Ein letztes Hurra

In der Wiener Hofburg sollen keine rechtsextremen Bälle mehr stattfinden. Die Hofburg-Gesellschafter werden deshalb mit Boykott-Aufrufen bedroht.

Klassenkampf ist nichts dagegen, seit die Pächter der Wiener Hofburg entschieden haben, dass rechte und rechtsextreme Burschenschafter in Zukunft nicht mehr in den Prunksälen am Heldenplatz tanzen sollen. Der freiheitliche Parlamentspräsident Martin Graf, Alter Herr der als rechtsextrem geltenden Burschenschaft Olympia, tobt gegen die „feige Bourgeoisie“. Der ehemalige FPÖ-Universitätsrat und „Olympe“ Friedrich Stefan, der in jüngeren Jahren damit prahlte, dass seine Leute Gegendemonstranten „mit blutigen Köpfen davongejagt haben“, meint, die Bürgerlichen hätten „wieder einmal Rückgratlosigkeit bewiesen“.

Schon in den vergangenen Jahren mussten sich die Herren in ihrem farbenprächtigen Wichs und die Damen in Abendrobe an Demonstranten in Kapuzenanoraks vorbeischleichen und unter dem Schutz der Wega am äußeren Tor am Heldenplatz rütteln, das aus Sicherheitsgründen versperrt worden war. Ein Teil der Gegenwelt war gegen die Sperrketten der Polizei angerannt, hatte Holzlatten von diversen Baustellen herbeigeschafft, am Ring kleine Feuerchen entzündet und die Straßenbahn blockiert. Die jungen Leute wollten nicht akzeptieren, dass die halbe Bundesregierung und honorige Rektoren dem Aufmarsch der Rechten ihren Ehrenschutz angedeihen ließen.

Der Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) findet seit 1968 in der Wiener Hofburg statt. In den ersten Jahrzehnten wurde er in der Öffentlichkeit kaum beachtet, obwohl die Elite des österreichischen Universitätswesens – neben NDP-Chef Norbert Burger – im Ehrenkomitee aufschien. Erst im Jahr 1998 erlangte der rechte Mummenschanz eine gewisse Auf­merksamkeit. In München regte sich Widerstand da­gegen, dass der damalige Rektor der Technischen Universität, Wolfgang A. Herrmann, „mit rechtsradikalen Studenten feierte“, so ein Bericht in der deutschen „Bild“-Zeitung. Herrmann entschuldigte sich damals, er habe nicht gewusst, für wen er den Ehrenschutz abgebe.

In den Jahren von Schwarz-Blau, als Burschenschafter generalstabsmäßig öffentliche Einrichtungen eroberten, entwickelte sich der Ball des WKR zu einem gesellschaftlichen Event der rechten und rechtsradikalen Szene in Europa. Jean-Marie Le Pen, bulgarische und russische Nationalisten, flämische und deutsche Rechtspolitiker waren zu Gast. Erst gegen Ende der blauen Regierungsbeteiligung kam es zur Absetzbewegung unter den Rektoren.

Heuer wird die einschlägige Prominenz ein letztes Mal im Redoutensaal tanzen und sich gegen fünf Uhr morgens mit dem „gemeinsamen Absingen der Burschenherrlichkeit“ verabschieden – ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Man sei vertraglich gebunden, ein kurzfristiges Verbot oder eine Verschiebung nicht möglich gewesen, sagt die Geschäftsführung des Kongresszentrums.

Auch so haben sie jede Menge Ärger. Man hört, dass die Chefin des Hotels Sacher, Elisabeth Gürtler, den Beschluss gern revidieren würde. Ihre Presseverantwortliche, Christine Koza, beruhigt: Das Sacher würde unter einem Boykott kaum leiden. Die Gesellschafter der Hofburg-Betriebsgesellschaft – Hotel Intercontinental, Hotel Sacher, Austria-Hotels, Schick-Hotels, Casinos Austria – wurden jedenfalls mit zahlreichen Protestschreiben eingedeckt, aus denen unverhohlen das alte Herrenmenschentum hervorblitzt: „Womit, denken Sie, fahren Sie wirtschaftlich besser? Mit 1500 feiernden Akademikern in der Hofburg oder mit 30 frierenden Linken am Michaelerplatz?“, schimpft ein Gast aus Deutschland. „Dem linken Mob“ und nicht „ranghohen Vertretern aus dem gesellschaftlichen Leben (Rechtsanwälten, Notaren, Ärzten, Professoren) sollte man einen Platzverweis erteilen“, meint ein Südtiroler Rechtspolitiker.

