Wir sitzen in der Hollerei, einem sehr netten Gasthaus in der Hollerstraße im 15. Wiener Gemeindebezirk. Das Lokal ist bekannt für seinen schönen, ein bisschen verträumt wirkenden Gastgarten und die ziemlich gute vegetarische Küche. Und es erzählt wohl auch einiges über die Gentrifizierung des Fünfzehnten: Eingerichtet ist die Hollerei nämlich nach wie vor wie das Vorstadtgasthaus, das es früher wohl war. Auf der Karte gibt’s aber jetzt kein Beuschel mehr und auch kein Fiakergulasch, sondern marokkanische Kichererbsen-Tajine oder indische Samosas, und auch die Gäste sehen so aus, als wären sie dort, wo das Essen herkommt, schon mal gewesen – und nicht nur in Lignano. An der Wand hängt echte Kunst, Walter Pichler zum Beispiel, und ist das im vorderen Raum ein Hubert Schmalix? Zur Hollerei gehört auch eine Galerie, apropos Gentrifizierung, auch deswegen hat Kandlhofer das Lokal ausgesucht.
Kunst habe immer schon zu ihrem Leben gehört, sagt sie jetzt, das habe sie von ihrem Großvater geerbt, der sie schon früh dafür begeistern konnte. Dabei ist Kandlhofer ansonsten – anders als viele andere Galeristen – nicht familiär vorbelastet. Als sie vor 16 Jahren, mit damals 24, anfing, in der Wiener Kunstszene mitzuspielen, hieß es über sie nur, dass sie „aus bürgerlichem Grazer Haus“ („Die Presse“) stamme und einige Zeit in New York gelebt habe. Tatsächlich hat sie kurz BWL studiert und dann in den USA mehrere Praktika gemacht, im Finance-Bereich, bei der österreichischen Vertretung und auch ein paar Monate bei Magna in Toronto gearbeitet. Zurück in Österreich habe sie dann festgestellt, dass es hier nur wenig Räume für junge Kunst gab: „Es gab schon Ausstellungen und Projekträume, aber noch keine Galerien, die auf jüngere Kunst spezialisiert waren.“ Sie sah darin eine Marktlücke: „Es war am Anfang ein bisschen jugendlicher Leichtsinn. Okay, das klingt jetzt wie ein Witz, aber im Nachhinein weiß ich, dass es gar keiner war.“
Kandlhofer löffelt ein bisschen lustlos ihr Rotes Curry mit Tofu und Edamame (19,50), das frühe Aufstehen fordert offenbar allmählich seinen Tribut. Ich bin mit meinem sehr bissfesten und trotzdem cremigen Bärlauchrisotto mit Grana und Radieschen (12,50 Euro) eigentlich ganz zufrieden. Wir reden ein bisschen über den Kunstmarkt, der gerade sehr schwierig geworden ist: „Es ist viel Unsicherheit im Markt. Das Geld ist knapper geworden, die Menschen sind unsicher geworden, ob sie sich Kunst gerade leisten sollen oder nicht.“ Außerdem habe die österreichische Galerienszene den Nachteil, dass Kunst hier mit einem höheren Mehrwertsteuersatz belegt ist als anderswo. „Dadurch kaufen österreichische Sammler:innen im Ausland billiger.“ Und dann sei da noch das Problem mit den Wiener Kunstmessen: Die Spark Art Fair im Frühjahr wurde für dieses Jahr kurzfristig ausgesetzt, die Viennafair, die immer im Herbst über die Bühne ging, ist wegen finanzieller Probleme bereits Geschichte. „Das ist ein großes Problem und schlecht für den Markt“, sagt Kandlhofer, denn die Messen haben Sammler nach Wien gelotst und eine Aufmerksamkeit geschaffen, die jetzt für den Standort wegfällt.
Kandlhofer erzählt das alles sehr ruhig, sie schließt mit großer Gelassenheit meine Bildungslücken in Sachen Kunst, und ich bin ein bisschen überrascht. Eigentlich habe ich mir eine Galeristin ja anders vorgestellt, vor allem eine, die so oft in den „Seitenblicken“ und anderen Klatschformaten vorkommt wie sie (was übrigens vor allem an ihrer Freundschaft mit Andreas Gabalier liegt, die von den Society-Journalisten ziemlich ausufernd beschrieben wurde). Ich habe mit einer lauten und ein bisschen verquatschen Person gerechnet, so, wie man es aus Netflix und den „Vorstadtweibern“ kennt, wo die Galeristin ja immer die exaltierteste Person mit dem größten Hut und dem prätentiösesten Gehabe ist. Aber hier in der Hollerei sitzt eine ruhige Person, die wenig spricht, und wenn, dann in sehr kurzen, leisen, aber präzisen Sätzen. Ich stelle Fragen, sie antwortet und wartet auf die nächste Frage. Lisa Kandlhofer ist keine Jukebox, in die man eine Frage einwirft, und dann beginnt sie zu sprudeln. Das ist gar nicht uncharmant, im Gegenteil. Oder ist sie vielleicht einfach müde?
Der glitzernde Vernissagenpart ist nur der kleinste Teil des Galeristinnen-Jobs, meint Kandlhofer. Im Wesentlichen betreut man Künstlerinnen, hält Kontakte und baut an seinem Netzwerk. „10.000 Kontakte“ habe sie in ihrer Datenbank, Sammler genauso wie sogenannte Art Advisors, die im Auftrag von Institutionen oder auch Investoren beraten, welche Künstler man kaufen soll, und zwar in großem Stil. Da muss man schauen, wer wann auf welchen Messen sei, und versuchen, die eigenen Künstler in die Auslage zu schieben. Das sei ein internationaler Job quer über alle Kontinente. Zurzeit arbeitet sie gerade an der Vorbereitung einer Kunstmesse in Südkorea, erzählt sie, während ich meinen doppelten Espresso austrinke.
Das hat auch seine Vorteile: Wenn man nach Südkorea Mails schickt, kriegt dank der Zeitverschiebung niemand mit, um wie viel Uhr man in Wien zu arbeiten begonnen hat.