Feiger Fortschritt: Veteranen der Waffen-SS feiern am Ulrichsberg 50-jähriges Jubiläum

Veteranen der Waffen-SS und ihre Erben im Geiste feiern am Ulrichsberg ihr 50-jähriges Jubiläum. Die Beteiligung des Bundesheers ist erstmals unsicher.

Ein österreichisches Paradoxon. Nirgendwo sonst auf der Welt existiert eine Kultstätte, wo unter dem Schutz staatlicher Autoritäten einem Kriegsgeschehen gehuldigt wird, das offiziell als verbrecherisch gilt. Abgesandte des österreichischen Bundesheers feiern alljährlich Seite an Seite mit Kriegsveteranen, aber auch ehemaligen Freiwilligen der Waffen-SS aus Deutschland, Österreich, Norwegen, Belgien und Dänemark. Das Bundesheer stellt Festredner und Ehrenposten – in den Anfangsjahren sogar eine ganze Kompanie –, Militärmusik und logistische Unterstützung bereit.

Dem Sozialdemokraten und Verteidigungsminister Norbert Darabos ist diese Art der Traditionspflege etwas unangenehm. Zu einem Verbot kann er sich nicht durchringen. Doch die „diesjährige Teilnahme des Bundesheers ist in Schwebe“, sagt er (siehe Interview). Vor wenigen Wochen war nämlich publik geworden, dass der geschäftsführende Obmann der Ulrichsberggemeinschaft, Wolf Dieter Ressenig, NS-Devotionalien (SA-Koppel, Nahkampfspangen) im Internet angeboten hat.

Eine Unterstützung des Bundesheers sei „grundsätzlich zu befürworten, da bei dieser Veranstaltung primär der Europagedanke transportiert wird und es Ziel der Gedenkfeier ist, als Mahnung gegen den Krieg zu wirken. (…) Allerdings besteht durch die Medienberichterstattung über den Devotionalienhandel nunmehr die Gefahr, dass schon bisherigen Gegnern (des Ulrichsbergtreffens, Anm.) zusätzliche Munition geliefert wird, um das Bundesheer ins rechte Eck zu drängen“, so heißt es in einem internen Akt des Ministeriums. Laut Darabos werde nun „neu geprüft“. Ein Fortschritt?
Der Verweis auf den „Europagedanken“ wirkt rührend, ebenso die „Mahnung gegen den Krieg“.

Mitte der fünfziger Jahre war von Kameradschaftsbündlern und SS-Veteranen die Idee geboren worden, eine Gedenkstätte für Kriegsheimkehrer zu schaffen. Ursprünglich sollte das 22 Meter hohe Stahlkreuz auf dem Kärntner Zollfeld nördlich von Klagenfurt stehen, doch die Gründe gehörten der Kirche, und slowenische Pfarrer legten Protest ein. Zu Pfingsten 1959 wurde das Kreuz schließlich auf dem Ulrichsberg errichtet, den der Grundstückseigner Leopold Goess für diesen Zweck gern zur Verfügung stellte. Die Festrede hielt der damalige Verteidigungsminister Ferdinand Graf (ÖVP). Ein Jahr darauf feierte man schon gemeinsam mit den Kärntner Abwehrkämpfern und hatte das Spektakel in den Oktober verlegt. Die Freilassung des als Kriegsverbrecher in Italien inhaftierten Major Walter Reder wurde damals schon lautstark gefordert und Partisanen der „Heimtücke“ geziehen, wie in der „Kameradschaft“, dem inoffiziellen Mitteilungsblatt der Ulrichsberggemeinschaft, nachzulesen ist.

Die „innere Haltung der Bundesheersoldaten“ sollte aus dem „Geist des Wehrmachtssoldatentums geformt“ werden. Für das eben erst entstandene Bundesheer, in dem – gegen die Bestimmungen des Staatsvertrags – dutzende ehemalige Mitglieder des Nationalsozialistischen Soldatenrings höhere Positionen einnahmen, ab 1957 auch ehemalige Offiziere der Waffen-SS, war das kein Widerspruch. Der Plan, am Ulrichsberg Rekruten zu vereidigen, wurde jedoch verworfen.

