Letzte Runde

Theater. Eigenwilliges Ritual: der feierliche Leichenzug rund ums Burgtheater

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Als Matthias Hartmann 2009 sein Amt als Burgtheaterdirektor antrat, eilte ihm der Ruf voraus, ein wohlausgeprägtes Ego zu besitzen. „Ich bin 1,93 Meter groß, spreche Hochdeutsch und drücke mich klar aus“, tönte er lautstark. Womit er nicht gerechnet hatte: Was „klar“ ist und was nicht, entscheiden die Wiener immer noch gern selbst – vor allem bei einem Deutschen.

Der gestresste neue Direktor probte im August 2009 an seinem „Faust“-Projekt, als der Schauspieler Heinrich Schweiger, Ehrenmitglied des Burgtheaters, starb. Acht Tage vor der Eröffnungspremiere hatte Hartmann also ausgerechnet bei einer Trauerfeier seinen ersten offiziellen Auftritt; das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete süffisant darüber, wie Hartmann damals ins Schwitzen kam. Schweiger wurde feierlich auf der Feststiege des Burgtheaters, durch die früher der Kaiser das Haus betreten hatte, aufgebahrt. Hartmanns Ansprache war kurz, schließlich wolle bei 35 Grad keiner lange Reden hören, meinte er. Da hatte sich Hartmann aber gründlich getäuscht: Ehrenmitglied Michael Heltau holte weit aus, um gegen das Regietheater zu wettern: Regisseure nötigten Schauspielern Absurdes ab, anstatt die großen Autoren werkgetreu zu inszenieren. Danach wurde der Sarg zu den Klängen der alten Kaiserhymne in einer schwarzen Limousine um das Theater gefahren. Als Hartmann später erzählte, er sei dem Sarg „hinterher gelaufen“, drückte er sich wohl etwas zu „hochdeutsch“ aus. Wer ihn denn so gejagt habe, wurde er hinterfotzig gefragt. Eigentlich schreite man einem Sarg doch hinterher. Laufen, das müsse er sich merken, heiße in Wien nämlich: joggen. Und bei einem Begräbnis sei das mehr als unangebracht. Willkommen in Wien, Herr Direktor!

Zwischen Tradition und Moderne gelingt dem Burgtheater in der Tat ein erstaunlicher Spagat: Während auf der Bühne um zeitgenössische Inszenierungen gerungen wird, werden andererseits nach wie vor Rituale am Leben gehalten, die wie aus einem anderen Jahrhundert wirken: Österreich als alte Kultur-Monarchie, in der ein Burgschauspieler gleich hinter dem Kaiser rangiert. Wahrscheinlich macht gerade diese aberwitzige Mischung den Mythos des Hauses aus. „Wenn man das Burgtheater erwähnt, erblassen die Leute noch immer vor Ehrfurcht - als wäre man Priester im Vatikan“, sagt der deutsche Schauspieler Marin Schwab (siehe Interview hier).

Streit um Nachruf
Eine der eigenwilligsten Burg-Traditionen bringt die Ehrenmitgliedschaft mit sich, die den Auserwählten einen grandiosen Abtritt garantiert: Der Sarg dreht unter Anwesenheit heimischer Politprominenz eine letzte Runde um das Theater, ehe man weihevoll in ein von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestelltes Ehrengrab am Zentralfriedhof gebettet wird (sofern man das so möchte). Das Ritual ist rührend anachronistisch, barockes Theater in einer profanen Zeit. Beim Trauerdienst von Josef Meinrad 1996 sollen der Bundespräsident und der Kanzler sich darum gestritten haben, wer zuerst seinen Nachruf vortragen dürfe. Im Fall von Paul Hörbiger 1981 warteten Tausende von Schaulustigen vor der Burg, um dem Bühnenstar die letzte Ehre zu erweisen. Auf Paula Wessely muss dieser Wirbel eher abschreckend gewirkt haben: Sie verzichtete testamentarisch auf die Ehrenrunde.

Burgtheaterstars sind jedoch auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Bei den Feiern für Wolfgang Gasser (2007) und Heinrich Schweiger hielt sich der Zuschauerandrang in Grenzen. „Wenn schon 17-Jährige als Stars gelten, können wahre Stars kaum noch punkten“, versucht sich Gerhard Blasche, der künstlerische Generalsekretär des Burgtheaters und ebenfalls Ehrenmitglied des Hauses, diese Veränderung zu erklären.

Etwas genuin Höfisches wurde mit der von der Republik Österreich ins Leben gerufenen Ehrenmitgliedschaft in die Gegenwart hinüber gerettet: Die Auszeichnung war als Ersatz für den einstmals vergebenen Titel des Hofschauspielers gedacht. 1922 wurde sie für besonders verdienstvolle Darsteller ins Leben gerufen. Später kamen auch Direktoren in diesen Genuss – einige früher, andere später: Während Klaus Bachler bereits 2009 Ehrenmitglied wurde, schaffte es Gerhard Klingenberg (Intendant von 1971 bis 1976) erst mit mehr als 30-jähriger Verspätung auf die Liste. Auch Claus Peymann wurde erst im Vorjahr zum Ehrenmitglied ernannt. Peymann hatte sich stets über Traditionen lustig gemacht – und sie zugleich am meisten geliebt. Seine Regieassistenten wurden verpflichtet, auf Ehrenbegräbnisse zu gehen. „Peymann meinte, nur so könne man etwas über die Geschichte dieses Hauses lernen“, erinnert sich Blasche. Begraben sein möchte Peymann trotzdem nicht in Wien, sondern auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof, möglichst nahe an Bert Brecht.

Wer Ehrenmitglied wird, mutet bisweilen so kryptisch an wie die Entscheidungen des Vatikan-Konklaves. Auf der aktuellen Liste fehlen etwa zentrale Schauspielgrößen wie Kirsten Dene; dafür ist Sylvia Lukan vertreten. Das Prozedere indes ist einfach: Langjährige, verdienstvolle Burg-Mitglieder können vorgeschlagen werden – und zwar von jedem Kollegen im Haus. Danach entscheiden der jeweilige Direktor und der Betriebsrat des künstlerischen Personals über diesen Antrag, bevor er ans Kulturministerium weitergeleitet wird. Die Zahl der lebenden Ehrenmitglieder sollte jedoch ein Zehntel des gesamten Ensembles nicht überschreiten.

Matthias Hartmann kann jedenfalls beruhigt sein: Als Direktor kommt man früher oder später automatisch auf die Liste. Was den Sportwagen-Liebhaber allerdings enttäuschen könnte: Ein roter Porsche ist als Leichenwagen zumindest bislang nicht vorgesehen.

Karin   Cerny

Karin Cerny