FUSSBALL: WM-QUALIFIKATION: TRAINING ÖSTERREICH: FODA

Franco Foda. Der Trainer hat den Draht zu seiner Mannschaft verloren. Die jüngsten Niederlagen erhöhen den Druck.

© APA/HERBERT PFARRHOFER / HERBERT PFARRHOFER

Fußball
09/13/2021

ÖFB: Was geschah vor, während und nach der EM wirklich?

Teamchef Franco Foda wird mannschaftsintern weitgehend abgelehnt. Die Reaktion des ÖFB: Kritiker wurden entfernt und kollektiver Jubel ausgerufen. Das rächt sich nun.

von Gerald Gossmann

Vor der Europameisterschaft zog der Präsident höchstpersönlich die Notbremse. Die Kritik am Teamchef war bis zu ÖFB-Boss Leopold Windtner vorgedrungen. Die Liste der Vorwürfe war lang: Franco Foda sei wenig kommunikativ, stur, zuweilen aufbrausend, er trainiere die immer gleichen Inhalte, lasse zu abwartend und einfallslos Fußball spielen - entgegen den Vorzügen seiner Kicker, die bei Real Madrid, Bayern München, RB Leipzig, in Barcelona und Bologna spielen, sprich: in den besten Ligen der Welt. "Sie haben immer mehr die Lust am Fußballspielen verloren", betont einer, der hautnah an den Spielern dran ist, gegenüber profil.

Windtner, 71, schien an der Aufarbeitung interessiert: Lange hatte der ehemalige Generaldirektor der oberösterreichischen Energie AG nicht mehr als Macher agieren dürfen, bei Entscheidungen wurde er häufig von den ÖFB-Landesverbandspräsidenten unterbuttert. Nun schien seine Stunde gekommen. Der Präsident ordnete einen Teambuilding-Lehrgang für Foda und dessen Trainerstab an, eine Art Führungskräfteschulung in einem Thermenhotel am Neusiedler See. Dort erklärte etwa der ehemalige Pressesprecher des FC Bayern, Markus Hörwick, wie sich erfolgreiche Trainer verhalten. Foda, so wird es profil von mehreren Seiten beschrieben, habe aufmerksam gelauscht und sei zu Beginn der EM-Vorbereitung ein anderer Mensch gewesen: höflich, witzig, weniger oberlehrerhaft und gesprächig.

Julian Baumgartlinger fehlt dem ÖFB-Team in der WM-Qualifikation

Die Verwandlung zeigte Wirkung: Österreich erreichte erstmals in der Geschichte ein EM-Achtelfinale. Foda rannte ausgelassen über den Platz, schickte Küsschen in Fernsehkameras, ließ bei einem Interview mit breitem Grinsen seine Familie grüßen. Doch der Adrenalinrausch hielt nicht lange. Am vergangenen Dienstagabend stand Foda kreidebleich vor den TV-Mikrofonen im riesigen, fast leeren Oval des Ernst-Happel-Stadions, in das sich keine 20.000 Zuschauer verirrt hatten, um einen Scherbenhaufen zu erklären: Die 2:5-Klatsche in Israel und das 0:1 gegen Schottland. "Foda raus",schallte es von den Rängen.

Die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 ist früh vergeigt. Doch das ist nicht das größte Problem des ÖFB. Der Teamchef hat den Draht zu einem Großteil seiner Mannschaft offenbar endgültig verloren. Die Ausnahmesituation Europameisterschaft hatte die Beziehungsprobleme kurzfristig überdeckt. Weder Spieler noch Teamchef wollten sich auf der Weltbühne blamieren und gingen Kompromisse ein. profil-Recherchen ergeben, dass der Rückfall hausgemacht ist: Kritiker wurden vom ÖFB entfernt, kollektiver Jubel ausgerufen-und auch Foda soll wieder ganz der Alte sein.

Ein perfektes Paar waren Foda und seine Spieler nie-zu unterschiedlich sind sie gestrickt: Foda trainierte früher Sturm Graz, viele Spieler agieren als Leistungsträger in Weltligen. Foda will zunächst einmal verteidigen, seine Spieler wollen angreifen. "Es ist dadurch immer wieder zu Diskussionen in der Kabine gekommen",erzählt einer aus dem engsten Kreis. Bei der 2:5-Niederlage in Israel stand ein verwirrtes Team auf dem Feld, das nicht so recht wusste, was es denn tun wollte: Die eigene Spielweise durchziehen oder jene des Trainers.

