Die Methode bezeichnet die Kyrokonservierung, bei der unbefruchtete Eizellen (im Idealfall noch in den Zwanzigern einer Frau, grenzwertig ab Mitte 30) entnommen und eingefroren werden, um sie auch noch Jahre später mithilfe künstlicher Befruchtung in einem Labor für In-vitro-Fertilisation (IVF) nach ein paar Tagen in die Gebärmutter einzusetzen. Nach Vorstufen in den späten 1980er-Jahren wurde das Verfahren 2013 offiziell anerkannt.
Diskurswogen schlugen 2014 hoch, als Konzerne wie Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen im gebärfähigen Alter das „Freezing“ bezahlten. Kritiker nannten das neokapitalistischen Missbrauch, nach dem Motto: Die Frauen mögen ihre Schaffenskraft ihren Arbeitgebern und nicht der Familiengründung widmen.
„Mit fortschreitendem Alter verschlechtert sich die Qualität der Eizellen“, warnt der Gynäkologe und Reproduktionsmediziner Christoph Kindermann vor allzu großem Optimismus, „das heißt auch, je länger man wartet, desto höhere Kosten, weil mehrere Durchgänge notwendig sein werden“.
Der kaltgestellte Kinderwunsch
Schätzungen zufolge muss man inklusive der notwendigen Medikamente pro Durchgang mit circa 6000 Euro rechnen, Einlagerungsgebühren von 500 bis 800 Euro kommen nach dem ersten Jahr noch hinzu. Im Vorfeld müssen sich die Patientinnen einer hormonellen Behandlung unterziehen, um die Eizellenproduktion zu stimulieren. Eine Prozedur, die tatsächlich auch nicht ohne Schmerzen und zeitlichen Aufwand ist. „Du musst am ersten Tag deiner Periode beginnen“, so Carina, „und dir immer zum gleichen Zeitpunkt die Spritze setzen. Ich habe die Medikation gut vertragen, aber Freundinnen klagten beispielsweise über Wasserablagerungen und extreme Müdigkeit. Man fühlt sich ja wie schwanger.“ Beim sogenannten Auslöseverfahren werden die Eizellen unter einer leichten Narkose entnommen: „Das ist schon ein Eingriff, der, zumindest bei mir, auch krampfartige Schmerzen und echte Erschöpfung nach sich zog.“
In Österreich ist diese Methode, den Kinderwunsch fürs Erste kaltzustellen und zu einem späteren, günstigeren Zeitpunkt zu realisieren, in einem Frauenleben bislang verboten gewesen. Erlaubt war das Vertagen des Kinderwunsches nur mit einer medizinischen Indikation wie einer Krebserkrankung mit beispielsweise bevorstehender Chemotherapie, Endometriose (einer Gewebserkrankung außerhalb der Gebärmutter, die zu Unfruchtbarkeit führen kann) oder einem geringen AMH-Wert (der Anti-Müller-Hormonwert, der über Eizellenreserven Auskunft gibt) erlaubt. Das fiel dann unter „Medical Freezing“. Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) hob diese Einschränkung auf. Bis April 2027 muss die Regierung das Gesetz reparieren und über medizinische Fälle hinaus öffnen.
Eva, heute 37, eine Österreicherin, die in Brüssel lebt und arbeitet, erzählt aber auch, „dass in meinem Wiener Freundinnenkreis durchaus auch Adressen von Gynäkologen herumgereicht wurden, die Diagnosen frisierten, um das Einfrieren ‚medizinisch‘ notwendig zu machen.“ Sie selbst hat die Prozedur vor einigen Jahren in Brüssel in einem Spital machen lassen: „Das ist in Belgien weit verbreitet. Das Thema ist völlig schambefreit, und das Verfahren selbst läuft nahezu wie in einer Fabrik ab. ‚Social Freezing‘ ist im liberalen Belgien längst im Alltag angekommen. Bei uns ist es noch eher ein totales Bobo-Phänomen.“
Die 31-jährige ÖVP-Familienministerin Claudia Bauer (vormals Plakolm) schreibt zwar noch keine Briefe an alle 29-jährigen Frauen im Land, wie dies die französische Regierung tut. In dem Schreiben macht die Republik ihre gebärfähigen Bürgerinnen auf ihre begrenzte Fruchtbarkeit und die staatlichen Hilfen zur Familienplanung aufmerksam, „Social Freezing“ inklusive. In Frankreich trägt der Staat die gesamten Kosten dafür bis zum Erreichen des 39. Geburtstags. Drei Prozent der Französinnen zwischen 25 und 44 Jahren – oder 245.000 Frauen – haben ihre Eizellen bereits einfrieren lassen oder befinden sich gerade im Verfahren.
