Jonathan Franzen veröffentlicht nach neun Jahren ­seinen neuen Roman „Freiheit“

Vor zehn Jahren landete der US-Romancier Jonathan Franzen mit seinem Familienepos „Die Korrekturen“ einen Weltbestseller. Seine neue Gesellschaftsstudie „Freiheit“ ist besser, als der Hype um das Buch fürchten lässt.

Im Jahr 2001 stieg der damals 42-jährige Schriftsteller Jonathan Franzen mit seiner weltweit inzwischen über drei Millionen Mal verkauften Familiensaga „Die Korrekturen“ zu den Superstars der mittleren US-Schriftstellergeneration auf. Für sein nächstes Buch ließ sich der Autor viel Zeit: „Freedom“, der vierte Roman des Schriftstellers, erschien nun, Ende August, in den USA, die deutsche Ausgabe folgte Mitte vergangener Woche. Die Hysterie darum scheint derzeit kaum Grenzen zu kennen.
Franzens deutscher Stammverlag Rowohlt schürte die Erregung, indem er „Freiheit“ einer Spezialbehandlung unterzog: Jede der vorab via E-Mail in Zeitungsredaktionen versandten DIN-A4-Seiten der Romanübersetzung trug ein deutlich sichtbares Wasserzeichen in Form des Verlagslogos, dazu den rot markierten Hinweis „Sperrfrist bis 08.09.10 bitte unbedingt beachten!“. Das Lesen und Ausdrucken des pdf-Dokuments erforderte das Passwort „080910“. Die ursprünglich für Mitte September geplante Veröffentlichung wurde, so die PR-Abteilung des Hamburger Publikationshauses, „aufgrund des großen internationalen Medieninteresses“ auf den erwähnten Termin vorverlegt. Weltweite Aufmerksamkeit genießt das Buch, seit es in den USA und Großbritannien, wie in diesen Ländern üblich, als Hardcover- und Taschenbuchausgabe nahezu zeitgleich publiziert wurde.

Das US-Magazin „Time“ widmete Franzen eine Covergeschichte – seit Stephen King (2000) zierte damit erstmals wieder das Konterfei eines Literaten das Heft. „Great American Novelist“ titelte „Time“ und frohlockte dazu: „In seinem neuen Roman zeigt Jonathan Franzen uns, wie wir heute leben.“ Zahllose Medien stimmten in den Jubel ein, wie eine Erlösung wurden Autor und Werk auch hierzulande begrüßt: „Der neue Franzen ist endlich da!“, jubelte etwa der „Kurier“, der das eingedrückte Ei auf dem Cover der deutschen Ausgabe gleich dahingehend deutete, dass sich hier etwas Bedeutendes herausschäle.

„Es ist so weit“
, fiel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein Stein vom Herzen – und glänzte mit eigenwilliger Zeitrechnung: „,Freiheit‘ ist der beste Familienroman des neunzehnten Jahrhunderts über das einundzwanzigste.“ Das deutsche Wochenmagazin „Der Spiegel“ erkannte in „Freiheit“ die „Neuauflage des großen amerikanischen Romans“, das Ideal einer Erzählung. Barack Obama, so wusste das Hamburger Nachrichtenmagazin abschließend noch zu berichten, habe sich unter Einsatz „all seiner präsidialen Macht“ ein Vorabexemplar von „Freiheit“ gesichert und auf einer abgelegenen Insel sofort mit der Lektüre begonnen.
So viel Lobhudelei war selten. Das Buch ist dennoch besser, als die kollektive Begeisterung vermuten lässt.

Wie in all seinen Romanen orientiert sich Franzen auch in „Freiheit“ an den formalen und sprachlichen Erzählvorgaben der klassischen Moderne, einige rare Spielereien – Fußnoten als Fleißaufgabe, Dialoge in dramatischer Form, eingeschobene E-Mail-Textblöcke – inbegriffen. Mit einer seiner Figuren erweist Franzen einem Hauptvertreter dieser Moderne, Vladimir Nabokov, unmittelbar Reverenz: Lalitha heißt im Roman eine junge, auf ältere Herren verführerisch wirkende Frau. Franzens Sprache, sein Sprachwitz hat gegenüber den „Korrekturen“ an Leichtigkeit und Lässigkeit gewonnen. „Freiheit“ ist ein Buchstabenwald, den man mit Vergnügen durchwandert.

Thomas Bernhard.
Franzen frönt zudem seinem Faible für Fremdzitate, dem listigen Umkreisen von Realien. Tolstois „Krieg und Frieden“ findet da ebenso Erwähnung wie Ian McEwans „Abbitte“, neben den Namen von Popstars (Bob Dylans Geburtsort wird beispielsweise mystifiziert) tauchen auch solche von österreichischen Autoren auf: Ein (fiktiver) Popstar hat sich in „Freiheit“ Thomas Bernhard zu seinem Lieblingsautor erkoren – und liest die Arbeiten des Austro-Klassikers vorzugsweise zum Abendessen, um von dem üblen Geschmack des Gerichts abzulenken.

