Intendanzmusik: Österreichs größtes Kulturevent hat Strukturprobleme

Die verkrusteten Führungsstrukturen sind das Hauptproblem der Wiener Festwochen. Bis 2013 wird Luc Bondy ­Österreichs größtes Kulturevent leiten. Im Hintergrund kündigt sich bereits jetzt eine Nachfolgedebatte an.

Als die Wiener Festwochen im vergangenen Dezember ihr aktuelles Programm präsentierten, gab sich Festivalchef Luc Bondy ungewohnt angriffslustig. Er halte nicht viel von Konsens in der Kunst, meinte er da: „Nur solange Kultur Menschen entzweit, hat sie noch Sinn.“ Ein paar Monate später sieht alles anders aus. Auf Anfrage von profil, im Gespräch den Status quo des Festivals zu reflektieren und mögliche Perspektiven für die Zukunft der Festwochen durchzudenken, blieb die Reaktion zaghaft: Man wolle zu Beginn des Festivals einfach nur Lust auf die einzelnen Produktionen machen – bitte keine Grundsatzdebatte vom Zaun brechen, ließ das Leitungsteam geschlossen verlautbaren. Streitkultur sieht anders aus. Das klingt eher nach Kadergehorsam.

So geschlossen sich die Wiener Festwochen nach außen auch präsentieren, die Bruchlinien innerhalb der personellen Konstruktion – Luc Bondy als Intendant, Stéphane Lissner als Musikdirektor und Stefanie Carp als Schauspielchefin – werden trotzdem regelmäßig sichtbar. Die Arbeit des Festwochen-Teams ist fix verteilt, aber nicht sonderlich gerecht: Bondy schafft an – aber Carp schafft das eigentliche Programm heran. Und Lissner, hauptberuflich Leiter der Mailänder Scala, erscheint ohnehin meist nur zu Pressekonferenzen, präsentiert seine Opernpläne – und reist möglichst schnell wieder Richtung Mailand ab (siehe auch Kasten Seite 125). Das Herzstück der programmatischen Arbeit bleibt also weitgehend an die Schauspielchefin gebunden. Diese aber verfügt weder über die alleinige finanzielle noch inhaltliche Programmhoheit, schließlich hat Superintendant Bondy in allen Fragen das letzte Wort. Strukturelle Probleme sind in dieser Personalkonstellation vorprogrammiert, auch wenn davon meist nichts an die Öffentlichkeit dringt. Wie man hört, macht die intellektuell streitbare Schauspielchefin Carp zumindest intern keinen Hehl daraus, dass sie manche Strukturen des traditionsreichen Festivals für verkrustet hält. Ihr Verbleib in Wien hing mehrmals schon am sprichwörtlichen seidenen Faden.

1998 wurde der feinnervige Schweizer Starregisseur Luc Bondy Schauspieldirektor der Festwochen, seit 2001 ist er deren allein verantwortlicher Intendant. Seine zweifellos größte Leistung in dieser Funktion: Er engagierte für den Schauspiel­bereich stets Mitarbeiterinnen, die ­seinem eigenen Temperament und ­seinen Theatervorstellungen diametral entgegengesetzt waren. Sowohl die tatkräftige Marie Zimmermann (2001 bis 2007) als auch die kompromiss­lose Stefanie Carp (2005 bereits als Urlaubs­vertretung aktiv, seit 2008 fix) räumten alle Befürchtungen, mit Bondy an der Spitze würden die Festwochen endgültig auf Hochglanz reduziert werden, souverän aus der Welt. Im Gegenteil: Unter Zimmermann verzettelten sich die Festwochen mitunter sogar in allzu viel Off-Kunst-Mittelmaß aus aller Welt. Mit Carp, deren Programm auch heuer wieder ein durchaus überzeugender Mix aus Etabliertem und experimentellem Wagnis ist, setzten die Festwochen einen großen Schritt in Richtung postdramatisches Theater: Längst stehen nicht mehr klassische Dramen im Zentrum; die meisten der gezeigten Produktionen versuchen sich nicht mehr zuvorderst über Literatur einen Zugang zur Welt zu verschaffen.

Stefanie Carp wurde schnell zum prägenden Gesicht der Wiener Festwochen. Leidenschaftlich führt sie ­öffentliche Diskussionen, ist bei allen Premieren und wird nicht müde, ihr mitunter auch sperriges Programm stets aufs Neue zu vermarkten. 2008 musste der Regie führende Langzeitchef Luc Bondy harte mediale Kritik einstecken: „Mit weniger Aufwand, als Bondy die Festwochen leitet, kann man ein Festival nicht verwalten“, schrieb Peter Schneeberger damals im profil.

Fragwürdiges Provisorium.
Keine Frage, die Festwochen agieren künstlerisch auf hohem Niveau: Sie stellen jedes Jahr wieder – am Ende einer ­ohnehin reichen Theatersaison – eine kreative Überforderung dar, die vom Publikum mit großer Kontinuität gern angenommen wird. Dabei genießen die Wiener Festwochen, objektiv gesehen, gegenüber anderen Sommerfestivals, deren Besucher gerade dort auf Urlaub sind, durchaus keinen Startvorteil: „Unser Publikum kommt nicht vom See“, bringt es Rudolf Scholten, Aufsichtsratspräsident der Festwochen, auf den Punkt. „Unser typischer Besucher ist ein in Wien arbeitender Mensch, unser Publikum läuft atemlos aus dem Büro ins Theater, was ich ziemlich beachtlich finde.“