So weit sind wir noch lange nicht. Doch auch Österreichs Familienministerin sieht akuten Handlungsbedarf und wettert auf Instagram regelmäßig gegen Influencerinnen, die „Kinderlosigkeit feiern“ oder „es bereuen, Kinder bekommen zu haben“.
Und sie gibt Interviews, in denen sie ihre Vorstellungen von „Social Egg Freezing“ skizziert. So fordert sie ein Höchstalter für das Einsetzen konservierter Eizellen zwischen 45 und 50.
Neos-Abgeordnete Henrike Brandstötter würde die Altersgrenze am oberen Ende ansetzen. Brandstötter war schon sehr früh und alleinerziehend Mutter eines Sohnes geworden: „Ich würde sogar für 49 Jahre, quasi vor Beginn der Menopause, plädieren. Natürlich ist es schwer vorstellbar, dass eine 65-jährige Frau sich mit einem heftig pubertierenden Kind herumschlagen muss, aber die individuelle Lebensgestaltung und freie Entscheidung ist uns das Wichtigste, auch in dieser Causa.“
Bleiben Solo-Mütter ausgeschlossen?
Die Interviewpartnerinnen, die den Prozess des „Freezings“ bereits hinter sich haben, hatten für sich selbst die Grenze mit 40 Jahren gezogen, um mit einer IVF loszulegen. „Länger möchte ich dann nicht mehr warten“, so Carina, „aber ein Singlestadium soll mich nicht hindern, diesen Schritt zu gehen. Da bin ich schon auch ein bisschen Rebellin. Prinzipiell mache ich zunehmend die Erfahrung, dass gute Freundinnen sowieso fast wertvollere Partner sind als Männer in klassischen Beziehungen.“
„Ich war übrigens die einzige Person aus der Politik“, so Henrike Brandstötter, „die bei dieser Verhandlung vor Ort war.“ Brandstötter sitzt gemeinsam mit der Parteireferentin für Gesundheit und Gleichbehandlung, Stefanie Braunisch, im Wiener Café Bräunerhof. Sie bezieht sich auf den Sommer 2025, als eine 37-jährige Frau, die anonym bleiben will, mit dem juristischen Beistand des Wiener Anwalts Matthias Brand vor den Verfassungsgerichtshof zog, weil sie das Verbot für „Social Freezing“ ohne medizinischen Grund „für verfassungswidrig“ erachtete und es gegen „das verankerte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens“ verstoße.
Im Oktober 2025 bekam die Frau Recht, das Verbot wurde gekippt. Aber tatsächlich bleibt eine extrem dringliche und gesellschaftspolitische Frage noch offen: Werden auch alleinstehende Frauen, ohne Partner in Sicht, die ihre Eizellen auftauen und per IVF befruchten lassen wollen, die Möglichkeit haben, Samen auf unkompliziertem Weg, also beispielsweise aus einer Samenbank, zu bekommen? „Da müssen wir ein Gesamtpaket schnüren, das auch diese Fragestellungen berücksichtigt. Warum sollen Frauen nicht eine Samenbank benützen können, wenn sie keinen Partner haben? Wollen wir allen Ernstes, dass diese Frauen wieder ins Ausland pendeln müssen?“
In Ländern wie Dänemark, Spanien, Deutschland (unterschiedliche Handhabung in Kinderwunschkliniken) oder Belgien ist eine IVF der aufgetauten Einzellen mit Spendersamen ohne Angabe von Gründen möglich. In Tschechien oder der Slowakei ist Samenshopping ebenfalls nur in einer Partnerschaft oder Ehe möglich.
Die Frage, ob künstliche Befruchtung weiterhin nur in einer Ehe oder Partnerschaft möglich ist, mit oder ohne vorhergehendes „Freezing“, wird bald vor dem Verfassungsgerichtshof (VfGH) verhandelt werden. Die Initiative „Solo-Mütter by Choice“ hat einen Antrag gegen das Gesetz eingebracht. Die Höchstrichterschaft muss nun entscheiden, ob in Österreich alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch diskriminiert werden.
