Im Alphatierreich

Der Umbau des Grazer Joanneumviertels ist abgeschlossen. Pünktlich zur Neueröffnung brechen alte Konflikte wieder auf; künstlerische Inhalte drohen dabei ins Hintertreffen zu geraten.

Unter Langeweile leidet der Architekt Gerhard Eder derzeit bestimmt nicht. Gemeinsam mit seinen spanischen Kollegen von Nieto Sobejano Arquitectos für den Umbau des Joanneumviertels in Graz verantwortlich, ­arbeitet der Mitbetreiber des Büros eep architekten derzeit unter Hochdruck. Der Kulturkomplex, betrieben vom Landesmuseum Joanneum, muss kommendes Wochenende, pünktlich zum 200. Jahrestag der Institutionsgründung, eröffnet werden.

Den Platz zwischen jenen beiden alten Gebäuden betretend, die nun durch unterirdische Räumlichkeiten verbunden sind, konnte man Anfang vergangener Woche noch Arbeitern begegnen, die gerade Punschhütten zimmerten. Von hier aus geht es ab sofort abwärts: in das neue Besucherzentrum, das als Verteiler des ersehnten Publikumszustroms fungieren wird. Während das barocke Landesamtshaus, das die naturkundliche Sammlung des Joanneums beherbergen soll, erst 2013 fertiggestellt werden wird, sollen die neu errichteten Räume unter der Erde sowie das ehemalige Hauptgebäude aus dem 19. Jahrhundert bereits ab Samstag dieser Woche zugänglich sein. Der alte Teil, dessen Renovierung soeben abgeschlossen wurde, beherbergt die Neue Galerie sowie das „Bruseum“, ein dem steirischen Künstler Günter Brus gewidmetes Museum (siehe Kasten Seite 109); im neuen Bereich sind die Landesbibliothek sowie die Multimedialen Sammlungen, eine Kollektion von audiovisuellen historischen Dokumenten, untergebracht.

Runde Formen prägen die neue Architektur des Kulturtankers. Kreisförmige Rasenstücke strukturieren den Platz, kreisrunde Einschnitte leiten Licht von der Oberfläche in die unterirdischen Räume, und auch ein kreisförmiger Info-Desk begrüßt die Besucher. Gläserne Kegel leiten Tageslicht in das unterirdische Geschoß, in dem jedoch keineswegs Keller-Atmosphäre herrscht. „Da die Wandscheiben nur in eine Richtung weisen, entsteht ein luftiger Raum“, erklärt Architekt Eder. Auch Joanneum-Chef Peter Pakesch zeigt sich zufrieden mit dem Umbau, für den das Land Steiermark immerhin 33,4 Millionen Euro bereitstellte: Er sei „sehr glücklich“ über die Ausstellungsräume und findet es „großartig, dass die Multimedialen Sammlungen nun niederschwellig präsentiert werden“. Auch die Transparenz des Besucherzentrums gefällt Pakesch. Der Entwurf besitze das Potenzial, ein „architektonisches Wahrzeichen von Graz“ zu werden, findet er.

Während im Besucherzentrum und am Vorplatz eifrig gearbeitet wird, herrscht in den Museumsräumen selbst trotz der nahenden Eröffnung noch Ruhe; statt der 1600 Quadratmeter, die der Neuen Galerie am alten Standort im Palais Herberstein zur Verfügung standen, kann diese nun 2100 Quadratmeter bespielen. Allerdings lässt sich gut eineinhalb Wochen vor der Vernissage kaum erahnen, was hier zu sehen sein wird; erst wenige Werke wurden angeliefert. Unverhältnismäßig spät beginnt man hier mit dem vielleicht wichtigsten Teil dieser Neueröffnung: der Museumspräsentation. Glaubt man dem ehemaligen Chefkurator der Neuen Galerie, Peter Weibel, so hat Pakesch selbst diesen Umstand zu verantworten.

Seit Langem schon pflegen die beiden Kulturmanager eine Feindschaft, die im April dieses Jahres in einer veritablen Schlammschlacht gipfelte. Damals strukturierte Pakesch gerade das Joanneum um und stellte der Neuen Galerie eine extra geschaffene Abteilung für moderne und zeitgenössische Kunst voran; er entmachtete deren damalige Leiterin Christa Steinle, die sich dagegen ebenso entschieden wie vergeblich zur Wehr setzte. Als sich Weibel auf ihre Seite schlug und Pakesch öffentlich angriff, entließ ihn dieser. Später schloss der Joanneum-Direktor mit Steinle und Weibel projektbezogene Verträge ab – sie sollten auf jeden Fall noch die Eröffnungsausstellungen abwickeln. Es glaubte freilich schon damals niemand ernstlich, dass damit der latente Konflikt zwischen Pakesch und Weibel aus dem Weg geräumt worden sei.

