Brief Kardinal Groers spricht für die Vertuschung durch den Vatikan

Ein bisher unbekanntes Schreiben Kardinal Groers scheint die Vertuschung durch den Vatikan zu belegen. Ein neuer Zeuge behauptet: Rom und Österreichs Bischöfe wussten über den sexuellen Missbrauch durch Groer weit früher Bescheid als zugegeben.

Ein handschriftlicher Brief sorgt derzeit in der katholischen Laien-Plattform „Wir sind Kirche“ für Aufregung. Obmann Hans Peter Hurka hat ihn von der Witwe eines Freundes von Kardinal Hans Hermann Groer erhalten. Geschrieben hat ihn der ehemalige Wiener Erzbischof im Mai 1998, als er in der vom Vatikan verfügten Verbannung im Frauenkloster Goppeln bei Dresden lebte.

Groer zeigt sich in dem Schreiben weiterhin ohne jede Reue und Einsicht. Er habe „Tausende“ Briefe erhalten, Krankheit und Übersiedlungen sowie das, „was die Medien Fall Groer zu benennen pfleg(t)en“, ­überstehen müssen. Und dann folgt ein ­bemerkenswerter Satz: „Durch ein ‚heiliges‘ Silentium, ‚secretum‘ lange verpflichtet, veröffentlichte ich eine mir vorgelegte ‚Erklärung‘, fühlte aber, dass viele sie nicht als ­genügend finden würden, wie das auch mit den 3 ‚Erklärungen‘ von ’95 war.“

Vorgelegte Erklärung? Schweigeverpflichtung? Für Hurka ist diese Stelle ein klarer Beleg für die vom Vatikan betriebene Vertuschung der Causa ­Groer: „Für mich ist daraus eindeutig erkennbar, dass es Aktionen gegeben hat, die zum Ziel hatten, nicht alles an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich vermute dahinter vatikanische Emissäre oder aus dem Vatikan ausdrücklich beauftragte sehr unterwürfige örtliche Machthaber.“

Seit Kardinal Christoph Schönborn seinen Kurienkollegen Angelo Sodano als Hauptverhinderer einer Untersuchung der Missbrauchfälle durch den Vatikan geoutet hat (profil 22/2010), werden in Laienorganisationen wie auch in der „Pfarrer-Initiative“ Forderungen nach einer Aufrollung der Affäre laut, die im März 1995 über eine profil-Titelgeschichte die katholische Kirche Österreichs in den Grundfesten erschüttert hat. Zu viel sei damals unter den Teppich gekehrt worden, klagen heute Opfer Groers, die jahrzehntelang zu den Vorfällen aus Scham geschwiegen hatten. Sie wollen wissen, wie es dazu kam, dass sich Groer als Religionslehrer im Konvikt in Hollabrunn jahrelang ohne strafrechtliche Konsequenzen an Zöglingen vergehen konnte. Gläubige fordern Aufklärung darüber, wieso Groer 1986 mit diesem Vorleben zu höchsten kirchlichen Würden gelangen konnte.

Denn schon damals waren Groers dunkle Seiten aus dem Internat in Hollabrunn und später auch sein Umgang mit Mönchen und Priesteranwärtern aus dem Stift Göttweig und Maria Roggendorf neben den Opfern auch zahlreichen Eingeweihten bekannt, was akribisch im „Buch Groer“ von Hubertus Czernin nachgewiesen wurde.

„Verschweigen, vertuschen, verdrängen – so sah der Umgang der Kirche mit dem Fall Groer aus“, kritisiert der Begründer der „Laieninitiative“, der frühere ÖVP-Politiker Herbert Kohlmeier. Doch heute sei es wichtiger, akute Probleme der Kirche wie Priestermangel wegen des Pflichtzölibats, die veraltete Sexualmoral oder die mangelnde Mitsprache der Gläubigen zu behandeln. Nächste Nagelprobe sei die Ernennung von vier neuen Bischöfen in Österreich. Kohlmeier forderte bereits die Bundesregierung auf, notfalls das im Konkordat vorgesehene Vetorecht anzuwenden.

