Mit der Damen-Abfahrt am Sonntag begann für das österreichische Olympia-Team gleich eine Serie an vierten Plätzen: Conny Hütter verpasste das Podium genauso um Medaillenbandbreite wie die Skispringerin Lisa Eder auf der Normalschanze und Stefan Rettenegger in der Nordischen Kombination, was im WM-Studio des ORF jeweils wortreich bedauert wurde.
Das Leid vor den TV-Schirmen war kaum geringer, Olympia ist immer noch die beste Gelegenheit, um die schlimmsten TV-Spots des Jahres zu erleben. Anfang der Woche war dieser Effekt besonders stark bemerkbar, weil parallel zum Olympiabeginn das Finale der US-Footballmeisterschaft ausgestrahlt wurde. Bei der Super Bowl geben sich die Werbetreibenden ja traditionell besonders viel Mühe, und auch in diesem Jahr wurde den amerikanischen NFL-Fans kein einziger Spot mit singender Möbelhausfamily in KI-Schnitzel-Verkleidung zugemutet. Wenigstens hat das Internationale Olympische Komitee darauf verzichtet, sein offizielles Fan-T-Shirt zu den Spielen 1936 per ORF-Kampagne zu bewerben (ausverkauft war es trotzdem sofort).
Feiertag und Pensionsantrittsalter
Olympische Weisheit, Teil zwei: Reden ist Silber, auch weinend mit Bronze. Als der norwegische Biathlet Sturla Holm Lægreid während seines Medailleninterviews am Dienstag live in Tränen ausbrach, lag es nicht an seinem soliden dritten Platz, sondern: „Vor sechs Monaten habe ich die Liebe meines Lebens kennengelernt. Vor drei Monaten habe ich den größten Fehler meines Lebens gemacht und sie betrogen. Das war die schwerste Woche meines Lebens.“
Laut deutschem Boulevard ist ein Happy End im Hause Lægreid derzeit nicht in Aussicht, und auch das norwegische Langlauf-Establishment war reichlich verschnupft angesichts der Tatsache, dass Lægreid dem Olympia-Sieger, seinem Landsmann Johan-Olav Botn, mit derartigem Privatkram die Show stahl.
So etwas wäre dem österreichischen Alpin-Snowboarder Benjamin Karl nie im Leben passiert. Herr Karl weiß, wie man Aufmerksamkeit auf sich lenkt und sie dort auch behält. Er nimmt dabei Anleihen an den Allergrößten: Nach seinem Sieg im olympischen Parallel-Riesentorlauf am Sonntag empfahl Karl seinen Teamkollegen via ORF, sich zur Motivation auch – wie er – eine BBC-Dokumentation über Usain Bolt anzuschauen, weil: „Die motiviert, da sind Sätze drin, mega!“
Kurz zuvor hatte er sich im Zielraum sein Trikot à la Hermann Maier vom Leib gerissen. Auf einen Benjamin-Karl-Feiertag möchte er, trotz dringlicher Anfrage im ORF-Interview, allerdings verzichten: „Ich bin gegen Feiertage. Die Leute sollten wieder mehr in die Hände spucken.“
Gerade bei den österreichischen Alpin-Snowboardern braucht sich diesbezüglich wirklich niemand etwas vorzuwerfen, hier wird ja teils weit über das Sportlerpensionsalter hinaus gecarvt. Claudia Riegler ist mit 52 sogar die älteste Athletin bei den Spielen 2026, ihr Teamkollege Andi Prommegger auch schon 45, der Pongauer hat gerade seine sechsten Olympischen Spiele hinter sich gebracht. Und sogar Benjamin Karl fährt seit dem vergangenen Herbst in der Ü40.
Rodelgefahren und Pinguingang
Lindsey Vonn wiederum hat ihre freiwillige Rückkehr aus dem Ruhestand leider mit einem krachenden Abflug und schweren Verletzungen bezahlt und dazu auch noch jede Menge Hätte-sie-wäre-sie-Häme abgekriegt. Die reflexartige Besserwisserei der Experten ließ sich offenbar ebenso wenig unterdrücken wie das Gesäusel der fliegenden Vuvuzelas, die die Wintersportler bei diesen Spielen auf sämtlichen Pisten und Rampen begleiten.
