Als wir uns im „Appiano“ treffen, muss Schellhorn gerade wieder schlechte Kritiken verdauen. Am Tag zuvor hatte die Regierung ihre sogenannte Entbürokratisierungsoffensive vorgestellt. Es ist sein Projekt, die Abschaffung bürokratischer Hürden der Grund, warum er seiner Erzählung nach seinen Brotjob als Hotelier, Gastronom und Fernsehkoch aufgegeben hat. Doch dieses Paket ist wirklich kein großer Wurf, dementsprechend kritisch sind die Kommentare. „Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätten wir deutlich mehr umgesetzt“, sagt Schellhorn, „aber wir sind in einer Koalition, da muss man Kompromisse machen. Wir haben zuerst die Low Hanging Fruits gepflückt und arbeiten uns jetzt nach oben.“
„Low Hanging Fruits“? 113 Punkte hat die Regierung zusammengeschrieben, viele davon sind nicht viel mehr als Überschriften, andere hängen so tief, dass man als erwachsener Mensch beim Pflücken Kreuzschmerzen bekommt. Man muss zukünftig keinen Staatsbürgerschaftsnachweis mehr vorlegen, wenn man einen Reisepass beantragt, auch das Kfz-Pickerl darf man seltener machen. Dafür verhandelt man neun Monate? „Ich hätte mir auch viel mehr vorgestellt“, sagt Schellhorn, „es ist ein erster Schritt, aber noch ein weiter Weg. Wenn wir das Projekt als Tour de France sehen, dann sind wir gerade in Bulgarien gestartet.“
Vor uns steht die Vorspeise, Paccheri mit Wildschweinragout (22,90 Euro), geschmacklich intensiv, aber sehr gut, Schellhorn holt deswegen nach wenigen Bissen sein Handy raus und fotografiert den Teller. Er macht das immer, wenn ihm etwas schmeckt, sagt er, damit er das später einmal auf seinem Insta-Kanal nachkochen kann. Moment, auf seinem Insta-Kanal nachkochen? Hat er „Sepp, was machst du?“ nicht vor einigen Monaten stillgelegt, nachdem ihn die FPÖ und deren publizistischer Arm namens „Heute“ dafür kritisiert hatten? „Irgendwann einmal nachkochen“, sagt Schellhorn jetzt und grinst. Bei der Tour de France gibt es ja auch ein Leben nach der Zielfahne. Und manche kommen gar nicht bis Paris.
An diesem Tag ist Schellhorn ungewöhnlich schweigsam. Statt markiger Sprüche gibt es viele relativierende, fast entschuldigende Sätze. Er erzählt, dass diese Entbürokratisierung ein „partizipatives Bürgerprojekt“ sei, dass es „über 4000 Einsendungen“ gab, was heißt, dass das Thema den Menschen wichtig sei – und damit auch sein Staatssekretariat. Er klingt dabei nachdenklich, die Kritik am Paket beschäftigt ihn offenbar. Wobei es natürlich Ausnahmen gibt: Ein paar Stunden später wird er gegenüber der „Presse“ die Mitarbeiter der Agenda Austria als „sogenannte Experten“ bezeichnen, die „noch nicht in der Realpolitik angekommen“ seien. Das wiederum wird einige Neos-Abgeordnete auf den Plan rufen, die die Agenda verteidigen – gegen ihren eigenen Staatssekretär. Das ist an sich schon komisch und wird noch komischer, weil die Agenda ja von Schellhorns kleinem Bruder Franz geführt wird (dem profil-Kolumnisten, Anm.). Aber offenbar darf man Franz und Sepp einfach nicht allein in einem Raum lassen, schon gar nicht, wenn Stricknadeln vorhanden sind.
Wir sind bei der Hauptspeise, Schellhorn hat sich gegen die Empfehlung der Kellnerin entschieden und Kalbszunge (23,90 Euro) bestellt. Das ist überraschend, ein Sepp Schellhorn in Normalform hätte den Witz mit dem Tagesteller nicht ausgelassen. Wahrscheinlich gab und gibt es in Österreich keinen anderen Politiker, der so gerne mit dem Feuer spielt wie er, privat genauso wie beruflich. Aber gut, der Mann ist Koch, heiße Herdplatten gehören da zum Berufsrisiko, und definitiv ist er schon das eine oder andere Mal in eine Stichflamme geraten, seine Hände schauen auch danach aus.
Wird er insgesamt milder? Weniger streitlustig?
Im „Appiano“ sitzt Schellhorn am Stammtisch gleich neben der Bar, dort hat er alles im Blick: wer kommt, wer geht – und vor allem mit wem. „Sehen wir uns eh über Weihnachten in Gastein?“, fragt ein Gast. Schellhorn antwortet ausweichend, die Antwort ist nämlich knifflig: Seit Jahren betreibt er in Gastein zwei Skihütten, viele Winter stand er dort am Bierausschank. Aber für Staatssekretäre gibt es ein Berufs- und Einkommensverbot, was bedeutet, dass sie neben dem Regierungsjob keine anderen Erwerbstätigkeiten ausführen dürfen. Bei Schellhorn ist das diffizil. Als Gastronom kann er seine Firmen nicht einfach so abstoßen, vor allem nicht für einen Regierungsjob, von dem kein Mensch weiß, wie lange es diesen gibt. Schellhorn hat eine Konstruktion gewählt, die laut Juristen akzeptabel ist, aber trotzdem für parlamentarische Anfragen der FPÖ sorgt. Und für Boulevardgeschichten. „Ich komme aus der Wirtschaft, das mag nicht jeder“, sagt er dazu. Und weiter: „Die Frage ist halt, ob wir nur Politiker wollen, die direkt nach der Matura in die Politik einsteigen und sonst nie was gesehen haben.“
Kritischer und polternder wird er bei diesem Termin nicht werden.
Wir bezahlen bar, im „Appiano“ ist keine Kartenzahlung möglich, der Ex-Gastronom Schellhorn muss darüber lachen. Dann geht er ins Staatssekretariat zurück. Zu Fuß. Da kann er besser nachdenken.
Der Mittagstisch an diesem Tag war übrigens ein sogenanntes Millionärs-Cordon-bleu, ein zartes Stück Kalbsrücken, gefüllt mit Trüffel. Ziemlich sicher hätte Schellhorn damit wohl den nächsten Shitstorm ausgelöst, und es war klug, den auszulassen. Wobei: Am nächsten Tag meldet sich Schellhorn bei mir und fragt, ob das Essen Folgewirkungen hatte. Der Herr Staatssekretär hat sich mit seiner Zurückhaltung nämlich eine Magenverstimmung geholt.