Franz Hammerbacher: Flosse hoch

Als Verlagsgründer und Zeitsoldat ist Franz Hammerbacher eine Ausnahmeerscheinung unter Österreichs Autoren. Für sein jüngstes Buch bereiste er die Welt – an Bord eines Containerschiffs.

Das schwimmende Ungetüm ist 349 Meter lang und 43 Meter breit, und es bringt ein Eigengewicht von 113.909 Tonnen auf die Waage. Auf der Ladefläche des Schiffs, das auf den Namen „CMA CGM Norma“ hört, finden 9415 Container Platz, mit bis zu 25 Knoten rast der Gigant dahin. Als einziger Passagier neben der Crew an Deck: der österreichische Schriftsteller Franz Hammerbacher, von der Besatzung anfangs scheel beäugt, später als Kuriosum akzeptiert.

Auf seiner Reise an Bord von Containerschiffen in etwa 80 Tagen um die Welt, von der Hammerbachers poetisches Logbuch „Passagen“ in extenso erzählt, ist die „CMA CGM Norma“ Hammerbachers drittes, mit Tausenden von Stahlbehältern beladenes maritimes Fortbewegungsmittel. Zu Beginn seiner Reise wird der Gast vom Kapitän des Frachters gefragt, weshalb es denn die ganze Welt sein müsse, „Weil mich ,um die halbe Welt‘ nicht interessiert“, gibt der Autor in „Passagen“ den ­Dialog auf offenem Meer wieder. „Wellen zu beobachten, ist kein bloßer Zeitvertreib, sondern eine Schule des Sehens, die immense Freude macht“, versucht sich Hammerbacher einige Seiten später in diesem (durch das ständige Schwanken auf See definierten) Buch der Unruhe einen plausiblen Grund für die Schiffspassage zurechtzulegen.

Geschichtensammler des Extremen
Innerhalb der österreichischen Literatur ist Franz Hammerbacher so etwas wie ein Geschichtensammler des Extremen, ein Erzähler, der sich Unbekanntem und Gefährlichem aussetzt – um in seinen Büchern, hochgradig ästhetisiert, davon zu berichten.
Hammerbacher, 1967 im niederösterreichischen Hollabrunn geboren, dürfte auch einer der wenigen heimischen Schriftsteller mit Erkennungsmarke, fixem Dienstort und ABC-Schutzanzug im Spind sein. Der Zeitsoldat weiß Bescheid über das militärische Phänomen der CRC, der Crowd and Riot Control, bei dem eine gereizte Menschenmenge in Schach gehalten wird; das Sturmgewehr 77 zerlegt Hammerbacher zügig und fachgerecht. Im Kosovo und auf dem Golan diente er ab 2007 zwei Jahre lang als UN-Soldat in friedenserhaltender Mission, derzeit versieht er bis zum geplanten Abmusterungstermin Anfang Juni 2013 seinen Dienst im Libanon: Korporal Hammerbacher ist als Schreiber und Kraftfahrer im Kompaniekommando stationiert, im österreichischen Kontingent der UN-Friedensmission UNIFIL, Camp Naqoura, Südwestecke des Libanon, das direkt am Meer liegt, drei Kilometer von Israels Grenze entfernt. Die allabendliche Geselligkeit findet hier in der „Edelweiߓ-Bar statt. Er führe, so Hammerbacher kokett auf seiner Homepage, „offenkundig ein karrierefreies Leben“.

2000 hatte der ehemalige Universitätslektor den Wiener Kleinverlag „Edition Korrespondenzen“ gegründet, den er 2007 verkaufte und in dem heute seine Bücher erscheinen. „Dagegen waren meine bisherigen Peacekeeping-Missionen wie eine neurologische Rehabilitationsanstalt“, erinnert sich Hammerbacher in seiner dienstfreien Zeit ans Verlagsgeschäft. „Im Wachdienst und auf Patrouille braucht man sich auf nichts anderes zu konzen­trieren als auf einen genau definierten Beobachtungsraum, in dem so gut wie nichts geschieht. Das ist wie ein zenbuddhistisches Exerzitium. Anderswo muss man dafür zahlen!“
Das Bücherschreiben ohne begleitenden Arbeitsalltag stellt für Hammerbacher eine veritable Qual dar, Befehle und Dienstanweisungen bilden ihm ein verlässliches Gerüst: „Im Jänner vergangenen Jahres hatte ich Gelegenheit, mich zum Schreiben in eine Kaserne zurückzuziehen. Aber es war schwierig. Durchs geschlossene Fenster drangen Exerzierkommandos in mein Zimmer, während ich am Verfertigen von Sätzen verzweifelte. Wie gern wäre ich da draußen in der Winterkälte gestanden und hätte mich im rituellen Tun vergessen! Bellen und angebellt werden. So einfach kann bisweilen das Leben sein.“