Teile des Romans sind in Form einer mehr als zwei Jahrzehnte umfassenden, bis in die Gegenwart reichenden Beichte abgefasst, in der Patty Berglund, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Walter, dessen als Musiker erfolgreichem Langzeitfreund und Bernhard-Verehrer Richard und der unbedarften Kellnerin Connie zu den zahlreichen Protagonisten des Buchs zählt, unter der Überschrift „Es wurden Fehler gemacht – Patty Berglunds Autobiografie (verfasst auf Vorschlag ihres Therapeuten)“ Lebensbilanz zieht. Richard tritt als die von Franzen mitunter allzu holzschnittartig konstruierte Gegenfigur zu Pattys Mann auf – Walter ist der sensible Zuhörer, Richard wird vom Pfeifen seines Tinnitus gequält. Walter ist strikter Antialkoholiker und Romantiker, er missbilligt den Gebrauch von Papierhandtüchern, nimmt den Zug, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit und ärgert sich, wenn er auf dem Pissoir eine unnötige Spülung Wasser verschwendet. Im Dasein seines Konterparts dominiert dagegen der Schlendrian, Kreditkartenlimits missachtet Richard habituell, Frauen betrachtet er, ein ewig Pubertierender, als Freiwild. Vogelgezwitscher ertönt, wenn Walters Handy läutet. Richard ignoriert die Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter. Patty, Walter, Richard: beste Voraussetzung für eine zum Scheitern verurteilte Ménage à trois.

Den eigentlichen Kern des Buchs bildet jedoch ein mit „2004“ überschriebener ­Abschnitt – und rückt damit jenes Jahr
ins Zentrum der Aufmerksamkeit, in dem ­George W. Bush mit großer Mehrheit erneut zum US-Präsidenten gewählt wurde, sich die Supermacht in blutige Bodenkriege im Irak und in Afghanistan verstrickt sah und erste Zweifel an jenen Geheimdienstberichten über die vermeintliche irakische Atomwaffenproduktion auftauchten, mit denen Bush den Feldzug gegen das Regime Saddam Husseins im Jahr davor legitimiert hatte.

Eros-Verschmelzung.
In „Freiheit“ erweitert Jonathan Franzen seine narrative Versuchsanordnung: Er verlässt den weitgehend um die Lamberts kreisenden, teils autobiografisch motivierten „Korrekturen“-Familienkosmos – und wagt den Versuch, ein zugleich komplexes und zersplittertes Panorama der desillusionierten US-Gesellschaft unter Bush II zu entwerfen, angereichert (wie stets bei diesem Autor) mit fulminanten Sexszenen, die den Verdichtungsgrad erotisch verschmolzener Identitäten erforschen, und mit grandiosen Binnenepisoden: Pattys Mann Walter versucht in einer kuriosen Staatsaktion vergeblich, die vom Aussterben bedrohte Vogelart des Pappelwaldsängers zu retten und seine Mitmenschen missionarisch vor der drohenden Überbevölkerung zu warnen; Sohn Joey wagt, nachdem er durch ein Missgeschick seinen Ehering verschluckt hat, den tiefen Griff in die Klomuschel. In dieser auf 700 Seiten angelegten Mentalitätsanalyse der dramatisch gesunkenen Glücksmöglichkeiten in Zeiten der Bush-Ära schafft erst das Fischen im Bräunlich-Trüben klare Sicht: „Es hatte etwas Tröstliches und Befreiendes, ein richtiger, fest umrissener Jemand zu sein, statt einer Ansammlung widersprüchlicher, potenzieller Jemande“, kommentiert Joey seine letztlich erfolgreiche WC-Suchaktion.

Nicht nur was die Erzähloberfläche anbelangt, ist „Freiheit“ ein Projekt des Beinah-Stillstands, in dem die räumliche und ideelle Einengung regiert: Die retardierenden Momente auf Ebene der diversen Handlungsstränge korrespondieren ziemlich genau mit der von Franzen akkurat ausgeleuchteten Lebensleere der Figuren. Das Personal dieses Buchs bewegt sich zwar in kleinen Schritten durch den Roman: Die Berglunds übersiedeln von Saint Paul, der Hauptstadt des Grenzstaats Minnesota, nach Washington. Verunglückte Ferien- und Geschäftsreisen werden unternommen und wieder abgebrochen, in den Straßen New Yorks läuft man einander zufällig über den Weg – und versucht sich sogleich hinter dem nächsten Mauervorsprung zu verbergen. Die Trostlosigkeit des Daseins, das fortgesetzte Leiden an Politik und Gesellschaft, lässt sich gleichwohl nicht abschütteln, frei nach Konfuzius: Wohin du auch gehst, geh mit deinen ganzen Schmerzen.

Angst und Wut.
In Zeiten wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit muss deshalb der Alltag als Fixkoordinate herhalten. Die Hausfrau Patty ist vom „kopernikanischen“ Verlangen beseelt, die „Sonne zu sein, um die sich alles drehte“. Nichtigkeiten geraten da zur großen Katastrophe im kleinen Leben, in dem man sich bisweilen so will­kommen heißt: „Willkommen in Pattyland. Fehlerland.“

Als ihre Nachbarn einen ästhetisch fragwürdigen Hausanbau zimmern, schreckt Patty zu Beginn des Romans mitten in der Nacht „vor Angst und Wut schweißgebadet“ auf und pirscht „mit dem hämmernden Herzen einer Wahnsinnigen durchs Erdgeschoߓ. Zur Ruhe kommt sie den ganzen Roman über nicht. Als Patty nach langer Abwesenheit in Washington ihrem alten Wohnhaus einen Besuch abstattet, muss sie entsetzt feststellen, dass die neuen Eigentümer Schwarze sind, die „mit ihren gerahmten Promotionsurkunden an einer Esszimmerwand“ prahlen.

Die Poesie durchdringt in diesem Roman erfolgreich die Sphären des Politischen. Die Zersplitterung der Welt durch Terror, Krieg und Kontrolle, die Infragestellung des US-Nationalguts Freiheit, versuchen die Menschen zu bewältigen, indem sie den Rückzug in den Alltag antreten, sich lieben und Leid zufügen, ihre Welt- und Lebenstraurigkeiten kultivieren. Nur auf der Freiheit, sich verloren und einsam zu fühlen und sich gegenseitig das Leben zu versauen, beharren sie noch.