Ja, das Nachrichtenvakuum war groß dieser Tage. Die „Wiener Städtische“-Versicherung nutzte die Gelegenheit zu einer thematisch geschickt angepassten Presseaussendung: „Während Fußball-Großevents steigt die Zahl der Einbrüche in Österreich im Schnitt um 11 Prozent. Besonders hoch ist das Risiko bei Turnieren in Übersee.“ Die Zeitverschiebung bringe mehr spätnächtliche Public-Viewing-Ausflüge mit sich, was die Gelegenheit für Einbrechende natürlich verbessere, das Beispiel der WM 2014 von Brasilien sei uns eine Warnung: Damals stieg die durchschnittliche Einbruchsfrequenz in Österreich von 22 auf 26 pro Tag.
Die exzentrischen Anstoßzeiten der WM in den USA, Mexiko und Kanada haben aber auch ihr Gutes, und zwar im moralischen Sinn. Normalerweise stehen Ethik und Geophysik ja in keinem messbaren Zusammenhang, doch in den kommenden Wochen wird moralisch motivierten Fußballfans der Protest gegen dieses von peinlichen Potentaten überschattete Turnier durch das verlässliche Wirken der Erdrotation deutlich erleichtert: Gut die Hälfte der nordamerikanischen Spiele boykottiert sich per unmöglicher Anstoßzeiten wie von selbst.
Donald Trump wird das gewiss nicht davon abhalten, seinen 80. Geburtstag am Sonntag (Alternativprogramm, 19 Uhr MEZ: Deutschland–Curaçao) angemessen pompös zu feiern, und FIFA-Boss Gianni Infantino wird sich bei der Gelegenheit bestimmt nach bestem Wissen und Gewissen an den US-Präsidenten schmiegen. Ja, die Oberhäupter der globalen Fußballfamilie werden sich bei dieser WM von ihrer unangenehmsten, aber leider auch sehr realistischen Seite zeigen.
Dabei ginge genau das – also öffentlicher Fußballfamilienrealismus – auch sehr viel sympathischer, wie Marko und Sarah Arnautović seit dem vergangenen Wochenende auf Puls 4 demonstrieren. Mit „Team Arnautović“ hat der ÖFB-Rekordtorschütze endlich seinen verdienten Platz im Reality-TV gefunden und beweist dort, wenig überraschend, Naturtalent: Marko A. wohnt an seinem neuen Arbeitsplatz in Belgrad, weil er einfach nicht allein sein kann, in einer Männer-WG, fährt mit seiner deutschen Frau Sarah und den beiden Töchtern, die hin und wieder aus Bologna anreisen und mit dem Papa meistens Englisch reden, im Maybach zum Bowlingcenter und bestellt dort Abendessen beim indischen Lieferdienst. Teamchef Arnautović resümiert zufrieden: „Ich bin eine tickende Zeitbombe.“
Geradezu retro erscheint dagegen das norwegische Nationalteam, das sich fürs WM-Mannschaftsfoto in traditionelle Tracht – Wikingerhelm, Felljacke – warf und seine schrecklisten Hägar-Minen aufsetzte. Klare Botschaft: Fußball wird nicht auf dem Ponyhof gespielt, sondern im Eismeerfjord. Auch den österreichischen Nationalstürmer Christoph Baumgartner zog es kürzlich in den hohen Norden, leider war er nicht zum Fußballspielen in Finnland, sondern um sich den Oberschenkel der Nation beim dortigen Wunderdoktor Lasse Lempainen richten zu lassen. Für Nordamerika wird es trotzdem nicht reichen, aber immerhin darf Baumi als Superfan und Stimmungskanone zur WM, ganz anders als der somalische Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan, der von der FIFA zur WM-Endrunde bestellt, von der ICE am Flughafen Miami aber nicht für einreisewürdig befunden wurde. Eine Überprüfung habe ergeben, dass Artan „Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen“ habe.
Gianni Infantino, führendes Mitglied einer gewinnorientierten Organisation, blieb zu der Causa Artan selbstverständlich nicht stumm und ließ bei einer Pressekonferenz am Mittwoch wissen, es sei natürlich „bedauerlich, was ihm passiert ist“. Die Damen und Herren Journalisten mögen sich aber bitte trotzdem entspannen, denn „wir sind dabei, eine Lösung zu finden“ – im Rahmen des Möglichen: „Wir müssen respektieren, dass wir nicht die Könige der Welt sind, die über Regierungen und die Polizei bestimmen. Wir sind eine Sportorganisation.“ Als solche könne man nur tun, was in der eigenen Macht steht: „das größte Event in der Geschichte der Menschheit“ zu veranstalten – beziehungsweise „die inklusivste WM der Weltgeschichte“.
Vielleicht sprach ja das Fußballfieber aus ihm.