Entdeckungsreise durch Wien: Mit Reiseschriftsteller Helge Timmerberg

Der Journalist Helge Timmerberg zählt zu den bedeutendsten Reiseschriftstellern deutscher Sprache. profil begleitete den Reporter, von dem soeben ein neuer Sammelband erschienen ist, auf einer Expedition durch Wien.

Helge Timmerbergs Zahnarzt ordiniert in Hamburg, die Freundin des Reporters lebt in Berlin, sein Steuerberater im schweizerischen St. Gallen. In Wien lässt sich Timmerberg, 58, die Haare schneiden und den Bart stutzen; den Dealer seines Vertrauens kontaktiert der bekennende Kiffer nach Möglichkeit in Hamburg. Den Rest des Erdenrunds, mit Ausnahme von Kolumbien, Sibirien und den Fidschis, kennt der Tramp ebenfalls aus eigener Anschauung, seit mehr als 40 Jahren ist Timmerberg als Profi-Berichterstatter unterwegs. Seine Reportagen und Essays schmückten und schmücken Qualitätsjournale („Spiegel“, „Stern“) und Boulevardblätter („Bild“), Frauenzeitschriften („Freundin“) und Lifestyle-Magazine („Tempo“). Er legte Millionen Flugkilometer zurück, übernachtete in Luxushotels und Absteigen, verlor sich in Megastädten, entvölkerten Wüsten und Dschungelgebieten. Timmerberg gefällt sich in der Rolle des klassischen Reporters: An seine rote „Triumph“-Schreibmaschine, auf der er jahrzehntelang seine Texte tippte, erinnert er sich mit Wehmut, ein Mobiltelefon besitzt er bis heute nicht; auf E-Mails antwortet er nur, wenn er zufällig einen Internetshop in seiner Nähe entdeckt. Auf Hilfsmittel wie Aufnahmegerät und Fotoapparat verzichtet er aufgrund technischen Unverständnisses. Seine elektronischen Nachrichten beginnen oft mit den Worten: „Soeben gelandet.“ Es kommt vor, dass er beim Aufwachen nicht weiß, in welcher Stadt, in welchem Sprachraum er sich gerade befindet.

Seit einiger Zeit packt Timmerberg, der in Wien und St. Gallen spartanisch eingerichtete, knapp drei Monate im Jahr in Anspruch genommene Wohnsitze unterhält, seinen grünen Rucksack vorwiegend in seiner Funktion als Buchautor, selten im Auftrag von Zeitschriften. Mit der Fabelsammlung „Das Haus der sprechenden Tiere“ (2007) und dem Reise-Bestseller „In 80 Tagen um die Welt“ (2008) nahm er inoffiziell Abschied vom Tagesjournalismus. Der soeben publizierte Band „Der Jesus vom Sexshop“ versammelt ältere, zum Teil überarbeitete Storys: Schlüsseltexte der deutschsprachigen literarischen Reisepublizistik, zumeist in Ich-Perspektive verfasst, denen ein beherztes Nein zu Langeweile und Objektivitätsanspruch anzumerken ist (siehe Kasten). Für sein Buch über Afrika, das 2011 erscheinen soll, pendelt Timmerberg noch bis Jahresende zwischen den Kontinenten. „Auf meiner seelischen Landkarte fehlt mir dieser Erdteil“, begründet er die Wahl des Reiseziels. „Im Augenblick kommt mir Afrika wie eine Kinderkultur vor. Die Menschen sind umgeben von größtenteils hausgemachten Problemen – und lachen dabei.“ profil begleitete den Exkursionsextremisten auf einer Wien-Erkundung.