Roms langer Arm.
Helmut Schüller, ehemaliger Generalvikar von Kardinal Schönborn und heute Pfarrer in Niederösterreich, plädiert für eine Untersuchung der Causa Groer. „So könnten die Angaben aller, die sich als Opfer gemeldet haben oder noch melden würden, gesammelt und von einer unabhängigen Instanz – vielleicht der Klasnic-Kommission – geprüft und bewertet werden“, so Schüller im Gespräch mit profil. Weiterer Vorteil: „Heute noch lebende Mitverantwortliche – weil Mitwisser beziehungsweise in Entscheiderposition bezüglich der Auswahl Groers als Erzbischof und später dann des Umgangs mit den Vorwürfen – könnten so identifiziert und zur Verantwortung gezogen werden.“

Schüller selbst wäre ein wichtiger Zeuge.
„Ich habe erlebt, dass die Geschichte damals nach Rom gezogen wurde. Alle haben zunächst erwartet, vielleicht auch Kardinal Schönborn selbst, dass dort die Untersuchungen stattfinden werden. Der Verdacht, dass gar nicht untersucht wurde, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Weltkirchenleitung lässt sich nichts dreinreden. Sie findet es auch nicht der Mühe wert, die Kirchenbasis, die die ganze Suppe ausgelöffelt hat, darüber zu informieren.“

Noch im April 1998 war vom Vatikan eine Prüfung der Vorwürfe angekündigt worden. Papst Johannes Paul II. zitierte die drei österreichischen Bischöfe Christoph Schönborn, Georg Eder und Johannes Weber im April 1998 zu einem Treffen nach Rom. Nach weiteren Gesprächen mit den Kardinälen Angelo Sodano und Josef Ratzinger wurde beschlossen, „dass sich der Papst persönlich um eine Lösung bemühen wird, die von Gerechtigkeit und Liebe getragen ist“, meldete „Kathpress“.
Zur Untersuchung kam es jedoch nie. Dafür durfte Groer, schwer erkrankt, bereits Ende 1998 nach Maria Roggendorf zurückkehren, wo er 2003 verstarb und viele offene Fragen hinterließ.

Die Kirchenführung zeigt heute wenig Freude mit einer Aufrollung des größten Skandals der jüngeren Kirchengeschichte Österreichs, sosehr Schönborn sonst energisch Maßnahmen gegen Missbräuche vorantreibt. Sein Sprecher Erich Leitenberger verwies darauf, dass man sich an das „kirchliche Prinzip, Tote ruhen zu lassen“, halten wolle.

Klasnic will prüfen.
Von profil befragte Bischöfe, wie Egon Kapellari oder Andreas Laun, wollten dazu nicht Stellung nehmen. Und auch eine profil-Anfrage bei Vatikan-Sprecher Federico Lombardi zur Untätigkeit des Vatikans und zu einem Schweigegebot für Groer blieb unbeantwortet. In der von Schönborn initiierten „Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft“ unter der Leitung der ehemaligen Landeshauptfrau der Steiermark, Waltraud Klasnic, zeigt man sich zu einer Untersuchung der „Causa Groer“ grundsätzlich bereit. Zwar sei der Kommission noch kein „konkreter Fall“ gemeldet worden, so deren Sprecher Herwig Hösele, aber „prinzipiell geht es uns um größtmögliche Transparenz“. Die heikle Causa könnte „bereits bei der nächsten Kommissionssitzung“ besprochen werden.

