Roman "Nachkommen.": Marlene Streeruwitz kritisiert Literaturbetrieb

Roman "Nachkommen.": Marlene Streeruwitz kritisiert Literaturbetrieb

In ihrem neuen Roman verkündet Marlene Streeruwitz das Ende der Literatur. "Nachkommen.“ ist dennoch ein fulminanter Roman geworden.

Österreichs Kulturministerin absolviert einen Wohlfühltermin auf dem wichtigsten Literaturfest der Welt. "Wenn ich schon auf der Frankfurter Buchmesse bin, dann möchte ich auch alle österreichischen Erfolge genießen“, sagt die Politikerin zu der Jungautorin, bevor der Tross mit der Ministerin zum nächsten Termin zieht. "Das war ja ein Spuk“, resümiert der Verleger der Autorin die Stippvisite. "Die österreichische Kulturministerin. Schau. Schau.“

Es ist eine von vielen gespensterhaften Szenen in Marlene Streeruwitz’ neuem Roman, die der Protagonistin Nelia Fehn widerfahren. Fehn ist in "Nachkommen.“ - nur echt mit dem Punkt hinter dem Begriff - die fiktive Nachwuchsschriftstellerin, die es mit ihrem Debütroman auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Bei der Preisverleihung geht Fehn leer aus.

"Literaturkränzchen" Frankfurter Buchmesse
Die Reise nach Frankfurt lohnt sich für sie dennoch, nicht nur wegen des ministeriellen Händedrucks, sondern auch deshalb, weil laut Streeruwitz’ drastischer Diagnose der Countdown zum Untergang der Belletristik bereits begonnen hat: "Literatur ist eine Kulturtechnik, die gerade zu Ende geht“, schreibt sie: "Alles andere war wichtiger geworden.“ Frankfurt, so lässt die Wiener Autorin ihre Heldin sagen, sei nur mehr ein "Literaturkränzchen“, ein "Zirkus“, eine "betrübliche Angelegenheit“. Auf der Buchmesse geistert ein Kritiker mit Thomas-Mann-Faible, der an den unlängst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki erinnert; die Querelen um den fiktiven Pangää-Verlag verweisen auf die jahrelangen Grabenkämpfe um Suhrkamp, die eine Mäzenin klagen lassen: "Ade, Literaturverlag. Ich glaube, ich werde mich lieber in die bildende Kunst hineininvestieren.“ Dennoch ist "Nachkommen.“ weder Schlüsselroman noch bloßer Literaturbetriebsabgesang - Streeruwitz selbst stand 2011 mit ihrem Roman "Die Schmerzmacherin.“ auf der Shortlist für den Buchpreis (den schließlich Eugen Ruge für "In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gewann).

Unterhaltungsliteratur sieht anders aus
Marlene Streeruwitz, 64, ist eine Autorin des kalten Blicks, der Detailschärfe, der fast arithmetischen Exaktheit, die in ihren Erzähltableaus eine Vielzahl von Themen und Aktualitäten verschränkt. Ihre Romane sind hochartifizielle Wortgebirge, in denen die Sprache und die formale Bewerkstelligung des jeweiligen Romansujets stets mitreflektiert werden. Unterhaltungsliteratur sieht anders aus.

Literarische Gesellschaftskritik
In "Nachkommen.“ ist von der Körpergröße der Jungautorin (1,80 Meter) ebenso die Rede wie von der Tagestemperatur (10 Grad), von Abflugzeiten (14.10 Uhr) wie von Autonummernschildern mit Ziffernwiederholung (F-RS-666. OF-MS-555). Das "Dingsda“ bereitet Nelia im Frankfurter Hotel Kopfzerbrechen. Vergeblich versucht sie, dem Kästchen neben der Zimmertür, in das sie ihre Schlüsselkarte steckt, einen Namen zu geben. "Zimmerkartensteckkästchen. Zimmerkartensteckschlitz.“ Virtuose Protokollliteratur, die Streeruwitz auch auf die Innenwelt ihres Erzählpersonals anzuwenden weiß - gepaart mit jener Schlagfertigkeit, die von der institutionalisierten Literaturkritik bei dieser Autorin häufig übersehen wird; fast reflexartig scheint Streeruwitz mit dem grundernsten Handwerk des Gesellschaft-Sezierens assoziiert. "Wenn sie so groß sein hätte sollen wie ihre Gefühle“, witzelt Streeruwitz dagegen über ihre Heldin: "Sie hätte als Jumbojet herumkurven müssen.“ Das Schlaraffenland sei, resigniert die Vegetarierin Nelia, nie fleischlos gewesen. "Das Denken blieb ein Durcheinander“, notiert Streeruwitz. "Die Gedanken ineinander fahrend. Wünsche stiegen in die Vorwürfe. Zerfielen. Ein Brei. Hinter der Stirn ein Brei von Schwarz und Weiß und die Sehnsucht im Bauch und in der Brust.“ Bereits Jean Paul wusste: Sprachkürze gibt Denkweite.

Dazwischen "realer Gegenwartsirrsinn"
Dieselbe Akkuratesse, die Streeruwitz den Alltagsbanalitäten angedeihen lässt, wendet sie im Großen auf. Wohl nicht zufällig führt Nelias Weg im Getümmel der Buchmesse an einem Verkaufsstand mit Puzzles vorbei. "Puzzles für jede Altersstufe., Auch für Hundertjährige’ stand auf dem Plakat.“ So beiläufig wie sinnvoll blendet Streeruwitz Bilder des realen Gegenwartsirrsinns ein. Ein Bekannter Nelias ist IT-Millionär, weil er Apps entwickelt hat, mit denen man auf Handys das Wetter abrufen kann. In Griechenland fährt einem jungen Mann bei einer Demonstration ein Polizeiwagen so über die Füße, dass ziemlich alle Knochen brechen. Im Iran wird der Lyriker Hashem Shaabani wegen angeblich religionsfeindlicher Tätigkeit hingerichtet. Literatur, die sich den drängenden Fragen nicht widmet, ist keine.

Für den kommenden Herbst kündigt Streeruwitz’ Stammverlag Fischer übrigens einen Roman mit dem Titel "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ an. Marlene Streeruwitz übernimmt darin die Rolle der Debütantin Nelia Fehn und schreibt deren Erstlingswerk. Kein Untergangsszenario.