Von der Schwellenangst

An einem kalten Märznachmittag steht Helge Timmerberg auf der Schwedenbrücke, welche die Leopoldstadt, seinen Wohnbezirk, mit der City verbindet. Man meint zu sehen, wie er sich überwinden muss, die Schritte in Richtung des knapp drei Quadratkilometer großen Stadtkerns zu lenken. „Ich liebe Wien“, sagt Timmerberg, in einen grauen Mantel in Übergröße gehüllt, langgliedrige Finger ragen aus den Ärmeln, eine Marlboro im Mundwinkel. „Als ich gestern nach längerer Abwesenheit meine Wiener Wohnung betrat, funktionierten weder Heizung, Telefon noch Internet. Den ganzen Vormittag verbrachte ich dank UPC, um ein neues Modem zu besorgen, in Floridsdorf. Dieses urbane Randgebiet ist ein Traum, die Bezirke zwei, sechs, sieben sind fabelhaft. Es gibt da Kaffeehäuser, in denen man die Atmosphäre wie ein Tortenstück abschneiden kann. Die Stadtmitte dagegen: Schreckensgebiet.“ Japanische Touristen, angeführt von einer Frau mit stramm in die Höhe gerecktem Regenschirm, strömen Timmerberg entgegen. „Wenn ich fernöstliche Reisegruppen sehe, wird mir umgehend unwohl“, kommentiert er die ersten zaghaften Schritte in die Terra incognita.

Die österreichische Seele

Die Wiener Innenstadt ist für den Reporter eine glitzernde Warenhausvorhölle, die er, wenn möglich, weiträumig umgeht. Eine Reportage über Wiens Altstadt würde der Journalist so konzipieren: als Horrorschilderung, als radikal subjektives Dokument, erzählt von einem unter den widrigen Umständen leidenden Ich. Notizen macht er sich auf seinen Entdeckungsreisen prinzipiell nicht. „Entscheidend ist allein die Frage: Was macht eine Stadt, ein Land mit mir? Wenn mir später etwas nicht mehr einfällt, war es nicht wichtig.“ Disziplin, laute Musik (Reggae, Country, Jazz) sind, neben gemäßigtem Haschischkonsum, die Voraussetzungen seines Schreibens.

Nach kurzem Spaziergang durch enges Gassengeviert steht Timmerberg, von Menschenmassen umspült, im Schatten der Kathedrale. „Die blanke Ödnis der Einkaufsstraßen, der Stephansdom als das Herz des Nichts“, erhebt er gegen den Umgebungslärm seine Stimme. „Die österreichische Seele erscheint hier verzerrt: Alle Menschen wollen sexy, erfolgreich, sportiv sein.“ In Havanna, Marrakesch und Lissabon würden Straßen zum verlängerten Erlebnisbereich gezählt, Promenaden seien Mittel zum Zweck. „Im ersten Bezirk ist dagegen alles blank geputzt, steril gemäldehaft. Flanierstimmung kommt keine Sekunde lang auf. In Kuba sagt man, als Ausdruck gesteigerter Aktivität:, Ich gehe jetzt raus, auf die Gasse.‘ In Wiens Zentrum geht es nicht um den Weg, sondern allein um das Ziel.“

Timmerberg erzählt dazu eine Geschichte. Irgendwo in Asien sei er einst einem jungen Mann ohne Beine begegnet, der auf einem Markt, in einer kleinen Holzkiste mit Rädern kauernd, Zigaretten verkauft habe. Sieben Jahre später sei er dem Invaliden erneut begegnet. Nun thronte der Behinderte an derselben Position des Warenumschlagplatzes in einem Kiosk, Gehilfen trugen ihn in einer Sänfte nach Hause. „Woher kommt man? Wohin geht man?“ Das seien zentrale Fragen jedes Reisereporters an die Wirklichkeit.

Helge Timmerberg bummelt nicht, er kreuzt Plätze und Gassen in irrwitzigem Tempo, das schulterlange Haar schlenkert synchron zur Schrittfolge; er trägt klobige Turnschuhe mit kleinen goldfarbenen Applikationen, die Mantelschöße flattern im Wind. Scharf und unvermittelt biegt er um Kurven, assoziativ und ungebremst wechselt er die Themen.

Ein gepflegtes Tohuwabohu zieht er dem Aseptischen des Wiener Zentrums vor. Er kommt gerade aus Dakar, die vergangenen Nächte verbrachte er in einem Mittelklassehotel, unter kuriosen Umständen, ganz nach seinem Geschmack. „In den Wasserleitungen der Unterkunft war kein Druck“, erzählt Timmerberg, während er die Rotenturmstraße entlanghastet, raus aus dem Inneren, zurück in die Leopoldstadt. „Ich schraubte an den Armaturen, die ich bald in der Hand hielt. Dann trank ich in der Lobby einen Kaffee., Mister, Mister! The liquid! The liquid!‘, rief kurz darauf einer der Mitarbeiter. Aus meinem Hotelzimmer ergoss sich ein Sturzbach über zwei Stockwerke. Nach der Reparatur wurde der Boden meines Zimmers getrocknet und gereinigt. Zwei Aspekte des Chaos, zeitweiliger Wassermangel und schadhafte Sanitäranlagen, ergaben schließlich eine saubere Unterkunft.“

