Alpine hatte bereits 2009 Probleme, Rechnungen zu bezahlen

Die internen Protokolle der Alpine, zweiter Teil. ­Bereits 2009 standen dem Baukonzern die Schulden bis zum Hals. Und trotzdem wurden immer neue Verbindlichkeiten eingegangen.

Soll nur keiner sagen, die Verantwortlichen seien nicht gewarnt gewesen. Seit Wochen veröffentlicht profil sensible Dokumente aus dem Innersten der Salzburger Alpine Bau, die eine gemeinsame Geschichte erzählen: Der im Juni dieses Jahres kollabierte Baukonzern steckte seit längerem in Schwierigkeiten. Das wussten das Management, der Aufsichtsrat (also die spanischen Eigentümer von FCC), möglicherweise die kreditgebenden Banken und Lieferanten, keinesfalls aber die Privatanleger, die ab 2010 zu Tausenden drei Anleihen im Volumen von insgesamt 290 Millionen Euro zeichneten.

Wie profil jüngst unter Berufung auf interne E-Mails berichtete, stand Alpine spätestens im Frühsommer 2012 vor der Zahlungsunfähigkeit („Dann sind wir tot“, Nr. 30/13).

Bereits 2009 Probleme, Rechnungen zu bezahlen
Doch auch diese Einschätzung bedarf einer Revision. profil liegt mittlerweile eine Dokumentation vor, die einen noch sehr viel schwerwiegenderen Verdacht nährt: Alpine rang bereits Ende 2009, also noch vor Platzierung der ersten Anleihe, ums Überleben; Mitte 2010 hatte das Unternehmen vorübergehend Probleme, Löhne und Gehälter auszuzahlen; und schon die Bilanz 2010 konnte nur noch mit knapper Not erstellt werden.
Das Dossier umfasst das Protokoll eines „Management meetings“ vom 21. Juli 2011, eine interne Geldflussrechnung vom Juni 2012, vor allem aber eine Art E-Mail-Tagebuch, erstellt von einem einst leitenden Alpine-Angestellten. Dieser hat – wohl im Hinblick auf dräuende rechtliche Auseinandersetzungen – den Inhalt von insgesamt rund 50 E-Mails zusammengefasst, welche auf Ebene der Geschäftsleiter zwischen 2009 und 2012 verschickt wurden.

Der stichwortartigen chronologischen E-Mail-Dokumentation zufolge war die brenzlige Lage ab Sommer 2009 das zentrale Thema der internen Kommunikation. Überraschend auch: Alpine wollte anscheinend bereits in jenem Jahr an den Anleihemarkt herantreten, musste dann aber davon ablassen.

In dem Dossier heißt es unter anderem (aus medienrechtlichen Erwägungen spart profil die Namen der Absender aus):
„Aufgrund der schlechten Ertragslage musste der schon im August angedachte Bond abgesagt werden. Mail von …, 25. 08. 2009.“
„27. 10. 2009 war die Nettoverschuldung der AB (Anm.: Alpine Bau) schon auf EUR 550 Mio. angestiegen.“
„16. 11. 2009 Mail von …: Aufgrund der finanziell angespannten Situation in der AB sind keine Skonto-Zahlungen möglich.“

Mit anderen Worten: Im November 2009 war Alpine so knapp bei Kasse, dass längere Zahlungsziele bei Lieferanten angestrebt werden mussten.

Bis 2010 war Alpine – soweit es die Finanzschulden betraf – ein Problem der finanzierenden Banken und des Alleineigentümers FCC. Doch Ende Juni passierte, was nicht passieren hätte dürfen: Die Konzerndachgesellschaft Alpine Holding GmbH trat mit einer ersten, 100 Millionen Euro schweren, Anleihe an den Markt heran: 5,25 Prozent jährlich, fix auf fünf Jahre. Begleitet wurde die Emission von zwei Bankhäusern, die zugleich Großgläubiger von Alpine waren: UniCredit Bank Austria und Bawag PSK.
Während Alpine-Geschäftsführung und Banken die Anleihe nach außen hin eifrig vermarkteten, brannte intern längst der Hut.
„07. 04. 2010 Mail von …: Nettoverschuldung wird immer schlechter.“
„18. 05. 2010 Mail von …: seit Jahresbeginn EUR 323 Mio. cash gebraucht, Nettoverschuldung auf EUR 626 Mio.“