Die Publikation von „Bravo Hotel“ (2010), Hammerbachers Debüt als Schriftsteller, hat am Verhalten seiner Kameraden ihm gegenüber wenig geändert. Dienst ist Dienst. „Ich gebärde mich da nicht als Primadonna“, meint Hammerbacher, der mit „Bravo Hotel“, einem mehr als 300-seitigen Bericht über seine Aufenthalte als Friedenssoldat auf dem Balkan und im Nahen Osten, dem Österreichischen Bundesheer zu ungeahnter Öffentlichkeit verhalf – es kommt nicht allzu häufig vor, dass der Name der militärischen Eingreiftruppe, deren Name im internationalen Militäralphabet als BH – als „Bravo Hotel“ – buchstabiert wird, einen dezidiert literarischen Buchtitel schmückt.

Er sei nach wie vor, so Hammerbacher weiter, in „subalterner Position tätig, mit dem für mein Alter lachhaften Dienstgrad eines Korporals. Korporal klingt zwar fantastisch, ist aber in Wahrheit Schütze Arsch. Man weiß, dass ich meine Arbeit mit einer gewissen Hingabe verrichte, auch so genannte niedrige Dienste. Sonderbehandlung gibt es keine.“
Wer sich Abenteuerliches und Wildromantisches in Hammerbachers Büchern erhofft, wird enttäuscht werden. „Bravo Hotel“ und „Passagen“ sind Musterbeispiele dafür, wie man mit Erwartungen bricht. Man folgt Hammerbacher gern, Absatz um Absatz, bei seinem zögerlichen, selten von Forschheit und fast immer von Sorgfalt geprägtem Erzählen. „Wir fahren durch ein Meer von Blau, und das ist keine Metapher“, schreibt der Literaturkenner in „Passagen“, der mit Zitaten seiner Lieblings­poeten – darunter Ilse Aichinger und Peter Handke – einen souveränen Umgang pflegt. Seine Zeit am Golan verdichtet Hammerbacher in „Bravo Hotel“ zu suggestiven Miniaturen: „In aller Regel passiert – nichts. Vermutlich ist es einer der ereignislosesten Jobs dieser Erde. Der Wachsoldat wird auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Fähigkeit, die Zeit verfließen zu sehen. Und darin liegt das Glück oder Unglück solcher Arbeit.“
Die Absicht, sein Lesepublikum mit literarischer Schnellkost zu bannen, liegt Franz Hammerbacher fern. Seine Geschichten sind nicht entlang marktgän­giger Vorgaben von Spannungslogik und Unterhaltungswert konstruiert, den reichen Fundus der literarischen Weltenbummlerklischees lässt er getrost beiseite. Literatur ist Hammerbacher nicht Mittel zum Zweck. Eher Instrument der Selbst- und Welterfahrung.

Kloster oder Knast
Ihren besonderen Reiz beziehen die Aufzeichnungen aus dem Nebeneinander von scheinbar unscheinbaren Ereignissen an geschichtsträchtigen Schauplätzen, von großer Geschichte und kleinen Geschichten. In tagebuchartigem Stil mischt Hammerbacher Genres und Tonlagen: Dokumentation und Selbsterfahrungsprotokoll, Militärsprech und poetische Metaphern, Beschreibungen langwieriger soldatischer Exerzitien und spontane Einfälle: „Salutieren hat etwas ausgesprochen Angenehmes, man braucht bei der Begegnung nichts zu sagen, auch nicht zu lächeln. Einfach nur die Flosse hoch – ein nichtssagender Gesichtsausdruck (Pokerface) genügt.“

Nach dem militärischen Auslandseinsatz, womöglich seinem letzten, steht für Franz Hammerbacher eine Reise nach Portugal auf dem Programm. Die kommende Aufgabe, sagt der Autor in seinem Stützpunkt nahe dem Levantinischen Meer noch, sei ein weiteres Buch. „Eigentlich hätte ich Lust auf eine Trilogie. Der logische Folgeband wäre ein Buch über ein Kloster oder, noch besser, das Leben im Knast. Aber wie soll ich das anstellen?“ Hammerbachers Zimmerkamerad rät, deutlich vernehmbar, dem Unentschlossenen zum Verbrechen.

Franz Hammerbacher: Passagen. Edition Korrespondenzen, 158 Seiten, EUR 18,–