Nova Rock Festival 2018 im Live-Blog: Heimspiel für Seiler und Speer

Nova Rock Festival 2018 im Live-Blog: Heimspiel für Seiler und Speer

Im burgenländischen Nickelsdorf dröhnen von Donnerstag bis Sonntag wieder die Gitarren, wenn zum "Nova Rock" Bands wie Iron Maiden, Volbeat oder Avenged Sevenfold anreisen. Insgesamt werden mehr als 200.000 Besucher erwartet. Das Festival im Liveblog:

Tag 2: Wer braucht Originalität: Avenged Sevenfold und Prodigy


Die beiden Headliner am zweiten Tag des Nova Rock in Nickelsdorf im Burgenland mögen nicht die Originellsten gewesen sein. Aber Avenged Sevenfold und The Prodigy erfüllten ihre Rolle mit Bravour. Auch wenn der Publikumszuspruch hinter manch vergangener Festivalausgabe zurückblieb, war die Leistung auf den Bühnen doch durchwegs ansprechend - was man davor nicht von allen Bands behaupten konnte.

Avenged Sevenfold legten in dieser Hinsicht ein Best-of hin - der gesamten Rockhistorie. Böse Zungen behaupten ja gerne, dass die US-Band eigentlich nur kopiert. Aber letztlich setzt sie ihre Zutaten sehr überzeugend zusammen, wenn etwa "God Damn" ordentlich aus den Boxen schepperte oder "Buried Alive" Eingängigkeit mit Härte kombinierte. Ob man letztlich ankommt oder nicht, liege auch an den Fans, wie Gitarrist Zacky Vengeance vor dem Gig gegenüber der APA zu verstehen gab. "Sie diktieren, wie die Shows ablaufen." In dieser Hinsicht war das Nova-Rock-Publikum offenbar eher auf statische Performance eingestellt - erst nach einigen Nummern kam Bewegung in die Bude.

Mit Feuerfontänen, einem überdimensionalen Totenschädel bei "Hail to the King" und reichlich Feuerwerk zum Abschluss von 90 druckvollen Minuten taten Avenged Sevenfold jedenfalls das ihre, um zu überzeugen. "Du gehst da raus und gibst dein Bestes - egal, wie viele Leute vor dir stehen", meinte Vengeance. "Manchmal bist du nervös, manchmal nicht. Aber du musst sie überzeugen." Eine Aufgabe, die schlussendlich auch gelungen ist. Und neue Anhänger können sich durchaus auf einiges gefasst machen, arbeite man doch an neuem Material. "Die Reise geht einfach weiter, und wir versuchen einen kreativen Weg zu finden, um alle zufriedenzustellen. Wir wollen das gleiche Album nicht zwei Mal abliefern, was mit der Zeit natürlich schwieriger wird. Aber dieser Herausforderung stellen wir uns", so der Musiker, der auch zu verstehen gab: "Kreativität ist in einer Band immer auch Kompromiss."

Solche gab es bei den Breakbeat-Punks von The Prodigy nicht, die Briten nehmen nämlich keine Gefangenen: subversiv, laut, grell, böse, mitreißend ist die Gruppe. "The Day Is My Enemy" heißt der Titelsong ihres bisher letzten Albums. Und als genau dieser Track mit einer ungeheuren Wucht, begleitet von einer grell-hysterischen Lichtshow, aus den Boxen kam, nein detonierte, da zweifelte man nicht an dem Zusatz "The Night Is My Friend". Finster bellte Einpeitscher MC Maxim Reality ins Mikro, wie ein Derwisch, der die Sonne scheut, tänzelte Sänger Keith Flint herum, während die Band um das Gehirn Liam Howlett elektronische Musik mit Rock ungehemmt paarte.


Die Cyberpunk-Hymne "Omen" hatte das Set eröffnet, Maxim Reality rief vor einer futuristischen Kulisse seine "Nova People" zu sich. Immer wieder und wieder. "Nasty" fuhr wenig später in die Magengruben, "Wild Frontier" klang nicht weniger rau, roh, derb und doch voller Finesse und von einem unwiderstehlichen Beat begleitet, eine kunstvolle Watschen sozusagen. Darf's noch ein bisserl härter sein: "Roadblox" explodierte förmlich. Die bösen Buben unter den Dancefloor-Klassiker, gut im Set verstreut, zündeten wie erwartet: "Firestarter", "Breathe", "Smack My Bitch Up" - The Prodigy sind eine Macht.