Und tatsächlich bricht dieser nun erneut auf.
Weibel wirft Pakesch zu geringes Engagement in Sachen Neue Galerie vor. „Ich war am Montag bis Mitternacht in der Galerie, nur mit Christa Steinle und einer weiteren Kuratorin. Am Freitag arbeitete eine andere Kollegin einsam in den Ausstellungsräumen“, so Weibel – nirgendwo sonst seien Kuratoren bei der Hängung auf sich allein gestellt. Pakesch kontert: „Wir unternehmen gigantische Anstrengungen, aber es gibt Arbeitszeitverordnungen, die von unserem Betriebsrat streng geprüft werden.“ Nachsatz: „Ich kann garantieren, dass die Ausstellungen zur Eröffnung fertig sein werden.“ Bei manchen Objekten habe Weibel selbst zu kurzfristig entschieden, ob sie präsentiert werden sollten, und damit Zeitverzögerungen verursacht, so Pakesch. Weibel wiederum moniert: „Die Arbeiter haben offensichtlich genug Zeit, Punschhütten zu bauen. Wenn man meint, dass man weniger Architektur und Kultur als Punschhütten braucht, um Besucher anziehen zu können, sollte man in die Gastronomie gehen.“

Eine weitere Kampfzone bieten die geplanten Eröffnungszeremonien: Zu Weibels Missfallen war ursprünglich nur eine Präsentation des Gebäudekomplexes vorgesehen und keine Ausstellungseröffnung; erst auf sein Betreiben hin veranstaltet man nun, getrennt von den anderen Feiern, eine Preview, bei der auch Weibel als Kurator der Ausstellungen eine Rede halten wird. Diese ist jedoch nur für Besucher mit Einladung zugänglich. Pakesch dazu: „Bei der Preview am 25.11. wird sich alles um die Künstler drehen; da können wir nicht 2000 Leute empfangen. Natürlich könnte ich sagen, das sei für alle zugänglich – aber da hat niemand etwas davon.“
Freilich könnte man den aktuellen Reden-Streit als Sturm im Wasserglas abtun; dennoch erscheint er symptomatisch für das Verhältnis zwischen dem Joanneum und der Neuen Galerie. Die – laut Pakesch aus Spargründen vorgenommenen – Umstrukturierungen vor einigen Monaten haben die Neue Galerie zu einer Unterabteilung des Joanneum degradiert, die nun nicht einmal mehr eine eigene Leitung hat. „Es war der Sinn der Einsparungen, dass Parallelstrukturen zurückgefahren werden“, argumentiert Pakesch seine Entscheidung. In Zukunft sollen Neue Galerie und das – von ihm selbst geleitete – Kunsthaus Graz enger kooperieren: „Es werden sich auch Mitarbeiter der Neuen Galerie um die Programme des Kunst­hauses kümmern, eventuell sogar vice versa bisherige Mitarbeiter des Kunsthauses um Projekte in der Neuen Ga­lerie.“

Nach den Querelen zwischen den beiden streitlustigen Alphatieren forderte die steirische „Kleine Zeitung“, die „Neue ­Galerie als Marke eigener Prägung“ zu ­stärken. Zuletzt habe man den Eindruck gewonnen, es gehe eher um „die Etiket­tierung, die Eingliederung in den Ge­samtkomplex Joanneum“, so das Blatt. Diesen Anschein bestätigt Pakesch indirekt, wenn er betont: „Das Kernstück des neuen Joanneumviertels ist das Besucherzentrum.“ So bedeutend eine zeitgemäße Publikumsbetreuung sein mag, letztlich hängt deren Gelingen von den künstlerischen Inhalten des Hauses ab. Tatsächlich scheint derzeit allerdings weniger die Neuaufstellung der Neuen Galerie, deren hochkarätige Sammlung wesentliche Strömungen der Moderne abdeckt, im Vordergrund zu stehen als vielmehr der schicke Empfangsbereich mit seinen gläsernen Kegeln.