Bahnfahren: Bitte warten

Bahnkunden leiden unter Verspätungen, schlechten Zugfrequenzen und Benachteiligungen gegenüber Pkw-Pendlern.

Volker Plass, Wirtschaftssprecher der Grünen, wohnt seit 13 Jahren in der Wienerwaldstadt Purkersdorf. Täglich pendelt er über eine halbe Stunde mit Schnellbahn und U-Bahn in sein Büro in Wien-Mariahilf. Als ÖBB-Stammkunde hat er schon viel erlebt: von Jahr zu Jahr weniger Züge, dafür mehr Verspätungen und eine amtlich bestätigte „Verfrühung“, als ihm eine S-Bahn vor der regulären Abfahrtszeit vor der Nase davonfuhr. Für ein ÖBB-Ticket für eine Haltestelle, die nur 700 Meter außerhalb der Wiener „Kernzone“ in Nieder­österreich liegt, bezahlt Plass mehr als für die 365 Euro teure Jahreskarte für alle ­öffentlichen Verkehrsmittel in Wien.

"Blankes Chaos"
Der alte ÖBB-Slogan „Nerven sparen, Bahn fahren“ gilt schon lange nicht mehr für Pendler. Plass musste oft in einem schadhaften Zug eine Stunde lang auf die Weiterfahrt warten, und niemand gab Auskunft. „Seit der Zerschlagung der ÖBB in einzelne Firmen herrscht oft blankes Chaos.“
Aber er erlebte auch Dienst am Kunden. Als er einmal spätabends im Regionalzug einschlief und viel zu spät ausstieg, gab es dort keinen Zug mehr in die Gegenrichtung und auch kein Taxi. Die Fahrdienstleiterin hielt darauf einen durchfahrenden Güterzug an. Plass durfte in der Lok mit- und heimfahren.

Seit der Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung in Wien stiegen deutlich mehr Pendler vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel um. Rund um die „Kernzone“ Wiens sind von Klosterneuburg bis Schwechat schon am frühen Morgen die meisten „Park&Ride“-Plätze besetzt. Aber nicht nur durch Pendler. Auch Anrainer ohne Parkpickerl nützen nun die günstigen Garagen um 3 Euro pro Tag.

Kundenunfreundliche Fahrpläne
Dass viele Bewohner aus dem Wiener Umland weiter mit dem Auto zur Arbeit fah­ren , liegt zudem nicht nur an der höheren Pendlerpauschale für Pkw-Benützer. Schuld sind auch wenig kundenfreundliche Fahrpläne. So gibt es auf der Westbahnstrecke im Regionalverkehr ab 19.30 Uhr nur mehr einstündige Intervalle und lange Lücken am Vormittag. Für zusätzliche Züge fehlt der Kostenbeitrag der an der Strecke liegenden Gemeinden. Immerhin wird mit dem neuen Fahrplan ab nächster Woche tagsüber wegen der Eröffnung der neuen Strecke über das Tullnerfeld auf der alten Westbahn erstmals wieder Viertelstundentakt angeboten, kündigte ÖBB-Regionalmanager Michael Fröhlich stolz an.

Viele Pendler, die in Wien arbeiten, sind – vor allem im Waldviertel – auch wegen fehlender Zugverbindungen auf das eigene Auto angewiesen. Das Land Nieder­österreich hat 2010 von den ÖBB ein Streckennetz von 600 km an Nebenbahnen erworben, aber danach großteils stillgelegt und in Radwege umgewandelt. Der eingeführte Ersatzbusverkehr soll nach den Landtagswahlen auf Wirtschaftlichkeit überprüft werden.

Dass es auch anders geht, beweist die Lokalbahn im Salzburger Pinzgau. Dort stiegen wegen moderner Zugsgarnituren und eines geschickt abgestimmten Fahrplans viele Autofahrer auf die Bahn um.