Zum sportlichen Dilemma gesellt sich Fodas Naturell. Seine Spieler, durchwegs gestandene Stars ihrer Zunft, behandelt er oft wie Schulbuben. Nach der 0:4-Niederlage gegen Dänemark im März dieses Jahres eskalierte die Lage: Foda soll in der Kabine so lautstark gegen seine Kicker gewettert haben, dass sogar Sportdirektor Peter Schöttel dazwischengehen musste. "Er hat gesagt: Jetzt reicht es, das hat hier keinen Platz",beschreibt einer die Situation, der an diesem Abend dabei war. "Franco hat höhnische Bemerkungen losgelassen. Wenn er gewinnt, hat er alles richtig gemacht. Wenn er verliert, werden die Spieler zur Verantwortung gezogen."

Gelegenheiten dazu gab es heuer genügend: Lange trug Foda seine guten Ergebnisse wie ein Schutzschild vor sich her, um Kritik an seiner langweiligen Spielanlage abzuschmettern. Doch die Makel wurden zunehmend offensichtlich: In seiner vierjährigen Amtszeit konnte kein einziger höher klassierter Gegner in einem Pflichtspiel besiegt werden. Von den letzten zehn Partien wurden sechs verloren. Der fade Ergebnisfußball liefert nicht einmal mehr Ergebnisse.

Vor der EM war die Sorge bei vielen groß. Ein Trainer der deutschen Bundesliga betonte gegenüber profil: "Die Spieler kommen zu uns zurück und sind verwundert, wie sie im Nationalteam spielen sollen. Sie zweifeln am Spielstil." Auch der rekonvaleszente Kapitän Julian Baumgartlinger erhielt Anrufe und Nachrichten von Mitspielern, die ihm ihr Leid klagten.

Gemeinsam mit dem ÖFB-Physiotherapeuten Mike Steverding beschloss Baumgartlinger, keinen öffentlichen Wirbel zu schlagen, sondern intern konstruktive Kritik zu äußern. Baumgartlinger gilt als vernünftige Stimme des Teams. Auch der 57-jährige Steverding, der ein Reha-Zentrum in Deutschland betreibt und schon Sportstars wie Dirk Nowitzki behandelte, genießt hohes Ansehen bei den Spielern. Mit ihrem Anliegen wandten sich die beiden an Verbandspräsident Windtner, Sportdirektor Schöttel und auch an Foda selbst. "Dadurch wurde verstärkt ins Team hineingehört und schnell bemerkt: Da ist ja noch viel mehr Unmut vorhanden, als einige gedacht haben",erzählte ein ÖFB-Betreuer. Windtner nahm Foda darauf in die Pflicht und ordnete besagten Teambuilding-Lehrgang an.


Einige aus dem Betreuerstab hegten Zweifel, ob diese Maßnahme Früchte tragen könne. Sie empfanden die Vorträge als schablonenhaft und den Lehrgang als hohlen Aktionismus. Nichts davon könne den störrischen Foda umkrempeln. Doch das Gegenteil war der Fall. Bei einem Grillabend zu Beginn der EM-Vorbereitung sah man Foda mit seinen Kickern scherzen und lachen. Der ÖFB ließ Videos veröffentlichen, die ausschließlich gut gelaunte Spieler, Betreuer und Trainer zeigten-und fügte die Botschaft hinzu, dass nun alles paletti sei. Tatsächlich wurde Foda während der Europameisterschaft als angenehmer Zeitgenosse beschrieben, der auch zu Kompromissen bereit war. Wenngleich nicht sofort.

Anfangs folgte Foda auch bei der EM seinem Grundprinzip: Er ordnete die beim Team ungeliebte Fünferkette an und ließ vorsichtigen Fußball spielen. "Damit hätte er wieder einmal fast erreicht, dass die Mannschaft ihre Stärke nicht zeigen kann",klagt ein Teamspieler gegenüber profil. Österreich gewann gegen den 62. der FIFA-Weltrangliste Nordmazedonien nach späten Toren 3:1-und Foda fühlte sich bestätigt: Vorsicht bringt Erfolg.

Die folgende 0:2-Niederlage gegen Holland verärgerte seine draufgängerischen Spieler nachhaltig. Foda schien bloß eine hohe Niederlage vermeiden zu wollen, um die Aufstiegschancen nicht durch eine schlechte Tordifferenz zu gefährden. "Wir bringen zu wenig Personal nach vorn", beklagte Marcel Sabitzer öffentlich. Man habe das Offensivspiel "zu wenig einstudiert", verriet Martin Hinteregger. Und Konrad Laimer bekräftigte, dass man "nach vorn spielen" wolle. Die Spieler fühlten sich aus dem Spiel genommen. Vom eigenen Trainer.

