Zoran Barisic und Dietmar Kuehbauer am Samstag, 22. März 2014, während der Tipp3- Bundesliga Begegnung zwischen SK Rapid Wien und RZ Pellets WAC in Wien.

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Fußball
12/05/2021

Rapid und Austria: Ziemlich beste Freunde

Freunderlwirtschaft ist bei den Wiener Großklubs Rapid und Austria gelebte Tradition. Sie wird nicht einmal verschleiert, sondern sogar zelebriert. Das hat Folgen.

von Gerald Gossmann

Es war einfach wieder einmal Zeit für Vereinsfolklore: Am 10. November ersetzte ein Fußballgott einen Fußballgott auf der Trainerbank des SK Rapid Wien. Die Rapid-Ikone der 2000er-Jahre, Steffen Hofmann, sprang für den geschassten Rapid-Helden der 1990er-Jahre, Dietmar Kühbauer, ein. Hofmann besitzt zwar keinen Trainerschein (weshalb er vom Sohn der Rapid-Legende Josef Hickersberger unterstützt wurde), aber: Sportdirektor (und Rapid-Legende) Zoran Barišić benötigte Zeit, um einen geeigneten Nachfolger zu finden. Im Präsidium des Vereins beriet derweil Ex-Spieler Gerry Willfurth die Entscheidungsträger. Und selbst Wirtschafts-Geschäftsführer Christoph Peschek ist seit Kindertagen ein Grün-Weißer – einst gar mit einem Stammplatz auf der Fantribüne Block West. Bei Personalentscheidungen sei ihm „bei gleicher Kompetenz der Rapidler lieber“, betonte Peschek im profil. 

Rapid ist mehr Familie denn Verein. So folgte dem Abgang des legendären Stadionsprechers Andy Marek keine Stellenausschreibung, sondern sein Sohn Lukas. Und Sportdirektor Barišić kommentierte den Rauswurf seines Kumpels Kühbauer im Stil einer Trauerrede: Es sei „ein sehr trauriger Tag für Rapid und ein sehr trauriger Tag für mich persönlich“. 

Auch Rapids Stadtrivale Austria tickt ähnlich: Helden aus Spielerzeiten prägen als Trainer, Sportdirektoren, Manager und Souffleure die Wiener Großklubs – und werden oft freihändig in wichtige Ämter gehievt. Die übertriebene Vergangenheits-Beweihräucherung wird zur verkorksten Gegenwartsbewältigung. Auch deshalb stecken die beiden Klubs regelmäßig im Krisenmodus – dem FK Austria droht aktuell gar der finanzielle Kollaps. So ist das 334. Wiener Derby an diesem Sonntag nicht einmal mehr ein Spitzenspiel: Die Violetten liegen auf dem siebten, Rapid auf dem achten Tabellenplatz.

Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten: Die Austria möchte auf dem Rasen tänzeln wie zu Herbert Prohaskas Zeiten. Rapid sehnt brüllende Kämpfer wie Kühbauer herbei. Die Wiener Großklubs von heute versuchen, die Wiener Großklubs von gestern zu sein – und taumeln zwischen Wehmut und Wehklagen. Elf ehemalige Rapid-Spieler wurden in den vergangenen 30 Jahren zu Rapid-Trainern: von Krankl bis Kühbauer. Beim FK Austria waren es sogar 15. 

Nun rufen einstige Helden im Verein zwar kitschige Erinnerungen an bessere Zeiten hervor, doch im neuen Berufsfeld erzeugen sie selten das ersehnte Déjà-vu. Hans Krankl konnte als Trainer keine Tore schießen, Wohlfahrt als Sportchef keine Bälle halten. Und der einst mutige Kühbauer verlor sich auf der Trainerbank in wehleidigem Lamento. Die Vereine treten auf der Stelle – oder sacken wie der FK Austria gar in tiefrote Zahlen ab. Immerhin 40 Millionen Euro hat Rapid heuer umgesetzt. Damit erzeugt der Verein für die – immer noch – vielen Fans eine Zauberwelt aus Retro-Kitsch. Das Rapid-Vereinsmotto „Kämpfen und Siegen“ orientiert sich an den Grundtugenden des 122 Jahre alten Klubs. Bei der zur Noblesse verpflichteten Austria spricht man von „Anspruch und Stil“.

Zwar wurde so der große Markt hartgesottener Fußball-Puristen bei der Stange gehalten. Doch das hilft alles nichts, wenn auf dem Feld zu oft verloren wird. Seit 13 Jahren hat Rapid keinen nennenswerten Titel mehr gewonnen, die Austria auch schon seit acht.
Das Patentrezept für die vielen Krisen bleibt: eine Legende in einem hohen Amt. Was anderswo zu Recht als Freunderlwirtschaft verteufelt würde, wird im Fußball-Milieu vom eigenen Anhang (schon aus Anstandsgründen) nicht nur toleriert, sondern sogar frenetisch gefeiert.

