Flucht nach vorn

Mit der Abhöraffäre hat ORF-Chef Alexander Wrabetz seinen wichtigsten Vertrauten, Pius Strobl, verloren. Die Neuwahl der Geschäftsführung findet im Februar 2011 statt. Ohne Wrabetz?

Das Haus am Küniglberg, in den siebziger Jahren vom Stararchitekten Roland Rainer erbaut, ist im Laufe der Jahrzehnte eine brüchige Festung geworden. Wesentlich schneller hat es die 2006 angetretene Geschäftsführung zerbröselt, die allerdings von Anfang an von Eifersüchteleien und Konkurrenz geplagt war. Vom ursprünglichen Team des Alexander Wrabetz sind heute nur noch Programmdirektor Wolfgang Lorenz und Online-Direktor Thomas Prantner übrig. Zuerst wechselte der ORF-Chef – auf Betreiben der ÖVP – seine kaufmännische Direktorin Sissy ­Mayerhofer gegen Richard Grasl aus. Aus Krankheitsgründen musste er Radiodirektor Willy Mitsche durch den von der SPÖ favorisierten Karl Amon ersetzen. Die Ablöse des Informationsintendanten Elmar Oberhauser, der sich gegen Politikerwünsche bei Postenbesetzungen quergelegt hatte, betrieb Wrabetz selbst. Kurz danach kam die Nachricht vom Tod des technischen Direktors Walter Moosmann. Und Donnerstag vergangener Woche, gegen Mitternacht, schickte auch noch Pius Strobl, Leiter der Abteilung Marketing und Öffentlichkeit, dramatische SMS an ausgewählte Journalisten: „Es ist vorbei“.

Eine aufgelöste Geschäftsführung und eine Abhöraffäre. Strobl hatte eine Mitarbeiterin angewiesen, informelle Gespräche am Rande jener Stiftungsratssitzung, in der Oberhauser abgewählt wurde, mit einem Tonbandgerät aufzuzeichnen. Nach diesem Vorfall könne sie Strobl nicht länger als ­Sprecher des Hauses akzeptieren, beschloss die Redakteursversammlung. Alle Landesdirektoren sprachen Strobl ihr Misstrauen aus. Besonders heftig opponierten die vier ­verbliebenen Direktoren am Küniglberg.

Er werde seinen Mitarbeiter nicht fallen lassen, die versuchte Tonbandaufzeichnung sei ein schwerer Fehler gewesen, doch habe Strobl sicher niemanden bespitzeln wollen, versicherte Wrabetz noch am Donnerstag in einer Krisensitzung, die sich bis spät in die Nachtstunden hinein zog.

Die Abhöraffäre ist ein Sittenbild der Anstalt.
Strobl sah seinen Chef offenbar bereits derart im Eck, dass er wissen wollte, was Oberhauser nach seiner Demontage den Journalisten erzählen, wie die anderen Direktoren dessen Abwahl kommentieren und ob sie noch hinter Wrabetz stehen würden.

Wrabetz wird von Freunden nachgesagt, er habe „ein hochsensibles Radar für Situationen, die schiefgehen können, was ihn oft konfliktscheu und zögerlich wirken lasse“. Die gerühmte Intuition hat ihn in diesem Fall im Stich gelassen.

Freilich war es nicht nur die Abhöraffäre, die Strobl „aus Achtung vor mir selbst“, wie er sagte, zum Rückzug zwang:
• Einige der mit lautem Getöse angekündigten Sendungen floppten gleich zu Beginn der Ära Wrabetz, und der dafür verantwortliche Programmchef Lorenz fühlte sich von Strobl im Regen stehen gelassen.
• Online-Direktor Thomas Prantner verhinderte in letzter Minute den Verkauf des ORF-Archivs an die Agentur von Georg Hoanzl, ein Deal, den Strobl eingefädelt hatte.
• Informationsdirektor Oberhauser verbat sich schon bald, dass Strobl an den Sitzungen des Direktoriums teilnahm. Er hatte Gründe, anzunehmen, dass ­Strobl Indiskretionen nach außen dringen ließ.
• Auch der Stiftungsrat verdächtigte Strobl, dass er draußen den Journalisten erzähle, was drinnen vorging, und beschloss, den Kommunikationschef auszusperren.
• Den ORF-Redakteurssprechern war es ein Dorn im Auge, dass Strobl von Wrabetz auf die Liste der wahlberechtigten Journalisten gesetzt wurde, sie klagten beim Bundeskommunikationssenat und bekamen Recht.
Strobl hatte eine Zwitterstellung inne. Einerseits herrschte er über einen Werbeetat von 16 Millionen Euro, was bei all jenen, die sich mit ihren Sendungen nicht genügend promotet sahen, böses Blut hervorrief. Andererseits war er Sprachrohr der ORF-Führung, vor allem im Sinne von Wrabetz.

