Hauptbahnhof Wien: Wie Favoriten sich verändert

Hinter dem Wiener Hauptbahnhof entsteht ein völlig neuer Stadtteil. Ein kühnes Unterfangen mit ungewissem Ausgang: In dem einst toten Winkel von Favoriten prallen Welten aufeinander.

Die Chefin des Café Leibniz sitzt am frühen Nachmittag mutterseelenallein in der Gaststube. Eigentlich ist sie in Pension, ihr Sohn führt das Lokal. Doch wenn er Einkäufe erledigen oder die Buchhaltung machen muss, hält sie mit Kaffeehäferl und „Österreich“-Zeitung am Fenster die Stellung.

Das Grätzel draußen hat sich verändert, drinnen im Café Leibniz steht die Zeit seit 50 Jahren still: Das Interieur, der Geruch, das Klo am Gang – es ist alles wie früher. Kürzlich drehte ein Kamerateam hier einen „Tatort“-Krimi. Die Location Scouts waren zuvor durch Wien gezogen und hatten nichts gefunden, das noch annähernd so „original“ ist.

Wilma Strauss-Böck erzählt es mit einem Lächeln, das ihr auf den Lippen gefriert, wenn sie auf die Straße hinausschaut. Dort sehe sie „nur noch Ausländer“. Früher gab es um die Ecke einen Bauernmarkt, der heiße „bei uns jetzt Ausländermarkt“. Das Gerede vom neuen Hauptbahnhof lässt die Frau mit den karottenroten Haaren kalt. Sie könnte die Favoritenstraße hinunterspazieren, auf die 40 Meter hohe Aussichtsplattform am Holzturm steigen, den die ÖBB errichten ließen, und von oben auf die Baustelle herunterschauen. Doch sie ist eher verzagt als neugierig: „Wird das nicht alles zu modern?“

Am Fuße des Holzturms warten Herbert Logar, Geschäftsführer der ÖBB Immobilien Management GmbH, und Robert Buchner, Gesamtprojektleiter Immobilien Hauptbahnhof Wien. Sie sind die Herren des Reißbretts und der Zahlen. Im Café des ÖBB-Informationszentrums „Bahnorama“ breiten sie ihre Übersichten aus: Die verkauften Flächen sind grün angemalt, die noch zu vergebenden Baufelder rot.

Es geht nicht nur um den Hauptbahnhof, sondern auch um die Einkaufsmeile im Untergeschoß, das neue Geschäfts- und Finanzviertel „Quartier Belvedere“, wo die Erste Bank Group und der Immobilienentwickler Signa ihre Zentralen bauen werden. Und es geht um das neu gebaute Sonnwendviertel im Süden: 109 Hektar in Summe, etwa die Größe des achten Wiener Gemeindebezirks. Vier Milliarden Euro fließen in die Entwicklung des gesamten Areals, eine Milliarde Euro davon sind ÖBB-Mittel. Laut Immobilienmanager Logar wird hier „das derzeit größte Hochbauvorhaben Europas“ verwirklicht. Nur zum Vergleich: Der Flughafen Berlin-Brandenburg ist mit 3,2 Milliarden Euro veranschlagt.

„Stadtentwicklung mit Bahnhof“ nennt es der Wiener Grüne Christoph Chorherr. 550.000 Quadratmeter Büros nördlich des Hauptbahnhofs, 5000 Wohnungen für 13.000 Menschen, ein acht Hektar großer Park, mittendrin ein Bildungscampus. Am Ende werden hier 30.000 Menschen leben und arbeiten. Ein Mix aus gefördertem Wohnraum und frei finanzierten Flächen soll Ghettoisierung vermeiden. Die ersten 1160 Sozialwohnungen sind fast fertig. In wenigen Monaten ziehen hier Mieter ein.

Immer schon lag Favoriten, mit 180.000 Einwohnern nach dem restlichen Wien, Graz und Linz die viertgrößte Stadt Österreichs, seltsam abgeschnitten. Bis ins 19. Jahrhundert trennte der Linienwall das Gebiet von der Stadt, später waren es Ost- und Südbahn. Wo jetzt das neue Wohnquartier aus dem Boden wächst, hatten die Menschen jahrzehntelang auf eine Backsteinmauer geschaut. Dahinter lagen nutzlos gewordene Verschiebegleise, heruntergewirtschaftete Hallen und ein paar Anlagen, in denen Altstoffe recycelt wurden.

