Täter ohne Namen

Ein Pfarrer, der sich vor 25 Jahren an einem Buben vergangen hat, macht heute normalen Dienst in einer Pfarre. Über den Umgang der Kirche mit Missbrauchstätern.

Manfred P.* ist ein attraktiver Mann um die 40. Er hat eine Frau fürs Leben gefunden und beruflich seinen Weg gemacht. Aber da ist diese Wut. Sie kriecht hoch, wenn er die alte Osterkarte zur Hand nimmt, die ihm der Pfarrer ohne Namen, für P. schlicht „der Täter“, vor 14 Jahren geschickt hat. „Und nochmals bitte ich dich herzlich – wie es in der Vater-unser-Bitte heißt –, wenn Gott die Vergebung gibt, dann dürfen wir einander vergeben“, hat er geschrieben. P. legt die Karte weg: „Mir wird schlecht.“

Werner S.*, der Verfasser der Zeilen, ist ein beleibter Mann Mitte 60 und Pfarrer in einer kleinen Ortschaft in Oberösterreich, wo ihn Jung und Alt wegen seiner leutseligen und weltoffenen Art schätzen. Aber da ist diese Angst. Nicht einmal seine engsten Vertrauten wissen, dass er „einmal im Leben einen gewaltigen Fehler“ begangen habe, wie er selbst sagt. Wenn sein Name in der Zeitung steht, ist er ruiniert.

Die Wut des Opfers und die Angst des Täters haben eine Vorgeschichte, die lange zurückreicht. Vor 25 Jahren hat Pfarrer S. den damals dreizehnjährigen Buben Manfred P. sexuell missbraucht. Der Geistliche, der die Tat gar nicht bestreitet, wurde in eine beschauliche Pfarre versetzt, die von seinem Vorleben nichts ahnt. Nun will sich das Opfer nicht mehr mit gottesfürchtigen Karten kalmieren lassen, und der Täter, fast am Ende seines Berufslebens angekommen, fürchtet, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden.

Manfred P. wuchs in den siebziger Jahren in einem tiefkatholischen Elternhaus in Oberösterreich auf. Seine Kindheit spielte sich in der Pfarre ab. Sein Vater war Mesner, seine Mutter half jedes Jahr bei den Pfingstlagern mit, er selbst wurde als Bub Ministrant, Sternsinger, Mitglied der Jungschar und sang im Kirchenchor.

Werner S. war als junger, vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils beseelter Kaplan in die Gemeinde gekommen. Konservativen Kirchenleuten waren seine Gottesdienste zu lang, zu laut und zu rhythmisch. Die Aufgeschlossenen mochten ­seine lockere Art. Es war die Zeit der Jazzmessen, Werner S. spielte Gitarre und hatte einen guten Draht zur Jugend.

Im Sommer pflegte er mit auserlesenen Kindern eine Woche in einer Hütte zu ­verbringen, und Manfred P. empfand es als „Gunst“, als er 1985 erstmals mitfahren durfte. Er war 13 und wehrte sich nicht, als der Kaplan dort anbot, seinem Rücken etwas Gutes zu tun, ihm die Hose herunterzog und den Genitalbereich massierte.

Ein Jahr später ging es wieder auf die Hütte. Dieses Mal sei Alkohol geflossen, und Werner S. habe ständig Raufereien angezettelt und anzügliche Witze gemacht. Die Atmosphäre sei den ganzen Tag über aufgeheizt gewesen, am Abend sei es erneut zu Übergriffen gekommen, sagt Manfred P. Er sei „ziemlich verstört“ gewesen und habe den Priester auf der Heimfahrt zur Rede gestellt. Dieser habe geantwortet: „Wenn du in der Kirche bleibst und wir einmal streiten, möchte ich, dass du das, was passiert ist, nie erwähnst.“

Manfred P. schwieg.
Der „Täter“ habe sich bewusst „weiche Kinder“ ausgesucht, von denen er gewusst habe, „dass sie katholisch-autoritär erzogen sind und sich ihm nicht entgegenstellen“, sagt er. Erst mit 19 habe er, P., versucht, mit Freunden über das zu reden, worüber er nicht reden durfte. Sie seien überfordert gewesen. Als sich drei seiner engsten Gefährten später von Pfarrer S. trauen ließen, zog sich sein Opfer aus der Pfarre, die bis dahin auch seine Welt gewesen war, zurück.

