Leiharbeit wieder so stark wir vor der Krise 2009

Arbeitsmarkt - Leiharbeit wieder so stark wir vor der Krise 2009

In der Wirtschaftskrise waren sie die Ersten, die gehen mussten. Inzwischen gibt es wieder so viele Leiharbeiter wie vor dem großen Einbruch 2009.

Wenn Adam B. (Bild) in der Wiener Henkel-Fabrik das Waschmittel zusammenmischte, trug er seinen blauen Overall. So hob sich der Leiharbeiter von der grauen Arbeitskluft der Fixangestellten ab. In der Halle vibrierte der Boden, es staubte und alle husteten, auch die "Henkelaner“. Trotzdem gab es diese kleinen Unterschiede, die B. daran erinnerten, dass er ein "Arbeiter zweiter Klasse“ war.

Drei Jahre lang füllte er in Früh-, Nachmittags- und Nachtschichten Chemikalien in die Pulveranlage. Als er seinen Lohnzettel überprüfte, stellte sich heraus, dass die Firma, die B. an den Waschmittelkonzern verliehen hatte, falsch abrechnete. Sie musste ihm 5000 Euro nachzahlen.

An Fenstertagen und immer, wenn es nichts zu tun gab, nahm B. sich frei. Das war Vorschrift. Für einen Urlaub blieben nie genug Tage übrig. Vor zwei Monaten schrieb er dem Personalverleiher, er sei nicht gewillt, das heuer wieder hinzunehmen. Am nächsten Schichtplan fehlte sein Name. Nun ficht er vor dem Arbeitsgericht seine Kündigung an.

B., der in Polen Geschichte studierte und vor zehn Jahren nach Österreich kam, gehört zum wachsenden Heer der Leiharbeiter, die in der Industrie Schichten schieben, als Pflegekräfte anpacken und in der Nacht Pakete sortieren. 78.500 sind es laut Erich Pichorner, Chef der Personaldienstleister in der Wirtschaftskammer und Geschäftsführer der ManpowerGroup in Österreich. Branchenkenner sagen, mit den Leiharbeitern aus dem EU-Ausland könnten es 100.000 sein.

Fixe "zweite Belegschaft"
Zeitarbeiter, wie sie hübsch korrekt heißen, sollten einspringen, wenn die Auftragsbücher überquellen, und abziehen, sobald die Spitzen abgearbeitet sind. Inzwischen halten sich viele Betriebe aber eine fixe "zweite Belegschaft“, die sich vom Stammpersonal nur dadurch unterscheidet, "dass man sie schnell und ohne Sozialpläne wieder los wird“, sagt Walter Gagawczuk, Sozialpolitik-Experte der Arbeiterkammer Wien.

1997 werkten in Österreich 20.000 Leiharbeiter, 13 Jahre später hatte sich ihre Zahl vervierfacht. In der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden sie als Erste nach Hause geschickt. Allein im Industriebundesland Oberösterreich verlor jeder Dritte damals seinen Job. Mittlerweile ist die Zahl der Leasing-Kräfte wieder so hoch wie vor dem großen Einbruch. "Die Krise hat das Wachstum nur kurz unterbrochen“, konstatiert Gagawczuk.

Aus Sicht der Unternehmer ist Leiharbeit der Tribut an die Flexibilität der globalen Arbeitswelt, Arbeitnehmervertreter halten sie für eine moderne Erscheinungsform des industriellen Prekariats: Leasingkräfte - das Gros von ihnen Arbeiter und männlich - sind besonders stark durch Hitze, Lärm und Staub belastet, fühlen sich gegenüber der Stammbelegschaft benachteiligt, haben mehr Unfälle und kaum Zugang zu Weiterbildung. Jeder fünfte ist weniger als einen Monat an einem Ort im Einsatz, 27 Prozent bleiben mehr als ein Jahr hängen. Vor allem ungelernte Kräfte betrachten Leiharbeit als Notausstieg aus der Joblosigkeit. Laut Studien hofft der Großteil, auf einem sicheren Arbeitsplatz zu landen. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob man nächste Woche noch gebraucht wird, zerrt an den Nerven.

