"Uff! Ächz! Stöhn!": Micky Maus in der Krise

DONALD BEIM STEPHANSDOM: In den Geschichten im Heft kommen auch immer wieder aktuelle Ereignisse vor, zum Song Contest besichtigten die Ducks beispielsweise Wien.

DONALD BEIM STEPHANSDOM: In den Geschichten im Heft kommen auch immer wieder aktuelle Ereignisse vor, zum Song Contest besichtigten die Ducks beispielsweise Wien.

Das "Micky Maus“-Heft leidet unter der Printkrise und hat enorm an Auflage verloren. Ingrid Brodnig, 30, sorgt sich um das Kultprodukt ihrer Kindheit.

In der Volksschule lautete unsere Glaubensfrage: "Magst du lieber Micky oder Donald?“ Die coolen Kids votierten für Donald, den Pechvogel mit den Tobsuchtsanfällen. Ich gehörte zu den weniger coolen Kindern, ich mochte den Streber Micky.

Unsere Pausen spielten sich halb im Schulhof, halb in Entenhausen ab. Wir erzählten uns die Witze aus der neuesten "Micky Maus“, brachten die beigelegten Furzkissen zum Einsatz und verschlangen im Pulk die neueste Ausgabe. Das Heft war mein erstes Printabonnement. Jeden Donnersduck, so der Werbeslogan, landete es im Briefkasten.

Nur noch ein Schatten seiner selbst

Vorbei sind die Zeiten, in denen Micky und Donald solch einen Einfluss am Pausenhof hatten. Das Heft aus dem Egmont Ehapa Verlag heißt mittlerweile offiziell "Micky Maus Magazin“, ist aber nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Berliner "Tagesspiegel“ lamentierte neulich: "Entenhausen bangt: Auch das ‚Micky Maus Magazin‘ muss in der digitalen Medienwelt ums Überleben kämpfen.“

Laut deutscher Auflagenkontrolle IVW schrumpfen die Absatzzahlen stetig. Verkaufte das Comic-Heft im ersten Quartal 1998 noch 700.000 Stück, waren es heuer im Vergleichsquartal nur noch 107.000 Exemplare. Ein Sechstel von früher.

"Uff!“ "Ächz!“ oder "Stöhn!” würde Donald da schnattern. Und die Neunjährige in mir wundert sich: Was ist nur mit dieser Publikation passiert, die sich einst am Cover als "größte Jugendzeitschrift der Welt“ bezeichnete? Wieso ist Mickys Auflage so mickrig geworden?

Die einfachste Erklärung wäre wohl, dass Kids heute wenig lesen, dass sie lieber auf ihren Smartphones herumwischen, als in einem Printmedium zu blättern. Ganz so alarmierend sind die Zahlen gar nicht: Laut Egmont Ehapa Verlag schmökern nach wie vor 77 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen jede Woche in einem Buch und 74 Prozent von ihnen in einer Zeitschrift. Der Mythos der Jugend als zeitungsferne Illiteraten scheint eine kulturpessimistische Erfindung der Erwachsenen. Allerdings stieg der Wettbewerb stetig.

Aus heutiger Sicht hatten wir Kinder der 1980er-Jahre wenig Auswahl. Sicher: Es gab Comics wie "Fix und Foxi“, dessen gleichnamiges Brüderpaar und die resche Oma Eusebia eine Alternative zur Famile Duck boten. Aber oft konnten wir in der Trafik nur zwischen "Micky Maus“, dem "Lustigen Taschenbuch“ und "Wendy“, der Pferdezeitschrift für Mädchen, wählen. Selbst im Jahr 1997 erzielten diese drei Publikationen noch drei Viertel aller Verkäufe im Kindersegment.

Heute ist auch der Kinderzeitungsmarkt zersplittert. Die Bevölkerung Entenhausens muss mit rund 200 Nischenpublikationen konkurrieren. Für Buben mit Bauklotzaffinität gibt es das Magazin "Lego Ninjago“, für Mädchen, die auf Kleber und Glitzer stehen, die Zeitschrift "Prinzessin Lillifee Bastelzauber“. Diese Magazine sind nicht ansatzweise so erfolgreich wie die "Micky Maus“, die noch immer die Nummer eins im Kindersegment ist, doch sie ziehen dem Blatt Leser ab.


Wo sind die Filme, wo die Versuche, Micky und Donald wieder richtig populär zu machen?

Nächstes Jahr feiert das Heft sein 65. Jubiläum, und Disney tut bedauerlich wenig, um seine Protagonisten jünger wirken zu lassen. Wo sind die Filme, wo die Versuche, Micky und Donald wieder richtig populär zu machen?


Das Blatt führt einen Rückzugskampf. Sollte es irgendwann (in hoffentlich weiter Ferne) dann "Aus die Maus“ heißen, bleibt Hoffnung: Vielleicht kann auch das Disney-Heft als Nostalgieblatt neu aufgelegt werden. Das passierte bereits der Jugendzeitschrift "YPS“, die jahrelang eingestellt war. 2012 kam das Comicmagazin für junge Abenteurer erneut auf den Markt - als Publikation für die heutigen Erwachsenen, die in "YPS“ blättern und sich an die eigene Kindheit erinnern wollen. Eine Nostalgiepublikation mit großem Erfolg (siehe unten).

Micky und Donald kämpfen tapfer, für viele Volksschüler sind sie aber nur noch zwei von vielen Comicfiguren, die für Unterhaltung sorgen. Auch dazu hat Donald einst den richtigen Spruch geäußert: "Lebt wohl Kinder! Lebt ewig wohl! Ich ziehe mich von der Welt zurück. In die Besenkammer!“

Rückblickend muss ich gestehen: Donald ist schon der wesentlich Coolere von den beiden.

YPS, I did it again!

Reanimation durch Sympathie: die Wiederauflage von "YPS”.

Warum kaufen Menschen Zeitungen? Sympathie ist einer der wichtigsten Faktoren. 25 Jahre lang sprach das "YPS“-Magazin junge Entdecker an und lieferte mit jeder Ausgabe skurrile Gimmicks. Am berühmtesten sind die "Urzeitkrebse“, die man im Wasserglas heranzüchten konnte. Aber auch das "Abenteuerzelt“ oder das "Um-die Ecke-Fernrohr“ waren beliebt neben den vielen Comics. Im Oktober 2000 stellte der Egmont-Ehapa-Verlag "YPS“ ein. Nach dem Versuch, das Heft 2005 sowohl für Erwachsene als auch Kinder neu zu beleben, schlug Chefredakteur Christian Kallenberg etwas Ungewöhnliches vor: "Wir versuchten 2012 herauszufinden, wer sich noch mit der Marke beschäftigte. Das waren nicht die Kinder von heute, sondern die Kinder von damals, die sich das Heft zurückwünschten. Da ich auch zu dieser Zielgruppe gehöre, habe ich gesagt: Hey, lass mich doch ein Heft für mich selbst machen, ein ‚YPS‘ für erwachsene Kinder.“

Das neue "YPS“ war als einmalige Retronummer gedacht. Die Ausgabe war aber so schnell vergriffen, dass das Magazin mittlerweile alle zwei Monate erscheint. Sehen Sie hier ein profil-Videointerview mit Christian Kallenberg.

YPS Chefredakteur Kallenberg im Interview