Die Mafia-Posse

Der Tierschützerprozess endete vergangene Woche mit – nicht rechtskräftigen – Freisprüchen. profil porträtiert vier nach dem Mafia-Paragrafen angeklagte Aktivisten.

Christian Moser, 34
Als Zeugen der Anklage von der Richterin gefragt wurden, ob sie den Beschuldigten bei einer Missetat ertappt hätten, konnten sie nur berichten, dass er ihnen bei Demonstrationen ins Auge gestochen war. Es ist nicht zu leugnen: Christian Moser fällt auf. Seine Dreadlocks reichen ihm bis auf den Rücken, er trägt eine Tätowierung im Gesicht und schmückt sich mit einem Nasenring. Moser ist Kampagnenleiter des Tiroler Vereins gegen Tierfabriken (VGT), aber auch ein Künstler, der seine Bilder und Skulpturen in den Dienst der Sache stellt und über eine Galerie vertreibt. Der Staatsanwalt legte ihm unter anderem eine Affinität zur RAF zur Last, weil er Logos mit Faust und Pfote entworfen hatte.

Moser versteht sich als Anti-Rassist, Anti-Kapitalist und Anti-Speziesist, was bedeutet, dass kein Lebewesen auf dieser Welt ein Vorrecht beanspruchen dürfe, auch nicht der Mensch.

Das Aufbegehren wurde Moser in die Wiege gelegt. An der Hand seiner Mutter, einer Alt-68erin, wie er meint, hat er schon als Kind gegen Atomkraft und Rassismus demonstriert. Moser ist freilich radikaler, als es seine Eltern je waren, so wie auch er vom eigenen Nachwuchs bereits überholt wird. „Weihnachtsbäume werden nur gezüchtet, um sie tot irgendwo aufzustellen“, mahnt sein 13-jähriger Sohn.

Die junge Familie lebt mit drei Kindern in einem 400 Jahre alten Tiroler Bauernhof, nahe dem Wald. Man isst weder Fleisch noch tierische Produkte wie Milch, Käse oder Eier. Eine ­Idylle, sieht man vom Kampf gegen Schweinezüchter, Pelzhändler und Hühnerfarmen ab.

Am 21. Mai 2008 um sechs Uhr morgens wurde sein Leben auf den Kopf gestellt. Noch schlaftrunken hörte Moser seine Frau nach ihm rufen, er solle rasch aufstehen, eine Hausdurchsuchung! Er dachte, sie wolle ihn aus dem Bett locken, doch als er in die Stube kam, standen fremde Männer in seinem Haus, bewaffnet. Wenig später saß Moser in Handschellen am Tisch, die Spielzeugtruhe der Kinder war umgekippt, Flugblätter, Zeitungen, Transparente wurden abtransportiert, ausgeschüttete Sojamilch wurde sorgsam vom Boden aufgekratzt. Man hielt sie für Buttersäure, die bei Anschlägen fanatischer Tierschützer gern verwendet wird.

Vom Gemeindekotter in Wörgl ging es nach Innsbruck und von dort nach Wiener Neustadt. Vor dem ersten Hofgang in der Haftanstalt hatte er „panische Angst“. Aus Kinofilmen wusste er, dass man sich im Knast von Anfang an Respekt verschaffen muss, um nicht unterzugehen. Seine Frau kam einmal pro Woche aus Tirol angereist, für eine halbe Stunde hinter Panzerglas. Es wurde mitgeschnitten, wie sie ins Telefon weinte.

Die Angst, er würde Kinder und Frau verlieren, war das Schlimmste in dieser Zeit, sagt Moser. Nach dreieinhalb Monaten durfte er wieder nach Hause, doch das wirkliche Elend begann mit dem Monsterprozess. Zwei mal pro Woche fuhr er im vergangenen Jahr von Innsbruck nach Wien. Woche für Woche legte er 2400 Kilometer im Zug zurück. Seinem Brotberuf als Restaurator konnte er nicht mehr nachgehen. Die Familie war auf Spenden angewiesen. Mit den angelaufenen Verfahrenskosten steht sie jetzt vor einem Schuldenberg.


