"Geistig bin ich schon tot"

Die Polizei schob zwei Spieler des Migranten-Fußballvereins „FC Sans Papiers“ ab. Vincent und Cletus landeten in den Slums von Lagos. profil sprach mit ihnen.

Vincents Stimme ist weit weg, es kracht in der Leitung, im Hintergrund hört man Geschrei. Was er zu sagen hat, muss er in die wenigen Satzfetzen packen, die sich im Lärm behaupten können: „Mir geht es schlecht.“ – „Es wird immer schlimmer.“ Vor sechs Jahren war er nach Europa aufgebrochen, ein 15-jähriger Nigerianer, der sich allein bis nach Österreich durchschlug. Nun hat ihn der Westen ausgespuckt, zurückgeworfen hinter den Start, mit nichts als dem Gewand, das er an jenem 29. April trug, als eine Hundertschaft Polizisten das Sportzentrum Marswiese in Wien-Neuwaldegg stürmte. An diesem Tag trainierte der „FC Sans Papiers“, kein normaler Fußballclub, sondern der Prestigeerfolg einer Bewegung, die sich für rechtlose Migranten einsetzt (siehe Kasten). Die Beamten wollten die Ausweise der Spieler sehen und nahmen fünf fest. Spontan setzten sich Menschen auf die Straße, um die Polizeibusse an der Abfahrt zu hindern.

Dutzende, über SMS und Internet alarmiert, eilten zur Verstärkung herbei. Es dauerte Stunden, bis die Polizei die Blockade aus dem Weg geräumt hatte. 42 Demonstranten wurden festgenommen. Von den „Sans Papiers“-Spielern kamen drei später wieder frei. Vincent A. und Cletus B. blieben in Schubhaft. Sie wurden am 3. Mai nach Nigeria ausgefl ogen – zwei von Dutzenden, die jeden Monat in ihre Heimat abgeschoben werden und deren Spuren sich danach verlieren. So gut wie nie erfährt die Öffentlichkeit, wie es ihnen ergangen ist. Vincent und Cletus landeten in der Millionenmetropole Lagos. Sie strandeten, eineinhalb Fahrtstunden voneinander entfernt, in Armenvierteln der Stadt. Profi l erreichte die beiden jungen Männer, die jahrelang in Österreich Fußball gespielt und auf eine Chance gewartet haben, vergangene Woche am Telefon. „Mein Körper lebt, geistig bin ich schon tot“, sagt Vincent. Sein Psychiater in Wien verschrieb ihm Cipralex, Mirtabene und Zyprexa. Die Tabletten hielten seine Dämonen in Schach, die ihn seit dem Tod seines Vaters verfolgten, und halfen ihm, in der Nacht ein paar Stunden zu schlafen. Seine Medizin ist zurückgeblieben. Vincent durfte nach seiner Festnahme nichts einpacken, keine Telefonate führen, nicht einmal mit seinem Rechtsberater reden.

Seine Habseligkeiten stehen, verstaut in vier Taschen, bei einer Freundin. Ursula Omoregie, Gründerin des Vereins Schmetterling, will sie ihm so bald wie möglich nachschicken: die Tabletten, seinen Fußballpokal, den er im Vorjahr gewonnen hat, sein Gewand, seine peinlich geordneten Asyldokumente, den Eignungstest, den er gemacht hatte, in der Hoffnung, eine Ausbildung beginnen und später arbeiten zu können. Jetzt terrorisieren ihn die Dämonen wieder. Vincent sagt, seine Brüder rückten immer näher, sie wollten ihn vergiften, so wie seinen Vater, den er verlor, als er fünf Jahre alt war. „Er ist wieder völlig in seiner Angst drin“, sagt Omoregie. Cletus, sein Teamkollege und früherer Trainer des „FC Sans Papiers“, saß gemeinsam mit Vincent am 3. Mai in einer Chartermaschine, die gegen 20 Uhr von Wien- Schwechat abfl og. Organisiert hatte den Flug das österreichische Innenministerium gemeinsam mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex (siehe Kasten). Über 40 Schubhäftlinge waren an Bord, fl ankiert von noch mehr Beamten, die sie bewachten. Das Flugzeug landete am nächsten Tag gegen vier Uhr Früh in Lagos. Die österreichischen Beamten drückten den mittellosen „Schüblingen“ je 50 Euro in die Hand und überließen sie ihren nigerianischen Kollegen. Diese verstamperten die Heimkehrer.

