Geschäftsfrau Rudolfine Steindling ließ 130 Millionen Euro spurlos ­verschwinden

Vor 20 Jahren ließ die Wiener Geschäftsfrau Rudolfine Steindling umgerechnet 130 Millionen Euro aus dem Ver­mögen zweier Ostberliner Handelsgesellschaften ­spurlos ­verschwinden. Geld, das eigentlich der Bundesrepublik Deutschland gehörte. Jetzt soll Steindlings frühere Hausbank Bank Austria dafür geradestehen.

Die Drahtzieher von einst sind langsam, aber sicher nicht mehr greifbar. Einige sind verstorben, andere in einem Alter, in dem Erinnerungen gemeinhin zu verblassen beginnen. Zwanzig Jahre hindurch haben sie eine Konspiration gedeckt, an deren lückenloser Aufklärung selbst Strafverfolgungsbehörden und Gerichte in Deutschland, der Schweiz und Österreich scheiterten. Und es deutet auch heute wenig darauf hin, dass die Hintergründe jemals restlos aufgearbeitet werden könnten.
Anfang der neunziger Jahre, in den Wirren der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, war es der Wiener Geschäftsfrau Rudolfine Steindling – seinerzeit offiziell „Treuhänderin“ der Kommunistischen Partei Österreichs und Geschäftsführerin der beiden Ostberliner Handelsgesellschaften Novum und Transcarbon – gelungen, damals knapp 3,5 Milliarden Schilling (annähernd 255 Millionen Euro) über Bankkonten in Wien und Zürich zu verschieben und damit zunächst dem Zugriff der deutschen Behörden zu entziehen. All das mit tatkräftiger Unterstützung ranghoher Repräsentanten der früheren Länderbank, eines der Vorläuferinstitute der heutigen UniCredit Bank Austria. Später konnte nur mehr etwa die Hälfte des Geldes sichergestellt werden, rund 130 Millionen Euro gelten bis heute offiziell als „unauffindbar“.

Es brauchte Jahre und schier endlose Gerichtsverfahren, um eine einzige Frage zu beantworten: Wem gehörten die Handelsgesellschaften tatsächlich? Der KPÖ, wie Österreichs Kommunisten stets beteuerten; oder doch dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR und damit der Bundesrepublik Deutschland, wie diese nach der Wiedervereinigung einwendete? Seit Ende 2006 ist es amtlich: Novum und Transcarbon waren nicht mehr und nicht weniger als Vehikel der SED-Nomenklatura (profil berichtete ausführlich). Und seit nunmehr drei Wochen scheint auch klar zu sein, wer für die fehlenden 130 Millionen Euro geradestehen wird müssen: die Bank Austria.

Schweizerkracher.
Am 25. März wurde Österreichs größte Bank vor dem Obergericht des Kantons Zürich wegen der „Mitwirkung“ an der Veruntreuung der SED-Millionen in zweiter Instanz zu Schadenersatz in der Höhe von exakt 128.355.788,45 Euro – zuzüglich Verzugszinsen seit Juni 1994 – verpflichtet. Bis zum heutigen Tag sind damit rein rechnerisch Belastungen in der Höhe von rund 240 Millionen Euro angelaufen. Das Verfahren war bereits 1993 von der DDR-Nachlassverwalterin Treuhandgesellschaft angestrengt und später von deren Rechtsnachfolgerin Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) fortgeführt worden. Die Bank Austria – sie hat aus unerfindlichen Gründen keinerlei Rückstellungen gebildet – wird das Urteil vor dem Schweizer Bundesgericht anfechten. Mit einer rechtskräftigen Entscheidung ist nicht vor 2012 zu rechnen.

Der Richterspruch markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Affäre, die ihren Ausgang in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts genommen hat. Im März 1973 übernahm Rudolfine Steindling, von Freunden liebevoll „Fini“ gerufen, im Alter von 38 Jahren die Geschäftsführung der bis dahin völlig unscheinbaren Ostberliner Handelsgesellschaft Novum GmbH, nach 1978 fungierte sie zudem als Treuhänderin der Anteile – für den damaligen SED-Ableger Zentrag (Österreichs Kommunisten schwören natürlich ungeachtet der Beweislage bis heute, Novum sei ihr Unternehmen gewesen). Ab den achtziger Jahren firmierte sie daneben auch als geschäftsführende Gesellschafterin der zweiten involvierten Außenhandelsgesellschaft Transcarbon.