1995 kam der Fall Groer an die Öffentlichkeit, und Manfred P. ertrug sein Geheimnis nicht mehr – und das Bild, das sich von seinem Vater eingeprägt hatte: der Mesner, auf den Knien vor dem Pfarrer, um ihm den Saum des Messgewands zu richten. Er erzählte seinen Eltern, was der Mann im Priesterrock ihm angetan hatte, und an einem Vormittag im März 1997 suchte er Manfred P. im Pfarrhof auf, um es auch ihm, „dem Täter“, ins Gesicht zu schleudern. Noch heute erinnert er sich grollend, wie er S. in dessen Kanzlei gegenüberstand: „Er hat so getan, als wäre er das Opfer, und hat gewinselt, dass ich ihm bei Gott vergeben und ja nicht an die Öffentlichkeit gehen soll.“ Doch Manfred P. war 25 und schon lange kein Ministrant mehr. „Lass bloß Gott aus dem Spiel“, sagte er.

Der Pfarrer schrieb an P.s Eltern, besuchte sie zu Hause und flehte um Vergebung für seinen „ganz großen Fehler“. Ihr Sohn weilte gerade auf Osterurlaub. Der Pfarrer schickte ihm die erwähnte Karte und einen Schilling-Tausender – „als Beitrag fürs Tanken und kleines Ostergeschenk“. Manfred P. sagt, er habe das Geld in ein Kuvert gesteckt und in den Pfarrhof gebracht: „Gebt das dem Pfarrer, er weiß schon, von wem.“ Kurz danach hätten seine Eltern die Ombudsstelle in Linz von dem sexuellen Missbrauch informiert. Doch dort habe man sie kalt abgewiesen: „Das können wir dem Bischof nicht sagen“, und ihnen einen Rat mitgegeben: „Schreiben Sie dem Pfarrer einen Brief, dass er das nicht mehr tun soll.“

2008 beginnt Manfred P. eine Psychotherapie. Als zwei Jahre später die Debatte über Missbrauch in der Kirche ausbricht, wird er erneut bei der Ombudsstelle vorstellig. Dieses Mal leitet sie die Missbrauchsvorwürfe an die Staatsanwaltschaft weiter, die das Verfahren „aufgrund von Verjährung“ einstellt. Nun drängt Manfred P. darauf, dass Werner S. aus der Pfarre abgezogen wird. Doch um die Frage, ob der beliebte Pfarrer weiter in einer Gemeinde arbeiten kann, wo er jeden Tag von Kindern und Jugendlichen umgeben ist, drückt sich die Ombudsstelle herum.

Man verspricht, den Priester mit den Vorwürfen zu konfrontieren, bittet im Mai „wegen der Sommerpause“ um Geduld. Es wird Oktober, bis sich die Ombudsstelle das nächste Mal meldet. Manfred P. beschleicht das Gefühl, „dass die Oberösterreicher auf Zeit spielen“. Er wendet sich an die Klasnic-Kommission, die ihm 9000 Euro zuspricht, und bittet den grünen Justizsprecher Albert Steinhauser um Unterstützung: „In diesem Fall hat die Kirche formal korrekt gehandelt und die Vorwürfe angezeigt. Aber dann hat man sofort wieder die Decke darübergebreitet und so getan, als wäre nichts, statt zu schauen, ob es weitere Opfer gibt.“

Mit der Frage, ob von Pfarrer S. noch eine Gefahr ausgeht, muss nun Severin Lederhilger ringen. Der studierte Jurist ist Generalvikar und in dieser Funktion der Personalchef der Diözese Oberösterreich. Er residiert in einem großen, lichtdurchfluteten Büro im Diözesanhaus in der ­Linzer City. „Es geht um einen Ausnahmefall“, glaubt er. Pfarrer S. habe sich mit der Tat, dem Opfer und dessen Familie „intensiv auseinandergesetzt“. Er habe 1997 eine Therapie gemacht, sich selbst Kontrollen und Supervision auferlegt und den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen eingeschränkt. Die Auseinandersetzung mit seiner Schuld sei „deutlich zu spüren“.

Lederhilger hat ein Gutachten vor sich auf dem Tisch liegen, das ihm Recht gibt. Der forensische Psychiater Patrick Frottier, den die Diözese mit einer Risikoprognose betraute, hält die Gefahr weiterer sexueller Übergriffe für „äußerst gering“. Krankheitswertige Störungen lägen – „unter der glaubhaften Annahme, dass es sich um einen einmaligen Übergriff gehandelt hat“ – nicht vor. Der Priester erkenne, dass er ein unauflösbares Problem für sich und das Opfer geschaffen habe. Die Angst vor Aufdeckung in seiner Gemeinde sei künftig „Grenze genug“.