Zeitstillstand

Helge Timmerberg ist der ideale Reiseführer in die Tiefen des zweiten Gemeindebezirks. Die Stadt sieht über dem Donaukanal aus, als wäre die Zeit stehen geblieben, nur die Wettbüros mit ihren Neonschildern stören das Bild. Er steuert sein Lieblingslokal an, das Café Magistrat in der Taborstraße, gleich beim Stammfriseur. „Die Leopoldstadt ist eine Puppenstube, hier sind die ewigen fünfziger Jahre, die Zeit meiner Kindheit“, sagt Timmerberg.

In der Gaststätte sitzen stiernackige Männer, die Gesichter in Grantigkeit erstarrt. Die Tischgespräche verstummen für Augenblicke, wenn Fremde das Lokal betreten. Räuspern, Kopfnicken, wieder Gemurmel. Auf einer Schiefertafel die Menüempfehlung: Bauernschmaus. Die austriakisch gefärbten, aus der „Kronen Zeitung“ stammenden Ausdrücke „Suchtgift“ und „Ostbande“ hat Timmerberg halb ironisch, halb ernst in seinen Wortschatz übernommen. Seit er in Österreich lebt, beendet er seine Sätze bisweilen gern mit „Passt!“.

Timmerberg ist, als Erzähler und Gesprächspartner, ein Mann mit Mut zu Ausschweifung und Absurdität. Er ist gewitzt, ohne zu kalauern, von buchstäblich weltläufiger Intellektualität, nie belehrend, von agilem Charme. Seine Geschichten verlieren sich häufig im Übersteigerten, Surrealen; erfunden seien seine Storys jedoch nie, beteuert er. „Ich bin dazu verdammt, die Realität zu reflektieren. Das Spinnen und Fantasieren ist meine Sache leider nicht.“ Die Grenze zur Fantasterei überschreite er in seinen Texten selten, mitunter „aus sportiven Gründen“. Einmal habe er einem Taxifahrer im indischen Goa einen Schluckauf angedichtet. „Das widersprach dem Wahrheitsgehalt, passte aber zum Geist der Geschichte.“

Vor einem Jahr zog er sich in Wien einen komplizierten Bruch des rechten Handgelenks zu. Erzählt Timmerberg von dem Unfall, transformiert er die medizinischen Dossiers in eine kleine, über die Erdteile hinweg spielende Abenteuergeschichte. Er setzte sich damals wegen akuten Liebeskummers aufs Fahrrad, um den Ärger wegzustrampeln. Eine Bordsteinkante bremste jäh die Fahrt, die Ärzte implantierten dem Autor eine Titanplatte in die zertrümmerte Hand. Danach kurierte Timmerberg die Verletzung in Brasilien. „Ein Physiotherapeut besuchte mich drei Wochen lang, pro Tag zwei Stunden, unterstützte mit wohltuenden Übungen den Muskelaufbau. Wie gern denke ich an Bruno, diesen Wunderheiler, zurück.“

Timmerberg beschließt, den Tag im Wettkampf ausklingen zu lassen. Gegenüber seiner Wohnung mit dem großen Stofftiger und dem Klaus-Kinski-Plakat gibt es ein zum Tischtennisraum umfunktioniertes ehemaliges Lokal. In seinem neuen Buch „Der Jesus vom Sexshop“ ist eine mit „Ping Pong“ überschriebene Geschichte zu finden. Pong ist Timmerberg, ein fanatischer Freund des Spiels mit dem kleinen Ball, Ping ein Wiener Freund. Auch heute Abend duellieren sich die beiden. Aus Timmerberg dringen bei Schmetterbällen animalische Laute, sein Kontrahent ist mit der Abwehr der Attacken beschäftigt. Timmerberg gewinnt knapp, 22:20. Händeschütteln. Schulterklopfen. „Passt“, sagt er.