Jelinek, für alle, die ihn nicht kennen, ist so etwas wie der Vorturner der Nation. Jahrelang hat er für den ORF die Sendung „Fit mit Philipp“ gemacht, seit 2024 turnt er für „KroneTV“. Der Wechsel war nicht ganz freiwillig, der ORF hat die Zusammenarbeit beendet, nachdem Chatnachrichten von ihm an Heinz-Christian Strache aufgetaucht sind. Jelinek fühlt sich vom ORF nicht ganz fair behandelt, vorsichtig gesagt, sehr viel will er darüber aber nicht sagen, die Geschichte nagt auch zwei Jahre später noch enorm an ihm. Stattdessen reden wir lieber über Sport an sich, über Gesundheit und die Tatsache, dass wir uns immer weniger bewegen. „Gesundheit ist Eigenverantwortung, aber man muss die Menschen auf die Idee bringen“, sagt er zum Beispiel. Oder auch: „Wir leben in einer Zeit der Vollkasko-Mentalität. Aber wir müssen den Menschen beibringen, dass nicht der Staat für die Gesundheit verantwortlich ist, sondern jeder für sich selbst.“ Er sieht sich als „Gesundheitsbotschafter“, der nicht nur im Fernsehen auftritt, sondern auch rausgeht und die Menschen zur Bewegung animiert. Schüler etwa, „vor allem Kinder müssen die Freude an der Bewegung finden. Am Land ist das noch anders, da bewegen sie sich noch. Aber in der Stadt werden sie dicker. Koordination, Gleichgewicht, das fehlt vielen. Da muss man eine Basis legen, denn wenn wir da nichts machen, kriegen wir ein noch größeres Gesundheitsproblem.“
Bei dem Thema kann er sich in Rage reden, überraschenderweise verliert er dabei trotzdem nie die Kontrolle über sein Essverhalten. Das Toastbrot zum Beef Tatar (18,90 Euro, sehr gut gewürzt und angenehm bissfest – ich weiß es, ich durfte kosten) lässt er ebenso links liegen wie die Dollarchips zu seinen Hühnerspießen (18,90 Euro). Dafür hat er sehr viel Freude mit den diversen Saucen. Wie die jetzt in die Protein-Diät passen, weiß ich nicht.
Jelinek entpuppt sich als Vielredner. Ohne Punkt und Beistrich geht es dahin, sehr amikal und jovial, und er ist wirklich lustig. „Ich hab einfach alles gemacht“, sagt er, „ich war DJ, Animateur, ich hab im Außendienst Matratzen verkauft.“ Peter-Rapp-Schule nennt er das, nach dem unverwüstlichen Grantler aus dem ORF-Vorabendprogramm: „Am Center-Court vom Beachvolleyball kann jeder moderieren. Aber beim Iron Man in Podersdorf, wenn es kalt ist und regnet und nur noch die letzten Verzweifelten auf der Strecke sind, da musst du die Stimmung erst mal hochhalten.“ Jelinek kann das definitiv, auch wenn seine Schmähs vielleicht nicht bei jedem Sensitivity Reader durchgehen würden.
Er hat im Dusika-Stadion zwei Stunden trotz Stromausfall moderiert und in der Disko Miami in Hagenbrunn den Gästen eingeheizt, die ganz wen anderen sehen wollten. An ServusTV hat er einmal einen abgefahrenen Reifen geschickt, als dort ein Moderator für Motorradrennen gesucht wurde, um zu beweisen, dass er sich in der Materie echt auskennt. Blöderweise hatte die HR-Abteilung keinen Sinn für Aktionismus, so Jelinek, er hat nicht mal eine Absage bekommen. Während er redet, zeigt er mir Fotos und Videos, die er bei Castings eingereicht hat, er hat sehr viele am Handy, auch Aufnahmen, die viel älter sind als sein Handy, wahrscheinlich sogar aus einer Zeit, als es noch gar keine Handyvideos gab. „Ich wollte einfach unbedingt vor die Kamera“, sagt er, „das war mein Traum.“ Immer wieder fliegen bei seiner Erzählung Namen durch den Raum, von Prominenten, Medienmenschen, Leuten, die beim ORF irgendwas entscheiden dürfen, von vielen davon habe ich noch nie gehört, aber ich wollte auch nie ins Fernsehen. Anders als Philipp Jelinek. „Ich habe viele Leute genervt, jeden, den ich kannte und kennengelernt habe“, sagt er. „Ich habe einfach gewusst, dass ich irgendwen brauche, der mir beim Einstieg hilft. Ich habe nur einen Fuß in der Tür gebraucht.“ Und genau das war am Ende vielleicht auch der Fehler.
Gut zwei Stunden sitzen wir mittlerweile im „Kadlez“, der kalorienhaltige Teil seines Menüs ist längst im Abfall verschwunden, ich habe meinen Burger samt Pommes zur Gänze verputzt und stelle mir langsam eine ganz andere Frage: Darf ich Philipp Jelinek vielleicht doch sympathisch finden? Ja, der Mann trägt seit einigen Jahren einen ziemlich gewichtigen Rucksack mit sich herum. Der hört auf den Namen Heinz-Christian Strache, und spätestens seit die WKStA Straches Handy ausgewertet hat, wissen wir, wie viel Schleim Jelinek verspritzt hat, um einen Fuß ins ORF-Zentrum am Küniglberg zu bekommen. Die Nachrichten, die er dem damaligen FPÖ-Chef geschickt hat, sind definitiv nicht jedermanns Sache, aber dass „Würde“ selbst für manche ORF-Spitzenrepräsentanten nur eine Möglichkeitsform ist, wissen wir nicht erst seit Roland Weißmann. Jelinek wollte wenigstens nur einen Job, seine Nachrichten waren zwar peinlich, aber jugendfrei.
Das Aus beim ORF hat ihn jedenfalls in eine ordentliche Krise gestürzt, sagt er jetzt. Geholfen hat ihm dabei die Psychotherapie, die er schon Jahre zuvor begonnen hat, auch das ist übrigens eine Information, die ich nicht erwartet habe. Wir bestellen Kaffee. Nein, danke, kein Dessert, die Frühlingsfigur verlangt ihre Opfer. Jelinek erzählt mir, wie er, „der Junge aus Donaufeld, der nur einen Poly-Abschluss hat“, sich mittlerweile immer wieder mit „dem kleinen Philipp“ auseinandersetzt, damit dieser mehr Sicherheit im Alltag habe – auch das macht er anders, als es Roland Weißmann wohl tun würde.
Nach gut drei Stunden muss Jelinek weiter, nach Hause. Wir verabschieden uns, und als er vom Parkplatz fährt, stelle ich fest, dass der Bub aus Donaufeld mittlerweile offenbar aus Floridsdorf hinausgewachsen ist. Sein doch recht fettes Auto hat ein Klosterneuburger Kennzeichen.