Es ist eine konzertierte Aktion. Die Protestschreiber sind offensichtlich dem Aufruf von „unzensuriert.at“ gefolgt, einer Homepage, die von Mitarbeitern des Parlamentspräsidenten Graf betrieben wird. Sie bedienen sich alle derselben Vorlage: „Mit Empörung habe ich von ihrer Entscheidung, den Ball des Wiener Korporationsringes aus der Hofburg auszuladen, gehört.

Die behaupteten Anschuldigungen treffen in keinster Weise zu. Im Gegenteil handelt es sich bei diesen um Leistungsträger der Gesellschaft. Dem entsprechend gehörten in der Vergangenheit auch viele Besucher des WKR-Balls zu den Gästen Ihrer Häuser. Mit Ihrer Entscheidung haben Sie es aber vorgezogen, sich den Pöbeleien eines aufgebrachten, kleinen Mobs zu beugen, der im Gegensatz zu den WKR-Ballbesuchern größtenteils weder zu den Gästen Ihrer Häuser gehört noch je gehören wird. In meinem großen Bekanntenkreis werde ich jedenfalls das Wissen um Ihre Ausladung des WKR-Balls aus der Hofburg mit der gleichzeitigen Empfehlung, keine Geschäftsverbindungen mehr mit Ihnen oder Ihnen assoziierten Unternehmungen einzugehen, verbreiten.“

Nach den profil vorliegenden Schreiben wandten nur wenige die Mühe auf, ihre Empörung in eigene Worte zu fassen: „ein Nobelball für gehobenes Publikum“ – „linksextreme Meinungskamarilla“.

FPÖ-Stadtrat Gerald Moll aus Stockerau meint gar, er werde sich „erhobenen Hauptes (…) und gerne als Rechtsextremist bezeichnen lassen, weil ich das inzwischen als Auszeichnung gegenüber den Beschimpfenden erachte“.

Konstitutives Merkmal des Protests ist der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl, der drohende Geschäftsentgang. Universitätsprofessor Lothar Höbelt, regelmäßiger Ballbesucher, findet das ganz richtig: „Le Pen ist sicher ein betuchter Kunde. Auch ich werde nicht mehr ins Hotel Sacher gehen, aber das wird sie nicht in den Konkurs treiben.“

Weite Kreise zieht die Empörung nicht.
Sämtliche Briefeschreiber, die wortreich ihren Kundenstock und ihren Einfluss beschwören, stammen aus einschlägigem Umfeld. Gerhard Schlüsselberger, Mitglied des Rings Freiheitlicher Studenten und der Olympia, sagt voraus: „Sie werden in Zukunft spüren, was es heißt, wenn viele national gesinnte und finanziell potente Menschen ihre Dienstleistungen und Produkte nicht mehr kaufen.“

Auch Robert Rathammer, Polizist und Funktionär der AUF-Niederösterreich, will in Zukunft ­„jeden geschäftlichen und privaten Kontakt meiden“. Den Manager Philipp Raich, der auch schon einmal für die FPÖ kandidierte, „widert an, dass die Casinos Austria ein Publikum vor den Kopf stoßen, das zweifellos mehr zahlungskräftige Besucher stellt als die gewalttätigen Gegendemonstranten“.

Unter den Protestschreibern finden sich auch notorische Rechtsextremisten und Antisemiten: Ludwig Reinthaler aus Wels, dessen Partei „Die Bunten“ wegen Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz von der Wahlkommission nicht zugelassen wurde; oder Hans Berger, ein Österreicher in der Schweiz, der sich für die „Europäische Aktion“ („Nachdem sich die weißen Völker in zwei Weltkriegen zerfleischt hatten, triumphierte im Westen der zügellose Rothschild-Kapitalismus“) starkmacht. Berger droht mit Vergeltung: „Retorsionsmaßnahmen auf internationaler Ebene“.

Noch vor einem Jahr sang der freiheitliche EU-Mandatar und Burschenschafter Andreas Mölzer ein Loblied auf die Besucher des WKR-Balls. Es handle sich um „hochbürgerliche, geradezu überkultivierte Menschen“.