Der Direktor der Caritas Wien, Michael Landau, plädiert prinzipiell, „schon aus ­Achtung vor dem Leid der Opfer“ für eine Untersuchung. Pfarrer Udo Fischer, der Groers sexuelle Übergriffe schon 1985 zunächst ordensintern bekannt gemacht hatte, hält heute eine Untersuchung der Vorfälle für „zu spät“. Fischer betont, dass die 1998 erfolgte Visitation in Göttweig und Maria Roggendorf keinesfalls im Auftrag des Vatikans erfolgt sei, sondern nur, weil der damalige Abt des Stifts Göttweig, Clemens Lashofer, diese wegen zahlreicher Anschuldigungen rund um den Fall Groer von der Ordensleitung in Rom angefordert hatte.

„Es ist damals viel zugedeckt worden, auch weil unsere Bischöfe zur Erkenntnis gelangt sind, dass der Papst seine schützende Hand über Groer gehalten hat“, so Fischer, der vor der Visite vom St. Pöltener Bischof Kurt Krenn abgesetzt worden war. Groer habe damals jedes Gespräch mit dem Hauptvisitator, Abt-Primas Marcel Rooney, verweigert. Er unterstehe nur dem Papst, hatte Groer nach einer Audienz in Rom schnippisch erklärt. Um den Endbericht der zwei Visitatoren der Ordenskongregation ranken sich bis heute viele Rätsel. Der Teil über die Groer betreffenden Vorwürfe sei im Vatikan weggesperrt worden, wird gemunkelt.

„Das unser Kloster betreffende Ergebnis wurde damals veröffentlicht“, erklärt Maximilian Krenn, Prior und Pressesprecher des Stifts Göttweig. „Darüber hinausgehende Berichte über etwaige weitere Untersuchungen entziehen sich unserer Kenntnis.“

Groer selbst hat bis zu seinem Tod zu ­allen Vorwürfen eisern geschwiegen. 1995 erschienen von ihm einige dürre Erklärungen in der „Kronen Zeitung“. Erst 1998 gelangten vier Bischöfe, darunter Kardinal Schönborn, in einer Erklärung „zur moralischen Gewissheit“, dass die Anschuldigungen gegen Groer „im Wesentlichen zu­treffen“. Nach Veröffentlichung des profil-Berichts hatte Schönborn noch Parallelen zu Ver­folgungen der Priester in der NS-Zeit gezogen, wofür er sich später entschul­digte.

Die schützende Hand von Papst Johannes Paul II. wurde nie ganz zurückgezogen, obwohl Groer seinem Nachfolger Platz machen und alle Aufgaben niederlegen musste. Nuntius Donato Squicciarini hat laut Kommuniqué der Nuntiatur 1998 Groer zu ­einer Erklärung überredet, in der er freilich ­weiterhin „oft unzutreffende Behauptungen“ über ihn beklagen durfte. „Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung, wenn ich Schuld auf mich geladen habe“, heißt es dort vage. Eine von Schönborn und mehreren Bischöfen geforderte ausführliche Erklärung mit Schuldbekenntnis verweigerte Groer.

Doch die Kirchenleitung und auch der Vatikan müssen die Vorwürfe gegen Groer weit früher als bisher angenommen gekannt haben. Ein Opfer Groers, das Anfang der sechziger Jahre im Konvikt in Hollabrunn von diesem sexuell belästigt worden war, gab im Gespräch mit profil bisher unbekannte Details bekannt.

„Vorkommnisse“.
Paul Wagner (Name von der Red. geändert) war von 1973 bis 1993 als Angestellter der Erzdiözese Wien vor allem in Seligsprechungsverfahren tätig. Dann wurde er gekündigt und zu einer Verzichtserklärung auf sozialrechtliche Ansprüche genötigt. „Man hat mir gedroht, dass ich sonst auch die Lehrbefugnis als Religionslehrer verlieren würde. Finanziell wäre ich damals als Familienvater vor dem Nichts gestanden“, so Wagner.