Felix Hnat, 28

Der Diplomvolkswirt, der in einem Lehrerhaushalt in Guntramsdorf aufwuchs, hielt die Isolation in der Einzelzelle nicht aus. Er bekam Angst, wenn das Licht ausging, weinte viel, war nicht in der Lage, zu lesen oder zu denken, erwog, sich mit Psychopharmaka zu betäuben, und glaubte, wenn er jemals wieder ­herauskäme, stünde er vor dem Nichts. Er ließ sich in eine Viererzelle verlegen, obwohl dort pausenlos der Fernsehapparat lief.
Felix Hnat war am Morgen des 21. Mai 2008 im Materiallager des VGT in Wien-Meidling von Beamten der Wega, die vermummt, mit einem Rammbock und Waffen im Anschlag die Tür aufgebrochen hatten, festgenommen, in das Gefangenenhaus an der Rossauer Lände und von dort nach Eisenstadt gebracht worden. „Anfangs nahm ich das nicht ernst. Wenn du eine Bank überfällst, bist du nicht überrascht. Aber ich hatte ja nichts Illegales gemacht, und diese Hilflosigkeit machte mich fertig“, sagt Hnat.

Nach dreieinhalb Monaten Untersuchungshaft war er ein Wrack. Seine Dissertation ließ er liegen, einen Job konnte er nicht annehmen, da der Prozess bevorstand, das erste Mal in seinem Leben war er beim AMS registriert.

Mit dem Engagement für den Tierschutz und vegane Ernährung – „Mutterkühe geben nur Milch, wenn sie ein Kälbchen zur Welt gebracht haben. Wer Milch trinkt, unterstützt die Fleischwirtschaft“ – hat Hnat vor rund zehn Jahren begonnen. Der Staatsanwalt hielt ihm allerdings auch Sachbeschädigungen aus dem Jahr 1997 vor. Da war Hnat gerade 14 Jahre alt und noch Fleischesser gewesen.

Das eigentliche Trauma trat ihm jedoch in Gestalt der verdeckten Ermittlerin „Danielle Durrand“ entgegen. Die Polizistin war von der Soko „Bekleidung“ in die Tierschützerszene eingeschleust worden und hatte sich das Vertrauen des jungen Tierschützers erschlichen. Mit seltsamen Methoden. „Sie gaukelte mir Gefühle vor, gab sich sehr offenherzig. Einmal kam sie mit einem Sack voll Sexspielzeug und zeigte es herum“, sagt Hnat.

Nur durch Zufall und eine Aktennotiz waren die Angeklagten gegen Ende des Verhandlungsmarathons auf den Spitzel gestoßen. Mithilfe von Fotos, die bei den Aktionen gemacht worden waren, und eines Privatdetektivs konnten die Tierschützer die vermeintliche Mitstreiterin, Hnats zeitweilige Freundin, die ihn ­sogar in der U-Haft besucht hatte, identifizieren. Ihre Zeugenladung, die von der Staatsanwaltschaft ursprünglich nicht vorgesehen war, brachte die ­Wende. Ihre Aussage entlastete die Angeklagten.

Die Tatsache, dass er hintergangen wurde, hat Hnat bis heute nicht verwunden. Sein Vertrauen in die Justiz ist schwer erschüttert.


Sabine Koch, 32

Ihren 30. Geburtstag verbrachte Koch in einer Zelle im Frauentrakt der Gefangenenanstalt Josefstadt. Von fern hörte sie ihren Namen rufen und ihre Lieblingsmusik – „Rosenstolz“ – wurde gespielt. Eine Solidaritätsdemonstration.

Die ausgebildete Hundetrainerin hat seit Kindertagen Sympathien für den Tierschutz. Ihre Mutter war Mitglied beim VGT, daheim wurde die Zeitung des Vereins gelesen. Sie erinnert sich an das Foto einer Kuh, die mit traurigen Augen in der Schlachtbox steht. Koch ist bei der Basisgruppe für Tierrechte aktiv.

