Handkes 70. Geburtstag: Das Umarmen der Welt

Handkes 70. Geburtstag: Das Umarmen der Welt

Als das Lesen noch geholfen hat: Wolfgang Paterno über die seit Jahrzehnten ungebrochene Faszinationskraft von Peter Handkes Werk.

Die Nichtleser scheinen die Leser zahlenmäßig längst überflügelt zu haben. Das „Volk der Leser“, jene Vision, die Peter Handke in seinen Notizbüchern wiederholt beschworen hat, ist dem Schriftsteller abhandengekommen. Was die Abwendung von Werk und Person des Autors betrifft, so lässt sich eine eigentümliche Voreingenommenheit diagnostizieren, eine Spaltung in bedingungslose Bewunderer und glühende Verächter.

"Als das Wünschen noch geholfen hat"
Da sind jene, deren letzte Handke-Lektüre – vom Mutterbuch „Wunschloses Unglück“ (1972) über die abstrakte Frauenbiografie „Die linkshändige Frau“ (1976) bis zum Auftakt der Erzähl-Tetralogie „Langsame Heimkehr“ (1979) – in die späten 1970er-Jahre datiert, die dennoch unbeirrbar zu wissen glauben, dass den seit damals publizierten Büchern Handkes (weit mehr als 30 Titel) nur mehr wenig abzugewinnen sei. Die Arbeiten des frühen Handke, des langmähnigen Schreckens des zeitgenössischen Literaturestablishments, zählten zum Lebensgefühl von mindestens zwei Generationen, die zerschlissenen Taschenbücher in den Buchregalen, darunter die einst so populäre Textsammlung „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (1969), eine der bestverkauften Schriften des Autors, und die mäandrierende Selbsterforschungsprosa „Als das Wünschen noch geholfen hat“ (1974), zeugen davon. Inzwischen steht Handke bei vielen seiner ehemaligen Leser im Ruf, kompliziert, unzeitgemäß, ein Flaneur aus Langeweile, ein Verfechter des Bedeutungslosen, ein Fall für Dissertanten, ein modebedingtes Kuriosum zu sein.

Kein Mann der Moden
Dass Handke keine kommerzielle Konfektionsliteratur wie viele der (wie Handke selbst längst zu Klassikern avancierten) Mitstreiter – Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz – publiziert, wird dem seit Jahrzehnten nahe Paris wohnhaften Dichter oft zum Vorwurf gemacht. Ein genauer Blick genügt: Kaum eines von Handkes Büchern ist in Untertitel und Gattung konkretisiert, trägt die Bezeichnung „Roman“. Um Moden hat sich Handke nie gekümmert (er hat sie gemacht), wie aus der Zeit gefallen schien er bereits bei seinem ersten skandalisierten Auftreten 1966 in Princeton, als er den versammelten Nachkriegsliteraturhelden „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf. Wer Handkes Texte aufmerksam liest, lernt keine unverständlich-komplizierte Literatur kennen, sondern genaues Lesen.

Wer auf formal-sprachliche Aspekte achtet, erfährt, was Literatur abseits des Funkenregens an bestsellerischer Unterhaltung zu leisten imstande ist. Handke ist kein Trickser, der mit seinen Fähigkeiten Eindruck schinden will. Der Mann meint es seit seinem Debüt, der Sprachversuchsanordnung „Die Hornissen“ (1966), mit dem Schreiben äußerst ernst.

Seit 1996, als Handke seinen heftig attackierten Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlichte, mischt sich in die ohnehin vorhandene Aversion gegen einen „schwierigen“ Schriftsteller ein politisches Ressentiment. Abgesehen von Handkes bizarrem Auftritt anno 2006 beim Begräbnis des serbischen Despoten Slobodan Milosevic, dem der Schriftsteller treu bis in den Tod blieb, harrt das komplexe, im Werk des Autors seit Dekaden auszumachende Erzählen und Reflektieren über den Imaginationsraum Ex-Jugoslawien (wie in „Die Wiederholung“, 1986) nach wie vor akkurater Bearbeitung.