Dennoch erscheint die Struktur des Festivals mitunter ziemlich behäbig. Warum wird seit Jahrzehnten nicht mehr ernsthaft darüber nachgedacht, die Festwochen weniger als sechs Wochen dauern zu lassen? Würde eine kürzere Laufzeit der Festival­atmosphäre nicht zugutekommen? Warum gibt es noch immer kein echtes Festivalzentrum, einen Treffpunkt, der mehr als bloß moderierte Künstlergespräche anzubieten hat? Gerade in Bereichen wie diesen, die bereits über Jahre ohne Ergebnisse diskutiert werden, scheinen die Festwochen in Routine und Bürokratie erstarrt zu sein. Auch die organisatorische Form des Festivals wurde bereits eine Dekade lang nicht mehr hinterfragt. Dabei ist die jetzige Konstruktion der Festwochen, historisch betrachtet, ein politisch fragwürdiges Provisorium, das sich verfestigt hat. Als Ursula Pasterk 1987 zur Kulturstadträtin berufen wurde, hatte sie als Festwochen-Chefin zwar einen 5-Jahres-Vertrag in der Tasche, aber gerade erst – retrospektiv muss man sagen: sehr erfolgreiche – zwei Jahre lang das Festival geprägt. Pasterk konnte sich von ihrem Lieblingsprojekt Festwochen lange nicht trennen. Sie blieb bis 1991 in Dreieinigkeit Kulturstadträtin, Präsidentin und geschäftsführende Intendantin. Nach der fünfjährigen Ära von Klaus Bachler als Festwochen-Chef präsentierte Pasterk 1996 ein Dreierleitungsteam, bestehend aus Luc Bondy (Schauspiel), Klaus-Peter Kehr (Musiktheater) und Hortensia Völckers (Tanz und Sonderprojekte) – und sorgte damit erneut für Verwirrung. Es schien, als wollte sich Pasterk als mögliche Superintendantin über ihre Amtszeit als Kulturstadträtin ­hinaus einen Platz im Festival sichern. Hätte sich das „leading team“ zerstritten, Pasterk wäre wohl gern zur Stelle gewesen, um die schlichtende Leitung zu übernehmen. Sie zog sich letztlich unter öffentlichem Druck von den Festwochen zurück: Die umständliche Konstruktion eines Superintendanten aber blieb – und wurde von Luc Bondy übernommen.

Im Vorjahr kündigte Bondy an, er sehe seine Rolle nach Ende seines 2013 auslaufenden Vertrags bei den Festwochen als abgeschlossen. Bis dahin ist freilich noch Zeit. Eine Strukturdebatte ist dennoch bereits jetzt nötig: Im Herbst steht die Wiener Wahl an – und in Wahlkampfzeiten herrscht erfahrungsgemäß kulturelle Unsicherheit, weil gern personelle Vorentscheidungen getroffen werden. Zwar beteuert SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny gegenüber profil, er fände diese personelle Entscheidung eindeutig zu früh („Bondys Vertragsverlängerung beginnt doch erst mit der nächsten Saison“). Definitiv ausschließen, dass im Herbst bereits die nächste Intendanz der Festwochen beschlossen werden könnte, will der Stadtrat aber nicht: „Es gibt mit Rudolf Scholten, dem Präsidenten der Wiener Festwochen, immer wieder Gespräche über deren Zukunft.“

Scholten bestätigt gegenüber profil, dass er über die Struktur der Festwochen intensiv nachdenke: „Über eine konkrete Personalentscheidung führt im Moment niemand Gespräche, aber ich rede, seit ich 2005 in meinem Amt bin, über programmatische Ziele. Ich finde, wir sollten zuerst eine Grundsatzdebatte über die Aufgaben der Festwochen führen, ehe wir über konkrete Namen sprechen können.“

Transparenz. Eine gewisse Aufregung in der Branche ist dennoch bereits zu bemerken. Zwar steht dem Kulturstadtrat die alleinige Entscheidung über die Festwochen-Besetzung zu, seit den letzten großen Personalbestellungen Ende der neunziger Jahre hat sich allerdings einiges verändert. Nicht zuletzt durch die von Mailath initiierte Theaterreform, in der Gruppen und Häuser regelmäßig Konzepte vorlegen müssen, die von einer Fachjury bewertet werden, ist die Transparenz in Sachen Förderung und Besetzungspolitik deutlich verbessert worden. Es wäre befremdlich, wenn es diese Kontrollinstanzen ausgerechnet bei Österreichs größtem Kulturfestival nicht gäbe. Der Stadtrat wird also früher oder später einen konkreten Zeitrahmen in dieser Besetzungsfrage vermitteln und die Festwochen-Intendanz ausschreiben müssen, und er täte gut daran, ein beratendes Fachgremium einzuberufen, wenn er sich nicht wie seine Kollegin, Kunstministerin Claudia Schmied, vorwerfen lassen will, er agiere in Personalfragen erratisch.

Es braucht eine breite und grundlegende Debatte über jenes Festival, das 1951 angetreten war, der Welt zu beweisen, dass Wien immer noch ein kulturelles Zentrum ist. Die Festwochen waren von Anfang an ein höchst amorphes Gebilde: Man wollte internationale Hochkultur in die Stadt bringen – zugleich gab es einen Festwochen-Preis für Wiens schönstes Schaufenster. Unter dem fast unmöglichen Spagat zwischen repräsentativem Edelfestival und niederschwelligem Kulturfest auch für all jene, die nie ins Theater gehen, laborieren die Festwochen nach wie vor – man denke nur an die alljährliche pompöse Eröffnung am Rathausplatz. Gerade diese sehr offene, ungenau definierte Struktur ließ die Festwochen aber auch über all die Jahrzehnte interessant und wandelbar bleiben. Und darüber sollte man diskutieren. Oder, wie es Luc Bondy gefordert hat: ruhig auch streiten.