Vor vier Jahren sah sich der Oberösterreicher Thomas Strasser*, 30, nach einem Job um. Eine Logistikfirma suchte einen Vorarbeiter: "Ich wollte die Stelle, aber das ging nur über Leasing.“ Den Job macht er bis heute, nur seine Arbeitgeber - alles Leiharbeitsfirmen - wechselten. Manchmal änderten sie bloß ihren Namen, nicht aber die Methoden. Strasser wurde zum Dauergast in der AK-Beschwerdestelle: Die erste Firma rechnete seine Überstunden falsch ab und musste 800 Euro zahlen. Die nächste trickste bei den Nachtzulagen. Als er das monierte, war er seinen Job los. Das Arbeitsgericht erklärte seine Kündigung für unzulässig und verurteilte den Personalbereitsteller zu 1000 Euro Schadenersatz. Auf dieses Geld wartet er bis heute.

Ein einziges Mal fühlte sich der Vorarbeiter gut behandelt. Doch diese Leiharbeitsfirma hielt sich in seinem Versandunternehmen nicht lange. Bald war ein günstigerer Anbieter gefunden und er vor die Wahl gestellt, entweder dorthin zu wechseln oder sich einen andern Posten zu suchen.

Im Bekanntenkreis des Oberösterreichers gibt es niemanden mehr mit fixer Stelle, "aber alle, die ich kenne, hätten gerne eine“. Einer seiner Freunde lädt bis um zwei Uhr früh Pakete auf LKWs und bekommt dafür 1000 Euro monatlich. Ein anderer arbeitet bei einem Motorenhersteller, wo er je nach Auftragslage alle paar Monate gekündigt und wieder eingestellt wird. Sein Vertrag wird jedes Mal einvernehmlich gelöst, so fällt er - oft mehrmals im Jahr - um ein Monatsgehalt um.

Angst, die Arbeit zu verlieren
Strasser redet den Leuten ins Gewissen, sie sollten sich wehren: "Doch die meisten lassen sich lieber auspressen, als zu riskieren, ihre Arbeit zu verlieren.“ Die Angst kann er ihnen nicht nehmen. Vergangene Woche musste er selbst wieder einmal einen Zettel unterschreiben. Darauf stand, dass er künftig nur mehr 30 Stunden arbeiten kann. Er hatte noch Glück. Zwei aus seinem Team wurden gefeuert.

Die Personaldienstleister in der Wirtschaftskammer bemühen sich offiziell, ihre Branche - zu der rund 2000 Unternehmen zählen - sauber zu halten. Doch Verbandschef Pichorner muss einräumen, dass es "große Probleme“ gibt. An diesem Punkt deckt sich seine Einschätzung ausnahmsweise fast mit jener der Gewerkschaft. Thomas Grammelhofer, in der Pro-Ge für den Bereich Arbeitskräfteüberlassung zuständig, sagt, er habe in dem Gewerbe noch keine blütenweißen Schafe gesichtet. "Im besten Fall sind sie hellgrau, im schlimmsten Fall dunkelschwarz.“ Die Unternehmen suchen Leiharbeiter, die leidensfähig, duldsam, vor allem aber billig sind. "Bei Problemen putzen sie sich bei den Personalbereitstellern ab: Es hat ja niemand verlangt, dass ihr die Leute schlecht behandelt“, so Grammelhofer. Auf seinem Schreibtisch landen krasse Fälle wie der des niederösterreichischen Leiharbeiters, der sich in der Freizeit beide Beine brach. Sein Arbeitgeber kündigte ihn rückwirkend zum Tag vor dem Unglückstag. Der Mann zog vor das Arbeitsgericht.

Die Arbeitskräfteüberlasser preisen Leiharbeit als Sprungbrett an. Junge ohne berufliche Erfahrung, und Ältere, die am Arbeitsmarkt chancenlos sind, könnten sich auf Zeit bewähren und danach auf eine Anstellung hoffen. Solche Fälle gibt es durchaus, vor allem in höher qualifizierten Sparten. Industriebetriebe wie der Feuerwehrauto-Hersteller Rosenbauer nützen die Leiharbeit inzwischen für ihr normales Recruiting: Wer als Mitarbeiter auf Zeit reüssiert, darf bleiben - vielleicht.

