Krankengeld

Vier Jahre nach Auffliegen des Urologieskandals kommt dieser endlich vor Gericht. Die Medizinuni Innsbruck selbst rührte keinen Finger, um den Wissenschaftsbetrug aufzuklären.

Die Nachricht war zu schön, um wahr zu sein. Seit seiner Prostata-Operation konnte Peter B. den Harn nicht mehr halten. Im Oktober 2005 stolperte der Deutschkanadier über einen Bericht in „Gero’s Internationalem Medizin-Report“. Eine neue Stammzellentherapie zeige „sensationelle Erfolge“ im Kampf gegen Blasenschwäche. 57 von 67 Patienten seien mit der in Innsbruck entwickelten Behandlungsmethode geheilt worden. „Geradezu revolutionär“ sei sie, dabei „ebenso einfach wie schonend für den Patienten“.

Peter B. flog nach Tirol und hielt den Ärzten der fabelhaften Uniklinik für Urologie seinen Oberarm hin. Man entnahm ihm Muskelzellen, vermehrte sie im Labor und spritzte sie in seinen Blasenschließmuskel – ein Verfahren, von dem ein Jahr später das Renommierjournal „The Lancet“ noch schwärmen sollte, es leite eine „neue Ära in der Behandlung von Inkontinenz“ ein. Für den heute 75-Jährigen war es der Beginn eines Martyriums. Es folgten Harnröhrenverschlüsse und Notoperationen. Hunderte Male musste sich der betagte Herr selbst katheterisieren. Vor Kurzem sprach ein Gericht in Innsbruck Peter B. für den gesundheitlichen und finanziellen Schaden eine fünfstellige Eurosumme zu.

Es bedeutet Peter B. nicht viel, vor Gericht Recht bekommen zu haben. Er wäre nie nach Tirol geflogen, hätte er Anfang 2006 bloß geahnt, was er heute weiß. Der Kanadier mit deutschen Wurzeln ist einer von derzeit acht Patienten, die der Innsbrucker Anwalt Thomas Juen vertritt: „Man hat ihnen allen die Zelltherapie als ausgereifte Behandlungsmethode vorgestellt.“ Um geheilt zu werden, mussten einige von ihnen tief in die Tasche greifen. Bis zu 15.000 Euro kostete die Behandlung. Im besseren Fall blieb der Erfolg aus, bei einigen verschlimmerte sich die Inkontinenz, zwei bezahlten mit gravierenden, gesundheitlichen Folgen.

Es ist nicht zuletzt Menschen wie Peter B. zu verdanken, dass die Vorgänge an der Innsbrucker Urologie ans Licht kommen. Vor zwei Wochen wurde die Anklage gegen Ex-Klinikvorstand Georg Bartsch und Oberarzt Hannes Strasser rechtskräftig. Die 90-Seiten-Schrift fährt mit Verdachtsmomenten auf, die man in der sauberen Elfenbeinwelt exzellenter Forscher nicht erwarten würde: Es geht um schweren, gewerbsmäßigen Betrug, Urkundenfälschung, schwere Nötigung, falsche Zeugenaussage.

Geködert.
Den Angeklagten, für die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt, wirft die Anklage vor, 1,2 Millionen Euro vom Träger der Tiroler Krankenanstalten (Tilak) erschlichen zu haben, indem sie die Stammzellentherapie als zwar neu, aber bereits wissenschaftlich anerkannt darstellten. In Wirklichkeit handle es sich um eine experimentelle Methode. Nur 21 Patienten seien im Rahmen regulärer Studien behandelt worden, 400 weitere außerhalb, also ohne Sanktus der Ethikkommission – und 68 sogar noch, als das Tilak-Management jede weitere Behandlung außerhalb klinischer Studien untersagt hatte. Die Patienten seien mit übertriebenen Heilungschancen geködert worden, hätten nicht gewusst, worauf sie sich einlassen und seien nicht ordentlich versichert gewesen.

Alles hatte nach einem medizinischen Durchbruch ausgesehen, als das hoch angesehene Medizinjournal „The Lancet“ im Juni 2007 den ruhmreichen Kampf der Innsbrucker Urologie gegen die Blasenschwäche würdigte: 90 Prozent sollte die Heilungsquote bei Frauen betragen, laut einer anderen Studie 75 Prozent bei Männern. Der Lorbeer blieb nicht lange frisch: Die Ethikkommission hatte von der Studie noch nie etwas gehört und begann mit Nachforschungen. Bald stellte sich heraus: 150 Kilometer von Innsbruck entfernt war der Erfolg nicht zu wiederholen. Am Münchner Klinikum „Rechts der Isar“ war mit derselben Stammzellenmethode nur einer von 14 Patienten gesund geworden. Das Gesundheitsministerium betraute die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) mit der Prüfung des ominösen Tiroler Erfolgs. Die Inspektoren drehten jeden Zettel um, befragten Ärzte und Patienten und gelangten zum Verdacht, die „Lancet“-Studie habe es möglicherweise gar nicht gegeben. Statt nachvollziehbarer Quelldaten und Aufzeichnungen fanden sie geschönte Protokolle, eine gefälschte Versicherungsbestätigung.

