Nur über meine Leiche! Das sagte der Präsident des Wiener Fußballverbandes 1930 zur Idee, dass Österreich an der ersten Fußball-WM in Uruguay teilnimmt. Wir blieben aus Geldgründen daheim, der Mann überlebte. Was geschah danach?

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1. 1934 in Italien waren „wir“ erstmals bei einer Weltmeisterschaft. Mit dem Wunderteam. Österreich spielte im Halbfinale gegen das Veranstalterland. Dort gab Benito Mussolini zwecks faschistischer Propaganda den Führerbefehl aus, dass die Italiener gewinnen mussten. Italien siegte 1:0, weil Mittelstürmer Giuseppe Meazza Tormann Peter Platzer brutal rempelte, sodass dem der Ball aus den Händen fiel. Der Schiedsrichter fand das folgende Tor großartig.

2. Die wunderbaren Spieler rund um Matthias Sindelar – „Er spielte Fußball wie kein zweiter, […] er spielte stets, er kämpfte nie!“, so beschrieb Friedrich Torberg dichterisch das Kind aus Favoriten – hatten in den früher 1930er-Jahren Deutschland 6:0 und 5:0 deklassiert. Bei der WM 1938 durften sie ihre Genialität nicht mehr zeigen, weil Österreich bereits Teil Nazideutschlands war.

3. Sindelar weigerte sich, für Großdeutschland zu spielen. 1939 wurde er in seiner Wohnung tot aufgefunden. Torberg dazu: „Er war gewohnt zu kombinieren, und kombinierte manchen Tag. Sein Überblick ließ ihn erspüren, daß seine Chance im Gashahn lag. Das Tor, durch das er dann geschritten, lag stumm und dunkel ganz und gar.“ Bis heute nicht verstummt sind Gerüchte, dass die Nazis Sindelar ermordeten.

4. 1954 sprach jeder vom deutschen WM-Titel. Für Österreich bedeutete der dritte Platz neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mindestens genauso: „Wir sind wieder wer!“ Österreich gewann im Viertelfinale das torreichste WM-Spiel der Geschichte gegen die Schweiz 7:5. Wobei Kurt Schmied einen Sonnenstich erlitt und herumtorkelte. Was für einen Tormann nicht ideal war. Angeblich schrie man ihm zu, wann er sich nach rechts oder links zu bewegen habe.

5. Dummerweise verloren die erschöpften Österreicher im Halbfinale gegen Deutschland 1:6. Aber das Spiel um den dritten Platz gegen Uruguay wurde 3:1 gewonnen. Die damaligen Spieler Ernst Happel und Gerhard Hanappi kennt bis heute jeder Fan. Schließlich wurden die beiden größten Stadien in Wien nach ihnen benannt.

Córdoba, ja eh. Ich empfand das 3:2 gegen Deutschland als Kind nicht so legendär, weil ich zuvor das 1:5 der Österreicher gegen Holland sah. Wir spielten wie auf einer Badewiese, technisch unterhaltsam und den Endzweck des Toreschießens ignorierend.

6. Ernst Happel trug den Spitznamen „Wödmasta“ und wurde als Trainer mehr als 20 Jahre später fast ein solcher. Mit den Holländern. Die spielten 1978 im Finale gegen Veranstalter Argentinien. Rob Rensenbrink traf in der 90. Minute die Torstange. Nach Verlängerung siegte aber das von einer Militärjunta beherrschte Land. Zentimeter entschieden über den Triumph der Diktatur. Das Finalstadion lag nahe einer Marineschule, die als Folterzentrum diente. Nach den Folterungen wurden Häftlinge betäubt und aus Flugzeugen über dem Río de la Plata abgeworfen.

7. Ja eh, damals war noch was. Córdoba und so. Ich empfand das 3:2 gegen Deutschland als Kind nicht so legendär, weil ich zuvor das 1:5 der Österreicher gegen Holland sah. Wir spielten wie auf einer Badewiese, technisch unterhaltsam und den Endzweck des Toreschießens ignorierend. Tormann Koncilia war der einsamste Mensch im Stadion, weil er unzählige Male einem holländischen Stürmer allein gegenüberstand.

8. Durch die deutsch-österreichische Geschichte wurde freilich das Duell David gegen Goliath angeheizt. Spieler der Piefke gaben Interviews, dass sie uns sicher auch fünf Tore schießen, um Weltmeister zu werden. In der „Bild“-Zeitung stand, dass Hans Krankl beim Dribbling gegen Franz Beckenbauer in einer Telefonzelle 15 Minuten lang nicht den Ball berühren würde. Der Rest mit zwei Krankl-Toren ist Zeitgeschichte. I werd narrisch!

9. Das war auch schon das Ende der sensationellen Erfolge. 1990 war der Spaß nach zwei Gruppenspielen ohne ein Tor für Österreich vorbei. Die Italiener und Tschechen waren unsolidarisch und nicht bereit, ihrerseits auf Treffer zu verzichten. 1998 fielen in drei Spielen alle (!) drei österreichischen Tore jeweils in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit. Da hatten die jeweiligen Gegner den Ball ihrerseits aber auch schon längst ins Tor befördert.

10. Danach glänzten wir – bis heuer – durch Abwesenheit. Es bleibt der unvermeidliche WM-Tipp: Österreich kommt diesmal in die K.-o.-Phase, wo Spanien als unschlagbarer Gegner droht. Zum Glück sind meine Tipps oft so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil stimmt.

Peter Filzmaier

Peter Filzmaier

ist Politikwissenschafter … und Sportfan! Seine Doktorarbeit verfasste er zu den politischen Aspekten der Olympischen Spiele, außerdem schrieb er mehrere Sportbücher, gestaltete einen Sport-Podcast und betreibt das Sportblog atemlos.at