Dass sich der Pfarrer, der in der Diözese als Figur der Jugendseelsorge herausragt, Mitte der achtziger Jahre an einem Buben vergangen hat, will Lederhilger erst 2010 erfahren haben. Und dass man die Familie des Opfers vor dreizehn Jahren bei der Ombudsstelle abgewiesen habe, höre er überhaupt zum ersten Mal: „Das ist unprofessionell und würde heute sicher nicht mehr passieren. Mit heutigen Ohren hört man alles anders.“ Es klingt ein wenig, als wollte er sagen: „Lassen wir die Vergangenheit ruhen.“
Manfred P. sagt, er wisse von zwei Freunden, an denen sich Pfarrer S. ebenfalls vergangen habe. Darüber reden wollten die beiden bisher nicht: „Der eine tut so, als könnte er es wegstecken. Dem anderen geht es so schlecht, dass er sich nicht damit auseinandersetzen kann.“

Der Mann, der viele offene Fragen be­antworten könnte, saß vergangene Woche zusammengesunken in einem Besprechungsraum der Diözese, als erwarte er ­jeden Moment den Schlag des Damoklesschwerts. Im Pfarrhof zu Hause wollte Priester S. nicht über das „Vorkommnis“ reden, für das er schwer Worte findet: „Ich habe eine Landwoche gehabt, und ich glaube, ich habe Nähe gesucht und wahrscheinlich einen Blödsinn gemacht. Wenn der Manfred sagt, dass es so war, wird es stimmen. Ich bestreite ja da gar nichts.“ In seiner Erinnerung habe es „nur dieses eine Vorkommnis gegeben, sonst weiß ich nichts“.

Werner S. sagt, er könne sich vorstellen, wie schlimm es für Manfred P. gewesen sein muss, sich niemandem anvertrauen zu können: „Da sind wir fast in einem Boot gesessen.“ 1997, als der junge Mann plötzlich in seiner Kanzlei stand, habe er längst nach einem ruhigeren Dienstort Ausschau gehalten gehabt. 25 Jahre lang war er in seiner alten Pfarre „voll im Geschirr“ gewesen. Er war gesundheitlich angeschlagen. P.s Auftauchen habe ihn nur darin bestärkt, „dass ich hier weg und mit mir wieder auf gleich kommen muss“.

Ein paar Monate später las Manfred P. in der Zeitung, Pfarrer S. habe eine kleinere Gemeinde übernommen. Plötzlich seien im Ort die wildesten Gerüchte weitergetuschelt worden: „Alle, die vorher nie den Mund aufgemacht haben, wussten plötzlich alles Mögliche zu erzählen. Aber immer nur hinter vorgehaltener Hand.“

Pfarrer S. sagt, er habe 1997 neu angefangen, eine Therapie gemacht und erstmals über sein Problem geredet, „dass man irgendwo einen Schwachen sucht, und dann passiert so etwas“. Er habe ein Netz von Mitarbeitern aufgebaut und unauffällig dafür gesorgt, dass er mit Jugendlichen nicht mehr alleine zusammenkam. „Ich sperre die Kirche auf, begrüße die Leute, mit den Kindern arbeiten, das machen andere. Es ist alles kontrolliert“, sagt er.

2010, als der Pfarrer schon das Gefühl hatte, er wäre „fast durch“, kam P.s Anzeige. Er sei ihm nicht „böse“, sagt Werner S., er sei „sogar froh, dass alles heraußen ist. Hätte mich der Manfred nicht konfrontiert, hätte ich es vielleicht mit ins Grab genommen.“ Nun müsse er irgendwie weitermachen. Da ist sie wieder, die Angst: „Wenn Sie meinen Namen nennen, ist mein Leben in der Pfarre vorbei.“

Für seinen Vorgesetzten, Generalvikar Lederhilger, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Er sei „selbst noch nicht ganz entschieden“, ob die Kirche im Fall S. ein Zeichen setzen muss, sprich der Pfarrer seinen Dienst quittieren muss, oder ob er als Seelsorger weiterarbeiten kann. Die Diözese erwägt sogar ein zweites Gutachten, um „wirklich sicherzugehen“. Manfred P. wartet noch immer auf Nachricht, wie es um die Versetzung des Pfarrers steht: „Mir geht es nicht um Rache, sondern darum, dass nichts mehr passiert.“


* profil hat sich entschlossen, nicht nur die Identität des Opfers zu schützen, sondern vorerst auch den Pfarrer und seine heutige Gemeinde nicht zu nennen. Der Geistliche Werner S. gibt zu, sich an einem Dreizehnjährigen vergangen zu haben. Der sexuelle Missbrauch liegt 25 Jahre zurück. Die Diözesanleitung geht davon aus, dass der Täter sich mit seiner Schuld intensiv auseinandergesetzt hat. Ein Gutachten des forensischen Psychiaters Patrick Frottier stuft das Risiko, dass der Priester wieder rückfällig wird, „äußerst gering“ ein. Sollten sich weitere Opfer von Werner S. melden und die Kirche daraus keine Konsequenzen ziehen, behält sich profil vor, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, um welchen Pfarrer und welche Gemeinde es sich handelt.