Weggeld für drei Tage.
Cletus stand auf der Straße und wusste nicht wohin. Ein Nigerianer, den er auf dem Flug kennen gelernt hatte und der seinen Fall aus dem Fernsehen kannte, nahm ihn mit. Das Weggeld der Republik Österreich reichte für drei Tage. Jetzt sitzt Cletus in einem Armenviertel, in einem winzigen Zimmer, das einem Verschlag gleicht, in den es hineinregnet und den er mit fünf Menschen teilen muss. Er leide unter Depressionen, habe oft Kopfschmerzen und wage sich nur im Finstern auf die Gasse, erzählt er. Der 25-jährige Nigerianer hatte sich im Asylverfahren als homosexuell geoutet. Darauf stehen in Nigeria drastische Haftstrafen, im moslemischen Norden des Landes droht ihm die Hinrichtung. Seine Geschichte selbst auf Gay-Foren in den USA debattiert. Eltern, die im Norden leben, durchgedrungen ist. Seine Tage und Nächte werden von Panik beherrscht: „Die Polizei kann jederzeit kommen, mich schlagen, einsperren oder töten, weil ich so bin, wie ich bin.“ In den Slums könne er niemandem trauen. Cletus spricht verhalten; wenn er telefoniert, passt er auf, wer in der Nähe ist. Auch ihn habe die Fremdenpolizei „mit nichts“ heimgeschickt: „Sie haben mir nicht erlaubt, etwas mitzunehmen, mit Freunden zu reden, ich durfte nicht einmal einen Doktor sehen.“

Polizisten hätten ihn bei der Festnahme verletzt, die Amtsärztin, eine schlanke Frau um die 30, habe davon aber nichts wissen wollen. „Meine Schulter tut immer noch weh“, klagt Cletus. In der Schubhaft habe er neuerlich um Asyl angesucht, die Beamten hätten ihn aber abgewimmelt. Das bestätigt sein Rechtsberater Tim Ausserhuber: „Ich war persönlich anwesend, als er zu den Beamten gesagt hat: ,I want to make a new asylum.‘ Und ich habe gehört, dass sie geantwortet haben: ,Ja, ja, nicht jetzt.‘“ In Cletus’ Akt fand sich später kein Wort, geschweige denn eine Aktenzahl: „Das ist rechtswidrig.“ Asylanträge können noch am selben Tag abschlägig beschieden werden, doch sie müssen angenommen und bearbeitet werden. „Die Gesetze sind so streng und unübersichtlich geworden, aber nicht einmal dieser Rahmen wird mehr eingehalten“, empört sich Ausserhuber. Cletus behauptet darüber hinaus, er habe kein Heimreisezertifikat besessen, sondern sei ohne Papiere in den Flieger gesetzt worden. Diese Rigorosität hat viele verstört. Oluyemi Olawale Ogundele sitzt der Nigerian Community Austria (NANCA) vor. Bis vor wenigen Jahren war er Schiedsrichter in der Wiener Liga. Seither pfeift er „nur zum Spaߓ bei Sans-Papiers-Spielen. Vincent und Cletus kennt er vom Sportplatz: „Wenn Kriminelle abgeschoben werden, freue ich mich. Die beiden aber sind weder kriminell noch aggressiv. Dass ausgerechnet die Guten heimgeschickt werden, tut mir weh.“ Cletus war seit 2002 in Österreich, Vincent kam zwei Jahre später. Das Fußballspielen verband sie, es gab ihrem Leben Struktur und Halt. „Was soll ich sonst machen?“, fragte Vincent oft. Anders als Cletus besaß er einen Pass. Nachdem die Behörden sein Asylansuchen abgewiesen hatten – Nigerianer haben in Österreich so gut wie keine Chance auf einen positiven Bescheid –, begleitete ihn die Furcht, abgeschoben zu werden. „Wenn es ihm gut gegangen ist, war er zugänglich. Aber er wirkte oft geknickt“, erzählt Ursula Omoregie.