Wagner versuchte mehrmals und erfolglos, mit Kardinal Groer zu sprechen. Erst dann schickte er ihm einen Brief, in dem er seine ihm vorenthaltene Abfertigung einforderte. „Muss man sich wirklich der Medien bedienen, um ein schwerwiegendes Unrecht zu beseitigen?“, schrieb Wagner und beendete den Brief mit einer Warnung. „Dabei hoffe ich in Ihrem Interesse, gar nicht erst jene Hollabrunner Vorkommnisse vor mehr als dreißig Jahren in Erinnerung rufen zu müssen, um zu meinem Recht zu kommen.“ Kopien des Briefs schickte Wagner auch dem Nuntius Squicciarini, Alt-Erzbischof Kardinal König, der Glaubenskongregation in Rom und dem Abt des Stifts Göttweig.

Die Reaktion erfolgte diesmal rasch. Der Rechtsanwalt der Diözese erklärte, Kardinal Groer werde das Geld von seinem Privatkonto in zwei Tranchen überweisen. Der Nuntius schickte einen freundlichen Brief, in dem er eine „gute Lösung“ in Aussicht stellt.

Für Wagner steht heute fest: „Die Bischöfe müssen damals wesentliche Anschuldigungen gegen Groer gekannt haben. Sonst hätte man mir doch Fragen nach den Vorkommnissen gestellt.“ Ein Weihbischof habe dies ihm gegenüber offen zugegeben. In der Wiener Erzdiözese will man Wagners Anschuldigungen nicht kommentieren.

Wagner, heute 63 Jahre alt und erfolgreicher Anwalt, hatte als Kirchenangestellter mehrmals Gespräche mit Groer geführt. „Ich habe ihm gesagt, dass er von mir nichts zu befürchten hat. Aber er hat über die Vorgänge im Konvikt nie sprechen wollen.“

Ganz offen wurde dagegen bei Maturafeiern der einstigen Hollabrunner Zöglinge über Groers sexuelle Übergriffe berichtet: wie Groer plötzlich als Erzieher im Internat abgelöst wurde, aber weiter Religionslehrer bleiben durfte. Und wie er Schüler einzeln zur Beichte in seine Wohnung im dritten Stock des Internatsgebäudes vorlud. Dort kam es dann zu Zungenküssen und anderem Austausch von Zärtlichkeiten. Manchmal auch bloß zu praktischen „Übungen“ der Körperpflege im Intimbereich.

„Es war uns allen höchst peinlich. Aber er nützte seine hohe Autorität aus“, so Wagner. „Er war für uns auch Ersatz für Mutter und Vater. Wir alle hatten Angst, wenn er uns zur Beichte vorlud.“ Wagner selbst vertraute sich einem Präfekten an. „Er sagte, ich bräuchte nicht mehr bei Professor ­Groer beichten.“

Ein Mitschüler verschwand über Nacht aus der Schule, niemand wusste, warum. „Erst viel später kam er zu einer Maturafeier und klärte uns auf. Er hatte seinen Vater über den Missbrauch informiert, der ihn sofort aus der Schule nahm.“ Bei anderen Schülern war die Scham über das Erlebte zu groß. „Viele haben sich nicht getraut, die Übergriffe zu erzählen. Manchmal wurde den Buben wohl auch nicht geglaubt. Gerade auf dem Land wagten damals viele Eltern nicht, etwas gegen die Kirche zu unternehmen“, so Wagner.

Wagner selbst hält persönlich wenig von einer verspäteten Untersuchung der Causa Groer. „Der Mann ist tot. Ich habe ihm verziehen. Wir müssen mit dem, was uns passiert ist, fertigwerden, was mir Gott sei Dank gelungen ist.“

Nur im Falle einer Seligsprechung von Groer würde er sich eindringlich zu Wort melden. „Dann wären ja alle Gläubigen aufgerufen, ihr Wissen über den Kandidaten vorzubringen.“ Dass Kardinal Schönborn ihm für seine Tätigkeit bei der Seligsprechung Kaiser Karls persönlichen Dank abstattete, freute Wagner. Mit einer Einschränkung: „Der Kardinal hat mir einen hohen kirchlichen Orden versprochen. Auf den warte ich noch heute.“