Überraschend viele Leute hat auch Rapper Jugo Ürdens angezogen. Das junge Aushängeschild der Wiener Rapszene nutzte gemeinsam mit Kollege Einfachso den sonnigen Nachmittag auf der Red Bull Stage und ließ bei Nummern wie "Yugo" die Hände in die Luft gehen. "Ich dachte, es funktioniert gar nicht. Dann das!", schmunzelte der sympathische Musiker nach seinem Gig. "Super, es war echt was los." Dass um ihn seit einiger Zeit ein ganz schöner Rummel entstanden ist, nimmt Ürdens relativ gelassen. "Ich bin ja noch echt überschaubar von der Größe. Es ist schön, dass es wächst, aber eben sehr kontinuierlich und angenehm."

Im Oktober steht dann endlich das Debüt des Rappers in den Läden. Derzeit wird noch an den letzten Stücken gefeilt, der Abgabetermin naht. Während also Acts wie Moneyboy und Yung Hurn auch in Deutschland mit ihrer zeitgenössischen Deutung von Hip-Hop reüssieren konnten, kündigt sich hier der nächste Durchstarter an, der sampelbasierte Rapkunst mit modernen Zügen zusammenführt. "Wo ich mich seh?", runzelte Ürdens auf die entsprechende Frage die Stirn. "Das kann ich gar nicht sagen. Ich hoffe schon, dass es etwas Eigenes ist." Jedenfalls funktioniert es in der Szene offenbar ebenso gut wie auf einem Rockfestival. Chapeau!

Ziemlich zeitgleich ließen auch Arch Enemy nichts anbrennen und brachten genau das auf die Pannonia Fields mit, was ihre Fans erwarten - Melodic-Death-Metal für die Massen. Sängerin Alissa White-Gluz grölte sich im engen Leder durch alte und neue Songs, die Kollegen an den Instrumenten fegten so heftig wie ein nordburgenländisches Sturmtief durch die Gehörgänge. "Wir haben bereits 100 Shows mit dem neuen Album ('Will To Power', Anm.) gespielt. Wir haben jetzt genug Selbstsicherheit, was das aktuelle Material betrifft", sagte Bandgründer und Gitarrist Michael Amott vor dem Auftritt. Man will ihm gar nicht widersprechen.

Auch die schönste Party verträgt einen Schuss Sozialkritik. Dafür waren heute auf der Blue Stage Rise Against und auf der Red Stage Bad Religion zuständig. Über die sich für Tierrechte einsetzenden Punk-Hardcore-Combo aus Chicago freuten sich nicht nur die Betreiber der Veggie-Stände, die stattliche Menge vor der Bühne hatte Spaß - es ging wild zu. Auch bei den älteren Kollegen aus Los Angeles wurde, wenn auch nicht so heftig, getanzt. Bad Religion haben über die Jahrzehnte nicht an Relevanz verloren. Denn wenn man auch den Sound keinen großen Experimenten aussetzt, so überzeugen (wie auch in Nickelsdorf) die Spielfreude und die Botschaften der Truppe um den promovierten Evolutionsbiologen (der mittlerweile auch wie ein solcher ausschaut) Greg Graffin am Mikro.

Relaxed und stilsicher gab sich Gentleman, der mit seinen Reggae-Rhythmen aus dem Rockfestival für einige Zeit ein Sunsplash machte. Man dankte für die eleganten Farbtupfer und die sonnengetränkten Songs an einem Tag, dessen Programm über weite Strecken ein wenig belanglos und zerfahren wirkte. Anders formuliert: Der Nova-Freitag hatte gute Momente, ein paar schlechte - und wenig außergewöhnliche. Wer sich daran störte, konnte aber immerhin noch auf Late-Night-Act Otto und sein komödiantisches Programm hoffen.