Dank Steindlings ausgesuchter Kontakte zu Politikern und Unternehmern im Westen sollte vor allem die bereits 1951 gegründete Novum GmbH zu einem der bedeutenderen Wirtschaftsfaktoren der DDR aufsteigen. Nach 1970 galt im Lande hinter der Mauer das vom stellvertretenden Minister für Außenwirtschaft, Alexander Schalck-­Golodkowski, erdachte „Zwangsvertretersystem“. Ab diesem Zeitpunkt konnten westliche Unternehmen in der DDR nur dann Geschäfte machen, wenn sie einen staatlichen Handelsvertreter zwischenschalteten. Schalck-Golodkowski, Oberst der Staatssicherheit, Träger des Karl-Marx-Ordens und „Held der Arbeit“, bezweckte damit zweierlei: Einerseits entledigte sich das paranoide Regime damit mutmaßlicher Tarnfirmen westlicher Geheimdienste, andererseits flossen auf diesem Weg dringend benötigte Devisen in die leeren Staatskassen. Zwangsvertreter wie Novum und Transcarbon kassierten bei ihren Westkunden fette Vermittlungsprovisionen, die wiederum dem von Schalck-Golodkowski verwalteten Bereich „Kommerzielle Koordination“ zugute kamen. Das sollte sich auch für Steindling bezahlt machen. Die Dame – lange Jahre treue KPÖ-Parteigängerin – soll seinerzeit auf ein Jahressalär von bis zu 130.000 Euro gekommen sein. Ein kleiner Auszug aus der damaligen Kundenliste der „Kommerzialrätin“: Voest, Steyr-Daimler-Puch, Amag, Semperit, Bosch, aber auch die Schweizer Konzerne BBC und Ciba-­Geigy.

Innerhalb weniger Jahre war es der durchaus charmanten Geschäftsfrau mit ­Faible für Chanel und Champagner gelungen, das Vertrauen von SED-Größen wie Schalck-Golodkowski, Günter Mittag oder Gerhard Beil zu erlangen. Sie ging im Politbüro des Zentralkomitees der Partei fortan ebenso ein und aus wie in den Residenzen österreichischer Banker, Industriemagnaten und Politiker – und setzte sich dabei anscheinend mühelos über ideologische Grenzen hinweg. Herren wie Franz Vranitzky und Hannes Androsch zählten und zählen ebenso zu ihren „lieben Freunden“ wie der frühere FPÖ-Vizekanzler Norbert ­Steger, Ex-ÖVP-Nationalratspräsident Heinrich Neisser oder die früheren Bank-Austria-Chefs René Alfons Haiden und dessen Nachfolger Gerhard Randa.

Zumindest Letzterer hat bis heute Erklärungsbedarf. Doch er redet nicht. Die Wiener Länderbank, der Randa bis zur Fusion mit der Zentralsparkasse im Oktober 1991 vorstand, war seit 1982 Hausbank von Novum und Transcarbon gewesen. Es gilt heute als gesichert, dass Randas Haus eine Schlüsselrolle bei der Verbringung der SED-Gelder spielte.

Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 hatten die beiden Handelsgesellschaften aus ihrer durchaus erfolgreichen Vermittlungstätigkeit eine Barschaft von umgerechnet rund 255 Millionen Euro angehäuft, verteilt auf dutzende Konten in Österreich und der Schweiz – und da nicht eben die schlechtesten Adressen. Neben der Länderbank und deren damaliger eidgenössischer Tochter Bankfinanz ­Zürich (BFZ) bediente sich Steindling diskreter Vermögensverwalter wie der Schweizer Cantrade Privatbank (heute Bank Bär), der Zürcher Kantonalbank oder auch Coutts Bank Schweiz (heute Royal Bank of Scotland). Da Novum und Transcarbon, wie nunmehr feststeht, im Einflussbereich der SED standen, wäre deren Vermögen der Bundesrepu­blik Deutschland zugefallen. Doch die Verantwortlichen schalteten schnell. Ab dem Frühjahr 1991 ließ Steindling – in wessen Auftrag auch immer – über Länderbank und BFZ ein schwindelerregendes Transaktionskarussell in Gang setzen, mit dem Ziel, alle Spuren zu verwischen. Von den 255 Millionen konnten schließlich nur mehr etwa 100 Millionen bei der Zürcher Kantonalbank aufgefunden werden, weitere 25 Millionen Euro fielen den Deutschen bei Hausdurchsuchungen in die Hände – doch etwa 130 Millionen Euro fehlen bis heute.

Drehscheibe. In den Wochen nach dem 22. Mai 1991 ließ Frau Steindling die Länderbank insgesamt 18 Überweisungen von Wiener Novum- und Transcarbon-Konten zu kurz davor eingerichteten Konten bei der Zürcher Tochter BFZ tätigen, wobei solcherart zusammen 1,76 Milliarden Schilling verschoben wurden. Doch das Geld sollte nicht in der Schweiz bleiben. Bis einschließlich 4. Februar 1992 wanderte es gleichsam physisch nach Wien zurück. In dem profil vorliegenden Urteil des Obergerichts Zürich gegen die Bank Austria vom 25. März 2010 heißt es: „Wie oben dargestellt, hat Rudolfine Steindling die Guthaben von Novum und Transcarbon von deren Konti bei der Bank Ö. (Länderbank, Anm.) in Wien auf deren Konti bei der Beklagten in Zürich übertragen lassen. Die Beklagte (Bank Austria Schweiz, Anm.) hat diese Gelder in den Räumlichkeiten ihrer Muttergesellschaft in Wien in 51 Tranchen von ATS 20 Mio. bis ATS 60 Mio. bar an Rudolfine Steindling ausbezahlt. Rudolfine Steindling hat die Geldscheine in der Kasse der Bank Ö. aufbewahren lassen. In den Rechtsschriften der Parteien ist im Zusammenhang mit dem Abheben der Gelder immer wieder von Barbezügen, vom Aushändigen, Abholen oder Übergeben der Gelder die Rede.“

Für die Länderbank war das kein schlechtes Geschäft. Sie kassierte für das breite Entgegenkommen „Kommissionen“ in der Höhe von immerhin 319.358 Euro. Was danach mit dem Geld geschah, bleibt unklar. Es deutet vieles darauf hin, dass Steindling die Summen schlussendlich über anonyme Spar- und Wertpapierkonten (die es damals in Österreich noch gab) verschwinden ließ.

Am 14. Jänner 1992 stellte die deutsche Treuhandanstalt Novum formell unter Kuratel – spätestens ab diesem Zeitpunkt hätte Steindling wohl nicht mehr ungehindert über das Vermögen disponieren dürfen. Dessen ungeachtet liefen die Geldtransfers noch bis 4. Februar. Nach dem nun ergangenen Richterspruch in der Schweiz gegen die Bank Austria hätten die damaligen Länderbank-Verantwortlichen aufgrund der besonderen Umstände längst wissen müssen, dass sie das Geld nicht mit befreiender Wirkung an Steindling auszahlen hätten dürfen.

Aber dafür hing die Bank wahrscheinlich selbst zu tief in der Affäre drin. So war etwa der damalige Länderbank-Direktor Peter F. auf Novum-Konten zeichnungsberechtigt; der frühere Chef der Bankfinanz Zürich, Ludwig B., wurde später in der Schweiz wegen „mangelnder Sorgfalt bei Finanzgeschäften“ rechtskräftig verurteilt. Mitte der neunziger Jahre waren die beiden Banker auch Gegenstand von Geldwäscheermittlungen der Bezirksanwaltschaft Zürich. Die Untersuchungen wurden im Oktober 1995 unterbrochen – und nie wieder aufgenommen. Und noch ein Indiz wiegt schwer: Am 30. Oktober 1990, also unmittelbar nach der Wende und noch ehe die Kontenplünderungen anliefen, hatte ausgerechnet einer von Steindlings Intimfreunden einen hoch dotierten Beratervertrag der Länderbank erhalten: Gerhard Beil, Ex-Außenhandelsminister und Spitzel der DDR-Auslandsspionage „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA). Was genau Beil seinerzeit für die Länderbank geleistet hat, ist bis heute unklar.

