Roland Velich war als Winzer immer schon ein bisschen anders – jetzt ist er aber auch ein sogenannter Wut-Winzer („Kronen Zeitung“), weil er sich gegen das bestehende Prüfsystem auflehnt.
Gehen wir ins „Kleine Café“ am Franziskanerplatz, hatte Roland Velich gesagt, an das Lokal habe er viele gute Erinnerungen: Immerhin war Hanno Pöschl, der Schauspieler und Eigentümer, der erste Gastronom, der Velichs Wein ausgeschenkt hat. Das ist doch mal eine gute Idee, hatte ich gedacht, habe die Telefonnummer des „Kleinen Café“ rausgesucht, um einen Platz zu reservieren, und jetzt stehe ich beim Lokal, 30 Minuten, bevor ich mit Velich verabredet bin, und starre auf den Gastgarten, in der Hoffnung, dass sich irgendjemand rührt. Im „Kleinen Café“ kann man nämlich nicht reservieren.
Es ist Punkt 12 Uhr am ersten heißen Tag des Jahres, das „Kleine Café“ hat im Gastgarten sechs Tische, der Franziskanerplatz steht in jedem Reiseführer als der schönste Platz von Wien. Wie groß sind also meine Chancen?
Roland Velich: Wer sich ein bisschen für Wein interessiert, der kennt ihn als einen der spannenderen Produzenten des Landes. Der 63-Jährige stammt aus einer burgenländischen Winzerdynastie, hatte sich zwischenzeitlich vom Weinbau abgewandt, ein Studium angefangen, als Croupier gearbeitet, kehrte dann aber wieder zum Wein zurück. Seit 25 Jahren macht er nun unter der Marke „Moric“ Rotweine, die doch deutlich anders schmecken als das, was die meisten österreichischen Winzer anbieten.
Einen Wein, der von internationalen Experten gefeiert und im Handel wohl an die 130 Euro kosten wird, darf man nicht als „Qualitätswein“ bezeichnen?
Und genau deswegen kennen ihn seit ein paar Wochen auch Menschen, die sich für Wein gar nicht so sehr interessieren: Sie kennen ihn als den „Wut-Winzer“, so bezeichnete ihn die „Kronen Zeitung“. Velich hatte sich nämlich publikumswirksam über das System der Prüfnummern beschwert, mit denen österreichische Weine klassifiziert werden. Das Bundesamt für Weinbau hatte ihm für seinen Wein „Lutzmannsburg Alte Reben 2023“ keine staatliche Prüfnummer gegeben, weil er den Kriterien des Prüfungskatalogs nicht entsprochen haben soll. Der Witz dabei: Der gleiche Wein wurde vom Weinkritiker James Suckling mit 100 von 100 Punkten bewertet – als erster österreichischer Rotwein überhaupt. Einen Wein, der von internationalen Experten gefeiert und im Handel wohl an die 130 Euro kosten wird, darf man nicht als „Qualitätswein“ bezeichnen?
Roland Velich kommt pünktlich ins „Kleine Café“, wirklich nur wenige Sekunden, nachdem eine nette Touristin beschlossen hat, dass sie ihre Gedanken ja auch in einem anderen Café ins Notizbuch „Paulo Coelho – Das Licht“ schreiben kann. Er trägt Jeans, Sonnenbrillen, an seinem Handgelenk hängt immer noch das Zutrittsband zur VieVinum-Weinmesse, auf der es ein Podiumsgespräch über das System mit den Prüfnummern gab – und sehr viel Streitigkeiten. Velich sieht müde aus: „Die vergangenen Tage waren hart. Ein Freund hat mir gesagt, dass seit dem Weinskandal nicht mehr so viel über Wein berichtet wurde.“ Und dann erzählt er mir die ganze Geschichte noch einmal. Zweimal hat er den „Lutzmannsburg Alte Reben 2023“ bei der staatlichen Prüfstelle eingereicht, zweimal hat sie ihn „abgeschossen“: Bevor Wein ein Qualitätslabel bekommt, wird er nicht nur chemisch getestet, sondern auch von einer Jury verkostet, und zwar anhand eines sogenannten Fehlerkatalogs. In dem ist festgelegt, wie welcher Wein aus welcher Region zu schmecken hat. Erfüllt ein Wein irgendein Geschmackskriterium der Liste nicht, dann fällt er durch. Statt als Qualitätswein aus einer bestimmten Region darf er nur noch als „Wein aus Österreich“ bezeichnet werden.