SPÖ-Bezirksvize Josef Kaindl fing 1968 als Lokführer am Ostbahnhof an. Er wohnt schon lange genug in Favoriten, um sich noch an den Schleichweg in den vierten Bezirk zu erinnern. Bis in die 1970er-Jahre führte ein wackeliger Steg zum Matzleinsdorfer Frachtenbahnhof. Als die Eisenbahn elektrifiziert wurde, musste er den Oberleitungen weichen. Fortan liefen viele Favoritner einfach quer über die Gleise. Es gab grässliche Unfälle und zwei Tote: „Die Leute waren die lauten Diesel-Loks gewohnt und haben die E-Loks zu spät bemerkt“, sagt Kaindl.

2006 verabschiedete der Wiener Gemeinderat einen Masterplan für den Hauptbahnhof samt Stadtentwicklung. In zwei Wochen gehen die ersten beiden Bahnsteige in Betrieb. Dem Bezirkspolitiker Kaindl bleibt angesichts der Rasanz, mit der sich der einst tote Winkel von Favoriten ändert, manchmal die Spucke weg: „Man geht zwei Wochen nicht durch und erkennt die Gegend kaum wieder.“

Wenn die Hügel mit dem Aushubmaterial, die Bauzäune und Kräne verschwunden sind, wird die verlängerte Landgutstraße nach dem Psychologen Alfred Adler benannt sein. Die Erschließungsstraße C wird auch einen schöneren Namen bekommen haben und täglich von 8000 Pkws befahren werden. So etwas können die Stadtplaner im Voraus berechnen. Daneben bleibt vieles der eigenen Fantasie überlassen. Ex-Eisenbahner Kaindl liebt es, sich die adretten Wohnblöcke auszumalen, von denen erst die Rohbauten stehen: den üppig grünen Helmut-Zilk-Park, der jetzt noch von Erdhaufen, Baumaschinen und Arbeitertrupps okkupiert wird; die entzückenden Fahrradreparaturwerkstätten, Bäckereien und Boutiquen, die den leer stehenden Erdgeschoßen lebendige Urbanität einhauchen sollen.

Nur bei der ÖBB-Konzernzentrale streikt seine Fantasie: Im August 2014 soll an jener Stelle, wo sich jetzt ein knallroter Kran in die aufgewühlte Erde krallt, ein 88 Meter hohes Gebäude aufragen. „Zweimal so hoch wie die Aussichtsplattform am Holzturm, das kriege ich in meinen Kopf nicht hinein.“

Ein Sorgenkind ist die Favoritenstraße. Die drittgrößte Einkaufsmeile Wiens bekommt ab dem Columbusplatz in Richtung Hauptbahnhof einen deutlichen Stich ins Triste. Stadtentwickler stellen sich unter einem prickelnden Shop- und Gastronomie-Mix für eine flanierlustige Bahnhofsklientel etwas anderes vor als „Istanbul Mode Bazaar“, „Sportwetten“, „Pizza-Kebab“ und „Internet & Call-Shops“. Auch in den Seitengassen herrscht derzeit der Charme des Heruntergekommenen: renovierungsbedürftige Gründerzeitbauten, mit Folien und Zeitungspapier zugeklebte Fenster, ausgeräumte Vitrinen, verrußte Fassaden. Laut Kaindl lauern die Hausbesitzer auf steigende Preise. Sie haben die Aufwertung des Grätzels fix einkalkuliert und keine Lust, vorher auch nur einen Quadratmeter zu veräußern.

Noch ist das Wohnquartier ein kühnes Unterfangen mit Aussicht auf ein Happy End. Eine Garantie gibt es dafür nicht. So sieht es zumindest der Raumplaner und Stadtsoziologe Alexander Hamedinger von der Technischen Universität Wien. Bei einem Rundgang durch den halb fertigen Stadtteil stoppen seine Schritte in der Sonnwendgasse, und er zeigt mit den Armen nach links und nach rechts: „Hier geht die Schneise durch.“ Auf der einen Seite wird vor allem der Mittelstand in modernen Kategorie-A-Wohnungen mit Balkonen und chromblitzenden Geländern residieren. Auf der anderen Seite haust die migrantische Arbeiterschaft hinter bröckelnden Nachkriegsfassaden in Kategorie D, oft dicht gedrängt auf engem Raum.