"Lesen Sie gefälligst"
Die schrittweise Annäherung an den Dichter ist von weiteren Stolpersteinen erschwert. „Es gibt keinen, den ich nicht in zehn Minuten bis an sein Lebensende gedemütigt hätte“, erklärte Handke 1988 dem Journalisten André Müller, nicht ohne den Star-Interviewer zugleich als „Depp“ und „Spinner“ zu bezeichnen. Jäh aufbrausend verhält sich Handke in der Öffentlichkeit seit je, sein spontan entflammter Zorn macht keinen Unterschied zwischen Künstlerkollegen („Idiot“) und Journalisten einer Info-Illustrierten („Arschloch“). Literarische Totenscheine stellte Handke reihum aus: Dürrenmatt und Frisch sind „biedermännische Schreiber“, Thomas Bernhard der „unfruchtbarste aller Schriftsteller“, der „fast sträfliche Machwerke“ hervorbringt. Und entgegen Handkes eigener Einschätzung, wonach alles, was er schreibe, vollkommen wie bei Kafka sei, finden sich Texte im Werkkatalog des Literaturzirkusverweigerers, die sich in der Ästhetisierung eines mystisch verbrämten Alltags, im diffus vorgetragenen Unbehagen an der Welt erschöpfen (etwa in „Kali“, 2007, und „Die Kuckucke von Velika Hoča“, 2009).

Die entscheidende Frage lautet dennoch: Wie kann man Handke nicht lesen? „Lesen Sie gefälligst!“, forderte Handke einst, auf das eigene, aber auch auf das Werk anderer, von ihm in erstaunlicher Vielfalt präferierter Autoren bezogen – von Patricia Highsmith, William Faulkner, Walker Percy, Goethe über Flaubert, Stifter, Robert Walser und Zeitgenossen wie Peter Stephan Jungk, Florjan Lipus und Gustav Janu. Handke ist ein denkbar guter Begleiter jeder Lesebiografie, die mehr als nur die Buchlisten eines Hochschulstudiums umfasst. Seit Jahrzehnten gefällt sich Handke in der Rolle des Entdeckers, der sich für unterschätzte Dichter einsetzt: Auf den deutschen Schriftsteller Hermann Lenz (1913–1998) schrieb Handke etliche Elogen; nach seiner 1973 publizierten „Einladung, Hermann Lenz zu lesen“ wurde dieser einem breiteren Publikum bekannt. Nicolas Born oder der Vorarlberger Heimatdichter Franz Michel Felder gehören ebenfalls zu Handkes Protegés.

In seiner jüngst publizierten Studie „Die Apfelbäume von Chaville“, einem ausufernden Essay, der biografische und werkthematische Annäherungen an den Autor formidabel mischt, wird Handke vom Publizisten und Schriftsteller Leopold Federmair, wie Handke selbst ein Künstler seltener Konsequenz und Kompromisslosigkeit, treffend als „angewandter Enklavenphilosoph“ apostrophiert. Die Wahrnehmung strukturierender Gegensätze von Geist und Körper, Innen und Außen, Ich und Welt hebt sich im Schreiben Handkes auf. Der Vorwurf der Weltfremdheit und elitären Abgeschiedenheit geht dabei ebenso ins Leere wie jene Zerrbilder, die Handke als naiven Augenblicksbeschwörer und Unterholzwanderer darstellen. In wenigen Werken der Gegenwartsliteratur finden sich, bei allem utopischen Impetus, so viele Wechsel der Orts-, Zeit- und Erzählebenen, derart skeptische Eroberungsversuche des Randständigen wie im Opus dieses Autors, der seit Jahrzehnten versucht, sich via Literatur selbst auf die Schliche zu kommen. „Das Betrachten so lange aushalten, das Meinen so lange aufschieben, bis sich die Schwerkraft eines Lebensgefühls ergibt“, ist programmatisch bereits 1977 in Handkes Journalband „Das Gewicht der Welt“ zu lesen, der gemeinsam mit einer Reihe von weiteren Tagesnotizbüchern so etwas wie den Dreh- und Angelpunkt der Handke’schen Weltanschauung und -umarmung bildet.

Der französische Philosoph Michel Foucault, das heilige Monster des Systemdenkens, meinte einst, seine Bücher stellten „kleine Werkzeugkisten“ dar, aus denen sich seine Leser irgendeines Satzes oder einer Idee „wie eines Schraubenziehers oder eine Bolzenzange“ bedienen können. Peter Handkes seit knapp 50 Jahren als work in progress gesammeltes Literaturhandwerkszeug vermag den Blick auf die Welt zu öffnen.

Briefwechsel. Mehr als 35 Jahre lang korrespondierte Handke mit dem ehemaligen Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld. Zu Handkes Geburtstag erscheint der Band.

Peter Handke, Siegfried Unseld:
Der Briefwechsel.
Suhrkamp, 798 S., EUR 41,10