Am 1. Juni, der Verkauf der Anleihetranche 2010-2015 war soeben angelaufen, machte intern eine Mitteilung die Runde, welche die Schuldtitel bei Bekanntwerden wohl ein für allemal unverkäuflich gemacht hätte:
„01. 06. 2010 Mail von …: Verschiebung aller Lieferanten notwendig. Es mussten auch die Gehälter verschoben werden (das war in der gesamten AB-Geschichte noch nie der Fall), um die Liquidität sicherzustellen und um Kennzahlen für den Bond zu schönen.“

Davon sollte natürlich niemand erfahren, der Belegschaft wurde die verzögerte Gehaltsauszahlung vielmehr mit technischen Problemen im Bereich der Lohnverrechnung erklärt. Mehr noch: Auch Alpine-Personal wurde zum Kauf der Anleihen animiert:
„17. 06. 2010 Mail von …: Mitarbeiter-Aufforderung den Bond zu zeichnen.“
Im Oktober, der Bilanzstichtag 2010 rückte näher, die nächste Ernüchterung:
„18. 10. 2010 Mail von …: Es war notwendig, um bilanzieren zu können, Assets zu verkaufen.“

In der später veröffentlichten Alpine-Bilanz 2010 findet sich dazu wenig überraschend kein verwertbarer Hinweis. Die immer wieder zitierte ausufernde Nettoverschuldung etwa (also die Differenz aus Bankkrediten, Gesellschafterdarlehen, Anleiheschulden und Bankguthaben) wurde im Jahresabschluss 2010 mit nur 247 Millionen Euro angegeben. Was einmal mehr die Frage aufwirft, wie valide die Bücher des Konzerns waren.
Im Sommer 2011 folgte die zweite Anleihe 2011-2016 über 90 Millionen Euro, wieder mit 5,25 Prozent im Jahr verzinst, begleitet von Erste Bank und UniCredit Bank Austria. In der Dokumentation heißt es dazu:
„Das gleiche Muster wie 2010. Im März schon eine Nettoverschuldung von über EUR 515 Mio. Hervorzuheben Mail 21., wo es im Mai, einen Monat vor Emission des zweiten Bonds, in der AB ‚Horrormeldungen‘ gegeben hat, dass die AB in Konkurs geht.“
„Mail von …, 11. 10. 2011: Nettoverschuldung ist auf über EUR 600 Mio. gestiegen.“

Es ist im Baugeschäft durchaus nicht unüblich, dass die Nettoverschuldung im Jahresverlauf ansteigt, da Baustellen in aller Regel erst zum Jahresende abgerechnet und erst danach entsprechende Erträge eingebucht werden können. Im Falle der Alpine erreichte der Verschuldungsgrad 2011 aber immer bedrohlichere Ausmaße. Am 21. Juli kamen Manager von FCC und Alpine zu einer Sitzung in Wien zusammen. Das profil vorliegende Protokoll notiert: „Es wird anhand der Tischvorlage über den derzeitigen Cash flow bzw. die Nettoverschuldung berichtet. Verstärkt wird darauf hingewiesen, dass eine deutliche Verschlechterung gegenüber der Planung aufgetreten ist. Ein starker Anstieg (EUR 680 Mio.) wird bis in den Herbst hinein errechnet.“

Wieder erfuhr die Öffentlichkeit nichts. Der Jahresabschluss 2011 weist eine nur unwesentlich erhöhte Nettoverschuldung von 277 Millionen aus (wiewohl hier die frischen Verbindlichkeiten aus der Anleihe 2011-2016 bereits eingerechnet wurden).

Im Mai 2012 schließlich die dritte Schuldverschreibung: noch einmal 100 Millionen Euro, da aber schon mit sechs Prozent verzinst (Emissionsbanken: Bawag und Raiffeisen International). Wieder hätte es die Anleger sicher brennend interessiert, dass der Konzern längst im freien Fall war. Laut interner Planzahlen, datiert mit Juni 2012, war für das Jahresende ein negativer Cash flow (ein wesentlicher Parameter zur Bestimmung der Finanzierungskraft eines Unternehmens) von gleich 474 Millionen Euro budgetiert, die Nettoverschuldung sollte im Sommer die Marke von 800 Millionen Euro knacken und selbst im Dezember immer noch bei 751 Millionen Euro liegen.

All das wirft unangenehme Fragen auf: Vermitteln die vergangenen Jahresabschlüsse von Alpine tatsächlich ein getreues Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns? Haben die Bilanzprüfer von Deloitte sauber gearbeitet? Was wussten die finanzierenden Banken, allen voran Erste Bank und UniCredit Bank Austria? Sind Alpine-Management und -Aufsichtsrat ihren Informationspflichten gegenüber Anlegern wirklich gewissenhaft nachgekommen?
Fortsetzung folgt.