Oft wird die Aussicht auf eine feste Stelle bloß als Köder ausgelegt. Klaus Mayerhofer gehörte fünf Jahre lang zum Heer der Leasing-Mitarbeiter in einem Motorenwerk in Steyr, wo Leiharbeiter es selten ins Stammpersonal schaffen. Mayerhofer war nie bei einer der Übernahmewellen dabei. Ironie der Geschichte: Er hat als Kundenberater beim Personaldienstleister TTI in St. Florian bei Linz doch noch eine feste Stelle gefunden. Vor drei Jahren gründete er hier einen Betriebsrat. Seither kämpft er dafür, dass mit seinen 1800 Kollegen - rund 1700 als Leiharbeiter im Einsatz - fair umgesprungen wird. Halten sich Konkurrenten nicht an die Spielregeln, spricht sich das oft rasch zu ihm durch: Da werden Dutzende Mitarbeiter über das Wochenende heimlich von der Sozialversicherung abgemeldet, dort wird ein Krebspatient am Spitalsbett zur "Einvernehmlichen“ gedrängt.

Über Unternehmen, die den Betrug in ihre Preise einkalkulieren und den seriösen Anbietern mit Dumpingangeboten in die Parade fahren, klagt auch Gerhard Moitzi, Betriebsrat beim Kärntner Personalbereitsteller Bekam. In seinem früheren Berufsleben jobbte auch er als Zeitarbeiter. Jedes Monat rannte er unterschlagenen Urlaubstagen, nicht bezahlten Überstunden und Nachtschichtzulagen hinterher: "Das gibt es noch zur Genüge.“ Mit Ingrimm verfolgen er und seine Kollegen, wie Billiganbieter aus Ungarn, Tschechien, Polen und Rumänien seit Monaten den heimischen Markt aufmischen: "Die Gesetze gelten auch für sie, aber viele pfeifen einfach darauf.“

Man muss nicht gleich den Übelsten des Gewerbes in die Hände fallen, um Leiharbeit mühsam und ungerecht zu finden. Myriam Lestan* finanziert ihr Soziologie-Studium als geringfügig beschäftigte Leiharbeiterin in der Gastronomie. Ob es nächste Woche Arbeit für sie gibt, erfährt sie immer am Freitag davor. Doch selbst wenn sie pünktlich, in gebügelter, weißer Bluse und mit adrett gescheitelten Haaren zum vereinbarten Dienst antritt, kann es passieren, dass sie nach Hause geschickt wird und um mehrere Stunden à 9,95 Euro umfällt. Der Umsonst-Aufwand wird vom Personalbereitsteller Manpower mit 14 Euro entschädigt. Lestan sagt, in den vergangenen Monaten sei ihr das öfter passiert. Denn die Kunden - achtbare, internationale Hotels - bestellten notorisch zu viel Personal. Auch ihr Lebensgefährte ist enerviert: "Wir können nichts planen.“

Große Lebensprojekte geraten ins Wanken, sobald Leiharbeiter bei der Hausbank wegen eines Kredits vorstellig werden. Sie bekommen entweder keinen oder so schlechte Bedingungen, dass sie lieber drei Mal überlegen, eine Wohnung zu kaufen und eine Familie zu gründen, beobachtet der Chef der Eisenbahn-Gewerkschaft Roman Hebenstreit: "Keine Sicherheit im Arbeitsleben heißt kein Vertrauen in die Zukunft, das hat gesellschaftspolitische Auswirkungen.“

Leasing-Kräfte bei den ÖBB putzen Waggons, reparieren Züge, arbeiten im Verschub. In der Konzernbilanz lassen sich ihre Gehälter in den Sachposten verstecken. Bis vor nicht allzu langer Zeit harmonierte das vorzüglich mit dem Vorhaben des ÖBB-Managements, den Personalstand unter die 40.000er-Marke zu drücken. Verkehrssicherheit, Ausbildungsqualität und Mitarbeiterzufriedenheit waren kein Thema. Nun denkt die Konzernspitze um. Anfang August werden rund 400 Leiharbeiter ins Stammpersonal übernommen und Gewerkschafts-Chef Hebenstreit ist mehr als zufrieden, "dass wir es nicht so weit treiben wie die Konkurrenz, die sogar Lokomotiven von Leiharbeitern steuern lässt“.