Die kürzlich vorgestellten Smart-Wohnungen im Sonnwendviertel können dank flexibler Zwischenwände innerhalb von zwei Wochen umgebaut werden. Das kommt prächtig an: Auf 1160 Wohnungen entfallen bisher 14.000 Anmeldungen. Ein Drittel der Interessenten habe Migrationshintergrund, ein Drittel seien Ur-Favoritner, der Rest Zuzügler aus Niederösterreich, aus dem Burgenland und der Steiermark, die in Wien arbeiten und das Pendeln satthaben. Als Kaindl die Wartelisten durchging, konstatierte er zufrieden: „Das wird eine gute Durchmischung.“

Stadtsoziologe Hamedinger gibt sich nicht so schnell zufrieden: „Es genügt nicht, einen Stadtteil aus dem Boden zu stampfen und zu hoffen, dass sich Ur-Favoritner und Neuankömmlinge irgendwie arrangieren.“ Man müsse sich „ernsthaft bemühen, die Menschen einzubinden – sonst wird der neue Teil vom alten nicht akzeptiert“. Dienstag vergangener Woche versprach SPÖ-Wohnungsstadtrat Michael Ludwig vor versammelten Anrainern, den Standard des Altbestands zu heben. Das soll verhindern, dass die Welten aufeinanderprallen.

Die Gebietsbetreuung 10 eröffnete im Sonnwendviertel vor einigen Monaten ein Büro. Gudrun Peller, eine aparte, junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren, arbeitet hier als Projekleiterin und Architektin. Sie weiß, dass die Kanten noch scharf sind: „Wir feilen jetzt an der Integration von Alt und Neu.“ Auf ihren „Grätzelbegehungen“ schlagen ihr regelmäßig Befindlichkeiten zwischen Hoffnungen und Angst entgegen: „Die Stimmung in der Bevölkerung ist grundsätzlich positiv. Aber es gibt einige Geschäftsleute, die fürchten, im Konkurrenzkampf nicht zu bestehen.“

Zu ihrer Kollegin Barbara Waldeck im Stadtteilbüro kommen die sozial Schwächsten. Für sie stellt die Aufwertung des Bezirks eine echte Drohkulisse dar. Fliegen sie aus ihren baufälligen Häusern, fürchten sie zu Recht, sich eine andere Bleibe nicht leisten zu können: Jetzt zahlen sie für ihre Kategorie-D-Unterkünfte 70 bis 90 Cent pro Quadratmeter. Der Richtwert für Mietwohnungen der Kategorie A beträgt fünf Euro.

Ein historischer Arbeiterbezirk, arm, dreckig, verkehrsbelastet und bar kultureller Attraktionen: So steht Favoriten in der Außensicht bis heute da. Während die gürtelnahen Bezirke 15 und 16 allmählich schick wurden und Studenten, Künstler und gehobene Gastronomie anzogen, haftet an Favoriten immer noch der Geruch der Industrie. Ob es jemals „cool“ wird, im „zehnten Hieb“ zu leben, ist aus Hamedingers Sicht nicht entschieden. Daran ändere auch die Innensicht der Favoritner nichts. „Viele Bewohner identifizieren sich stark mit ihrem Bezirk und wollen gar nicht weg“, konstatiert Bezirksvize Kaindl.

Er selbst gehört auch zu dieser Gruppe. Durch und durch Sozialdemokrat, weiß Kaindl zwar, dass man „Spekulationen nie ganz ausschalten kann“. Trotzdem will er „verflixt aufpassen, dass die armen Leute nicht an den Rand gedrängt werden und die Wohlhabenden alle Wohnungen aufkaufen“. Doch wenn er sein Favoriten herzeigt, kann er gar nicht anders, als es wie ein Reiseführer zu preisen: Der Bezirk könne mit 39 Pflichtschulen und der größten Fachhochschule des Landes aufwarten, das schöne Amalienbad liege zehn Gehminuten vom neuen Sonnwendviertel entfernt, und am Vorplatz des neuen Hauptbahnhofs gibt es das Gasthaus Ringsmuth.

Die Eltern des heutigen Betreibers hatten die Kantine „Zum Kamptaler“ am alten Frachtenbahnhof gepachtet. Ihr Sohn René arbeitete als Koch im Steirereck und wollte sich, als er noch keine 30 war, selbstständig machen – partout in Favoriten. Es traf sich, dass an der Ecke zur Johanittergasse ein Gasthaus zugesperrt hatte. Jetzt liegt es genau am Vorplatz des neuen Hauptbahnhofs und ab August 2014 gegenüber der ÖBB-Konzernzentrale.
Auch die pensionierte Chefin des Café Leibniz will – Ausländer hin, Ausländer her – nicht weg aus ihrem Bezirk. Fragt man Wilma Strauss-Böck nach ihrem Lieblingsplatz in Favoriten, muss sie nicht lange überlegen. Ein kurzes Lächeln, dann zeigt sie auf den Platz, an dem sie gerade sitzt: Hier will sie sein, in der Gaststube, in der seit Jahrzehnten die Zeit stillsteht, mit dem Blick nach draußen, wo sich alles rasend ändert.

Fotos: Sebastian Reich für profil