Das war der erste Nova Rock-Tag

Eine Konstante gab es am ersten Nova-Rock-Tag: Regen und Wind ließen sich einfach nicht abschütteln. So waren auch die Bedingungen beim Auftritt von Marilyn Manson auf der Blue Stage alles andere als gemütlich. Der US-Schockrocker zeigte sich davon einigermaßen unbeeindruckt, was man ihm und seiner Band aber leider auch zurückgeben konnte. Bemüht, aber nicht wirklich zwingend gelang diese Show.

Beim Einstieg mit dem "Irresponsible Hate Anthem" war von der Wut des Brian Warner, wie Manson bürgerlich heißt, kaum etwas zu spüren. Dazu kam ein arg dünner Sound, der sich erst im Laufe der ersten Viertelstunde einigermaßen einpendeln sollte. Die schon ältere Großtat "Angel With the Scabbed Wings" punktete dann immerhin mit einem dynamischen Wechselspiel, allerdings schafft es Manson mittlerweile nicht mehr, eine solch düstere Atmosphäre zu erzeugen, die ihn Ende der 1990er zum Superstar werden ließ. Leider ging es ihn derselben Manier weiter: "Deep Six" war kantig, aber wenig mitreißend, "Disposable Teens" zwar eingängig, aber letztlich auch etwas schal. Schade, denn nicht nur war Manson nach der Absage der Toten Hosen als Headliner auf der Blue Stage eingesprungen, sondern hat auch schon bedeutend bessere Konzerte abgeliefert. Die Gefahr früherer Tage ist leider verblasst.

Eine gänzlich andere Show lieferten Thrice kurz davor als Headliner der Red Bull Stage: Die US-amerikanische Truppe, die gleichermaßen Alternative Rock wie Hardcore bedient, war ein definitives Highlight am ersten Tag. Knochentrocken spielten Dustin Kensrue und Co ihre Songs herunter, vom mitreißenden "Hurricance" über das eingängige "All The World Is Mad" bis zur Abrissbirne "Yellow Belly". Man darf sich freuen, hat die Band doch neues Material für dieses Jahr angekündigt. "Es ging sehr schnell, jedenfalls fühlte es sich so an", meinte Gitarrist Teppei Teranishi vor dem Auftritt.

Wirklich viel verraten wollten die Musiker, die mittlerweile beim Label Epitaph gelandet sind, allerdings nicht. "Jedes Album ist ein bisschen anders. Jedes Mal, wenn du schreibst und Songs aufnimmst, ist das wie eine Momentaufnahme davon, wo du dich gerade befindest", so Teranishi. "Dich beschäftigen neue Dinge, also fühlt sich auch eine neue Platte anders an." Gemessen an dem bisherigen Output von Thrice muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen: Abwechslung dürfte garantiert sein. Ob wütender Breakdown, melancholisches Zwischenspiel oder mitsingtaugliche Refrains - dieses Quartett schüttelt all das leicht aus dem Ärmel. Und kann live immer noch ein Schäuferl zulegen, wie sich an diesem Abend zeigte.

Davor gab es bei der deutschen Band Kraftklub reichlich Mitmach-Action, gibt die Gruppe doch alles im Austausch mit den Fans. Nachdem eingangs ein paar rote Rauchschwaden gen Himmel zogen, gab es eine gute Stunde lang Punkrock- und Indie-Attitüde mit reichlich Witz. Dass es der Formation um Sänger Felix Brummer "eine verdammte Ehre" war, vor dem Nova-Rock-Publikum zu spielen, nahm man ihr nur zu gern ab. Selbst wenn man recht kritisch mit den Anhängern ins Gericht ging, sind diese doch "Mainstream". Nein, Scherz beiseite. Am Ende gab es das obligatorische Wett-Crowdsurfen der Bandmitglieder, bei dem sie von einer Mini-Stage inmitten der Menschenmenge zur Bühne zurück mussten. Aufgabe gelungen!