Sogar durch den Eiskanal von Cortina fetzt eine surrende Kameradrohne. Die österreichischen Rodler ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen und sortierten sich gleich einmal ganz vorn im Medaillenspiegel ein. Den Silbermedaillenlauf von Jonas Müller im Herren-Einsitzer verfolgten Bundeskanzler Stocker und Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer übrigens live am italienischen Eiskanal, sie waren wegen eines Tourismus-Events im Österreicher-Haus zufällig in der Nähe.
So weit überliefert, kam es dabei zu keinen politischen Ausrutschern. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) empfiehlt bei Glatteis übrigens den sogenannten Pinguingang: „Dabei tritt man mit nach außen gedrehten Zehenspitzen vollflächig auf, verlagert sein Gewicht leicht nach vorn für einen optimal stabilen Schwerpunkt und bewegt sich nur mit kleinen Schritten.“
Laut KfV-Unfalldatenbank verletzen sich in Österreich durchschnittlich 6500 Menschen pro Jahr durch Stürze auf Glatteis so schwer, dass sie im Spital behandelt werden müssen. Insofern ist sogar das Rodeln vergleichsweise ungefährlich, dabei sind pro Saison nämlich nur 2100 krankenhausreife Verletzungen zu beklagen. Aufpassen lohnt sich natürlich trotzdem.
Und wer wissen will, wie man sich auf glattestem Parkett mit vollendeter Harmonie bewegt, der schaut einfach Curling (vorzugsweise beim Auftritt der schwedischen Nerd-Ikonen und Olympiasieger Isabella und Rasmus Wranå) oder bestaunt den US-Frisurenweltmeister und „Quad King“ Ilia Malinin. Und nein, es handelt sich nicht um einen professionellen Strandbuggy-Fahrer, sondern um den maßgeblichen Eiskunstläufer der Gegenwart, der seinen Spitznamen wegen seiner immer noch konkurrenzlosen Vierfachsprünge trägt. Beim Olympia-Publikum reüssierte Malinin trotzdem eher mit seinen – technisch durchaus weniger anspruchsvollen – Saltos. Der Mann weiß halt, was Laien wollen.
Ski-Bro und Nerd-Ikonen
Und irgendwann im Lauf dieser Woche merkte dann auch der professionellste Zyniker, wie wohl diese Spiele wirklich tun, in denen sich, so weit wir das überblicken, tatsächlich niemand besonders unangenehm benimmt, wo – anders als in weiten Teilen der bewohnten Welt – keine prinzipielle Gehässigkeit herrscht, sondern ein fröhliches Winken, Lachen, Händeschütteln, wo kein Potentat sich aufführt und auch die Großkotze irgendwie sympathisch wirken, inklusive der Freund von Frau Leerdam.
Olympia ist, wenn man sich im Zweifel lieber füreinander freut oder halt über irgendeine Kleinigkeit. Außer natürlich über einen vierten Platz, über den freut sich niemand, nicht einmal die bereits in der Team-Kombi vergoldete Ariane Rädler, die Vierte im Damen-Super-G, in dem Conny Hütter endlich ihre Bronzemedaille gewann, oder die Herren Haaser/Matt in der alpinen Teamkombination, einem ernsthaften Spaßbewerb, den niemand so ganz für voll nimmt, außer eben die Viertplatzierten.
Aber tatsächlich war auch dieser Bewerb sehr lustig, vor allem aber die Siegerehrung mit vier ex aequo Zweiten am Stockerl, die nicht nur alle eine Medaille kriegten, sondern jeweils auch ein Plüschmaskottchen. Überreicht wurden Letztere mit burschikosem Handshake vom FIS-Präsidenten und obersten Ski-Bro Johan Eliasch im feinsten Bond-Bösewicht-Outfit. Olympische Weisheiten, dritter Teil: Würde ist ein Konjunktiv: wenn man sie denn hätte.