Am 21. Mai 2008 um sechs Uhr morgens hörte sie ein Rumpeln an der Tür. Im nächsten Augenblick standen vermummte, bewaffnete Männer in ihrem Schlafzimmer. Sie war allein, lag nackt unter der Decke und bat um ein paar Minuten, um sich anzuziehen. Im Nebenzimmer jaulten ihre beiden Hunde. Sie waren mit einer Drahtschlinge an einem Stock eingefangen worden. Die Hausdurchsuchung dauerte mehrere Stunden.

Propagandamaterial, sämtliche schwarze Kleidungsstücke, Schuhe, T-Shirts, Hosen, Pullover und Jacken wurden abtransportiert. Auch zwölf Ratten aus dem Tierheim, die in Kochs Wohnung lebten. Später erfuhr sie, dass eine Freundin zu Hilfe geeilt war, die jedoch nicht in die Wohnung gelassen wurde.

„Ich konnte es lange nicht glauben, dass ich wirklich eingesperrt werden sollte“, sagt Koch. Im Prozess wurde ihr ein Auftritt in der Aktionärsversammlung von Escada vorgeworfen, bei der sie eine Kampagne angekündigt hatte, sollte Escada nicht aus dem Pelzhandel aussteigen. Bei einer Aktion gegen Kleider-Bauer hätte sie die Pressesprecherin in Angst versetzt.

Koch brauchte nach der Untersuchungshaft psychotherapeutische Begleitung. In ihrer Wohnung fühlte sie sich nicht mehr sicher. Das Gewerbe als Hundetrainerin legte sie auf Eis, das AMS-Geld wurde ihr gestrichen, weil sie wegen des Prozesses einen Kurs nicht besuchen konnte. Ihre Wohnung musste sie aus finanziellen Gründen aufgeben. „Ich war nie überzeugt, dass unser System sozial und gerecht ist. Aber die haben versucht, uns fertigzumachen“, sagt Koch.


Elmar Völkl, 34

Als die Wega am 21. Mai 2008 seine Wohnung in Wien-Meidling stürmte, hatte Völkl gerade die Dame vom Notruf in der Leitung. Er hatte gedacht, Einbrecher seien am Werk.

Für den Universitätsassistenten mit einem Diplom in theoretischer Physik hat an diesem Tag das Leben eine radikale Wende genommen. Bis dahin hatte er an seiner Dissertation gearbeitet, den empirischen Teil auch bereits abgeschlossen gehabt, ein Posten in einer Forschungsabteilung in der Autoindustrie stand in Aussicht. Das war der Plan.

Völkl verbrachte die darauf folgenden Tage im Gefangenenhaus an der Rossauer Lände – „Wie man sich einen Kerker vorstellt, bei Brot und Wasser“ –, ehe er nach Eisenstadt kam. Seinen Eltern hatte er die Vorgänge verschwiegen, solange es möglich war. Außerdem dachte er, er käme ohnehin bald wieder raus.

Völkls Vater war in dieser Zeit aus verschiedenen Gründen schwer belastet. Dass er seinen Sohn im Gefängnis besuchen musste, dass sein Sohn dort in Hungerstreik ging, dass die Polizei später auch bei ihm eine Hausdurchsuchung vornahm, weil Elmar Völkl dort gemeldet war, dass eine Anklage drohte, das alles mag mit dazu beigetragen haben, dass Völkls Vater freiwillig aus dem Leben schied.

Elmar Völkl überstand die Monate der Haft mit großer Selbstdisziplin. Er bestand auf einer Einzelzelle, verweigerte die Ablenkung durch Fernsehen, las Bücher, trieb zweimal täglich Sport und begann Türkisch zu lernen. „Dass ich wegen einer guten Sache einsaß, hat mir geholfen. Die Tiere, für die wir uns einsetzen, haben es viel schlimmer“, meint Völkl.

Angst hatte er nur vor körperlicher Gewalt und den leisen Drohungen der Gefängnisbeamten, die da lauteten: „Wir können auch anders.“
Die Haftprüfung erlebte er als „reine Farce“, die Anklage­erhebung als Schande für das Justizsystem. Für die Wissenschaft ist der Physiker wohl verloren. Seine Dissertation wird er noch abschließen, da es schade wäre, so knapp vor dem Ende auf­zuhören, doch sein weiteres Leben will er dem Tierschutz ­widmen.