Die Sattelfesten

Wien gilt nicht gerade als Fahrradstadt. Innovative Fachgeschäfte und alternative Radtreffpunkte treten dem Negativ-Image entgegen.

In Wien war die Schar jener Unbeugsamen, die sich auch in der kalten Jahreszeit via Velo fortbewegte, lange überschaubar. "Im vorletzten Winter zog ich stets die erste Spur im Schnee“, resümiert ein Veteran der Szene. "Während der diesjährigen Frostperiode ist mir das noch kein einziges Mal passiert.“ Laut einer aktuellen Statistik der im Vorjahr gegründeten kommunalen Radfahragentur waren 2011 pro Werktag durchschnittlich über 11.000 Radfahrerinnen und Radfahrer auf Wiens Wegen unterwegs; der Radanteil im urbanen Umfeld beträgt derzeit rund fünf Prozent. Geht es nach Martin Blum, Wiens erstem offiziellem Fahrradfunktionär, der sich gezielt um die Zweirad-Agenden kümmert, visiert die Metropole in den nächsten Jahren die Zehn-Prozent-Marke an - eine nahezu 100-prozentige Steigerung des Radfahraufkommens. Ein hochgestecktes Ziel: Während sich in Wien langsam eine Radfahrkultur, die diesen Namen auch verdient, zu etablieren beginnt, wird beispielsweise das Stadtbild der dänischen Kapitale Kopenhagen bereits seit Jahren von Zweirädern dominiert. Auf über 300 Kilometern Radwegen rollen dort die Verkehrsteilnehmer in geordneten Endlosketten dahin, die Zweiradlenker genießen im Verkehr strikt Vorrang und im Fall eines Unfalls besonderen Schutz. Erste Auswirkungen des neuen urbanen Zweirad-Lebensstils sind allerdings auch in Wien zu entdecken. profil stellt vier ausgewählte Fahrradtreffpunkte vor.

Tradition trifft Innovation oder: Farbe bekennen

Wolfgang Leitner, 43, kann sich noch gut an jene unseligen Zeiten erinnern, als man von der Tageslaune des Fahrradfachmanns abhing. Damals lehnte der Spezialist für Schrauben und Speichen bisweilen im Blaumann hinter der Holzbudel, die Eingangstür im Visier, Grant im Gesicht. "Die Frage, ob man mit dem Fahrrad überhaupt ins Geschäft kommen dürfe, war früher gang und gäbe“, ruft sich Leitner die seinerzeitige Situation ins Gedächtnis. "Es ist noch gar nicht so lange her, da verlangten Fachgeschäfte nur fürs Luftaufpumpen Geld. Was zählte, war die Rendite: verkaufen, verkaufen, verkaufen.“

Leitner weiß, wovon er spricht, zählt er doch zu den Fahrradpionieren Wiens. Eddy Merckx, einem der größten Radsporthelden der Geschichte, hat er die Hand geschüttelt, und Gary Fisher, der Erfinder des Mountainbikes, gab ihm als Tipp mit auf den Weg: "Ride with a smile.“ 2006 eröffnete Leitner in der Westbahnstraße das Servicecenter ig fahrrad. Ein Standort mit langer Geschichte: Das labyrinthisch angelegte Fachgeschäft für Gebrauchträder und Reparaturen ist der wohl älteste Fahrradladen der Stadt. Neben der Montage von Kaisers Kutschen und Krankenhausbetten wurden hier - nachweislich ab 1911 - auch Fahrräder verkauft und fahrtauglich gemacht. Jahrzehntelang war auf dem unscheinbaren Firmenschild am Haus mit der Nummer 28 in großen Lettern die Beteuerung zu lesen: "Wir kümmern uns um Ihr Rad.“ Die kürzlich erfolgte Neugestaltung der Frontseite der Fahrradhandlung durch das Wiener Architektenduo junger & beer wirkt da geradezu wie ein symbolhafter Ausdruck des Aufbruchs: Eine Art grellorangefarbenes Segel entlang des gesamten Geschäftsportals weist nun deutlich auf den neuen Stellenwert der Fortbewegung via Muskelkraft hin. "Heute wird man als Radfahrer nicht mehr als Idiot betrachtet, der auf die billigste Art der Fortbewegung angewiesen ist“, fasst Leitner die aktuelle Lage zusammen. "Das neue Radfahren ist schnell, wendig, ökologisch und ökonomisch. Es gibt wenige Branchen, die so positiv behaftet sind.“

Innovation trifft in der Westbahnstraße auf Tradition: "Mehr bietet … PUCH“, verkündet ein altertümlicher Leuchtbalken, und in der Werkstatt steht ein unförmiger Stahlblock, der einst als Drehbank diente. Noch vor zehn Jahren habe man so gut wie jeden, der in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs war, persönlich gekannt, erinnert sich Leitner an die prähistorische Pedalzeit - und blickt optimistisch in die Zukunft: "In vielen anderen Städten ist Fahrradfahren Alltag. Vielleicht wird das mit einigen Jahren Verspätung auch bald in Wien so sein.“