Spurensuche. Auch über den tatsächlichen Verbleib des Novum-Vermögens kann nur spekuliert werden. Ein Teil des Geldes könnte im Wirtschaftsapparat der SED-Bruderpartei KPÖ verschwunden sein. Es gilt auch als sehr wahrscheinlich, dass alte DDR-Seilschaften profitiert haben. Bei ihren Ermittlungen stieß eine eigens eingerichtete Berliner Untersuchungskommission Ende der neunziger Jahre zudem auf eine klandestine Geschäftsverbindung zur (längst liquidierten) Central Wechsel- und Creditbank in der Wiener Kärntner Straße, dazumal eine Tochter der Ungarischen Nationalbank – wohin Steindlings verstorbener Ehemann Adolf, ein ungarischer Résistance-Kämpfer, ausgesuchte Kontakte unterhalten haben soll.

Daneben hielten sich lange Gerüchte, auch der Wiener Unternehmer und frühere Osthändler Martin Schlaff sei Nutznießer dieser SED-Millionen gewesen – was dieser energisch in Abrede stellt (siehe Kasten Seite 48).
Rudolfine Steindling selbst? Hat stets ehern geschwiegen. Obwohl die Deutschen bei der Durchsetzung ihrer Begehrlichkeiten alles andere als zimperlich waren. Zwischen 1992 und 1993 wurde Steindling in Berlin, Wien und Zürich wegen des Verdachts der Untreue angezeigt, das Berliner Amtsgericht Tiergarten erließ am 6. Dezember 1993 sogar vorübergehend einen internationalen Haftbefehl.

Ohne jeden Erfolg. Die „Treuhänderin“ mimte nicht nur immerfort die Ahnungslose, sie beteuerte auch, keinen Cent des Novum-Vermögens gesehen zu haben. Ihren vorgeblich einzigen nennenswerten Vermögenswert, eine repräsentative Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling, ließ sie schon 1994 auf ihre Tochter überschreiben. Darüber hinaus will sie immer schon völlig mittellos gewesen sein.

Das kann man so glauben – oder auch nicht. Steindling, die den weitaus größten Teil des Jahres in ihrer Wahlheimat Israel verbringt, gilt als engagierte Mäzenin. Ebendort machte sie bereits vor Jahren mit generösen Zuwendungen an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem von sich reden; sie hat darüber hinaus einen Seminarraum im Mendel Institute of Jewish Studies und das Theodor-Herzl-Museum mitfinanziert; in Wien half sie dem Arnold Schönberg Center beim Ankauf eines wertvollen Gemäldes aus dem Besitz des Meisters selbst; der Dolly Steindling Fund – errichtet im Andenken an ihren Mann – sponsert Seminare an der International School for Holocaust Studies; und jedenfalls noch vor wenigen Jahren zählte Frau Steindling zu den Gönnern des Children at Heart Award, einer Hilfsorganisation für Tschernobyl-Opfer, wie auch zu den Förderern des Wiener Volkstheaters, des Ballettclubs der Staatsoper und des Sigmund-Freud-Museums. Und 2003 sorgte sie ganz en passant dafür, dass die Elefantendame „Michaela“ in den „Tisch Family Zoological Gardens“, einem Zoo in Jerusalem, einer künstlichen Befruchtung unterzogen werden konnte. In einem ihrer raren Interviews – in denen sie freilich nie über die Affäre Novum spricht – meinte Steindling 2005 gegenüber der Austria Presse Agentur: „Ich kenn halt viele Leute. Ich tu ja nur Geld sammeln.“