Das riecht nach Wissenschaftsbetrug.
Die Verhandlung wird im Juni beginnen und für 40 Tage angesetzt sein. Der eigentliche Skandal ist: Zu lange ging dem schweren Verdacht niemand nach. Kurz vor Beginn des Europäischen Forums Alpbach 2008, das damals pikanterweise unter dem Motto „Ethik in der Wissenschaft“ stand, hatte das Wissenschaftsmagazin „Nature“ konstatiert: „It seems something is rotten in Austria.“ Der des­pektierliche Satz war der inoffizielle Aufreger der Diskussionszirkel. Eilig rief Wissenschaftsminister Johannes Hahn eine Agentur für wissenschaftliche Integrität ins Leben. Sie sollte sich um die Vorwürfe in Innsbruck kümmern und den ramponierten Ruf der Klinik retten. Es dauerte eineinhalb Jahre, bis die brisante Causa eine Aktenzahl bekam: 1 aus 2010. Wenige Monate zog die Medizinuni den Fall an sich. Das bestätigt Nicole Föger, Geschäftsführerin der Agentur für wissenschaftliche Integrität: „Die Medizinuni hat gesagt, wir werden untersuchen, deshalb ist der Fall bei uns ruhend.“ Was seither auf universitärer Ebene geschah, ist nicht bekannt. MUI-Sprecherin Amelie Döbele sagt, die Studie sei unter dem früheren Rektor offiziell zurückgezogen worden: Die Studie habe es gegeben, und der Ages-Bericht habe darauf hingewiesen, dass es sich um Wissenschaftsbetrug handle.

„Es ist wichtig, dass die wissenschaftliche Welt willens ist, bei sich sauber zu machen“, kritisiert Clemens Sorg, der ehemalige Rektor der Innsbrucker Medizinuni. Dass die Universität sich selbst untersucht, sei unannehmbar: „Die ist doch von oben bis unten befangen.“ Sorg weiß, wovon er spricht. Unter seiner Ägide war der Urologieskandal aufgeflogen. Der unerschrockene Deutsche hatte Oberarzt Strasser des Dienstes enthoben und arbeitete gerade an der Suspendierung des Klinikchefs. Der mit der Landespolitik bestens vernetzte Bartsch hatte stets behauptet, von dem Treiben Strassers nichts gewusst zu haben. Noch bevor Rektor Sorg das Gegenteil beweisen konnte, wurde er vom Unirat aus dem Amt gejagt.

Im Herbst 2008 brach Klinikchef Bartsch mit seinem Oberarzt Strasser. Kurz darauf wurde auf einem Gratisserver in Bremen eine Website eingerichtet, auf der Bartsch hingebungsvoll verunglimpft wurde. Die IP-Adresse führte zu einem Computer in der Bibliothek der Privatuniversität Umit. Just zu der Zeit, als die Website eingerichtet worden war, hatte sich Oberarzt Strasser dort aufgehalten. Das zeigen Bilder jener Kamera, die den Umit-Eingang überwacht. Kurze Zeit später tauchte auf dem Bremer Server erneut eine Website auf. Sie widmete sich den angeblichen Verfehlungen von Tilak-Managern, Klinikärzten und Mitgliedern der Ethikkommission. Die IP-Adresse führte diesmal zu einem Copy Shop in Salzburg. Auch dort soll sich Strasser aufgehalten haben.

Strasser selbst bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Er pocht darauf, dass es sich bei der Zelltherapie um eine anerkannte Methode handle und eine Genehmigung der Ethikkommission nie nötig gewesen sei. Außerdem habe die Staatsanwaltschaft für nichts, „was sie mir vorwirft, Beweise“. Dietmar Czernich, Anwalt des mitangeklagten Ex-Klinikchefs Bartsch, ist schleierhaft, „wie die Tilak auf die Idee kommen kann, dass eine neue Therapie eine anerkannte ist“.

All das soll das Gerichtsverfahren klären. Im Anschluss daran droht Strasser und möglicherweise auch Ex-Klinikchef Bartsch ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft will den Ausgang der zivilrechtlichen Verfahren abwarten, die Anwalt Thomas Juen im Namen von Patienten angestrengt hat.

Der Deutschkanadier Peter B. wartet auf die endgültige Ausfertigung des Urteils. Für ihn war der juristische Kampf eine Tortur, die er sich heute „nicht mehr antun würde“. Oberarzt Strasser habe sich wie ein „Showman“ aufgespielt, dem es nur um seinen „wissenschaftlichen Ruhm“ geht: „Für mich hat er sich nie interessiert. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er meine Reports nicht gelesen hat.“ Nur der ehemalige Klinikchef Bartsch habe so etwas wie Mitgefühl gezeigt: „Er war der Einzige, der sich bei mir je entschuldigt hat. Das rechne ich ihm hoch an.“