheint Kurz mit einem Gefolge von 375.000 Fans nahezu bemitleidenswert.

Will Storr, Autor des Buches „Selfie: How We Became So Self-Obsessed“, sieht in der kollektiven Besessenheit mit der Selbstdarstellung eine so entlastende wie gefährliche Wirkung: „Die Methode der ständigen Selbstvergewisserung wiegt ihre Betreiber ständig in der Illusion, speziell und einzigartig zu sein.“  Wie sehr die Like- und Herzchen-Nervosität die Generation Tinder und Instagram psychisch beeinflusste, zeigen inzwischen diverse Studien in einschlägigen Fachmagazinen. Gemessen an gängigen Narzissmus-Tests habe sich unter US-Studenten der Anteil von narzisstischen Persönlichkeitssymptomen – verglichen mit den 1980er-Jahren – bereits im Jahr 2010 um 30 Prozent gesteigert. Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare wird in Roger Schawinskis narzisstischen Fallanalysen „Ich bin der Allergrößte“ mit den Worten „Könnte ich Psychopathen nicht im Gefängnis studieren – an der Wall Street würde ich genug von ihnen finden“ zitiert.

Der amerikanische Wirtschaftspsychologe Paul Babiak schreibt in seinem Buch über Psychopathologien in den Führungsetagen „Snakes in Suits“, dass der Anteil von Personen mit „dissozialen Persönlichkeitsstörungen“, sprich Psychopathen, sich in den obersten Stockwerken von Konzernen mit acht Prozent bemessen lasse, also achtmal so hoch sei wie innerhalb der weniger erfolgreichen Bevölkerung. Tatsächlich überkreuzen sich die Charakteristika von Psychopathen mit den Eigenschaften von Personen mit narzisstischer Persönlichkeitsstruktur häufig.  

Die Psychiaterin Heidi Kastner erklärt, dass Psychopathen sich vor allem „durch ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, durch das sie Menschen auch hervorragend manipulieren können“, charakterisieren. Ausschlaggebend dafür, dass sich Kastner in ihrem jüngsten Buch der Analyse von Dummheit widmete, war ihr ständiges Staunen über die wachsende Tatsache, dass „durchaus intelligente Menschen Fakten zunehmend ignorieren und ihre Meinungen und Gefühle völlig unreflektiert darüber stellen.“ Daraus resultieren neben „dummen Entscheidungen“ fehlende Selbsteinschätzung und Selbstüberhöhung, allesamt durchaus auch Eigenschaften, die sowohl auf Verschwörungstheoretiker, Anti-Impf-Aktivisten, Corona-Verharmloser, aber auch Spitzenpolitiker passen.

Im Falle des britischen Premierministers Boris Johnson kreuzen sich letztere Kategorien: Wie kürzlich durch dessen ehemaligen Berater Dominic Cummings ruchbar wurde, soll Johnson im Zuge des zweiten Lockdowns, damals noch ein Verfechter des Prinzips Herdenimmunität, voll Zorn in der Downing Street Nr. 10 ausgerufen haben: „Dann sollen sich halt die Leichen zu Tausenden stapeln!“

Das Urteil, ob dieser Mangel an Empathie als Symptomträger einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, gesellschaftsfähiger Psychopathologie oder einfach als Zeichen eines ordinären Egoismus zu deuten ist, steht dennoch niemandem zu – außer den behandelnden Psychiaterinnen und Psychiatern, und die unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Nur während Donald Trumps Präsidentschaft brachen einige reputierte amerikanische Psychiater ihren beruflichen Ehrenkodex und setzten Trumps Auftritte sogar als visuelles Unterrichtsmaterial bei ihren Seminaren für Persönlichkeitsstörungen ein. „Der Mann ist eine Bedrohung für die Demokratie“, rechtfertigte sich William Doherty, Psychologie-Professor an der Universität von Minnesota, damals „es ist unsere Pflicht, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen.“

Für Kreative ist es natürlich ein Fest, wenn die Aktualität ein eigentlich 127 Jahre altes Stück so taufrisch erscheinen lässt wie Oskar Wildes „Ein idealer Mann“, das Ende November im Wiener Theater in der Josefstadt Premiere feiert. Die Hauptfigur (gespielt von Michael Dangl) in der von Elfriede Jelinek bearbeiteten Komödie ist ein Politiker, dessen Vermögen und Karriere auf Trickbetrügereien fußt. Sätze wie „Eine politische Laufbahn ist ein Geschicklichkeitsspiel. Und manchmal auch ein Ärgernis“ oder „Die Wahrheit ist eine sehr komplizierte Sache. Und Politik ein sehr kompliziertes Geschäft“ werden das Publikum zum Johlen bringen. 

Üblicherweise wird bei den ersten Leseproben Schokolade gereicht. Die deutsche Regisseurin Alexandra Liedtke, verheiratet mit dem skandalumwitterten Ex-Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, verteilte, inspiriert durch den Sturzbach der Aktualität des Kanzler-Rücktritts, Schokobananen: „Das passte besser, denn man fühlte sich tatsächlich so, als ob man in einer Bananenrepublik gelandet ist. Oder in einem Schnellkochtopf der Korruption, was natürlich mit dem Wasserkopf Wien zu tun hat, wo die Seilschaften alle zusammenlaufen. Wir werden jeden Tag von den Ereignissen neu überrascht. Für unsere Arbeit ist das sehr inspirierend.“

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