Eine Institution des Thrash Metal animierte parallel dazu auf der Red Stage zum Headbangen der alten Schule: Megadeth starteten mit "Hangar 18" und machten sofort klar, worum es ging: Riffs, Soli (gefühlte 20 im ersten Song) und noch mehr Riffs. Die Performance von Dave Mustaine und Co litt besonders anfangs unter dem schlechten Sound, es hätte lauter und druckvoller sein dürfen. Auf die Warnung "The Threat Is Real" - Weltverschwörungen haben es dem Mastermind der Band angetan - folgte das Groove-Monster "Wake Up Dead", ein unverwüstlicher Klassiker der Gruppe, der aber an gesanglichen Schwächen litt. Mit "Symphony Of Destruction" und "Peace Sells" holten Megadeth noch weitere Genre-Meilensteine aus dem Köcher. Da war die Kraft dieser Musik endlich zu spüren. Mit "The Mechanix", das später bei Metallica "The Four Horseman" heißen sollte, gab es dazwischen einen Track aus der Geburtsstunde des Thrash zu hören - eine Nachhilfestunde für junge Metalheads. Über seine Zeit "bei der anderen Band" spricht Mustaine übrigens nicht gerne. Etwas lahm kam das an sich wuchtige "Dystopia" vom gleichnamigen aktuellen Album rüber, es lief nicht alles rund an diesem Abend für die Metal-Ikone.

Für Seiler und Speer war ihr wiederholter Auftritt am Nova Rock ein Heimspiel. Auf die rhetorische Frage "Gemma's an?" ließ das von einer kompetenten Band unterstützte Duo "Servas baba" folgen, es machte sich Volksfeststimmung breit. Mit Textzeilen wie "Jo heite sauf ma wieder wie die Lecha" konnten viele Besucher ja wirklich was anfangen. "Bist du deppert", wie Christopher Seiler auf die frenetische Reaktion der wirklich imposanten Menge vor der Blue Stage reagierte. Die Mundartrocker beackerten das musikalische Feld querfeldein, betteten Balladen zwischen Gassenhauer, Funk-Kracher zwischen dumpfen Prolo-Rock und tropische Rhythmen. "Ham kummst" musste natürlich auch sein.

Gleichzeitig hatten auch Parkway Drive auf dem zweiten Hauptschauplatz regen Zuspruch - da wurde erst richtig klar, wie viele Besucher das Nova Rock anzieht. Die australische Metalcore-Partie enttäuschte nicht: Energisch legten die Headliner auf der Red Stage los, begleitet von heftigen Double-Bass-Attacken und wütenden Gitarren brüllte sich Sänger Winston McCall die Seele aus dem Leib. Der Songtitel "Destroyer" war Programm, besser lässt sich Aggression kaum kanalisieren. Dass die Band auch den Groove gepachtet hatte, zeigte sich bei der Zugabe, die dann mit reichlich Feuer auf der Bühne zelebriert wurde.

Nova Rock-Tickets können nach Tote Hosen-Absage retourniert werden

Tageskarten für den Donnerstag beim Nova Rock können nach der Absage der Toten Hosen zurückgegeben werden. Wie das Festival in einer Aussendung mitteilte, wird statt der Band rund um Frontmann Campino, der vor einigen Tagen einen Hörsturz erlitten hat, nun Marilyn Manson als Headliner auf der Blue Stage fungieren. Auf der Red Stage rücken Parkway Drive als Headliner nach.

Die Tote Hosen müssen Nova Rock-Auftritt absagen

Die Toten Hosen kommen nicht zum Nova Rock. Nach einem Hörsturz von Sänger Campino musste die Band bereits Konzerte in Berlin und München absagen, nun kann auch der Auftritt am kommenden Donnerstag in Nickelsdorf nicht stattfinden. "Es tut mir wahnsinnig leid, ich hatte mich selbst sehr auf diese Abende gefreut", so Campino am Dienstagnachmittag auf der offiziellen Facebook-Seite der Band.

"Trotz der Umstände bin ich guten Mutes, bald wieder an den Start gehen zu können, denn ich bin in besten Händen und werde intensiv betreut. Kleine Fortschritte sind auch schon zu verzeichnen", so das Posting weiter. Die Ärzte hätten ihm dringend geraten, Lärm- und Stresssituationen zu vermeiden.

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