Gynäkologie: Männer bekommen Kassenverträge, Frauen eher nicht

In ganz Österreich gibt es nur 44 Frauenärztinnen mit Kassenvertrag. Eine Verordnung des Gesundheitsministeriums soll diesen Zustand ändern. Die Kärntner Ärztekammer marschiert deshalb zum Höchstgericht.

In Kärnten herrscht Ausnahmezustand, in vielerlei Hinsicht. ASVG-versicherte Frauen sind hier gezwungen, sich von einem männlichen Gynäkologen untersuchen zu lassen, auch wenn sie vielleicht lieber zu einer Frau gingen. Doch eine niedergelassene Frauenärztin mit einem Vertrag der Gebietskrankenkasse gibt es in ganz Kärnten nicht. Nur einmal eine kurze Zeit lang, Mitte der neunziger Jahre, gab es eine, und das soll wohl für immer so bleiben.

Nach einer acht Jahre alten Untersuchung – neuere Daten stehen nicht zur Verfügung – würde sich die Mehrheit der Österreicherinnen, 53 Prozent, lieber von einer Frau untersuchen lassen als von einem Mann. Eine Minderheit von zehn Prozent bevorzugt einen männlichen Frauenarzt, 37 Prozent der Befragten äußerten damals keine Präferenz. Das kann aber auch als resignatives Sichabfinden mit den Zuständen gelesen werden.

Traditionell ist die Gynäkologie, wie alle prestigeträchtigen Fachgebiete in der Medizin, ein Männerhort. In ganz Österreich gibt es bloß zwei Primariae, die zur Leitung einer gynäkologischen Abteilung berufen wurden. Beide arbeiten in Wiener Spitälern.

Die Anzahl der niedergelassenen Gynäkologinnen mit einem Kassenvertrag ist im gesamten Bundesgebiet beschämend niedrig. In Vorarlberg gibt es eine, in der Steiermark zwei, in Wien und Niederösterreich je 14, in Kärnten keine einzige. Zweieinhalb Millionen ASVG-versicherten Frauen stehen insgesamt 44 Frauenärztinnen zur Verfügung, jedoch 281 Ärzte.

Vertrauenswürdigkeit.
Das hat historische Gründe, ist aber auch dem ganz neuzeitlichen Konkurrenzneid der Männer und ihrer ungebrochenen Macht in den Entscheidungspositionen geschuldet. Die Standesvertretung der Ärzte ist in dieser Hinsicht ein Hort der Rückständigkeit. Es gibt keine einzige Chefin einer Ärztekammer, und selbst in den Präsidien sind Frauen einsame Solitäre.

Vor wenigen Monaten erließ Gesundheitsminister Alois Stöger eine Verordnung, um den frauenlosen Zustand bei den Kassengynäkologen zu korrigieren. Mit der Begründung, eine Patientin solle frei entscheiden dürfen, wollte er weibliche Bewerber gegenüber ihren männlichen Kollegen durch ein verändertes Punktesystem leicht bevorzugen.

„In Kärnten haben nur die, die sich eine Privatärztin leisten können, eine Wahl. Aber das sollte für alle möglich sein“, sagt der Minister. Außerdem sei der angepeilte Punktevorteil für Frauen so gering, dass eine weniger qualifizierte Frau einen besser qualifizierten Mann keinesfalls überrunden könne.

Stögers Verordnung gilt im gesamten Bundesgebiet. Doch ausgerechnet die Kärntner Ärztekammer legte sich dagegen quer. „Möglicherweise hat die Kärntner Standesvertretung noch nicht die Offenheit, wie sie andere Ärztekammern haben“, mutmaßt der Minister. In einer Klage beim Verfassungsgerichtshof sieht die Kärntner Ärztekammer durch die neue Verordnung den „Gleichheitsgrundsatz verletzt“ und fürchtet, dass in „absehbarer Zeit ausschließlich Frauen“ einen Kassenvertrag bekommen.

Besonders erbost sind die Kammerfunktionäre über die ministerielle Begründung, Frau- enärztinnen besäßen für viele Frauen eine „besondere Vertrauenswürdigkeit“. In ihrer Klagsschrift bringen sie seltsame Argumente vor. Zur Klärung des Begriffs „Vertrauenswürdigkeit“ greifen sie sogar auf den Duden zurück und schlussfolgern, dass Charaktereigenschaften wie „aufrichtig, ehrlich, glaubwürdig, rechtschaffen und zuverlässig“ bei Frauen kaum häufiger vorkämen als bei Männern.

In der ministeriellen Gegenstellungnahme an das Höchstgericht hat eine gewitzte Beamtin nun süffisant darauf hingewiesen, dass mit Vertrauenswürdigkeit nicht die mangelnde kriminelle Energie der Frauen gemeint war, doch wenn man darauf bestehe, solle man sich einmal die Kriminalstatistik ansehen. (80 Prozent der Verurteilten in den vergangenen zehn Jahren waren Männer.)