Auf die Kritik folgte eine unerwartete Kehrtwende. Gegen die Ukraine zeigte Österreich teilweise angriffigen Fußball und erreichte das Achtelfinale. Vor der Partie gegen Italien war einigen trotzdem bange: Es sei "ein ständiges Zittern, ein stetes Einfordern, nicht gebremst zu werden",war aus Spielerkreisen zu hören.

„Wir waren verloren, hatten keine Lösung, keinen Ausweg.“ Marko Arnautović nach der Niederlage gegen Schottland


Zwei Führungsspieler, so wird es profil von mehreren Personen aus dem innersten Kreis des Nationalteams beschrieben, sollen an einem Notfallplan gebastelt haben. Sie studierten den Gegner, tüftelten an einer Idee, besprachen Laufwege und holten die restliche Truppe ins Boot. Die renommierten Kicker wollten offenbar auf der Weltbühne des Londoner Wembley-Stadions nicht wie ängstliche Tölpel über den Platz stolpern.

Foda kann schwer aus seiner Haut. Beim Pausenstand von 0:0 gegen Italien "wollte er den Abwehrbeton noch verfestigen", erzählen mehrere Teammitglieder. Doch die Spieler spielten nicht mit. Mutig, forsch und mit überfallsartigen Angriffen trieben sie die überrumpelten Italiener an den Rand einer Niederlage, unterlagen erst nach Verlängerung knapp 1:2. "Sogar ich wurde für meine Taktik gelobt, aber die Protagonisten sind die Spieler", gestand Foda danach. "Sie haben eine Taktik gewählt, die ihnen besser zu Gesicht gestanden ist", betonte ein ÖFB-Betreuer gegenüber profil. "Der Trainer hat davon profitiert, wir alle haben davon profitiert."

Die "historische Niederlage" wurde vom ÖFB wie ein fetter Pokal nach Hause getragen, sozusagen als Beweis für die funktionierende Mannschaft. Das Team sei "mehr als intakt", jubelte ÖFB-Präsident Windtner und sprach von einem "unglaublichen Teamspirit, der entwickelt wurde". Im Hintergrund wurden derweil Kritiker entsorgt. Dem Physiotherapeuten Mike Steverding, der vor dem Turnier auf die Problemfelder hingewiesen hatte, wurde mitgeteilt, dass der Teamchef kein Vertrauen mehr zu ihm habe und er den Verband besser verlassen solle. Wenig später gab der ÖFB seinen Abgang bekannt. Auch andere kritische Stimmen fühlen sich seitdem links liegen gelassen.

Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Die kurzzeitig aufgefrischte Beziehung zwischen Team und Teamchef steckt schon wieder in der Krise. Präsident Windtner zeigte sich nach den beiden jüngsten Schlappen konsterniert: Man habe "geglaubt, diesen Geist von Wembley mitnehmen zu können". Als die Mannschaft zu den September-Länderspielen zusammenkam, soll Foda aber wieder der Alte gewesen sein und gleichzeitig an Autorität verloren haben. Der Teamgeist wirkt gehörig gestört, wenngleich Foda festhält "von meiner Seite ein sehr gutes Verhältnis zur Mannschaft" zu haben.

Die Spieler wirkten zuletzt verstört, der Teamchef traf seltsame Entscheidungen und verhedderte sich in Widersprüche: Barcelona-Jungstar Yusuf Demir sehe er "nicht am Flügel", äußerte er zuletzt - um ihn kurz darauf genau dort einzusetzen.

Der innere Konflikt hat die Mannschaft aufgerieben: "Wir haben zu wenig über die Flügel gespielt", klagte Foda nach dem Schottland-Spiel. Prompt widersprach ihm Martin Hinteregger: "Wir hätten vermehrt durch die Mitte spielen müssen. Nur mit Flanken gegen diese drei Büffel da hinten, das war nicht richtig." Marko Arnautović resümierte schließlich: "Wir waren einfach verloren, hatten keine Lösung, keinen Ausweg."

Ein Ausweg ist tatsächlich nicht in Sicht: Foda bleibt vorerst im Amt, was auch am Machtvakuum liegt, das derzeit im Verband herrscht. Windtner ist nur noch bis 17. Oktober Präsident, dann erst wird sein Nachfolger offiziell gewählt. Sprich: Der eine will Foda nicht mehr entlassen, der andere könnte noch gar nicht. Einige Spieler, darunter jüngere und durchaus renommierte, liebäugeln mit einem Rücktritt, sollte sich die Lage nicht bessern. Foda zumindest will

weitermachen: "Mein Vertrag läuft noch bis zum nächsten Jahr, falls wir die Playoffs erreichen", hielt er nüchtern fest. Nachsatz: "Sollten wir uns über die Playoffs für die WM qualifizieren, dann läuft er noch bis zur WM 2022 in Katar."

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