Party und Rad oder: Schöner fahren

Der Gründer des in Gehweite zur ig fahrrad ansässigen Radlagers denkt ohnehin in langen Zeiträumen. Ein Vierteljahrhundert lang hatte Markus Böhm, 44, auf keinem Fahrrad gesessen, ehe auch ihn die Zweirad-Lust ereilte. Einige Jahre veranstaltete Böhm, der mit verstrubbeltem Haar und verhangenem Blick auch um 14 Uhr noch so aussieht, als sei er gerade aufgestanden, mit Freunden nächtliche Radrennen um den Block, inklusive obligater Party. "Wir nähern uns der Materie sozusagen von der ästhetisch-kommunikativen Seite“, versucht sich Böhm an einer Definition seines Geschäftsmodells. Radlager bietet - in dieser Reihenfolge - kalte und warme Getränke, gebrauchte Rennräder, eine gut sortierte Rennradwerkstatt, Kaffeepulver und Gebrauchtmöbel. Die weitläufige Verkaufshalle, in der Modelle mit großen Namen - Bianchi, Pinarello und Colnago - wie Kunstobjekte ausgestellt sind, wird von einer 1964 gefertigten Luftaufnahme der Stadt dominiert; wenige Autos sind darauf zu sehen, so gut wie keine Fahrräder. Ein DJ-Pult ist im Geschäft ebenso vorhanden wie eine traditionelle italienische Kaffeemaschine nebst vielen Sitzgelegenheiten. Der Shop, der sich allmählich einem Gesamtkunstwerk annähert, erscheint buchstäblich in interessantem Licht: Von der Decke des Radlagers baumeln Scheinwerfer, die einst in einer Pirelli-Fabrik hingen. Unter diesen Leuchtern, da ist sich Böhm sicher, seien die Reifen für den ersten Giro d’Italia 1909 gefertigt worden. "Ein Gänsehautgefühl“, so der Radästhet.

Radeln im Kollektiv oder: Do it yourself

Spendenbasis. Hierarchiefrei. Niederschwellig. Solidarisch. Ideologisch. Worte wie diese fallen häufig, wenn man mit dem Mann spricht, der sich "Burned“ nennt und der seinen bürgerlichen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Burned ist Teil des bikekitchen-Kollektivs im 15. Wiener Gemeindebezirk, einer Werkstatt mit Do-it-yourself-Schwerpunkt und breitem Besucherspektrum: Von Studenten über Punks und Vielfahrer bis zu den Kindern der türkischen Nachbarfamilien - alle treffen einander donnerstags von 16 bis 22 Uhr in der 2008 von Fahrradschraubern und Freak-Bastlern gegründeten Kellerstation, in der auch gemeinschaftlich gekocht und getrunken wird. "Beitrag fürs Essen - und koch doch auch mal du“, verweist ein Zettel auf die Küchenpolitik. Das Geschirr ist nach Gebrauch abzuwaschen, die Espressomaschine zu reinigen. "Noch um die Jahrtausendwende wurden Fahrradfahrer in Wien wie Parias behandelt, die man am Straßenrand gerade duldete“, so Burned über seine Erfahrung, fast schwingt ein wenig Wehmut als Unterton mit. "Der Außenseiterstatus ist Vergangenheit, es ist längst sexy geworden, sich via Rad in der Stadt fortzubewegen.“ Dabei blickt er in eine Ecke der Werkstatt mit WG-Charme, wo eine Art Vereinswimpel hängt, darauf der Schriftzug "Pirati Cyclisti Antifascisti“.

Planmäßige Geschäftsschädigung oder: Schwellenängste überwinden

Ist die bikekitchen strikt antikommerziell ausgerichtet, ist im Radhaus immerhin Barzahlung (kein Bankomat) erlaubt. Zumindest in den meisten Fällen. Ein Kunde betritt die vor einem Jahr von einem losen Freundeskreis gegründete Fahrradreparaturwerkstatt nebst Verschleißteilhandlung und verlangt ein bestimmtes Ventil. Nach kurzer Suche wird ein gebrauchter Teil gefunden, man einigt sich auf eine Gabe in die Spendenbox nahe beim Eingang. Heute machen Georg und Sophie Dienst, Mitinitiatoren des ebenfalls im Geiste des Kollektivismus gegründeten Fahrradtreffpunkts neuen Zuschnitts. "Nur Sophie und Georg, Nachnamen sind Nebensache.“ Der Laden am Mittersteig ist nach solidarischen Prinzipien organisiert, die Preise sind niedrig gehalten, Fahrradfahren soll leistbar sein. Häufig agiert die Radhaus-Belegschaft aber auch schlicht geschäftsschädigend, indem sie sich planmäßig potenzielle Kundschaft abgräbt. "Wir veranstalten regelmäßig Fahrradreparaturkurse, damit die Leute zur Selbsthilfe greifen und so Schwellenängste überwinden“, umreißt Georg die Selbermacherphilosophie. Komplizierte Aufträge werden an befreundete Werkstätten vermittelt. Konkurrenzdruck ist hier ein Fremdwort: "Wir freuen uns über jede Werkstatt, die neu aufsperrt.“


Navigator

ig fahrrad
Westbahnstraße 28, 1070 Wien
www.ig-fahrrad.at

Radlager
Westbahnstraße 16, 1070 Wien
www.radlager.at

bikekitchen
Goldschlagstraße 8, 1150 Wien
www.bikekitchen.net

Das Radhaus
Mittersteig 4, 1050 Wien
www.dasradhaus.at