"Man hat mich jedes Mal vertröstet“
Vergangene Woche erzählten drei Männer und eine Frau in einem Besprechungsraum der Technical Services in Wien-Simmering, wo IC-Züge und Railjets gewartet werden, über ihre Erfahrungen mit Zeitarbeit. Der 34-jährige Elektriker Georg Tetenka hatte sich Jahre lang auf Baustellen verdingt, bis er das Herumziehen und die Streitereien ums Geld satt hatte und bei den ÖBB anheuerte - "allerdings, weil es damals nicht anders ging, wieder als Leiharbeiter“. Ein halbes Jahr lang sollte er zeigen, was er kann, danach würde man ihn anstellen, hieß es damals, 2009. Tetenka legte sich ins Zeug und fragte alle paar Monate nach, wie es mit der fixen Stelle nun aussähe: "Man hat mich jedes Mal vertröstet.“ Anfang August soll das drei Jahre alte Versprechen wirklich eingelöst werden. Tetenka: "Glauben kann ich es aber erst, wenn ich den Vertrag in der Hand habe.“

Mario Reischl, 37, schaffte den Sprung vom Leiharbeiter zum ÖBBler nach 14 Monaten. Der Betriebsrat hatte bei seinen Vorgesetzen Druck gemacht, der gelernte Schweißer brauche für seine Arbeit dringend fachliche Weiterbildungen. Als Leiharbeiter wurden sie ihm nicht bezahlt. Sein Kollege Maximilian Tischer, 30, hatte 1998 eine Schlosserlehre bei den ÖBB begonnen. Danach gab es, wie für die meisten seiner Kollegen damals, keinen Job. In den vergangenen Jahren hangelte sich Tischer durch sieben Leiharbeitsfirmen und fünf verschiedene Vorsorgekassen: "In jeder liegen ein paar 100 Euro von mir, und ich weiß nicht, ob ich die je herausbekomme.“

Nina Eisenkölbl, 20, sitzt die meiste Zeit ruhig daneben und hört den älteren Kollegen zu. Vielleicht schwant ihr, was ihr erspart geblieben ist. Auch sie wurde nach ihrer Ausbildung zur Maschinenschlosserin zur Leiharbeiterin bei den ÖBB, allerdings währte ihr unsicheres Dasein nur zwei Monate. Das genügte der jungen Frau immerhin, sich "sehr glücklich zu schätzen, dass ich jetzt wieder was Fixes hab“.

Bei den ÖBB laufen - anders als bei Henkel - alle Arbeiter in blauer Kluft herum. Feine Unterschiede aber gibt es auch hier: Die Leihkräfte müssen die Jacken und Hosen in der Waschmaschine zu Hause von Werkstättenstaub und Maschinenöl befreien. Für die Angestellten machen das Profis im Auftrag der ÖBB.

Infobox

Leiharbeit
Wie der Gesetzgeber die Arbeitskräfteüberlasser an die Kandare nimmt.

In den 1980er-Jahren kämpfte der ÖGB für ein Verbot der Leiharbeit. Doch das Vorhaben scheiterte politisch. Stattdessen einigten sich die Sozialpartner auf ein scharfes Arbeitskräfteüberlassungsgesetz. Seither gilt "gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, sprich: Leiharbeiter müssen nach dem Kollektivvertrag des Beschäftigerbetriebs entlohnt werden. Die Überzahlungen in Hochlohnbranchen werden pauschal abgegolten. In Niedriglohnbranchen gilt seit 2002 der Mindestlohn der Leiharbeiter (derzeit rund 1500 Euro). René Schindler, in der Produktions-Gewerkschaft (Pro-Ge) für Soziales und Recht zuständig, gilt als geistiger Vater des Paragraphenwerks. Ganz zufrieden ist er damit nicht: "Das Hire und Fire konnten wir nicht unterbinden.“ Kaum ein Leiharbeiter legt sich quer, wenn er zur einvernehmlichen Kündigung gedrängt wird, schließlich will er beim nächsten Job wieder angerufen werden. So minimieren die Leiharbeitsfirmen ihre Kosten für Stehzeiten. Bei wiederholten arbeitsrechtlichen Verstößen droht der Entzug des Gewerbes. Bis jetzt ist das noch keinem Unternehmen passiert, was auch daran liegen könnte, dass Leiharbeiter lieber den Mund halten, als ihre Stelle zu riskieren. Und die Arbeitskräfteüberlasser sind in der Regel bemüht, jeden Streit über nicht bezahlte Überstunden und zu niedrige Einstufungen gütlich und diskret beizulegen. Anfang des Jahres trat eine Novelle in Kraft, die Benachteiligungen bei Sozialleistungen verbietet. Außerdem wurde ein Sozial- und Weiterbildungsfonds für Leiharbeiter eingerichtet.

Foto: Sebastian Reich für profil


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