In der Bevölkerung herrschte für eine solche Kultstätte große Zustimmung. In den fünfziger Jahren gab es kein Bewusstsein von Kriegsstörungen der Psyche, für Kriegstraumata oder gar Gewissensbisse. Kameradschaftsbünde füllten die Lücke. „Ist es nicht bitter zu erfahren, dass nur die Sieger ihre Soldaten ehren, während die der Besiegten irgendwo vergessen vermodern müssen“, kommentierte die „Kameradschaft“ im Jahr 1953. Aus der Therapie wurde freilich eine Machtdemonstration. Auch die Jugend, die sich „der Opfer der Väter würdig erweisen müsse“, wurde in die Pflicht genommen.

Geheimcode. Im so genannten Ehrenhain, der sich in einem einst als Kirche genutzten, mittelalterlich-gotischen Gebäude unweit des Kreuzes befindet, wurde ein Relief von Arno Breker, dem von Adolf Hitler hochgeschätzten Bildhauer, angebracht. Hier findet man auch die Gedenktafeln der Freiwilligen Waffen-SS, aus deren Reihen sich einst KZ-Wachmannschaften und SS-Kampfeinheiten rekrutierten. Auf dem Nürnberger Tribunal 1945 wurde die Freiwillige Waffen-SS als verbrecherische Organisation eingestuft. Um nicht unter das NS-Verbotsgesetz zu fallen, sind die diversen Inschriften kryptisch formuliert. Kosakenverbände, die an der Seite der SS kämpften, werden als „schicksalsverbundene Slawen“ geehrt. An den Reichsarbeitsdienst erinnert die Aufschrift ­„Arbeit adelt“, an die Waffen-SS der berüchtigte Treueschwur. Eine Gedenktafel für den wegen Kriegsverbrechen hingerichteten General Helmuth von Pannwitz wurde zunächst verboten, unter Landeshauptmann Jörg Haider 1990 dann doch genehmigt.

In den Anfangsjahren der Ära Kreisky wurde erstmals Kritik an der Bundesheerpräsenz am Ulrichsberg laut. Ein Redner hatte sich zu offenherzig geäußert („Ich rufe euch, Kameraden der Waffen-SS“). Die Kompanie des Bundesheers wurde daraufhin abgezogen, Ehrenposten, Militärmusik und logistische Dienste blieben. Die Unterstützung des Landes Kärnten stand nie infrage. Hoteliers warben vor allem um deutsche Gäste, etwa von der SS-Division „Das Reich“.

Anfang der achtziger Jahre entdeckten die Veteranen der Waffen-SS, unter ihnen auch Freiwillige aus Belgien, den Niederlanden, Norwegen und Dänemark, einen neuen Kunstgriff. Sie stilisierten sich als „Märtyrer der Idee für ein vereinigtes Europa“, als „die erste Europaarmee, die gegen den Bolschewismus kämpfte“, wie es in der „Kameradschaft“ aus diesen Jahren formuliert wurde. Die Veranstalter sprachen von einer „europäischen Feier mit Kärntner Eigenart“. 1994 wurde auf dem Ulrichsberg ein Europastein aufgestellt. Bevor es auf den Berg ging, hatten sich die SS-Veteranen immer auch am Vorabend getroffen. Haider rühmte sie bei seinem Gastauftritt in Krumpendorf 1995 als „anständige Menschen, die ihrer Gesinnung treu geblieben sind“.

Es gab zwei (erfolglose) Versuche, die Inszenierung zu durchbrechen. Der ehemalige Kärntner SPÖ-Chef Michael Ausserwinkler verbot 1995 seinen Parteifreunden eine Teilnahme, und der Kärntner Militärkommandant Gerd Ebner brachte 1997 den Widerstand gegen das NS-Regime zur Sprache. Offizielle Delegationen der früheren AlliiertenArmeen waren noch nie anwesend.

Zwischen 3000 und 5000 Personen treffen sich jedes Jahr am Ulrichsberg.Neben SS-Veteranen gehören schlagende Burschenschafter, Trachtenvereine, Landsmannschaften, Exekutive, Zollwache, Feuerwehren, Pfadfinder und Kärntner Chöre zum Publikum, zuletzt verstärkt durch Skinheads und Neonazis, die über das Internet mobilisieren. Der Geschäftsführer der Veranstaltung, Ressenig, verteidigte seinen Devotionalienhandel übrigens damit, dass er „doch nicht so blöd sein und selber solche Sachen anbieten werde“. Er habe das für seinen Sohn getan.