Yotam Ottolenghi steht an einem Schneidbrett und filetiert Zitronen
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Mit Hirn, Charme und Melone: eine Begegnung mit Yotam Ottolenghi

Yotam Ottolenghi ist der einflussreichste Kochbuchautor seit Jamie Oliver. Dieser Tage wurde er in Wien gefeiert. Eine Begegnung (mit Spuren von Small Talk).

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Wir haben mit Omar nie über Israel gesprochen. Er hätte wohl einiges zu berichten gehabt, schließlich war er in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon aufgewachsen. Mit der Flüchtlingswelle 2015 war er nach Wien gekommen, hier hatten wir ihn kennengelernt. Ein paar Mal war er zum Essen bei uns, und irgendwann hielten wir es für eine gute Idee, ihm ein Gericht aus Yotam Ottolenghis „Jerusalem“ zu servieren: Hühnerschenkel mit karamellisierten Zwiebeln und Kardamom-Reis. Ich glaube, es hat Omar geschmeckt; was er sich dabei gedacht hat, in Wien ausgerechnet das Gericht eines weltberühmten jüdischen Kochs vorgesetzt zu bekommen, weiß ich nicht. Wir haben mit Omar nie über Israel gesprochen. Aber wir haben Ottolenghi für ihn gekocht, weil es eine gute Zeit versprach, Leichtigkeit und Neuigkeit und Weltläufigkeit. Außerdem sah das Gericht auf dem Foto wirklich sehr, sehr gut aus.

Das Konzept „Salat als Hauptspeise“

Yotam Assaf Ottolenghi, geboren am 14. Dezember 1968 in Jerusalem, hat Millionen Menschen in aller Welt beigebracht, was Rosenharissa ist und wie man eine Salzzitrone verwendet; er hat sie dazu angestiftet, nach Sumach oder Zatar zu suchen und gegen alle Instinkte schwarz fermentierten Knoblauch zu kaufen. Er hat elf Kochbücher auf den Markt gebracht, die kulinarisch und visuell stilprägend wurden, hat Gerichte lanciert, die exotische Kombinationen zum Grundprinzip machten und immer auch optisch Eindruck schinden. Stil ist auch eine Geschmacksfrage. Er hat Shared Plates und das Konzept „Salat als Hauptspeise“ durchgesetzt, er hat bunt gemusterte Hemden salonfähig werden lassen, Regenbogenfamilien für den Mainstream normalisiert und den Nahostkonflikt zu einer Angelegenheit gemacht, über die man bei gefüllten Auberginen und Berberitzenreis sprechen könnte.

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.