Ahnungslosigkeit.
Bisher sind die Kärntner die Einzigen, die dagegen protestieren. Ihr Ärztekammerpräsident Othmar Haas, ein Lungenfacharzt, plagt sich, gegenüber profil, das Vorgehen zu rechtfertigen: „Ich habe die Interessen der Kammer, auch die Interessen der männlichen Gynäkologen zu vertreten und nicht die Gesamtinteressen der Bevölkerung. Wir können nicht akzeptieren, dass Kolleginnen generell als vertrauenswürdiger betrachtet werden als Kollegen und Männer nicht mehr zum Zug kommen.“ Er persönlich könne sich jedoch eine Förderung von Frauen vorstellen, bis eine bestimmte Quote erreicht ist – die derzeit bekanntlich bei null liegt.

Nach Ansicht vieler Frauenärztinnen ist das System von innen nicht reformierbar und ohne Frauenquoten keine Besserung in Sicht. Zu viel wurde in der Vergangenheit durch halsstarrige Klinkchefs, die sich weigerten, angehende Gynäkologinnen an ihrer Abteilung auszubilden, versäumt, das Thema Frauen und Gynäkologie generell wie ein Tabu behandelt.

Die einzige umfangreiche Analyse dazu ist vor Jahren in Deutschland erschienen. Der Soziologe Gerhard Amendt führte dafür zahlreiche Interviews mit Patientinnen, aber auch mit Gynäkologen, die in ihrer Ahnungslosigkeit ein erschreckendes Abbild von Macht und Ignoranz bieten. Da brüstete sich einer, dass er niemals ohne Assistentin untersuche, „damit einem nichts unterschoben wird“. Ein anderer sagt: „Man weiß ja, manche Frauen bekommen einen Orgasmus.“ (Der Arzt meint offenbar auf dem Gynäkologenstuhl, Anm.) Und: „Natürlich untersucht man eine junge Hübsche lieber als eine alte Kranke, das ist ja klar.“

Kumpanei.
Die Patientinnen dagegen schilderten Situationen, in denen sie, nackt am Schreibtisch sitzend, vom Arzt befragt wurden, ihre Brüste oder ihre Vagina ästhetisch beurteilt wurden.

Freilich, die Interviews wurden Ende der achtziger Jahre geführt. Man darf annehmen, dass sich die Ausbildung mittlerweile verbessert hat, eine neue Generation von Männern hinterfragt, was sich da abspielt.

Aber auch das Selbstbewusstsein der Frauen ist gestiegen. Hört man sich unter Frauenärztinnen um, die von ihren Patientinnen so allerlei erfahren, gibt es noch immer recht unsensible Ärzte, die ihr Behandlungsgespräch „zwischen den Beinen der Frau hindurch führen“.

Katharina Schuchter, Oberärztin im SMZ-Ost, hat den Eindruck, dass sich vor allem junge Frauen vermehrt von einer Frau behandeln lassen wollen. Dazu kommen, gerade in Wien, Frauen aus dem islamischen Kulturraum, die, wenn es nicht gerade um Leben oder Tod geht, eine Frau konsultieren. Sibylle Romig, Frauenärztin im 14. Wiener Gemeindebezirk, berichtet von überfüllten Ordinationen und langen Wartezeiten.

Die Mehrheit der Medizinstudierenden sind heute Frauen, doch der Anteil der Professorinnen liegt bei lediglich zehn Prozent. Für die Facharztausbildung sind promovierte Medizinerinnen auf einen Leiter einer gynäkologischen Abteilung angewiesen, der Frauen genauso viel zutraut wie Männern – was in den vergangenen Jahrzehnten eher selten der Fall war. Dann beginnt der Kampf um Operationstermine. Die informelle Männerkumpanei an den Spitälern erweist sich dabei oft als Hemmnis. Viele, die es geschafft haben – wie Katharina Schuchter –, sind den Weg über eine Forschungsstelle im Ausland gegangen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Ärztinnen mit Kindern vor den üblichen Karriereschranken stehen.

Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, so scheint es, nicht zum Besseren gewandelt. Der Medizinhistoriker Michael Hubenstorf weist darauf hin, dass sich der Anteil der Gynäkologinnen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts nicht wesentlich vergrößerte. „Es gab immer Pionierinnen, aber selbst die schafften es nur, wenn sie einen mächtigen männlichen Fürsprecher hatten oder den familiären Hintergrund“, sagt Hubenstorf. Es gab nur einmal eine Phase, in der Gynäkologinnen explizit ermutigt wurden. Das war zu Zeiten der Monarchie, als man für die Behandlung bosnischer Frauen, die sich weigerten, sich vor einem Mann zu entblößen, begann, Ärztinnen zu suchen.

Rare Spezies
Für 2,5 Millionen ASVG-versicherte Frauen gibt es in Österreich 44 niedergelassene Gynäkologiepraxen mit Gebietskrankenkassenvertrag, die von einer Frau geführt werden. 281 werden von einem Mann betrieben.

Wien 14
Niederösterreich 14
Burgenland 2
Oberösterreich 4
Salzburg 5
Steiermark 2
Kärnten 0
Tirol 2
Vorarlberg 1