Weine werden so zu einem Einheitsprodukt mit einem Einheitsgeschmack, meint Velich. „Die burgenländischen Weinbauern haben lange Zeit kein Bewusstsein zu sich selbst entwickelt, wer sie sind und was ihr Wein können sollte“, sagt Velich: „Sie sind jedem Trend hinterhergelaufen und haben versucht, allen alles recht zu machen, aber das wird uns irgendwann auf den Kopf fallen. Wir sind ein kleines Land mit außergewöhnlichen Gegebenheiten, aber wir haben daraus keinen eigenen Geschmack entwickelt.“ Er selbst hat das schon. Sein Blaufränkisch schmeckt anders, feiner, nicht so schwer und intensiv wie viele andere burgenländische Blaufränkisch. Velich: „Ein paar Winzer gibt es schon, die in den vergangenen Jahren ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, was das Burgenland ausmacht, wie der Wein hier schmecken kann. Aber viele, die das so sehen, bekommen zunehmend Probleme mit der Prüfnummer.“
Im Kern geht es wohl um die Frage: Wer bestimmt, wie etwas schmecken soll? Wer bestimmt, was Tradition ist und was nicht? Und vielleicht passt es auch deswegen ganz gut, dass wir im „Kleinen Café“ sitzen. Weil ehrlich: Ein klassisches Café ist das ja auch nicht wirklich. Es ist eher ein Beisl oder eine Tagesbar, wobei es hier schon auch mal weit nach Mitternacht werden kann. Niemand geht hierher für Kaffee und Mehlspeisen, wahrscheinlich ist auch noch nie jemand zum Essen ins „Kleine Café“ gegangen. Essen ist hier eher die Beilage zu den Getränken, obwohl dem Eigentümer Hanno Pöschl Essen durchaus wichtig ist (und er laut Roland Velich sogar ein guter Koch ist). Traditionellerweise bestellen wir ein Schnittlauchbrot (6,40 Euro, extrem viel Butter) und Geröstete Knödel mit Ei (13,60 Euro, eher nicht von Hanno Pöschl zubereitet). Aber auch wir sind ja eigentlich nicht zum Essen hier.
Der Weinbau hat eine massive Industrialisierung erlebt. Es ist unglaublich, was heute alles im Wein drinnen ist, erlaubterweise.
Roland Velich
Winzer
„Der Weinbau hat eine massive Industrialisierung erlebt. Es ist unglaublich, was heute alles im Wein drinnen ist, erlaubterweise“, sagt Velich, und dass er eben ganz anders produzieren möchte. Er kann sich dabei wirklich in Rage reden, vor allem, weil er in der ganzen Causa auch ein Politikum sieht, in dem die niederösterreichische ÖVP und der Bauernbund versuchen, möglichst wenig Neues zuzulassen und alte Geschmäcker quasi festzuschreiben.
Velich ist niemand, der sich das gefallen lassen will. Er hat in seiner Causa mittlerweile einen PR-Berater, skurrilerweise Gregor Schütze, der ja eigentlich selbst zumindest ÖVP-nahe ist. Auch Sepp Schellhorn unterstützt ihn dabei, Neos-Staatssekretär und in einem früheren Leben besser als „Wut-Wirt“ bekannt, als Anwalt hat er Michael Rami eingeschaltet, auch kein ganz unbekannter Zeitgenosse, der eigentlich viele Causen für die FPÖ betreut hat, letztens aber an der Seite von Florian Klenk ein Verfahren gegen Martin Rutter führte, mit dem Ergebnis, dass man Rutter jetzt als „Rechtsextremisten“ bezeichnen darf.
Das ist insgesamt eine ziemlich prominente Armada für einen Streit um ein nicht vergebenes Prüfsiegel, was am Ende wirtschaftlich nur wenig Auswirkungen hat. Velich darf seinen Wein ja trotzdem verkaufen, er darf nur keine Herkunftsbezeichnung draufschreiben. Die gerade mal 5000 Flaschen werden auch nicht billiger sein als die anderen Jahrgänge des „Lutzmannsburg Alte Reben“. „Der Wein kommt von einer alten Einzellage, die ist gerade einmal zwei Hektar groß, viel Wein gibt’s da nicht“, sagt Velich, und dass es sich um den inkriminierten Wein handelt, werden Weinkenner auch ohne den Aufdruck bemerken.
Aber Velich geht es ja auch um Grundsätzlicheres: Gerade wird das Prüfwesen überarbeitet, ein neues Gesetz entsteht. Velich möchte, dass dabei die verpflichtende Geschmacksprüfung fällt und Weine dadurch unterschiedlicher schmecken dürfen. „Es muss ja nicht jeder machen, aber die Winzer, die es wollen, sollen eine eigene Ästhetik entwickeln dürfen.“
So wie das „Kleine Café“, das wirklich kein Café ist – aber seit 50 Jahren immer überlaufen ist, und zwar von Einheimischen genauso wie von Touristen.
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Markus Huber
ist im Hauptberuf Herausgeber des Magazins „Fleisch“ und schreibt für profil alle zwei Wochen die Kolumne „Powerlunch“.