ÖVP-Familienministerin Bauer bleibt in dieser Frage auf halbem Weg stehen. Denn sie spricht nur von „Paaren“, die ihren Kinderwunsch durch die vorhergehende Lagerung von Ei- oder Samenzellen eher verwirklichen können, nicht auch von alleinstehenden Frauen. Von der gesellschaftlichen Realität – Statistik Austria spricht von rund 100.000 Single-Frauen in Österreich zwischen 30 und 40 – lässt sie sich nicht beeindrucken: „Aus meiner Sicht sollte der IVF-Fonds für Paare geöffnet werden, die Ei- oder Samenzellen eingefroren haben und diese für einen Versuch verwenden, Eltern zu werden.“
Die Familienministerin hält also eisern am Modell der Kernfamilie fest, auch beim „Social Egg und Sperm Freezing“. Für sie ist die Methode nur für Paare gedacht, die ihren Kinderwunsch auf später verschieben. Doch wie realistisch ist es heute noch, dass junge Frauen in ihren fruchtbarsten Jahren bereits in so stabilen Partnerschaften leben, dass sie Schwangerschaften mit demselben Partner auf viele Jahre vorausplanen? Die Statistiken zeigen vielschichtige Facetten von Lebensmodellen.
Zur Frage, ob auch das „Social Egg Freezing“ finanziell unterstützt werden könnte, wie es die Grünen fordern oder wie Frankreich es zu 100 Prozent praktiziert, kommt die ausweichende Antwort: „Machen wir einen Schritt nach dem anderen.“
Die ÖVP-Ministerin betrachtet das Thema also durch die Familienbrille und nicht die einer Feministin. Ihre Parteikollegin, die Tiroler ÖVP-Landesrätin für Familie, Astrid Mair, passt sich da viel eher den gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen an. Für sie ist es „nicht mehr zeitgemäß“, dass „alleinstehende Frauen für eine künstliche Befruchtung ins Ausland fahren müssen“, erklärt sie gegenüber der „Kronen-Zeitung“. Gesellschaft und Familienformen hätten sich verändert.
Progressiver ist Familienministerin Bauer jedenfalls, wenn sie auch Männern „Social Sperm Freezing“ nahelegt, mit dem Hinweis: „Die durchschnittliche Spermienkonzentration ist seit den 1970er-Jahren um 50 Prozent gesunken.“ Es kostet auch nur einen Bruchteil.
Das Alter lässt sich nicht auf Eis legen
Der langjährige Leiter der Frauenheilkunde am AKH Peter Husslein kritisiert die mangelnde Aufklärung, was medizinische Risiken betrifft: „Die Eizellen können Sie ewig einfrieren. Es ist jedoch nicht gesichert, dass die Patientin nach einer IVF dann auch tatsächlich schwanger wird. Wenn sich eine Frau mit 39 zum ‚Social Freezing‘ entschließt, würde ich ihr sowieso davon abraten, denn da ist die Qualität schon merklich schlechter. Und wenn sie mit 45 kommt und ihre eingefrorenen Eizellen befruchten lassen will, aber ihre Gebärmutter voller Myome ist, wird sie wahrscheinlich auch nicht schwanger werden. Darauf und auf die damit verbundenen Kosten, wobei die IVF dann noch dazukommt, muss man die Patientinnen aufmerksam machen.“
Die Garantie, dass ein aufgeschobener Kinderwunsch auch tatsächlich bei Bedarf klappt, ist nicht gegeben. Abgesehen davon, dass nur 10 bis 15 Prozent der Frauen ihre eingefrorenen Eizellen dann auch tatsächlich benutzen.
Die US-Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Leah McKendrick hat aus dieser vertrackten Situation, die sich im sozialen Bermudadreieck zwischen glückstrunkenen Erstgebärenden und lausigen Dates mit Online-Flirts abspielt, aus persönlicher Betroffenheit 2023 den Film „Scrambled“ gemacht. Wie ihre Anti-Heldin Nellie ließ auch McKendrick mit 30 Jahren ihre Eizellen einfrieren, nachdem ihr Gynäkologe sie auf ihre dramatisch sinkende Fruchtbarkeit aufmerksam gemacht hatte und sich kein Mann in Griffnähe befand, mit dem an Familiengründung zu denken war.
„Du kannst dich noch mit 70 mit einer 30 Jahre jüngeren Influencerin fortpflanzen“, erklärt ihre Nellie einem Kollegen, „aber bei mir fährt der Zug demnächst ab.“
Wobei auch späte Möchtegern-Väter sich im Klaren darüber sein sollten, dass die Spermienqualität ab 40 Jahren deutlich abnimmt und ab dann auch das Risiko für Fehlgeburten und genetische Veränderungen steigt.
„Ab 40“, so der Reproduktionsmediziner Christoph Kindermann, „mehren sich die Chromosomenbrüche in den Spermienköpfen“.
Ein bisschen Gerechtigkeit gibt es dann doch.