Verkanntes Talent.
Vincent fühlte sich verkannt, um Gelegenheiten betrogen. „Das könnte ich auch“, brach es oft aus ihm heraus, wenn er im Fernsehen anderen beim Kicken zusah. Peter Reinsperger, ein Ex- Trainer des Wiener Sportclub, wo er auch eine Weile spielte, sagt, der junge Nigerianer habe sich „schwer getan zu verstehen, dass man zuverlässig und diszipliniert sein muss, wenn man es im Sport zu etwas bringen will. Aber er hatte gute Anlagen und hätte sicher in der Wiener Liga spielen und ein bisschen Geld verdienen können. Das Gehalt eines Frisörs oder Tischlers wäre schon drin gewesen.“ Im Februar 2009 kam Vincent das erste Mal in Schubhaft. Der „in sich gekehrte junge Mann, der kaum jemanden an sich heranlieߓ (Reinsperger), verkraftete es nicht, eingesperrt zu sein. Die Fremdenpolizei entließ ihn nach kurzer Zeit in das „gelindere Mittel“: Er kam frei, musste sich aber täglich bei der Behörde melden. Eines Julitages hieß es wieder: „Heute bleibst du da.“ Vier Beamte eskortierten ihn in Handschellen in seine Unterkunft, wo er ein paar Sachen zusammenpacken durfte, und brachten ihn zurück in die Schubhaft. Vincent kam in eine Einzelzelle. Er baute das Gestände einer Waschmaschine aus, zerschlug damit einen Spiegel und schnitt sich mit einer Glasscherbe den Unterarm auf. Am nächsten Tag wurde er entlassen. Vincent wollte nicht in das Land zurück, in dem er sich von einem Voodoozauber verfolgt fühlt.

Universitätsprofessor Thomas Stompe, der ihn über Monate beobachtet hatte, konstatierte im Februar 2010 eine tiefsitzende Angstkrankheit und Depression, die nach dem Tod des Vaters aufgetreten sein dürfte. Vincent war damals fünf. Eine Besserung sei nur „in gesicherten sozialen Verhältnissen durch eine kontinuierliche und konsequente pharmakologische und psychotherapeutische Behandlung zu erreichen“, steht in seinem psychiatrischen Gutachten. Die Asylbehörde kümmerte das nicht. Sein Rechtsberater reichte Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof ein. Sie ist noch anhängig.

Razzia am Sportplatz.
Am 29. April stürmte die Polizei den Sportplatz Marswiese. Dieses Mal entkam Vincent seiner Abschiebung nicht. Nicht einmal sein Rechtsberater durfte ihn noch sehen. In der Schubhaft bekam Tim Ausserhuber nur Cletus zu Gesicht, den Älteren der beiden. Der 25-jährige Nigerianer mit dem geschliffenen Englisch und dem feinen Auftreten richtete bei diesem letzten Besuch „allen Grüße aus, die sich für uns eingesetzt haben“. Auch Cletus habe noch einen Asylantrag gestellt, der nicht angenommen worden sei. Sein Leben in Österreich sei „nie leicht gewesen“, sagte Cletus vergangene Woche. Aus dem Haus für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, in dem er zuerst wohnte, musste er ausziehen, als er 18 wurde. Er stand auf der Straße, ohne Mittel, ohne Dokumente. Es gab Fußballclubs, die ihn gerne im Team gehabt hätten: „Aber ohne Papiere war nichts zu machen.“ So blieb ihm immer nur der „FC Sans Papiers“. Wenn er heute aus dem Fenster seines kleinen Verschlags in Lagos schaut, sieht er einen Meter entfernt die nächste Baracke. Überall Schmutz, Gestank, Lärm. „Helft mir, dass ich zurückkommen kann“, sagt er, wenn ihn jemand anruft. „Ich vermisse mein Leben, meine Freunde, meine Sicherheit. Hier gibt kein Spital, keine Caritas, wo ich hingehen könnte.“ Er werde zurückkommen. So oder so. Er werde nach Marokko gehen und versuchen, in eines der vollbesetzten Boote nach Italien zu gelangen: „Es ist besser für mich, in der Wüste oder im Meer umzukommen als hier in Nigeria.“ Cletus wurde am 11. November 1985 im Norden Nigerias geboren. Niemand von seinen neuen Freunden in Österreich weiß, wie sein Leben früher war. Über das, was hinter ihm liegt, spricht er nicht gern. Lieber redet er über Fußball und die Zukunft. Er hatte sich an einer internationalen Universität in Wien eingeschrieben, im Juni hätte er die Studienberechtigungsprüfung gemacht. Zum Schluss des Gesprächs möchte er noch etwas sagen, etwas Grundsätzliches: „In anderen Gesellschaften kann man es als guter Sportler oder Künstler zu etwas bringen. In Österreich gibt man den Tüchtigen keine Chance. Die einzige Möglichkeit zu überleben ist, kriminell zu werden. Das ist nicht gut für die Gesellschaft.“