Sündenbock.
In den vergangenen Tagen kursierten auch Geschichten von Interventionen, die Strobl zugunsten von Werbekunden des ORF unternommen habe. Zuletzt hatte sich die Porsche-Austria-Vertretung über einen Bericht in der „ZiB“ beschwert, in dem eine Studie des Verkehrsclub Österreich vorgestellt wurde, der Autos aus dem Hause Porsche einen hohen Schadstoffausstoß attestierte. Strobl leitete die Intervention mit der Bitte, nachzurecherchieren und „im Bedarfsfall richtigzustellen“, an die verantwortlichen Redakteure weiter.

Trotzdem verwundert die Geschlossenheit, mit der sich alle Beteiligten, von Wrabetz abgesehen, auf den Kommunikationschef einschossen und daraus die Notwendigkeit von Neuwahlen ableiten. Zwischen den Regierungsparteien ÖVP und SPÖ wird derzeit verhandelt, ob dies über eine gesetzliche Verkürzung der Periode oder eine einfache Vorverlegung geschehen soll. Wrabetz ist für eine gesetzliche Verkürzung der Periode, auch eine Mehrheit der Stiftungsräte ist angeblich dafür. Franz Medwenitsch, Leiter des ÖVP-Freundeskreises: „In Absprache mit der SPÖ-Stiftungsratsvorsitzenden ersuchen wir das Parlament dringend darum.“

Am Küniglberg wird auch bereits ein Termin für die Neuwahl kolportiert: der 17. Februar 2011. Bei all jenen, die vor vier Jahren die Regenbogenkoalition aus SPÖ, FPÖ, BZÖ und Grünen feierten, korrespondiert heute das Ausmaß der Enttäuschungen mit der Größe der anfänglichen Hoffnungen. Für einen Großteil der Redakteure sollte die Wahl von Wrabetz nach der Herrschaft der Lodenfraktion unter ÖVP-Direktorin Monika Lindner ein goldenes Zeitalter der Freiheit einläuten. Sie waren als Erste enttäuscht. Auch FPÖ und BZÖ sahen sich in ihrem Einfluss bald am absteigenden Ast. Die ÖVP brauchte eigentlich nur abzuwarten.

Die im Bereich der sensiblen ORF-Information durch Frühpensionierungen und Personalrochaden „angerichtete Schlachtplatte“ (Copyright Lorenz) wurde für Wrabetz und Strippenzieher Strobl zuletzt ebenfalls zu einem Imageproblem. Fein austarierte Personalbesetzungen nach Rücksprache mit den Parteizentralen hatte Informationsdirektor Oberhauser öffentlich gemacht und war dafür abgewählt worden.

Einer der wenigen, die heute noch ein gutes Wort für Strobl einlegen, ist der Grüne Peter Pilz. Nicht dass er den Abhörskandal rechtfertigen würde, doch „Strobl hat nur das Machtvakuum gefüllt, das der Chef nicht wahrnahm. Er hat einen Hang zum Spiel mit der Macht, das geht nicht gut an der Seite eines schwachen Chefs. Wrabetz hat sich zu einem Seitenblicke-Würstel gemacht“, meint Pilz.

Von der damaligen Regenbogenkoalition ist heute kaum noch jemand übrig, der Wrabetz unterstützt. Schon kursieren Planspiele für eine rot-schwarze Machtaufteilung des ORF. In einer Resolution warnen ORF-Redakteure vor einer solchen Renaissance.

Wrabetz selbst nimmt das Geschehen stoisch. Vor Freunden soll er Freitagnachmittag gesagt haben: „Vor eineinhalb Jahren wollte man mich loswerden. Doch wenn die Granaten schon einmal so nahe eingeschlagen sind, dann glaubt man, man schafft es auch das nächste Mal noch.“