Eine Vereinslegende ist in der Hierarchie eines auf traditionellen Werten beruhenden Klubs ein pater familias, der eine ernsthafte Auseinandersetzung oder gar Kritik oft verunmöglicht. Einem Familienmitglied als Trainer oder Sportdirektor pinkeln auch kritische Fans nicht so schnell ans Bein. Damit liebäugeln Vereine wie Rapid, die ihren Anhang mit Blick auf drohende Ausschreitungen nicht ständig in Wallung wissen wollen und sich darum wie Familienclans organisieren. Wer dabei wen instrumentalisiert, ist längst nicht mehr klar. Dietmar Kühbauer besetzte auf Druck des harten Fankerns die Trainerbank. Nach seinem Rauswurf hielt der Anhang ein Transparent in die Höhe, das den Familiensinn betonte: „Echte Rapidler sind bei uns immer willkommen. Danke für alles Didi.“

Nur wer den Verein kenne, so sagt man bei Rapid und Austria, könne ihn verstehen, fühlen und ihm schlussendlich auch helfen. Das eigene Weltbild verhindert den Blick auf die restliche Welt.

Ein Karriereturbo ist ein Posten bei Rapid jedenfalls nicht: Der letzte Trainer, der von Rapid in eine bedeutende Liga wechselte, war Otto Barić Mitte der 1980er-Jahre. Trotzdem wird ein Fußballgott nach dem anderen zum Messias erkoren, der im Alleingang die Erlösung bringen soll. Die Freunderlwirtschaft verfolgt Rapid teils auch auf verworrenen Wegen. Mit dem deutschen Sportdirektor Andreas Müller versuchte der Verein vor sieben Jahren eine Internationalisierung. Die Schalke 04-Legende ersetzte heimische Freunderlwirtschaft durch deutsche Kumpanei und verpflichtete ihren alten Vereinskumpanen Mike Büskens als Trainer. Beide scheiterten.

Beim FK Austria haben aktuell Trainer, Sportdirektor, Akademieleiter, mehrere Nachwuchsbetreuer, ein Scout und sogar ein Physiotherapeut eine Vergangenheit als violette Spieler. Die Vereins-Ikonen Toni Polster, Thomas Parits, Franz Wohlfahrt und Peter Stöger prägten den Verein auch als Manager.

Vor sechs Jahren empfahl der Jahrhundert-Austrianer Herbert Prohaska seinen Spezi, den ehemaligen Austria-Torhüter Wohlfahrt, als Sportchef – obwohl dieser bis dahin bloß als Tormanntrainer und in Unterligen gearbeitet hatte. „Franz Wohlfahrt hat ein klares Konzept vorgelegt“, betonte der damalige Austria-Präsident Wolfgang Katzian. Wohlfahrt präzisierte: „Ich habe präsentiert, dass ich Zeit brauche, um klare Konzepte zu erstellen.“ Nach drei Jahren wurde Wohlfahrt entlassen – kurz nachdem sein Vertrag um drei Jahre verlängert worden war. Vereinslegende Andreas Ogris, der jahrelang die Austria-Amateure trainierte, danach vertrieben und schließlich wieder heimgeholt wurde, hielt bei seiner Rückkehr vor jubelnden Fans triumphierend fest: „Ich bin zurück in meinem Wohnzimmer.“ Legenden nützen die emotionale Abhängigkeit ihrer Herzensvereine, die sich zu lebenslangem Dank verpflichtet fühlen – und mit dem Glanz der Altstars goldene Zeiten zu rekonstruieren versuchen.

Eine Spielerlegende muss nicht zwangsläufig eine schlechte Wahl sein: Hickersberger, Peter Pacult und Stöger (im Duo mit dem aktuellen Austria-Trainer Manfred Schmid) holten auch als Trainer Meistertitel in Wien. Es ist nachvollziehbar, dass Vereine mit großer Geschichte ihre Vergangenheit rühmen – nicht jeder muss im Stil von Red Bull Salzburg die eigene Historie eiskalt auslöschen. Hohe Ämter müssen dennoch keine verschenkt werden. In vielen Fällen genügt ein Platz auf der Ehrentribüne.

Rapid-Sportdirektor Barišić betonte zuletzt, „keinen Trainer mit Stallgeruch“ zu suchen, wiewohl er nicht wisse, „was so schlecht dran ist“. Der neue Trainer Ferdinand Feldhofer ist im Verein jedenfalls bestens bekannt: Vor 15 Jahren schoss er Rapid zum Meistertitel. Den 42-jährigen Steirer auf seine Rapid-Vergangenheit zu reduzieren, wäre jedoch unfair. Er hat als Trainer des Wolfsberger AC zuletzt beachtliche Europacup-Erfolge gefeiert und den Ruf eines akribischen Taktikers. Der SK Rapid legte kurz vor seiner Präsentation freilich Wert auf ein anderes Faktum: „Der Meister von 2004/2005 ist zurück in Hütteldorf!“